Landkarte der Philosophie

Max Horkheimer

1895–1973 · Stuttgart, Frankfurt, New York

Strömung
Kritische Theorie
Kants Fragen
Was ist der Mensch? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Gründer und Organisator. Ab 1931 Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt.

Prägt den Begriff „Kritische Theorie“ 1937 und hält die Gruppe zusammen.

Kernidee

Normale Wissenschaft beschreibt die Welt und nimmt sie hin. Kritische Theorie fragt, wem diese Welt nützt, und will sie verändern. Vernunft ist zum bloßen Werkzeug verkommen, das nur noch fragt „wie?“, nie mehr „wozu?“.

Bekannt für

Horkheimer hat die Kritische Theorie als Programm erfunden: Wissenschaft soll Gesellschaft nicht nur beschreiben, sondern fragen, wem die bestehenden Verhältnisse nützen und wie sie vernünftiger werden könnten.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Traditionelle und kritische Theorie

Traditionelle Theorie ordnet Fakten und sucht Gesetze, als stünde der Forscher außerhalb der Gesellschaft. Kritische Theorie weiß, dass auch Fragen und Methoden von Interessen geprägt sind, und nimmt das bewusst in den Blick. Beispiel: Eine Studie zur „Mitarbeiterzufriedenheit“ misst, was das Management fragen wollte, und übersieht leicht, was es nicht fragen wollte.

Instrumentelle Vernunft

Instrumentelle Vernunft fragt nur, wie man ein Ziel am effizientesten erreicht. Ob das Ziel selbst vernünftig ist, gerät dabei aus dem Blick. Beispiel: Ein Team optimiert eine Kennzahl perfekt, obwohl niemand mehr prüft, ob diese Kennzahl noch zum eigentlichen Zweck passt.

Interdisziplinärer Materialismus

Als Institutsdirektor ließ Horkheimer Philosophen, Ökonomen, Psychoanalytiker und Soziologen gemeinsam an einer Frage arbeiten. Gesellschaft sollte als Ganzes verstanden werden, also Wirtschaft, Psyche und Kultur zusammen. Beispiel: Warum Menschen gegen ihre eigenen Interessen wählen, erklärt keine Disziplin allein.

Begriffe

traditionelle vs. kritische Theorie
instrumentelle Vernunft
interdisziplinärer Materialismus
Kritische Theorie
: ein Forschungsprogramm, das Gesellschaft auf Herrschaft und Ungleichheit untersucht, um sie zu verändern
Dialektik der Aufklärung
: Aufklärung kann in neue Formen der Beherrschung umschlagen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Hans Cornelius: Doktorvater in Frankfurt, betreute Promotion und Habilitation über Kant
  • Kant: Gegenstand seiner Promotion und Habilitation
  • Marx und Schopenhauer: prägende geistige Bezugspunkte, nicht persönliche Lehrer

Schüler

  • Jürgen Habermas: Assistent am Institut, Horkheimer hielt ihn für zu radikal, Habermas habilitierte sich deshalb in Marburg
  • Alfred Schmidt: Schüler und Assistent, gab später Horkheimers Schriften mit heraus
  • Oskar Negt: im weiteren Sinn geprägt, promovierte am Frankfurter Institut

Freunde

  • Friedrich Pollock: engster Freund seit der Jugend, über fünfzig Jahre
  • Theodor W. Adorno: wichtigster Mitarbeiter, gemeinsam schrieben sie die Dialektik der Aufklärung
  • Felix Weil: Stifter des Instituts
  • Leo Löwenthal: langjähriger Mitarbeiter und Redakteur der Institutszeitschrift

Gegner

  • Erich Fromm: Bruch 1939, danach spielte Horkheimer Fromms Rolle am Institut herunter
  • Studentenbewegung 1968: warf dem späten Horkheimer Rückzug und Anpassung vor

Verbindungen im Netz

13 Verbindungen, davon 13 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Alfred Schmidtungeprüft

    Schmidt ist Horkheimers Schüler und Herausgeber seiner Schriften.

  • Schüler von Edmund Husserlungeprüft

    Er studierte auf Rat von Hans Cornelius ein Jahr bei Husserl in Freiburg

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Georg Lukácsungeprüft

    Verdinglichung wird zur Kernidee der frühen Kritischen Theorie.

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Das Ideal der Mündigkeit wird zum Maßstab, an dem die Gesellschaft gemessen wird.

  • baut auf Karl Marxungeprüft

    Sein Forschungsprogramm beruht laut Wikipedia auf einem unorthodoxen Verständnis der marxistischen Gesellschaftstheorie

  • baut auf Max Weberungeprüft

    Aus Webers Rationalisierung wird die instrumentelle Vernunft. Webers wertfreie Wissenschaft lehnt Horkheimer ab.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jürgen Habermasungeprüft

    Horkheimer hält Habermas für zu radikal und behindert seine Habilitation in Frankfurt.

  • kritisiert Otto Neurathungeprüft

    1937 attackiert Horkheimer den Positivismus des Wiener Kreises.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Friedrich Pollockungeprüft

    Jugendfreunde, lebenslang verbunden.

  • persönlich verbunden mit Jürgen Habermasungeprüft

    Horkheimer hielt ihn für einen gefährlichen Marxisten und wollte ihn entlassen, später versöhnten sie sich

  • persönlich verbunden mit Leo Löwenthalungeprüft

    Löwenthal redigiert die Zeitschrift für Sozialforschung unter Horkheimer.

  • persönlich verbunden mit Theodor W. Adornoungeprüft

    Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft, gemeinsam Hauptvertreter der Kritischen Theorie

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Michel Foucaultungeprüft

    Ähnliche These: Vernunft, Rationalität und Macht hängen eng zusammen.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Das Institut für Sozialforschung wurde von Hermann und Felix Weil gestiftet, das Vermögen stammte aus dem Getreidehandel in Argentinien. Diese private Finanzierung machte Horkheimers Forschung unabhängig von Staat und Parteien, aber abhängig vom Erhalt des Stiftungsvermögens.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Exil ab 1933, erst in Genf, dann an der Columbia University in New York. Der Nationalsozialismus und der Holocaust veränderten seinen Ton: Aus der Hoffnung auf Befreiung wurde eine pessimistische Kritik der Aufklärung selbst.[2]

  • Abhängigkeit Deutung

    Im Exil finanzierte das Institut sich zunehmend über Auftragsstudien, etwa die „Studies in Prejudice“ für das American Jewish Committee, die Horkheimer mit herausgab. Forscher wie Martin Jay deuten das vorsichtige, oft verschlüsselte Schreiben im US-Exil auch als Rücksicht auf Geldgeber und Gastland.[3]

  • Biografie belegt

    Nach der Rückkehr 1949 wurde er Rektor der Frankfurter Universität und ein angesehener Mann der jungen Bundesrepublik. Seine radikalen Texte aus den 1930er Jahren ließ er lange nicht neu auflegen.[2]

Kritik

Habermas wirft der Dialektik der Aufklärung vor, sie kritisiere die Vernunft so total, dass sie keinen Maßstab mehr für ihre eigene Kritik habe. Empirische Sozialforscher und Kritische Rationalisten wie Popper halten den Anspruch, die Gesellschaft „als Ganzes“ zu erkennen, für unprüfbar. Linke Kritiker sahen im späten Horkheimer einen Konservativen.

Wirkung heute

Die Frage, ob Effizienz und Kennzahlen noch einem vernünftigen Zweck dienen, ist in Zeiten von Algorithmen und Optimierungsdruck aktueller denn je. Auch das Modell interdisziplinärer Forschung zu einer gesellschaftlichen Frage ist Standard geworden.

Brücke zu Führung und Coaching

Horkheimers Unterscheidung hilft, wenn Teams sich in Methodenfragen verlieren und den Zweck vergessen. Eine Führungskraft kann fragen: Wir wissen genau, wie wir das Ziel erreichen, aber haben wir geprüft, ob es das richtige Ziel ist? Beispiel: Ein Vertrieb erreicht seine Abschlussquote durch Rabatte und zerstört dabei die Marge, die das Ziel eigentlich sichern sollte.

Zitate

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Die Juden und Europa (1939)

Lebensstationen

  1. 1895Geboren in Stuttgart
  2. 1930Direktor des Instituts für Sozialforschung
  3. 1934Exil an der Columbia University
  4. 1947Dialektik der Aufklärung mit Adorno
  5. 1949Rückkehr nach Frankfurt
  6. 1973Gestorben in Nürnberg

Werke

  • Traditionelle und kritische Theorie (1937)
  • Dialektik der Aufklärung (1944/1947, mit Adorno)

Traditionelle und kritische Theorie (1937)

Dialektik der Aufklärung (1944/47, mit Adorno)

Zur Kritik der instrumentellen Vernunft (1947/67)

Anekdote belegt

Horkheimer heiratete 1926 Rose Riekher, die acht Jahre ältere Sekretärin seines Vaters. Die Eltern hielten die Verbindung wegen Herkunft und Religion für unpassend, das Paar blieb trotzdem bis zu ihrem Tod 1969 zusammen.[2]

Lesetipps

Einstieg
Traditionelle und kritische Theorie (1937): ein Aufsatz von gut dreißig Seiten, der das ganze Programm erklärt
Vertiefung
Rolf Wiggershaus: Max Horkheimer zur Einführung (1998)

Noch nicht sicher belegt

  • Gerüst: Das Erscheinungsjahr der Dialektik der Aufklärung ist mit 1944 (Niederschrift 1939 bis 1944, laut SEP) und 1947 (Buchausgabe) angegeben, die Buchausgabe habe ich nicht in einer abgerufenen Quelle direkt gesehen. Die genaue Rolle von Husserl als Lehrer ist auf ein Studienjahr begrenzt.

Wege durchs Netz

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kritische Theorie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Horkheimer

  1. [1]Institut für Sozialforschung · Wikipedia
  2. [2]Max Horkheimer, Stanford Encyclopedia of Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Interview mit Martin Jay, National WWII Museum · Webseite
  4. [4]Wikipedia (de): Max Horkheimer · Wikipedia

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