Meister Eckhart
1260–1328 · Erfurt, Paris, Straßburg, Köln
- Strömung
- Mittelalter: christlich, islamisch, jüdisch
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Dominikaner, Pariser Magister und Prediger auf Deutsch, der Aristoteles, Neuplatonismus und die arabisch-jüdische Philosophie zu einer Lehre vom Loslassen und von der Geburt Gottes in der Seele verbindet.
Eckhart steht in der Tradition der Kölner Dominikanerschule um Albertus Magnus und verarbeitet Pseudo-Dionysius, Maimonides, Avicenna und Averroes. Ob er Marguerite Poretes Buch kannte, ist offen, aber die Nähe vieler Gedanken ist auffällig. 1329 verurteilt die Bulle In agro dominico 28 Sätze aus seinen Werken, und Nikolaus von Kues lässt sich später seine lateinischen Werke abschreiben und kommentiert sie.
Kernidee
Gott ist reines Sein, das sich unaufhörlich verströmt, und der Mensch kann das in seinem eigenen Seelengrund erkennen. Dazu muss er sich von allem lösen, woran er hängt, auch von frommen Leistungen, die er um eines Lohnes willen tut. Wer so frei geworden ist, handelt „ohne Warum“ und trotzdem mitten in der Welt.
Bekannt für
Man kennt Eckhart als den Prediger, der Laien und Nonnen auf Deutsch zeigte, wie man sich von Besitzdenken und Lohnerwartung löst. Heute zitieren ihn Spiritualität, Psychologie und Philosophie gleichermaßen, oft allerdings aus dem Zusammenhang gerissen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Das Aufwallen des Seins (bullitio und ebullitio)
Eckhart beschreibt Gott als reines Sein, das in sich „kocht“ und dabei Vater, Sohn und Geist hervorbringt. Dieses Überkochen strömt dann nach außen und ist die freie Schöpfung aus dem Nichts. Ein Unternehmen, das aus echter Fülle heraus Wert schafft, statt Mangel zu verwalten, wirkt ähnlich: Es gibt weiter, was es im Überfluss hat.
Seelengrund und Geburt des Wortes
Im innersten Grund der Seele, im „Fünklein“, ist der Mensch mit Gott verbunden, und dort wird das göttliche Wort geboren. Dafür muss die Seele von fremden Bildern und Anhänglichkeiten frei werden, also „entbildet“. Wenn du in einem Konflikt erst einmal still wirst und deine fertigen Bilder vom anderen loslässt, kannst du ihn überhaupt erst hören.
Handeln ohne Warum und Martha vor Maria
Eckhart verlangt, dass die Seele wie Gott handelt, ohne ein „Warum“ und ohne Lohn. Deshalb gilt ihm in der Predigt über Maria und Martha nicht die verzückt sitzende Maria als Vorbild, sondern die tätige Martha, die in allem Tun gegründet bleibt. Eine Führungskraft, die ihr Team aus innerer Ruhe leitet und nicht aus Angst vor Statusverlust, lebt diese tätige Gelassenheit im Alltag.
Begriffe
- Gelassenheit
- Abgeschiedenheit
- Seelengrund
- Gottheit
- Geburt des Wortes
- ohne Warum
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Albertus Magnus: prägender Einfluss auf die Kölner Dominikanerschule, möglicherweise noch durch Studium in Köln vor 1280
- Dietrich von Freiberg: Dominikaner der Kölner Schule, den die SEP neben Albertus und Thomas als prägenden Einfluss nennt; ein Lehrverhältnis ist nicht belegt
Schüler
- Johannes Tauler: stark von Eckhart beeinflusster Prediger, den die englische Wikipedia als seinen Nachfolger und Schüler bezeichnet; die deutsche spricht nur von Einfluss
- Heinrich Seuse: Schüler, der in vorsichtigerer Form weiterwirkte
Freunde
- Nikolaus von Straßburg: Ordensoberer, der Eckhart im Verfahren unterstützte
Gegner
- Hermann von Summo und Wilhelm von Nidegg: Mitbrüder, die ihn der Ketzerei beschuldigten
- Heinrich II. von Virneburg: Erzbischof von Köln, der den Prozess anordnete
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Albertus MagnusDeutung
Albertus der Große prägte Eckhart stark, möglicherweise durch ein Studium in Köln vor 1280 (SEP).
baut auf Johannes Scotus EriugenaDeutung
Laut SEP waren Meister Eckhart und Nikolaus von Kues Eriugena gegenüber wohlwollend und kannten das Periphyseon.
baut auf Moses MaimonidesDeutung
In Eckharts lateinischen Werken wird nur Aristoteles häufiger zitiert als Maimonides (SEP).
Grundlage für Nikolaus von KuesDeutung
Nikolaus von Kues stellte eine annotierte Sammlung von Eckharts lateinischen Werken zusammen (Wikipedia).
baut auf Pseudo-Dionysius AreopagitaDeutung
Laut SEP und deutscher Wikipedia prägte seine negative Theologie Meister Eckhart.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Marguerite PoreteDeutung
Eckhart scheint den „Spiegel“ gekannt zu haben und teilt mit ihr den Gedanken der Ewigkeit des Seelengrunds und die Ablehnung des Leistungsdenkens (de.wikipedia).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Eckhart ist Dominikaner und leitet als Provinzial mindestens 47 Konvente. Sein Denken und Reden steht damit unter der Aufsicht von Orden und Papst, und er verteidigt sich im Prozess mit einer Unterscheidung von Verstand und Wille aus dem Streit zwischen Dominikanern und Franziskanern.[1]
Zeitgeschehen belegt
Eckhart wirkt in der Zeit des Papsttums von Avignon, als Spannungen zwischen Orden, Weltklerus, Franziskanern und Dominikanern zunahmen. In dieser Lage fielen seine kühnen deutschen Predigten besonders auf.[2]
Biografie belegt
Seine Ankläger Hermann von Summo und Wilhelm von Nidegg beschuldigten ihn erst, nachdem sie selbst der Korruption bezichtigt worden waren. Ob persönliche Interessen die Anklage mitprägten, ist eine Deutung, aber der zeitliche Zusammenhang ist belegt.[1]
Kritik
Die päpstliche Kommission hielt 28 Sätze für so ketzerisch, wie sie klingen, und nahm sie wörtlich und ohne Zusammenhang. Eckhart hielt dagegen, man habe ihn missverstanden. In der Forschung wird zudem kritisiert, dass man ihn lange nur als gefühlige Mystiker las und seine scharfe Philosophie übersah (so Kurt Flasch).
Wirkung heute
Eckharts Begriffe Gelassenheit und Abgeschiedenheit prägen bis heute Spiritualität, Philosophie und Psychologie. Die Forschung sieht in ihm zunehmend einen Philosophen, der Vernunft und Glauben streng zusammendenkt.
Brücke zu Führung und Coaching
Eckhart hilft, Leistung und Besitzdenken zu unterscheiden: Arbeite so gut du kannst, aber hänge nicht an dem, was dabei für dich herausspringt. Frag dich vor einer schwierigen Entscheidung: Was würde ich tun, wenn ich keinen Lohn, keinen Titel und keine Anerkennung dafür erwarten dürfte? Und im Team: Wer hört gerade wirklich zu, und wer wartet nur auf die eigene Antwort?
Lebensstationen
- 1260Geburt, vermutlich in oder bei Tambach in Thüringen
- 1293Lektor für die Sentenzen des Petrus Lombardus in Paris, danach Prior in Erfurt
- 1302Erste Zeit als Magister der Theologie in Paris, danach Provinzial der neuen Provinz Saxonia
- 1311Zweite Magisterzeit in Paris, vor ihm nur Thomas von Aquin zuteil geworden
- 1326Inquisitionsverfahren in Köln, 1327 Berufung nach Avignon
- 1328Tod, wahrscheinlich am 28. Januar; 1329 verurteilt die Bulle In agro dominico 28 Sätze
Werke
Reden der Unterweisung (zwischen 1294 und 1298 in Erfurt)
Pariser Quaestionen (um 1302/03)
Opus tripartitum mit Genesis-, Exodus-, Weisheits- und Johanneskommentar (lateinisch)
Das Buch der göttlichen Tröstung (deutsch)
deutsche Predigten
Anekdote belegt
Am 13. Februar 1327 predigte Eckhart in der Dominikanerkirche in Köln und ließ danach durch seinen Sekretär eine öffentliche Erklärung seiner Unschuld verlesen. Er übersetzte den Text selbst ins Deutsche, damit die Zuhörer ihn verstehen konnten.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Meister Eckhart: Das Buch der göttlichen Tröstung, übersetzt von Kurt Flasch (C.H.Beck, München 2007), ein kurzer deutscher Text, an dem sich Eckharts Ton gut zeigt.
- Vertiefung
- Kurt Flasch: Meister Eckhart. Philosoph des Christentums (C.H.Beck, München 2010), die Deutung Eckharts als Philosoph; englisch als Meister Eckhart: Philosopher of Christianity (Yale University Press, 2015).
Noch nicht sicher belegt
- Kein belegtes Zitat mit deutscher Fassung, daher zitat null. Geburtsjahr 1260 ist ein Näherungswert (um 1260), Geburtsort Tambach oder Hochheim; der Todestag 28. Januar 1328 ist nur traditionell überliefert, sicher ist nur: Tod vor dem 30. April 1328. Kante zu Albertus: Lehrer-Schüler-Verhältnis nur als Einfluss belegt, ein Studium in Köln vor 1280 ist nach SEP möglich, nicht sicher. Dietrich von Freiberg und Tauler sind Einfluss bzw. Nachwirkung, kein belegtes Lehrverhältnis. Ob Eckhart Poretes Spiegel kannte, ist laut SEP offen; die deutsche Wikipedia hält es für wahrscheinlich. Flaschs Buch von 2010 und die englische Ausgabe 2015 sind laut de.wikipedia bzw. SEP zwei Titel; welches Buch die Übersetzung zugrunde legt, wurde nicht geprüft. Prüfer M4: alle Quellen abgerufen (SEP, en/de.wikipedia, literaturkritik.de), de.wikipedia ergänzt.
Herkunft der Daten: Mittelalter (christlich, islamisch, jüdisch). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Eckhart
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Meister Eckhart · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia, Meister Eckhart · Wikipedia
- [3]literaturkritik.de/id/11563 · Webseite
- [4]Wikipedia (de): Meister Eckhart · Wikipedia