Śaṅkara (Shankara, Ādi Śaṅkarācārya)
Philosoph und Theologe · ungefähr 700–750 (nach älterer Rechnung 788–820) · Kalady (Kerala) nach der späteren Überlieferung, Reisen durch den indischen Subkontinent, Tod nach der Überlieferung bei Kedarnath im Himalaya
Kernidee in Kürze
Śaṅkara legt die Upanishaden so aus, dass es letztlich nur eine Wirklichkeit gibt: Brahman, reines Sein und Bewusstsein ohne ein Zweites. Die Welt der Namen und Formen hängt von diesem Grund ab und hat keine eigene, unabhängige Wirklichkeit.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Gibt es hinter der Vielfalt der Dinge und der vielen einzelnen Selbste nur eine Wirklichkeit, und wie erkennt man sie?
- Position
- Śaṅkara meint, dass es nur Brahman gibt, das reine Sein und Bewusstsein, und dass alles andere von ihm abhängt. Wer erkennt, dass das eigene Selbst mit Brahman nicht verschieden ist, ist befreit.
- Einwand
- Rāmānuja und Madhva halten dagegen, dass die Vielheit der Seelen und Dinge wirklich ist. Offen bleibt auch, wie die Welt, die nicht ganz wirklich sein soll, überhaupt entsteht, und ob Śaṅkara die spätere Lehre von māyā schon so vertreten hat.
- Verbindung
- Śaṅkara baut auf einer Lehrerreihe auf, die über Gauḍapāda zu den Upanishaden zurückgeführt wird, und kritisiert buddhistische Erkenntnislehren; Rāmānuja und Madhva setzen ihre Lehren gegen die Nicht-Zweiheit.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Śaṅkara war
Indischer Philosoph und Ausleger der Upanishaden (alter Schriften zum Wesen von Selbst und Wirklichkeit), der die Lehre der Nicht-Zweiheit (Advaita Vedānta) systematisch ausgearbeitet hat.
Im Netz der Landkarte steht Śaṅkara als der große Ausleger der Nicht-Zweiheit in der indischen Vedānta-Tradition.
Kernidee genauer
Dass wir uns als getrennte, begrenzte Wesen erleben, erklärt er mit Unwissenheit, die Selbst und Körper miteinander verwechselt.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Śaṅkara verstand sich als Teil einer langen Reihe von Lehrern und legte die Upanishaden, die Bhagavadgītā und die Brahmasūtras aus. Seine Kommentare zu diesen drei Textgruppen sind die frühesten vollständig erhaltenen. Daraus entwickelte er seine Lehre von der einen Wirklichkeit.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1 Life and Works
Bekannt für
Bekannt ist Śaṅkara als wichtigster Lehrer des Advaita Vedānta, also der Lehre, dass das einzelne Selbst und die höchste Wirklichkeit (Brahman) nicht zwei verschiedene Dinge sind. Übertragen auf heute: Wenn Du in einer schwierigen Besprechung merkst, dass Du Dich ganz mit Deiner Rolle verwechselt hast, ist das ein kleines Bild für das, was Śaṅkara Überlagerung (adhyāsa) nennt. Er meint damit, dass wir das Bewusstsein und das Körper-Geist-Gebilde miteinander verwechseln.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Eine Wirklichkeit, auf der alles beruht
Śaṅkara stützt sich auf die Upanishaden, die sagen, das Seiende sei „eins, ohne ein Zweites“. Sein Beispiel ist ein Tonklumpen, aus dem man einen Topf oder einen Teller formen kann: Die Formen wechseln und vergehen, der Ton bleibt. So verhält es sich nach ihm mit Brahman (der einen höchsten Wirklichkeit) und den Dingen der Welt. Das ist seine Position, die er aus der Schrift und aus Argumenten entwickelt.
Die Welt als abhängige Erscheinung (māyā)
Seine Gegner nannten Śaṅkara einen māyāvādin, einen, der die Welt für Schein erklärt. Die Forschung hält das für nicht ganz falsch, aber für irreführend, weil er das Wort māyā selten gebraucht und der Welt Wert beimisst: Sie ist der Weg, auf dem man die Nicht-Zweiheit überhaupt entdeckt. Er nimmt eine „dritte Möglichkeit“ an: Die Welt ist weder wirklich im höchsten Sinn noch ein bloßes Nichts wie ein Hasenhorn, sondern eine vorläufig wirkliche, nicht genau bestimmbare Erscheinung. Deshalb unterscheidet er zwei Ebenen der Wirklichkeit, die alltägliche gemeinsame Erfahrungswelt und die höchste Wirklichkeit Brahmans.
Unwissenheit und das Selbst als Zeuge
Nach Śaṅkara entsteht das Leiden daraus, dass wir aus Unwissenheit Bewusstsein und Körper gegenseitig überlagern (adhyāsa): Wir halten uns für das begrenzte Körper-Geist-Gebilde und das Gebilde für das Bewusstsein. Das ist so, als hielte man ein Seil für eine Schlange. Eine einzelne Erkenntnis kann sich nach ihm nicht selbst zum Gegenstand machen, so wenig wie ein Messer sich selbst schneidet; sie braucht ein anderes Licht, um erkannt zu werden. Dieses Licht ist das bezeugende Bewusstsein, das unmittelbar gegeben ist und sich selbst erhellt, ohne sich zum Gegenstand zu machen. Mit dieser Überlegung wendet er sich gegen einige buddhistische Denker, etwa Vasubandhu und Dharmakīrti, nach denen eine Erkenntnis sich selbst und ihren Gegenstand zugleich erhellt.
Wissen statt Handeln als Weg zur Befreiung
Handlungen wie Rituale oder Meditation können nach Śaṅkara kein Wissen über die Wirklichkeit erzeugen, denn Wissen richtet sich nach dem Gegenstand und nicht nach dem Willen des Handelnden. Sie haben aber eine vorbereitende Rolle, indem sie den Geist ruhig und klar machen. Die Erkenntnis selbst kommt aus der Auslegung von Sätzen wie „Du bist das“ (tat tvam asi) aus der Chāndogya-Upanishad. Śaṅkara selbst hält die Nicht-Zweiheit nicht für allein durch Logik beweisbar, er stützt sie auf die Autorität der Upanishaden.
Begriffe
- Brahman (die eine höchste Wirklichkeit)
- ātman (das Selbst)
- Advaita (Nicht-Zweiheit)
- māyā (Schein
- die weder ganz wirkliche noch ganz unwirkliche Erscheinung der Welt)
- avidyā (Unwissenheit)
- adhyāsa (Überlagerung
- das Verwechseln von Selbst und Körper)
- mokṣa (Befreiung)
- pramāṇa (Quelle gültigen Wissens)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Śaṅkara kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
DharmakīrtiPrüfstand: belegt
Śaṅkara weist die Lehre buddhistischer Denker wie Dharmakīrti zurück, nach der eine Erkenntnis zugleich sich selbst und ihren Gegenstand erhellt. Er hält das für unstimmig, weil eine Erkenntnis sich nicht selbst zum Gegenstand machen kann, so wenig wie ein Messer sich selbst schneidet.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Śaṅkara. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Madhva (Madhvācārya, Ānandatīrtha, Pūrṇaprajña)Prüfstand: belegt
Madhva greift die Nicht-Zweiheit des Advaita Vedānta an, nach der die einzelne Seele mit Brahman gleich ist. Er hält sie für unvereinbar mit der Erfahrung der Verschiedenheit und mit der Gültigkeit der Sinneswahrnehmung. Er lehnt auch die Auffassung ab, die Welt sei Schein.
Rāmānuja (Rāmānujācārya)Prüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Rāmānuja wendet sich gegen die Nicht-Zweiheit des Advaita Vedānta, nach der nur reines, eigenschaftsloses Bewusstsein wirklich und das einzelne Selbst mit Brahman gleich ist. Er hält ihr vor, dass ihre Argumente zu Widersprüchen führen und dass es kein Bewusstsein ohne Gegenstand gibt. Einen Gegner nennt er dabei nicht mit Namen. Überblicksdarstellungen lesen seine Einwände als Kritik an Śaṅkaras Lehre; als unmittelbaren Gegner hält eine Darstellung seinen früheren Lehrer Yādavaprakāśa für sehr wahrscheinlich.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Die Lebensdaten Śaṅkaras sind umstritten. Frühere Forschende rechneten mit 788 bis 820, neuere schlagen 700 bis 750 oder das späte siebte bis frühe achte Jahrhundert vor. Zuverlässige Lebenszeugnisse außer seinen Schriften gibt es nicht.[2]
Biografie überliefert
Das Bild von Śaṅkaras Leben stammt aus Heiligenlebensbeschreibungen (Śaṅkaravijayas), die erst mehrere Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden. Sie berichten, er sei in Kalady im heutigen Kerala geboren, schon jung Asket geworden, durch das Land gereist und mit zweiunddreißig Jahren gestorben.[1]
Biografie überliefert
Nach der Überlieferung war Govinda sein Lehrer und dessen Lehrer Gauḍapāda. Śaṅkara verstand sich als Teil einer langen Reihe von Lehrern und als Systematiker der Nicht-Zweiheit, nicht als ihr Gründer.[2]
Abhängigkeit belegt
Von den vielen Werken, die Śaṅkara zugeschrieben werden, gelten nur wenige als sicher echt. Dazu gehören der Kommentar zu den Brahmasūtras, die Kommentare zu den wichtigsten Upanishaden, der Kommentar zur Bhagavadgītā und die „Tausend Lehren“ (Upadeśasāhasrī). Hunderte weitere Texte stammen wahrscheinlich von späteren Klosterleitern.[2]
Biografie überliefert
Nach der Überlieferung gründete Śaṅkara vier Klöster in den vier Himmelsrichtungen Indiens, und seine Schüler setzten seine Lehre fort. Die Klöster und mehrere Mönchsorden, die sich auf ihn berufen, bestehen bis heute.[2]
Zeitgeschehen Deutung
Einer Darstellung zufolge wirkte Śaṅkara in einer politisch unruhigen Zeit. In den Städten war der Buddhismus noch stark, aber schon im Niedergang, und die Jaina-Lehre war bei Händlern verbreitet. Śaṅkara habe seine Lehre deshalb vor allem Asketen und Gebildeten in den Dörfern vermittelt. Das ist eine Einordnung der Quelle und kein sicherer Befund.[2]
Kritik
Mehrere Fragen zu Śaṅkaras Lehre von der Unwissenheit, etwa wo sie ihren Sitz hat und wie sie sich zu māyā verhält, wurden in der späteren Advaita-Tradition strittig. Sie führten zu Streit innerhalb der Tradition und zu Kritik aus den Schulen Rāmānujas und Madhvas. Unter Forschenden wie unter traditionellen Gelehrten ist umstritten, ob die spätere Lehre von māyā als schöpferischem Stoff der Welt schon bei Śaṅkara zu finden ist. Eine Sicht in der Forschung hält ihn eher für einen religiösen Lehrer als für einen Philosophen im modernen Sinn, weil sein Zugang zur Wahrheit mehr psychologisch und religiös als logisch sei. Andere betonen dagegen, er sei ein eigenständiger Philosoph gewesen, der neue Argumente entwickelt habe; an manchen Stellen, etwa bei der Unterscheidung von Gott (īśvara) und Brahman, bleibt er allerdings uneindeutig. Zu seiner Haltung gegenüber der Welt heißt es, sie sei zwiespältig: Er spricht ihr die volle Wirklichkeit ab und legt zugleich großen Wert auf moralische Tugenden und das Handeln zum Wohl der Welt.
Wirkung heute
Die Tradition, die sich auf Śaṅkara beruft, besteht in Klöstern und Lehrlinien bis heute fort, und der Advaita Vedānta wirkt weit über seinen ursprünglichen Kulturraum hinaus. In der heutigen Forschung wird seine Lehre vom Bewusstsein auch mit Theorien der Gegenwart verglichen, etwa mit dem sogenannten Kosmopsychismus, der das ganze Universum als bewusst ansieht. Das sind Vergleiche der Forschung und keine Aussagen Śaṅkaras.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du nach einer harten Rückmeldung merkst, dass Du Dich ganz mit Deiner Rolle oder Deinem Fehler gleichsetzt, kannst Du mit Śaṅkara fragen, was sich hier ändert (Stimmung, Aufgabe, Urteil anderer) und was dabei gleich bleibt (Deine Fähigkeit, das Ganze wahrzunehmen). Das ist eine Übertragung für Alltag und Führung; Śaṅkara selbst spricht über Befreiung, nicht über Coaching.
Lebensstationen
- 700ungefähr: geboren, nach der Überlieferung in Kalady im heutigen Kerala (die Lebensdaten sind umstritten, ältere Rechnung 788)
- 750ungefähr: gestorben, nach der Überlieferung bei Kedarnath im Himalaya (ältere Rechnung 820)
Werke
Kommentar zu den Brahmasūtras (Brahmasūtrabhāṣya)
Kommentare zur Bhagavadgītā und zu den wichtigsten Upanishaden, Upadeśasāhasrī („Tausend Lehren“)
Anekdote überliefert
Zu den bekanntesten Geschichten gehört ein Streitgespräch mit dem Mīmāṃsā-Philosophen Maṇḍana Miśra, bei dem dessen Frau als Schiedsrichterin auftrat. Es gilt als möglich, dass diese Erzählung einen wirklichen Gegensatz zwischen Śaṅkara und den Anhängern des Ritualweges widerspiegelt. Ob es das Gespräch so gab, ist offen.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Sengaku Mayeda, „A Thousand Teachings: The Upadeśasāhasrī of Śaṅkara“ (1992), die englische Übersetzung seines einzigen sicher echten selbständigen Werks
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Śaṅkara“; Britannica, „Shankara“
Noch nicht sicher belegt
- Die Lebensdaten sind nur ungefähr bekannt: Die ältere Rechnung nennt 788 bis 820, die Forschung rechnet heute meist mit ungefähr 700 bis 750. Außer seinen Schriften gibt es keine verlässlichen Zeugnisse zu seinem Leben, die Lebensbeschreibungen entstanden mehrere Jahrhunderte später und enthalten viele Legenden. Von den vielen Werken, die ihm zugeschrieben werden, gelten nur wenige als sicher echt. Umstritten ist auch, ob er Anhänger Śivas oder Viṣṇus war und wie viel von der späteren Lehre über māyā als Schöpfungsstoff schon bei ihm zu finden ist. Er kritisiert eine Position, die er der buddhistischen Madhyamaka-Schule (der „Schule der Mitte“) zuschreibt und für nihilistisch hält; ob er dabei Nāgārjuna selbst im Blick hat, ist offen. Ob das Streitgespräch mit Maṇḍana Miśra so stattfand, ist ebenfalls offen.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Indien. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Śaṅkara
- [1]Śaṅkara, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Śaṅkara, Abschnitt 1 Life and Works; Britannica, Shankara, Abschnitt Sources and birth date