Marguerite Porete
um 1258–1310 · Valenciennes (Hennegau), Paris
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Begine (eine Frau in einer religiösen Laiengemeinschaft ohne Ordensgelübde, die fromm lebte und Kranke und Arme pflegte oder lehrte) aus dem Hennegau und Autorin des „Spiegels der einfachen Seelen“, die 1310 in Paris als Ketzerin verbrannt wird und Eckharts Gedanken vom Loslassen früh in volkssprachlicher Prosa vorwegnimmt.
Porete lebt in denselben Jahrzehnten wie Meister Eckhart, der ihren Spiegel nach Einschätzung vieler Forscher kannte (die SEP lässt das offen) und ab 1311 in dem Pariser Konvent wohnte, in dem ihr Verfahren stattgefunden hatte. Beide verbinden das Erbe des Neuplatonismus (einer spätantiken Strömung, die alles aus einem obersten Prinzip, dem „Einen“, hervorgehen lässt) mit dem Gedanken, dass der Mensch die Einheit mit Gott in sich trägt.
Kernidee
Die Seele steigt in sieben Stufen zu Gott auf. Auf der fünften Stufe gibt sie ihren Eigenwillen ganz an Gott zurück und wird „zunichte“, also frei von Leistungsdenken und Selbstbezug. Dann braucht sie die Tugenden nicht mehr als Pflicht, weil Gottes Wille allein in ihr wirkt.
Bekannt für
Man kennt Porete als die Begine, die 1310 in Paris wegen ihres theologischen Buches auf dem Scheiterhaufen endete, weil sie sich weigerte, mit der Inquisition (dem kirchlichen Verfahren zur Verfolgung von Irrlehren) zu sprechen oder zu widerrufen. Ihr Buch lief danach anonym weiter um, wurde ins Lateinische, Italienische und Mittelenglische übersetzt und erst 1946 wieder ihr zugeschrieben.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die Seele ohne Eigenwillen
Porete beschreibt einen Weg in sieben Stufen. Auf der fünften Stufe stürzt die Seele „ins Nichts“ und gibt den freien Willen, den sie von Gott hat, an ihn zurück, weil auch ein Wille, der Gottes Willen erfüllen will, noch eigener Besitz bleibt. Wer ständig beweisen will, dass er die Erwartungen der Firma erfüllt, bleibt in diesem Sinn Sklave seiner eigenen Leistung.
Verstand und Liebe im Streitgespräch
Das Buch ist ein Dialog zwischen der Seele, der Liebe und dem Verstand (Raison), der Zweifel und Gegenargumente vorträgt. Der Verstand scheitert dort, weil er gewohnte Denkmuster nicht überschreiten kann, aber Porete ist kein Gegner des Denkens: Sie hält den Intellekt am Gipfel der Seele für sehr wertvoll. Ein Team, das nur noch in eingefahrenen Argumentationsmustern diskutiert, erlebt dasselbe: Die Logik ist nicht falsch, aber sie reicht für die Neuerung nicht aus.
Kleine und große Kirche
Porete unterscheidet die „kleine heilige Kirche“, die von der Hierarchie und vom Verstand geleitet wird, von der „großen heiligen Kirche“ der freien, von der Liebe geführten Seelen. Die kleine Kirche kann das Leben einer freien Seele nicht begreifen, weil es ihren Horizont übersteigt. Wo eine Organisation nur ihre Regeln kennt, wirken Menschen, die aus innerer Freiheit handeln, schnell verdächtig.
Begriffe
- zunichtegewordene Seele
- : Seele, die auf der fünften Stufe in Gott „vernichtet“ wird, ihren Eigenwillen aufgibt und nach Porete nicht mehr sündigen kann
- Eigenwille
- : der eigene Wille der Seele; selbst der Wunsch, Gottes Willen zu erfüllen, bleibt eigener Besitz, deshalb gibt sie ihn auf der fünften Stufe zurück
- Fernnahe
- : Poretes paradoxer Name für Gott (le Loingprés), der zugleich seine Ferne und seine Einheit mit der Seele ausdrückt
- kleine und große Kirche
- : die „kleine heilige Kirche“ ist die kirchliche Hierarchie, vom Verstand geleitet; die „große heilige Kirche“ ist die Gemeinschaft freier Seelen, von der Liebe geführt
- reine Liebe (fin amour)
- : Ideal vollkommener, bedingungsloser Liebe aus der höfischen Dichtung, das der Spiegel von einer Dame auf Gott überträgt; Liebe und Gott sind eins
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Freunde
- Guiard von Cressonessart: Begarde, der sich als ihr Verteidiger bekannte und mit ihr verhaftet wurde
Gegner
- Guy II. von Colmieu, Bischof von Cambrai: ließ ihr Buch in Valenciennes verbrennen und verbot die Verbreitung
- Wilhelm von Paris: Dominikaner und Generalinquisitor von Frankreich, führte das Verfahren
Verbindungen im Netz
Eine Verbindung. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Meister EckhartDeutung
Eckhart scheint den „Spiegel“ gekannt zu haben und teilt mit ihr den Gedanken der Ewigkeit des Seelengrunds und die Ablehnung des Leistungsdenkens (de.wikipedia).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Porete lebt als Begine ohne Orden und Kloster, was ihr Bewegungsfreiheit gibt, sie aber auch kirchlich angreifbar macht. Dass sie auf Altfranzösisch statt auf Latein schreibt und als Frau öffentlich lehrt, bricht mit den damaligen Regeln.[1]
Zeitgeschehen belegt
Ihr Fall fällt in die Zeit des französischen Königs Philipp IV., der auch die Templer (einen mittelalterlichen geistlichen Ritterorden, dem man ohne reale Grundlage Ketzerei vorwarf) verfolgen ließ. Wilhelm von Paris, der Inquisitor, war sein Beichtvater und an den Templerprozessen beteiligt.[2]
Biografie Deutung
Ob die Feindschaft gegen die Beginen, politische Interessen des Königs oder die Angst vor der Bewegung des Freien Geistes (Gruppen, denen man im 15. Jahrhundert auch Poretes Lehren zurechnete) den Prozess prägten, ist in der Forschung nur vermutet. Die Verbindung zum Freien Geist gilt als schwach.[1]
Kritik
Die Kommission von 21 Theologen beurteilte fünfzehn herausgegriffene Sätze, von denen nur drei im Wortlaut erhalten sind, und nahm sie ohne Zusammenhang. Kirchliche Autoren sahen in der Lehre, dass die befreite Seele nicht mehr sündigen kann und den Tugenden nicht mehr dient, eine Verachtung der Moral. Die moderne Forschung diskutiert, ob sie nach damaligem Maßstab überhaupt Ketzerin war und welche Rolle ihr Geschlecht beim Urteil spielte.
Wirkung heute
Porete zeigt, dass mittelalterliche Philosophie auch in der Volkssprache und von Laienfrauen betrieben wurde. Ihr Gedanke, dass echte Freiheit im Loslassen des Eigenwillens liegt, wird in der Forschung zu Eckhart und zur Frauenmystik breit diskutiert.
Brücke zu Führung und Coaching
Porete lädt dazu ein, den eigenen Anspruch zu prüfen: Handle ich aus Pflichtgefühl und Beweisdrang, oder aus einer Freiheit, die ohne Abrechnung auskommt? Frag dich im nächsten Gespräch mit deinem Team: An welcher Stelle halte ich an einer Regel fest, nur weil sie mich absichert? Und wo bremst mein Verstand eine Idee aus, die erst einmal gehört werden müsste?
Lebensstationen
- 1258Geburt, wahrscheinlich im Hennegau (Jahr unsicher, die deutsche Wikipedia nennt um 1250/1260)
- 1296Zwischen 1296 und 1306 lässt Bischof Guy II. von Cambrai ihr Buch in Valenciennes verbrennen und verbietet ihr die Verbreitung
- 1308Verhaftung und Übergabe an den Generalinquisitor Wilhelm von Paris
- 1309Eine Kommission von 21 Theologen hält am 11. April den „Spiegel“ wegen fünfzehn Aussagen für häretisch
- 1310Verbrennung am 1. Juni auf der Place de Grève in Paris
- 1946Romana Guarnieri erkennt lateinische Handschriften im Vatikan als Poretes verlorenes Buch
Werke
Le mirouer des simples ames anienties et qui seulement demourent en vouloir et désir d'amour (Spiegel der einfachen, zunichtegewordenen Seelen, 139 Kapitel, entstanden wohl vor dem Ende des 13. Jahrhunderts, später überarbeitet)
Anekdote belegt
Bei der Hinrichtung am 1. Juni 1310 auf der Place de Grève in Paris soll die Menge von der Ruhe, mit der Porete in den Tod ging, zu Tränen gerührt gewesen sein. Das berichtet die Chronik, die Guillaume de Nangis begonnen hatte und an die der Prozessbericht angehängt wurde.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Marguerite Porete: Der Spiegel der einfachen Seelen. Mystik der Freiheit, hg. von Bruno Kern (Marixverlag, Wiesbaden 2011), eine deutsche Übersetzung des ganzen Werks.
- Vertiefung
- Irene Leicht: Marguerite Porete, eine fromme Intellektuelle und die Inquisition (Herder, Freiburg 1999).
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr: en.wikipedia nennt 1258, de.wikipedia um 1250/1260, daher nur ein Näherungswert; Herkunft aus dem Hennegau ist laut de.wikipedia gesichert, laut en.wikipedia unsicher. Kein Zitat, weil die Übersetzung der einzigen gefundenen Stelle nicht bestimmbar war. Die Kommission der 21 Theologen tagte laut de.wikipedia am 11. April 1309, en.wikipedia nennt 1310. Prüfer M4: Kanten zu Platon und Boethius entfernt, weil sie nur auf allgemeinen Einordnungen beruhten (de.wikipedia: Intellekt hoch geschätzt „der platonischen Tradition folgend“; en.wikipedia: Dialog in „Boethius-ähnlicher“ Form), ein direkter Bezug ist in keiner Quelle belegt; es bleibt nur die Kante zu Eckhart. Die Behauptung, sie sei die „erste prominente Frau“ auf dem Scheiterhaufen gewesen, stand in keiner Quelle und wurde entfernt. Dass die Menge zu Tränen gerührt war, berichtet en.wikipedia mit Bezug auf die Chronik des Guillaume de Nangis; die Chronik selbst wurde nicht eingesehen. Lesetipps per Literaturliste der deutschen Wikipedia mit ISBN belegt (Kern, Marix 2011; Leicht, Herder 1999). Eckharts Aufenthalt in St. Jacques ab 1311 steht in de.wikipedia, die SEP spricht nur von einer gemeinsamen Residenz mit dem Inquisitor im Jahr nach der Hinrichtung.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Porete
- [1]Wikipedia, Marguerite Porete (en) · Wikipedia
- [2]Wikipedia, Marguerite Porete (de) · Wikipedia
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Meister Eckhart · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]Wikipedia (de): Begine · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [5]Wikipedia (de): Neuplatonismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Wikipedia (de): Inquisition · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Templerorden · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [8]Stanford Encyclopedia of Philosophy: porete · Stanford Encyclopedia of Philosophy, abgerufen 2026-10-20