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Landkarte der Philosophie

Madhva (Madhvācārya, Ānandatīrtha, Pūrṇaprajña)

Philosoph und Theologe · traditionell 1238–1317 (andere Rechnung: 1199–1278) · Udupi (Karnataka), Pilgerreise nach Varanasi (Überlieferung)

Kernidee in Kürze

Madhva lehrt, dass Gott, die einzelnen Seelen und die Stofflichkeit der Welt grundlegend verschieden und alle wirklich sind. Nur Gott, den er mit Viṣṇu gleichsetzt, ist selbständig, Seelen und Stoff hängen von ihm ab, ohne mit ihm gleich zu sein.

Kapitel
Asien (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Sind Gott und Seele im Kern dasselbe, oder bleiben sie dauerhaft verschieden?

Position
Nur Gott ist selbständig, alles andere hängt von ihm ab, und Hingabe an Gott sowie seine Gnade führen zur Befreiung.
Einwand
Śaṅkara und Rāmānuja lesen dieselben Schriften anders. Die Lesart von Madhva ist teils sehr eigenwillig, und seine Rangfolge der Seelen steht in Spannung zur üblichen Karma-Lehre.
Verbindung
Madhva widerspricht Śaṅkara und Rāmānuja und setzt der Nicht-Zweiheit eine Lehre der Zweiheit entgegen.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Madhva war

Südindischer Philosoph und Theologe, der die Lehre vom wesentlichen Unterschied zwischen Gott und Seele (Dvaita Vedānta, „Zweiheit“) begründete.

Im Netz der Landkarte steht Madhva als dritter großer Vedānta-Lehrer nach Śaṅkara und Rāmānuja. Seine Lehre bildet den Gegenpol zur Nicht-Zweiheit des Advaita und geht über Rāmānujas Lehre hinaus, indem sie einen bleibenden Unterschied zwischen Gott und Seele betont.

Kernidee genauer

Deshalb liest er die Upanishaden so, dass sie keine Gleichheit von Seele und Brahman lehren, und er widerspricht damit Śaṅkara und auch Rāmānuja. Er stützt das auf eine Erkenntnislehre, nach der Wahrnehmung und Schlussfolgerung von sich aus gültig sind, und sieht in der Hingabe an Gott (bhakti) und in Gottes Gnade den Weg zur Befreiung.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Madhva wirkte im Südindien des dreizehnten Jahrhunderts, in dem Śaṅkaras Nicht-Zweiheit und Rāmānujas Hingabelehre schon Schulen gebildet hatten. Er hielt dagegen, dass die Upanishaden, die Bhagavadgītā und die Brahmasūtras den Unterschied zwischen Seele und Gott lehren, und machte daraus eine eigene Schule.[1]

Fundstelle: Abschnitte 1 bis 3

Bekannt für

Bekannt ist Madhva für die Lehre vom fünffachen Unterschied (pañcabheda) und für die Lesart „du bist nicht das“ statt „du bist das“ im berühmten Satz der Chāndogya-Upanishad. Übertragen auf heute: Wenn jemand im Team sagt „Eigentlich sind wir doch alle gleich“, erinnert Madhvas Lehre daran, dass Unterschiede wirklich sein können und ernst genommen werden wollen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Zwei Ordnungen der Wirklichkeit und fünf Unterschiede

Madhva unterscheidet die selbständige Wirklichkeit (svatantra), also Gott allein, von der abhängigen Wirklichkeit (paratantra), zu der die Seelen (jīvas) und der leblose Stoff (jaḍa) gehören. Die Abhängigkeit schafft gerade den Unterschied zwischen Gott und allem anderen. Aus den Schriften liest er einen fünffachen Unterschied heraus: zwischen Gott und Seele, Gott und Stoff, Seele und Stoff, einer Seele und einer anderen und einem Stoff und einem anderen. Er nennt seine Sicht tattvavāda, die realistische Sichtweise.

Erkenntnis aus Erfahrung und Schrift

Madhva hält Wahrnehmung und Schlussfolgerung für von sich aus gültig. Würde man sie grundsätzlich bezweifeln, wie er es der Advaita-Lehre vorwirft, könnte man auch den Inhalt der heiligen Schriften nicht sicher erkennen. Er nennt drei Wege des Wissens: Wahrnehmung, Schlussfolgerung und das Zeugnis der Schrift. Dass es Gott gibt, lässt sich seiner Ansicht nach nicht beweisen, man erfährt es nur aus der Schrift.

Viṣṇu, Hingabe und Gnade

Wie Rāmānuja setzt Madhva Brahman mit Viṣṇu gleich und lehnt die Vorstellung eines Brahman ohne Eigenschaften ab. Er hält Viṣṇu für den höchsten unter allen Göttern, weil er alle Eigenschaften vollkommen besitzt. Nur wenn Seele und Gott dauerhaft verschieden sind, hat Hingabe (bhakti) nach ihm einen Sinn. Die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erlangt die Seele durch Gottes Gnade.

Seelen mit eigener Anlage

Weil Madhva jede Seele für wesenhaft verschieden hält, nimmt er eine Rangfolge der Seelen an, die auf ihren angeborenen Tugenden und Fehlern beruht. Die Seelen sind nach ihm zu bestimmten Zielen vorherbestimmt. Das widerspricht der üblichen hinduistischen Lehre vom Karma, nach der frühere gute oder schlechte Taten die gesellschaftliche und religiöse Stellung eines Menschen erklären. Bei Madhva ist das Karma eher das Mittel, mit dem die Seele zu ihrer Bestimmung getrieben wird. Außerdem nimmt er eine ewige Verdammnis an; die Darstellungen beschreiben sie unterschiedlich, als endlosen Kreislauf von Wiedergeburten oder als ewige Hölle für eine Gruppe von Seelen.

Begriffe

Dvaita (Zweiheit)
tattvavāda (die realistische Sichtweise)
svatantra und paratantra (selbständige und abhängige Wirklichkeit)
pañcabheda (fünffacher Unterschied)
jīva (die einzelne Seele)
jaḍa (lebloser Stoff)
bhakti (liebende Hingabe an Gott)
mokṣa (Befreiung)

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

2 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Kritisiert

Madhva kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Rāmānuja (Rāmānujācārya)Prüfstand: belegt

    Madhva lehnt Rāmānujas Lehre ab, nach der die Seelen zwar eigenständig bleiben, aber im Wesen mit Brahman verwandt sind. Er hält dagegen einen dauerhaften Unterschied zwischen Seele und Gott für nötig.

  • Śaṅkara (Shankara, Ādi Śaṅkarācārya)Prüfstand: belegt

    Madhva greift die Nicht-Zweiheit des Advaita Vedānta an, nach der die einzelne Seele mit Brahman gleich ist. Er hält sie für unvereinbar mit der Erfahrung der Verschiedenheit und mit der Gültigkeit der Sinneswahrnehmung. Er lehnt auch die Auffassung ab, die Welt sei Schein.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie überliefert

    Madhvas Lebensdaten sind unsicher. Verbreitet ist 1238 bis 1317, andere Rechnungen nennen 1199 bis 1278. Auch seine Namen schwanken: Er heißt auch Ānandatīrtha oder Pūrṇaprajña.[1]

  • Biografie belegt

    Madhva wurde in eine Brahmanenfamilie bei Udupi im heutigen Karnataka hineingeboren. Er sah sich selbst als Verkörperung (avatāra) des Windgottes Vāyu.[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Es ist gefragt worden, ob fremde, vor allem christliche Einflüsse auf Madhva gewirkt haben. Eine Darstellung hält es für möglich, dass nestorianische Christen (eine frühe Kirche des Ostens) in seiner Jugend auf ihn einwirkten. Die heutige Forschung sieht dagegen die Ursachen eher in politischen und sozialen Veränderungen in Madhvas Region.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Madhva setzt sich in seiner Lehre ausdrücklich von Śaṅkaras Nicht-Zweiheit ab und deutet die Upanishaden, die Bhagavadgītā und die Brahmasūtras auf die Verschiedenheit von Seele und Gott hin. Auch Rāmānujas Vermittlungsposition lehnt er ab.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Madhva verfasste 37 Werke auf Sanskrit, vor allem Kommentare zu heiligen Schriften und Abhandlungen zu seiner eigenen Lehre. Später wurde seine Schule vor allem von Jayatīrtha (14. Jahrhundert) und Vyāsarāya (16. Jahrhundert) weiterentwickelt. Heute besteht sie als lebendige Gemeinschaft mit dem Zentrum in Udupi.[1]

Kritik

Seine Lesart der Schriften gilt als eigenwillig und war schwer aus den Texten zu begründen. Besonders bekannt ist, dass er den Satz „tat tvam asi“ („du bist das“) der Chāndogya-Upanishad als „atat tvam asi“ („du bist nicht das“) liest, indem er ein „a“ vom vorherigen Wort mitnimmt. Die Rangfolge der Seelen und ihre vorgegebene Anlage stehen in Spannung zur üblichen Karma-Lehre, nach der frühere Handlungen die Lage erklären. Zur Frage fremder Einflüsse gehen die Darstellungen auseinander.

Wirkung heute

Madhvas Dvaita Vedānta gilt als eine der drei großen Vedānta-Schulen neben Śaṅkaras Advaita und Rāmānujas Viśiṣṭādvaita. Seine Schule besteht in Indien als lebendige Gemeinschaft fort, mit Zentrum in Udupi im heutigen Karnataka.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn in einer Besprechung jemand die Unterschiede zwischen zwei Abteilungen oder Rollen mit „Wir wollen doch alle dasselbe“ wegwischt, kannst Du mit Madhva fragen, welche Unterschiede wirklich bestehen und welche Aufgaben daraus folgen. Das ist eine Übertragung für Alltag und Führung und keine Aussage Madhvas über Zusammenarbeit im Unternehmen.

Lebensstationen

  1. 1238traditionell: geboren bei Udupi in Karnataka (andere Rechnung: 1199)
  2. 1317traditionell: gestorben in Udupi (andere Rechnung: 1278)

Werke

Kommentare zur Bhagavadgītā und zu den Brahmasūtras sowie zu den wichtigsten Upanishaden, eigene Abhandlungen zur Dvaita-Lehre (insgesamt 37 Werke in Sanskrit)

Anekdote überliefert

Nach einer Überlieferung fanden die Eltern den jungen Madhva nach vier Tagen Suche, wie er mit den Priestern Viṣṇus gelehrt sprach. Auf einer Pilgerfahrt nach Varanasi soll er über Wasser gegangen sein. Beides gehört zu den Legenden über sein Leben.[2]

Lesetipps

Einstieg
B. N. K. Sharma, „Madhva’s Teachings in His Own Words“ (Bombay: Bharatiya Vidya Bhavan, 1961)
Vertiefung
Internet Encyclopedia of Philosophy, „Madhva“; Britannica, „Madhva“; B. N. K. Sharma, „Philosophy of Sri Madhvacarya“ (Delhi: Motilal Banarsidass, 1986)

Noch nicht sicher belegt

  • Die Lebensdaten sind unsicher: Verbreitet ist 1238 bis 1317, andere Rechnungen nennen 1199 bis 1278. Über sein Leben wissen wir fast nur aus Überlieferung und Legenden, zum Beispiel dass er über Wasser gegangen sei. Dass Achyutaprekṣa sein Lehrer war, berichtet die Überlieferung; Madhva selbst nennt ihn nicht als seinen Lehrer. Früher vermuteten einige Forschende fremde, vor allem christliche Einflüsse auf sein Denken; die heutige Forschung lehnt das überwiegend ab und erklärt seinen neuen Ansatz eher mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in seiner Region. Die ewige Verdammnis, die er lehrt, beschreiben die Darstellungen unterschiedlich.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Indien. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Madhva

  1. [1]Britannica, Madhva; Internet Encyclopedia of Philosophy, Madhva
  2. [2]Madhva · Britannica
  3. [3]Madhva · Britannica
  4. [4]rep.routledge.com/articles/biographical/madhva-1238-1317/v-1 · Webseite
  5. [5]Madhva · Wikipedia

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