Rāmānuja (Rāmānujācārya)
Philosoph und Theologe · traditionell 1017–1137 (neuere Forschung: 1077–1157) · Śrīperumbūdur (bei Chennai, Tamil Nadu), Kāñcīpuram, Srirangam (Tamil Nadu)
Kernidee in Kürze
Rāmānuja legt die Upanishaden so aus, dass die höchste Wirklichkeit, Brahman, ein persönlicher Gott mit unzähligen guten Eigenschaften ist. Die einzelnen Seelen und die Dinge der Welt sind für ihn wirklich, sie bilden gleichsam den Körper Gottes, so wie der Körper zur Seele gehört.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Ist die Vielheit der Seelen und Dinge nur Schein, oder ist sie wirklich, und was bedeutet das für den Weg zur Befreiung?
- Position
- Rāmānuja meint, dass es ein einziges höchstes Wesen gibt, einen persönlichen Gott, dass aber die Seelen und die Welt wirklich sind und zu seinem Körper gehören. Der Weg zur Befreiung führt über Hingabe (bhakti).
- Einwand
- Madhva hält dagegen, dass Rāmānuja Seele und Gott nicht deutlich genug trennt. In der eigenen Tradition bleibt umstritten, ob Gottes Gnade frei gegeben wird oder an die Anstrengung des Menschen gebunden ist.
- Verbindung
- Rāmānuja widerspricht der Nicht-Zweiheit, wie sie Śaṅkaras Richtung vertritt, und wird seinerseits von Madhva kritisiert.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Rāmānuja war
Südindischer Philosoph und Theologe, der wichtigste Vertreter der Lehre vom „Nicht-Zweisein des Ganzen mit seinen Eigenschaften“ (Viśiṣṭādvaita Vedānta). Er legte die Philosophie der Veden systematisch auf einen persönlichen Gott hin aus und untermauerte die liebende Hingabe an Gott (bhakti) philosophisch.
Im Netz der Landkarte steht Rāmānuja zwischen Śaṅkara und Madhva als zweiter großer Vedānta-Lehrer. Er widerspricht der Nicht-Zweiheit der Advaita-Lehre, hält aber im Unterschied zu Madhva an einer Verbundenheit von Gott und Seele fest, und er verbindet Philosophie mit gelebter Frömmigkeit.
Kernidee genauer
Er lehnt deshalb die Auffassung ab, die Vielheit sei Täuschung und das einzelne Selbst letztlich mit Brahman identisch. Befreiung gewinnt man nach ihm nicht durch bloße Einsicht, sondern durch Hingabe an Gott (bhakti), die er selbst als eine Art unmittelbares Erkennen versteht.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Rāmānuja lernte zuerst bei Yādavaprakāśa, der eine Vedānta-Lehre vertrat, die der Nicht-Zweiheit der Advaita nahestand. Über die Auslegung der Upanishaden kam es zum Streit, weil Rāmānuja eine Auslegung mit einem persönlichen Gott bevorzugte. Nach der Überlieferung musste er die Schule verlassen.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1 Rāmānuja’s Life and Works
Bekannt für
Bekannt ist Rāmānuja für die Lehre, dass Gott, die Seelen und die Welt eine Einheit bilden und doch wirklich verschieden bleiben, und für die Aufwertung der Hingabe (bhakti) als Weg zur Befreiung. Ein Alltagsbeispiel: Ein Team ist ein Ganzes, und doch bleibt jede Person mit ihren eigenen Eigenschaften wirklich und wichtig. Das ist ein sehr kleines Bild für seine Idee, dass die Teile zum Ganzen gehören, ohne darin zu verschwinden.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Vielheit ist wirklich: Kritik an der Nicht-Zweiheit
Rāmānuja widerspricht Vedānta-Lehren, nach denen es nur reines, eigenschaftsloses Bewusstsein gibt und alle Unterschiede Täuschung sind. Er hält ihnen vor, dass ihre Argumente zu Widersprüchen führen. Auch ihre erkenntnistheoretische Begründung (alle Erkenntnis sei fehlerhaft) hebe sich selbst auf, denn dann könnte man nicht wissen, dass alle Erkenntnis fehlerhaft ist. Rāmānuja nennt in seinen Schriften keine Gegner mit Namen. Nach einer Darstellung hat er sehr wahrscheinlich seinen früheren Lehrer Yādavaprakāśa im Blick.
Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas
Rāmānuja meint, dass jede Erkenntnis auf einen Gegenstand gerichtet ist, der Eigenschaften hat. Ein reines Bewusstsein ohne Unterschiede gebe es deshalb nicht. Er verteidigt außerdem, dass Bewusstsein eine Eigenschaft von etwas ist und dass es wirkliche einzelne Personen gibt. Wer unwissend sein kann, muss nach ihm schon ein einzelnes Wesen sein, und deshalb könne die Unwissenheit die Einzelwesen nicht erst erklären.
Gott als Seele, Welt und Seelen als sein Körper
Brahman ist für Rāmānuja ein persönlicher Gott: Viṣṇu (Nārāyaṇa) zusammen mit seiner Gefährtin Śrī (Lakṣmī), frei von allem Bösen und voller guter Eigenschaften. Gott verhält sich zu ihnen wie die Seele zum Körper. Gott erschafft die Seelen nicht aus dem Nichts, sie sind ewige Teile seines Körpers. Alle Seelen teilen mit Brahman die Natur, Wissende zu sein, aber das macht sie nicht allwissend oder allmächtig.
Hingabe (bhakti) und Pflicht
Für Rāmānuja genügt theoretisches Wissen über Brahman nicht zur Befreiung. Der Weg ist bhakti-yoga: die Pflichten um ihrer selbst willen erfüllen und Gott beständig verehren, indem man ihm die Früchte seines Tuns darbringt. Bhakti versteht er selbst als unmittelbares Gewahrsein von Gottes Wesen und deshalb als eine Art Wissen. Befreiung ist für ihn die dauerhafte Freude am Erkennen Gottes. Die Pflichten der Veden bleiben dabei gültig.
Begriffe
- Viśiṣṭādvaita (Nicht-Zweiheit des mit Eigenschaften versehenen Ganzen)
- Brahman (die höchste Wirklichkeit
- bei ihm Viṣṇu mit seiner Gefährtin Śrī)
- bhakti (liebende Hingabe an Gott)
- śarīra und śarīrī (Körper und Seele
- Bild für das Verhältnis von Welt und Gott)
- jīva (die einzelne Seele)
- mokṣa (Befreiung)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
2 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 1 ungeprüft). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Kritisiert
Rāmānuja kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Śaṅkara (Shankara, Ādi Śaṅkarācārya)Prüfstand: ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.
Rāmānuja wendet sich gegen die Nicht-Zweiheit des Advaita Vedānta, nach der nur reines, eigenschaftsloses Bewusstsein wirklich und das einzelne Selbst mit Brahman gleich ist. Er hält ihr vor, dass ihre Argumente zu Widersprüchen führen und dass es kein Bewusstsein ohne Gegenstand gibt. Einen Gegner nennt er dabei nicht mit Namen. Überblicksdarstellungen lesen seine Einwände als Kritik an Śaṅkaras Lehre; als unmittelbaren Gegner hält eine Darstellung seinen früheren Lehrer Yādavaprakāśa für sehr wahrscheinlich.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Rāmānuja. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Madhva (Madhvācārya, Ānandatīrtha, Pūrṇaprajña)Prüfstand: belegt
Madhva lehnt Rāmānujas Lehre ab, nach der die Seelen zwar eigenständig bleiben, aber im Wesen mit Brahman verwandt sind. Er hält dagegen einen dauerhaften Unterschied zwischen Seele und Gott für nötig.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie überliefert
Die Lebensdaten sind unsicher. Nach der Überlieferung lebte Rāmānuja 120 Jahre, von 1017 bis 1137, neuere Forschung rechnet mit 1077 bis 1157. Sicher ist die Überlieferung nicht.[1]
Biografie überliefert
Nach der Überlieferung wurde Rāmānuja in Śrīperumbūdur am Rand des heutigen Chennai geboren, in eine Familie, die für ihre Gelehrsamkeit in den Veden bekannt war. Später zog er nach Kāñcīpuram und wurde dort Schüler des Yādavaprakāśa.[1]
Biografie überliefert
Mit seinem ersten Lehrer Yādavaprakāśa geriet Rāmānuja bald über die Auslegung der Upanishaden in Streit. Yādavaprakāśa vertrat eine unpersönliche, nicht auf einen Gott bezogene Auslegung, Rāmānuja eine, die Brahman die guten Eigenschaften eines persönlichen Gottes zuschreibt. Die Überlieferung berichtet, der Lehrer habe sich bedroht gefühlt und Rāmānuja schließlich aus seiner Schule geschickt.[1]
Biografie überliefert
Yāmuna, der geistige Leiter der Tamilisch sprechenden Viṣṇu-Verehrer (Śrī-Vaiṣṇava-Gemeinschaft), wollte Rāmānuja zum Nachfolger machen und ihm den Auftrag geben, einen Sanskrit-Kommentar zu den Brahmasūtras zu verfassen. Yāmuna starb, bevor Rāmānuja ihn erreichte. Rāmānuja versprach den Schülern, den Wunsch zu erfüllen, und schrieb später den Śrī Bhāṣya.[1]
Biografie überliefert
Nach der Überlieferung trennte sich Rāmānuja von seiner Frau und wurde Asket (saṃnyāsin). Danach reiste er durch Indien, nahm an öffentlichen Debatten teil und ordnete den Tempeldienst in Viṣṇu-Tempeln neu, die er unter seine Leitung brachte. Seine Anweisungen gelten bis heute als Richtschnur für Tempel- und Hausandacht der Śrī-Vaiṣṇavas. Als Todesort wird Srirangam genannt.[2]
Abhängigkeit belegt
Die Tradition schreibt Rāmānuja neun Werke zu. Als sicher gelten nur drei große: der Kommentar zu den Brahmasūtras (Śrī Bhāṣya), die Zusammenfassung Vedārthasaṅgraha und der Kommentar zur Bhagavadgītā. Die Echtheit der übrigen, darunter die Hymnen in Prosa (Gadyas), wird von einer Minderheit der Forschung bezweifelt.[1]
Abhängigkeit belegt
Innerhalb von zwei Jahrhunderten nach Rāmānuja spaltete sich seine Tradition in eine nördliche und eine südliche Schule. Beide berufen sich auf ihn. Sie streiten darüber, ob Gottes Gnade von der Anstrengung des Menschen abhängt.[1]
Kritik
Madhva lehnt Rāmānujas Annahme ab, dass die Seelen die wesentliche Natur Brahmans teilen. Er hält eine grundlegende Verschiedenheit von Seele und Gott für nötig, damit Hingabe sinnvoll bleibt. In der eigenen Tradition entsteht Streit darüber, ob Gott seine Gnade frei oder erst auf Anstrengung hin gibt. Offen bleibt auch, welche kleineren Schriften wirklich von ihm stammen: Eine Minderheit der Forschenden bezweifelt etwa die Echtheit der Hymnen (Gadyas), weil sie über die Lehre seiner Hauptwerke hinausgingen. Eine Spannung liegt in seiner Ethik: Er verteidigt die in den Veden vorgeschriebenen Tieropfer und vergleicht das rituelle Schlachten mit dem Eingriff eines Arztes, obwohl er grundsätzlich die Ablehnung von Grausamkeit gegen Tiere in der Bhagavadgītā gutheißt.
Wirkung heute
Rāmānuja gilt als einflussreichster Denker des Hinduismus der Hingabe, und seine Schule prägt in Südindien bis heute eine Gruppe von Brahmanen, die Śrī-Vaiṣṇavas. Er wird als Denker gesehen, der Geist, Moral und praktisches Leben zusammenhielt und der gegen das Klischee eines weltabgewandten indischen Denkens steht.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Stell Dir vor, Du musst eine ungeliebte Dokumentation fertigstellen, die niemand lobt. Mit Rāmānuja kannst Du fragen, ob Du sie tust, weil sie getan werden muss und weil sie zum Ganzen gehört, und nicht nur wegen des Ergebnisses oder der Anerkennung. Das ist eine Übertragung auf Alltag und Führung und keine Aussage Rāmānujas über Unternehmen.
Lebensstationen
- 1017traditionell: geboren in Śrīperumbūdur bei Chennai (neuere Forschung: 1077)
- 1137traditionell: gestorben in Srirangam (neuere Forschung: 1157)
Werke
Śrī Bhāṣya (Kommentar zu den Brahmasūtras)
Vedārthasaṅgraha („Zusammenfassung des Sinns der Veden“)
Bhagavadgītā-Kommentar
Anekdote überliefert
Als Yāmuna gestorben war, bemerkte Rāmānuja, dass drei Finger der Leiche gekrümmt waren. Die Schüler deuteten sie als drei Wünsche Yāmunas, darunter einen Kommentar zu den Brahmasūtras. Als Rāmānuja versprach, sie zu erfüllen, hätten sich die Finger gestreckt. Das ist Überlieferung.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- George Thibaut, „Vedānta Sūtras with the Commentary of Rāmānuja (Śrī Bhāṣya)“, englische Übersetzung (Sacred Books of the East, Band 48)
- Vertiefung
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Ramanuja“; Britannica, „Ramanuja“
Noch nicht sicher belegt
- Die Lebensdaten sind unsicher: Nach der Überlieferung lebte Rāmānuja von 1017 bis 1137, neuere Forschung rechnet mit 1077 bis 1157. Viele Einzelheiten seines Lebens, etwa die Anschläge seines früheren Lehrers, die gekrümmten Finger Yāmunas und seine Trennung von der Frau, stammen aus der Überlieferung seiner Gemeinschaft. Von den neun Werken, die die Tradition ihm zuschreibt, gelten nur drei große als sicher. Er schreibt die Lehren, gegen die er argumentiert, keinem bestimmten Philosophen zu; ob er Śaṅkara selbst im Blick hat, ist deshalb offen.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 5: Indien. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Rāmānuja
- [1]Ramanuja, Abschnitt 1 Rāmānuja’s Life and Works · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy, Ramanuja, Abschnitt 1; Britannica, Ramanuja (Quick Facts)
- [3]Vishishtadvaita · Britannica
- [4]Britannica, Madhva; Internet Encyclopedia of Philosophy, Madhva
- [5]Śaṅkara, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy