Landkarte der Philosophie · Strömung
Kritische Theorie
1923 bis 2000 · modernebelegt
Wie prägen Wirtschaft, Macht und Kultur unser Denken, und wie kann Gesellschaft vernünftig werden?
Die Frankfurter Schule verband Marx, Freud und Hegel, um Gesellschaft und Kultur zu kritisieren. Sie fragte, warum Aufklärung in Barbarei umschlagen konnte. Habermas führte dies zur Theorie des verständigungsorientierten Handelns und der Öffentlichkeit weiter.
Zeit und Umfeld
Das Institut für Sozialforschung wurde 1923 gegründet, die Machtergreifung 1933 trieb es ins Exil, und nach 1945 kehrte es zurück; 1968 wurde es zum Streitpunkt.
Warum das heute zählt
Wer verstehen will, wie Kommunikation, Medien und Systemlogik Organisationen verzerren, findet hier brauchbare Werkzeuge.
Kants Fragen (Deutung): Was soll ich tun? · Was ist der Mensch?
Personen (16)
- Walter Benjamin1892–1940Der Außenseiter und Ideengeber. Nie fest angestellt, aber wichtigste Inspirationsquelle.
- Friedrich Pollock1894–1970Der Ökonom der Gruppe und Horkheimers lebenslanger Freund.
- Max Horkheimer1895–1973Der Gründer und Organisator. Ab 1931 Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt.
- Herbert Marcuse1898–1979Der Rebell. Der politischste Kopf der Schule, Idol der 68er.
- Erich Fromm1900–1980Der Psychoanalytiker der Gruppe um das Frankfurter Institut für Sozialforschung, also der Fachmann für unbewusste seelische Vorgänge nach der Methode Freuds, später Bestsellerautor.
- Leo Löwenthal1900–1993Der Literatursoziologe und Chefredakteur der Zeitschrift für Sozialforschung (der Zeitschrift des Frankfurter Instituts für Sozialforschung).
- Franz Neumann1900–1954Jurist und Politikwissenschaftler, einer der wenigen, die über Staat und Recht nachdachten.
- Theodor W. Adorno1903–1969Philosoph der Frankfurter Schule (einer Gruppe von Denkern um das 1924 gegründete Institut für Sozialforschung in Frankfurt, die Gesellschaft kritisch untersucht) und schärfster Kritiker der deutschen Existenzphilosophie, den er als ideologische Sprachmagie ansah.
- Jürgen Habermas1929–2026Der wichtigste Erbe der Kritischen Theorie, der Kants Vernunft in den gemeinsamen Austausch von Argumenten verlegt.
- Alfred Schmidt1931–2012Der Hüter des Erbes: Schüler Horkheimers, Herausgeber seiner Schriften.
- Oskar Negt1934–2024Der Praktiker: Theorie für Gewerkschaften und Arbeiterbildung.
- Nancy Frasergeb. 1947Die wichtigste amerikanische Stimme, Feministin und Kapitalismuskritikerin.
- Axel Honnethgeb. 1949Der Theoretiker der Anerkennung, lange Direktor des Instituts für Sozialforschung.
- Rainer Forstgeb. 1964Der Gerechtigkeitstheoretiker der Frankfurter Gegenwart, also ein Denker der dritten Generation der Frankfurter Schule, der Denkrichtung der Kritischen Theorie.
- Hartmut Rosageb. 1965Der Soziologe der Beschleunigung und der Resonanz.
- Rahel Jaeggigeb. 1967Holt den alten Begriff der Entfremdung zurück.
Begriffe
- Kulturindustrie
- : Adornos Begriff für die Massenfertigung von Unterhaltung, die ruhigstellt
- Dialektik der Aufklärung
- : die These, dass Vernunft in Herrschaft umschlagen kann
- Ideologiekritik
- : das Aufdecken von Interessen hinter scheinbar neutralen Ideen
- Kommunikatives Handeln
- : Habermas' Handeln mit dem Ziel gegenseitiger Verständigung
- Öffentlichkeit
- : der Raum, in dem Bürger Argumente austauschen
- Kolonialisierung der Lebenswelt
- : Habermas' These, dass Geld und Macht alltägliche Lebensbereiche durchdringen
Verbindungen innerhalb der Strömung
21 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Theodor W. Adorno baut auf Leo Löwenthal aufungeprüft
Löwenthals Studien zur Massenkultur bereiten die Kulturindustrie-These vor.
Hartmut Rosa baut auf Theodor W. Adorno aufungeprüft
Rosa knüpft an Adornos Idee einer nicht beherrschenden Beziehung zur Welt an.
Theodor W. Adorno und Walter Benjamin kannten sich persönlichungeprüft
Enge Freunde. Benjamin sieht in Massenmedien auch Chancen, Adorno vor allem Betrug.
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer kannten sich persönlichungeprüft
Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft, gemeinsam Hauptvertreter der Kritischen Theorie
Jürgen Habermas und Max Horkheimer kannten sich persönlichungeprüft
Horkheimer hielt ihn für einen gefährlichen Marxisten und wollte ihn entlassen, später versöhnten sie sich
Axel Honneth und Rahel Jaeggi kannten sich persönlichungeprüft
Jaeggi arbeitet in Honneths Frankfurter Umfeld am Entfremdungsbegriff.
Max Horkheimer und Leo Löwenthal kannten sich persönlichungeprüft
Löwenthal redigiert die Zeitschrift für Sozialforschung unter Horkheimer.
Max Horkheimer und Friedrich Pollock kannten sich persönlichungeprüft
Jugendfreunde, lebenslang verbunden.
Theodor W. Adorno war Lehrer von Jürgen Habermasungeprüft
Er war drei Jahre Adornos Assistent am Institut für Sozialforschung
Theodor W. Adorno war Lehrer von Oskar Negtungeprüft
Negt studiert bei Horkheimer und Adorno.
Jürgen Habermas war Lehrer von Rainer Forstungeprüft
Forst promoviert bei Habermas.
Jürgen Habermas war Lehrer von Axel Honnethungeprüft
Honneth ist Habermas' Assistent und später Nachfolger am Lehrstuhl.
Jürgen Habermas war Lehrer von Oskar Negtungeprüft
Negt wird Habermas' Assistent.
Max Horkheimer war Lehrer von Alfred Schmidtungeprüft
Schmidt ist Horkheimers Schüler und Herausgeber seiner Schriften.
Theodor W. Adorno kritisiert Erich Frommungeprüft
Adorno hält Fromms Abkehr von Freud für Verflachung.
Axel Honneth kritisiert Nancy Fraserungeprüft
Debatte: Umverteilung oder Anerkennung?
Max Horkheimer kritisiert Jürgen Habermasungeprüft
Horkheimer hält Habermas für zu radikal und behindert seine Habilitation in Frankfurt.
Herbert Marcuse kritisiert Theodor W. Adornoungeprüft
1969 Bruch über die Studentenbewegung und den Polizeieinsatz am Institut.
Herbert Marcuse kritisiert Erich Frommungeprüft
Öffentlicher Streit in den 1950ern: Marcuse wirft Fromm „positives Denken“ vor.
Friedrich Pollock kritisiert Franz Neumannungeprüft
Staatskapitalismus gegen Behemoth: War der NS-Staat noch Kapitalismus?
Rahel Jaeggi wird verglichen mit Hartmut Rosaungeprüft
Beide arbeiten an Entfremdung und dem gelingenden Leben.
Nachbarn unter den Strömungen
- Baut auf: Die großen Abweichler des 19. JahrhundertsMarx ist der wichtigste Ausgangspunkt
- Baut auf: Kant und Deutscher IdealismusHegels Dialektik und Kants Vernunftbegriff
- Kritik: Analytische Philosophie und WissenschaftstheoriePositivismusstreit um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft
Wege durchs Netz
Kurze Erzählungen über mehrere Personen.
Warum folgen Menschen Diktatoren?
Marx erklärt Interessen, aber nicht, warum Menschen gegen ihre eigenen handeln. Die Antwort kommt aus der Psychoanalyse.
- 1.MarxMarx: Die Wirtschaft prägt das Bewusstsein. Eigentlich müssten die Arbeiter rebellieren.
- 2.FreudFreud: Vieles steuert das Unbewusste, Triebe werden unterdrückt.
- 3.FrommFromm: Die autoritäre Familie formt Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten.
- 4.AdornoAdorno: Die Studie zum autoritären Charakter misst diese Bereitschaft. Bis heute Grundlage der Vorurteilsforschung.
Die Geschichte der Vernunft
Von der großen Hoffnung über die bittere Enttäuschung zum Neuanfang.
- 1.KantKant: Vernunft macht uns mündig.
- 2.HegelHegel: Vernunft entfaltet sich in der Geschichte.
- 3.WeberWeber: Die Moderne macht alles berechenbar, wir landen im „stahlharten Gehäuse“.
- 4.HorkheimerHorkheimer: Vernunft wird zum bloßen Werkzeug.
- 5.AdornoAdorno: Aufklärung schlägt in Herrschaft und Barbarei um.
- 6.HabermasHabermas: Im Gespräch steckt eine andere Vernunft, die uns verbinden kann.
Was ist Entfremdung?
Ein Begriff, der 200 Jahre lang immer wieder neu erfunden wird.
- 1.HegelHegel: Der Geist entfremdet sich von sich selbst und findet zu sich zurück.
- 2.MarxMarx: Arbeiter sind entfremdet vom Produkt, von der Arbeit, von anderen Menschen.
- 3.LukácsLukács: Beziehungen werden zu Dingen, das nennt er Verdinglichung.
- 4.JaeggiJaeggi: Entfremdung ist eine gestörte Beziehung zum eigenen Leben.
- 5.RosaRosa: Das Gegenteil von Entfremdung heißt Resonanz.
Popkultur: Betrug oder Freiheit?
Der längste Streit, und er ist bis heute offen.
- 1.BenjaminBenjamin: Film und Foto zerstören die Aura der Kunst, das kann auch befreien.
- 2.LöwenthalLöwenthal: Massenmedien zeigen, was eine Gesellschaft über sich denkt.
- 3.AdornoAdorno: Kulturindustrie hält die Massen ruhig. Massenbetrug.
- 4.GramsciGramsci: Herrschaft braucht Zustimmung, und die wird kulturell erzeugt.
- 5.Stuart HallHall: Zuschauer lesen Botschaften auch gegen den Strich. Popkultur ist ein Kampfplatz.
Gerechtigkeit als Anerkennung
Wie die dritte Generation fragt, was eine gerechte Gesellschaft braucht.
- 1.HegelHegel: Selbstbewusstsein entsteht durch Anerkennung.
- 2.HabermasHabermas: Normen gelten, wenn alle Betroffenen zustimmen könnten.
- 3.HonnethHonneth: Liebe, Recht und Wertschätzung. Fehlt Anerkennung, entsteht Kampf.
- 4.FraserFraser: Anerkennung reicht nicht, es braucht auch Umverteilung.
- 5.ForstForst: Kern ist das Recht, dass jede Regel mir gegenüber begründet wird.
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: critical-theory · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (en): Critical theory · Wikipedia
- [3]Wikipedia (en): Frankfurt School · Wikipedia