Landkarte der Philosophie · Strömung
Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
1818 bis 1900 · modernebelegt
Was bleibt vom Menschen, wenn Vernunft, Fortschritt und Moral hinterfragt werden?
Schopenhauer, Kierkegaard, Marx und Nietzsche wandten sich gegen die große Systemphilosophie. Sie fragten nach Willen, Existenz, wirtschaftlichen Verhältnissen und der Herkunft der Moral. Ihr Misstrauen gegenüber Gewissheiten prägt das 20. Jahrhundert.
Zeit und Umfeld
Industrialisierung, Revolutionen von 1848 und die Reichsgründung 1871 veränderten Arbeit und Gesellschaft tiefgreifend.
Warum das heute zählt
Wer fragt, wessen Interesse hinter einer Selbstverständlichkeit steckt, erkennt Machtstrukturen und eigene Blindstellen schneller.
Kants Fragen (Deutung): Was ist der Mensch? · Was soll ich tun?
Personen (17)
- Mary Shepherd1777–1847Schottische Metaphysikerin, die Humes Sicht auf Ursache und Wirkung und den Idealismus Berkeleys in zwei Büchern widerlegen will.
- Arthur Schopenhauer1788–1860Der große Außenseiter, der Kant zustimmt, aber Fichte, Schelling und Hegel als Irrweg ablehnt und den Willen statt der Vernunft ins Zentrum rückt.
- Auguste Comte1798–1857Begründer des Positivismus und der Soziologie, der Gegenpol zu Hegel und den Junghegelianern: Wissen soll aus beobachteter Erfahrung kommen, nicht aus Spekulation.
- Ralph Waldo Emerson1803–1882Essayist und Vortragsredner, der den Einzelnen gegen Kirche, Konvention und Anpassung stärkt und zum Gründungsgesicht der amerikanischen Transzendentalisten wird (einer Bewegung, in deren Mittelpunkt das Selbst, die Natur und eine alles verbindende „Überseele“ stehen).
- Ludwig Feuerbach1804–1872Der Hegel-Schüler, der Hegel verlässt, die Religion als menschliche Projektion erklärt und damit die Brücke zu Marx baut.
- Max Stirner1806–1856Junghegelianer und Schulmann, der mit seinem Buch über den Einzelnen die eigenen Weggefährten angreift: Auch Menschheit, Vernunft und Moral seien Herren, denen sich der Einzelne unterwirft.
- Bruno Bauer1809–1882Theologe und Junghegelianer, der die Evangelien (die vier Schriften des Neuen Testaments über Leben, Tod und Auferstehung Jesu) als Menschenwerk deutet, 1842 seine Lehrbefugnis (die Erlaubnis, an einer Universität zu lehren) verliert und später ins konservative Lager wechselt.
- Margaret Fuller1810–1850Transzendentalistin, Gesprächsleiterin, Journalistin und Verfasserin des ersten großen amerikanischen Buchs zur Gleichstellung der Frau.
- Søren Kierkegaard1813–1855Dänischer Philosoph und Theologe, der die Frage in den Mittelpunkt stellt, wie ein einzelner Mensch sein Leben verantwortlich und mit Leidenschaft führt, und der deshalb oft als Vater des Existenzialismus (einer Strömung, nach der der Mensch sich durch eigene Entscheidungen selbst bestimmt) gilt.
- Henry David Thoreau1817–1862Naturbeobachter und Gesellschaftskritiker, der Philosophie als Lebensweise übt und mit seinem Essay zum zivilen Ungehorsam Gandhi und King beeinflusst.
- Karl Marx1818–1883Der Hegel-Schüler, der Hegels Denken auf die Füße stellt, also umkehrt (nicht der Gedanke macht die Wirklichkeit, sondern das Denken verarbeitet die materielle Welt) und von der Welt der Ideen in die Welt von Arbeit und Wirtschaft holt.
- Friedrich Engels1820–1895Junghegelianer, Textilunternehmer und engster Mitstreiter von Marx, der den Marxismus mitbegründet, finanziert und verbreitet.
- Herbert Spencer1820–1903Englischer Ingenieur, Journalist und Privatgelehrter, der Evolution zum Leitprinzip aller Wissenschaften macht und für einen schlanken Staat eintritt.
- Fjodor Michailowitsch Dostojewski1821–1881Russischer Schriftsteller, kein Philosoph im Fach, dessen Romane Fragen nach Freiheit, Schuld, Glauben und Sinn so zugespitzt durchspielen, dass sich spätere Existenzphilosophen immer wieder auf ihn bezogen.
- Friedrich Albert Lange1828–1875Philosoph, Pädagoge und Arbeiterbewegter, der den Materialismus mit der Sinnesphysiologie widerlegt und als Wegbereiter des Neukantianismus gilt.
- Friedrich Nietzsche1844–1900Deutscher Philosoph und Philologe, der die überlieferte Moral und den Glauben an feste Werte infrage stellt und damit die Frage aufwirft, wie ein Mensch ohne äußere Gewissheit sein Leben selbst formen kann.
- Lou Andreas-Salomé1861–1937Schriftstellerin, Essayistin und Psychoanalytikerin, die Nietzsche nahestand und eine der ersten Deutungen seines Denkens aus seiner Person heraus schrieb.
Begriffe
- Wille
- : Schopenhauers Antrieb hinter allem, der Leiden erzeugt
- Existenz
- : Kierkegaards Frage, wie ein einzelner Mensch sein Leben verantwortet
- Entfremdung
- : Marx' Bild des Arbeiters, der vom Ergebnis seiner Arbeit getrennt ist
- Genealogie der Moral
- : Nietzsches Frage, wie Wertvorstellungen historisch entstanden sind
- Umwertung der Werte
- : Nietzsches Aufforderung, überlieferte Werte neu zu prüfen
- Wille zur Macht
- : Nietzsches Name für den Drang zu Wachstum und Gestaltung
Verbindungen innerhalb der Strömung
24 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Friedrich Engels baut auf Ludwig Feuerbach aufDeutung
Feuerbach inspirierte Engels und Marx, Hegels Methode gegen dessen Ergebnisse zu wenden; Engels behandelte ihn 1886 ausführlich.
Karl Marx baut auf Ludwig Feuerbach aufungeprüft
Sein Buch von 1841 prägte Marx' Begriff der Entfremdung, Marx kritisierte ihn aber in den Thesen von 1845.
Friedrich Nietzsche baut auf Fjodor Michailowitsch Dostojewski aufungeprüft
Nietzsche las 1887 die französische Fassung der Kellerloch-Aufzeichnungen und lobte Dostojewski als Psychologen (The Nietzsche Channel, Briefe 1887).
Friedrich Nietzsche baut auf Ralph Waldo Emerson aufDeutung
Nietzsche las Emerson auf Deutsch und übernahm Themen wie Helden, Macht und Freundschaft.
Friedrich Nietzsche baut auf Friedrich Albert Lange aufDeutung
Nietzsche lernte über Lange die Psychophysik kennen.
Friedrich Nietzsche baut auf Arthur Schopenhauer aufungeprüft
Hat sich früh an Schopenhauer abgearbeitet und sich später abgesetzt
Henry David Thoreau baut auf Ralph Waldo Emerson aufDeutung
Emerson nahm väterlichen Anteil an Thoreau und regte sein Tagebuch an (Wikipedia en); SEP beschreibt eine spannungsreiche, gegenseitig prägende Freundschaft.
Henry David Thoreau baut auf Arthur Schopenhauer aufDeutung
SEP nennt Schopenhauer unter den Einflüssen; Art der Rezeption nicht geprüft.
Bruno Bauer und Friedrich Engels kannten sich persönlichDeutung
Engels polemisiert in Die heilige Familie gegen Bauer, würdigt ihn aber 1882 im Nachruf.
Ralph Waldo Emerson und Margaret Fuller kannten sich persönlichDeutung
Emerson bot Fuller die Herausgabe der Zeitschrift The Dial an, die sie ab 1840 leitete (Wikipedia en).
Friedrich Engels und Karl Marx kannten sich persönlichDeutung
Engels war Marx' engster Mitarbeiter und finanzieller Förderer; zusammen verfassten sie Die heilige Familie, Die deutsche Ideologie und das Manifest.
Lou Andreas-Salomé und Friedrich Nietzsche kannten sich persönlichDeutung
Treffen 1882, Heiratsanträge, Bruch im Herbst 1882; 1894 Buch über sein Werk (Wikipedia, Deutsche Biographie).
Margaret Fuller und Henry David Thoreau kannten sich persönlichDeutung
Zum selben transzendentalistischen Umfeld gehörig; Thoreau lobte ihr Buch (Wikipedia en).
Bruno Bauer war Lehrer von Karl MarxDeutung
Marx hörte 1839 Bauers Vorlesungen und gehörte zu seinem Doktorklub, Bauer förderte seine Dissertation; nach dem Bruch 1843/44 Polemik in Die heilige Familie.
Bruno Bauer und Max Stirner kritisieren sich gegenseitigDeutung
Stirner kritisiert Bauers humanen Liberalismus; laut SEP-Eintrag zu Stirner gehörte Bauer zu denen, die auf das Buch antworteten.
Friedrich Engels kritisiert Bruno BauerDeutung
Engels polemisiert in Die heilige Familie gegen Bauer, würdigt ihn aber 1882 im Nachruf.
Karl Marx kritisiert Bruno BauerDeutung
Marx hörte 1839 Bauers Vorlesungen und gehörte zu seinem Doktorklub, Bauer förderte seine Dissertation; nach dem Bruch 1843/44 Polemik in Die heilige Familie.
Karl Marx kritisiert Friedrich Albert LangeDeutung
Marx warf Lange vor, Hegels Methode nicht zu verstehen; Engels kritisierte seinen Malthusianismus.
Karl Marx kritisiert Max StirnerDeutung
Marx und Engels setzen sich in der Deutschen Ideologie ausführlich mit Stirner auseinander.
Herbert Spencer kritisiert Auguste ComteDeutung
In Reasons for Dissenting from the Philosophy of M. Comte (1864) wies Spencer zurück, zu Comtes Schule gezählt zu werden, und lehnte dessen Dreistadiengesetz und Religion der Menschheit ab.
Max Stirner kritisiert Ludwig FeuerbachDeutung
Laut SEP ist das Buch eine strukturelle Parodie auf Feuerbachs Wesen des Christentums; Stirner wirft ihm vor, das Heilige nur durch den Menschen mit großem M ersetzt zu haben.
Bruno Bauer wird verglichen mit Ludwig FeuerbachDeutung
Beide verfolgten als führende Junghegelianer ähnliche Projekte der Religionskritik; Bauer schrieb 1845 eine Charakteristik Feuerbachs.
Søren Kierkegaard wird verglichen mit Karl Marxungeprüft
Beide lösen sich nach Löwith von Hegel, jeder auf seine Weise.
Søren Kierkegaard wird verglichen mit Friedrich Nietzscheungeprüft
Georg Brandes machte laut Wikipedia de 1879 die deutschen Leser und auch Nietzsche auf Kierkegaard aufmerksam.
Nachbarn unter den Strömungen
- Kritik: Kant und Deutscher IdealismusAlle vier wenden sich gegen Hegels System der Vernunft
- Verwandt mit: Phänomenologie und ExistenzialismusKierkegaard und Nietzsche sind Wegbereiter des Existenzialismus
- Verwandt mit: Kritische TheorieMarx prägt die Frankfurter Schule
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Nietzsche · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Karl Marx (Stanford Encyclopedia of Philosophy) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Kierkegaard · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Arthur Schopenhauer (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [5]Wikipedia (en): Revolutions of 1848 · Wikipedia