Lucrezia Marinella
1571 (oder 1579)–1653 · Venedig
- Strömung
- Renaissance und Macht
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Venezianische Dichterin und Philosophin, die 1600 mit philosophischen Argumenten die Überlegenheit der Frauen verteidigt.
Sie ist im Block die einzige Frau und der Gegenpol zur Machtlehre der männlichen Staatsdenker. Sie steht in der Querelle des femmes, dem Streit über Wert und Natur der Frauen, und greift auf Agrippa, Platon und Aristoteles zurück.
Kernidee
Marinella meint, Frauen und Männer haben dieselbe vernunftbegabte Seele, aber die Frauen seien edler in Herkunft und Anlage. Sie kehrt die Beweise ihrer Gegner um und zeigt, dass die Fehler, die Männer den Frauen vorwerfen, vor allem bei den Männern selbst zu finden sind. Damit stellt sie Aristoteles' Lehre vom kalten, schwächeren Wesen der Frau in Frage.
Bekannt für
Bekannt ist sie für ihre Streitschrift „Der Adel und die Vortrefflichkeit der Frauen“, in der sie die Frauen als den Männern überlegen darstellt. Sie schrieb auf Italienisch und nicht auf Latein und erreichte so ein breiteres Publikum.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Die edlere Seele
Frauen und Männer gehören zur selben Art, doch Marinella hält die Seele der Frau für edler geschaffen als die des Mannes. Sie bestreitet die aristotelische Lehre, nach der Wärme und Kälte des Körpers die Frau zum schwächeren Geschlecht machten. Wer Eignung für eine Aufgabe nach Geschlecht statt nach Können beurteilt, übersieht Talent, das direkt vor ihm sitzt.
Die Fehler der Männer
Sie führt aus, dass die Frauenfeindlichkeit der Männer aus deren eigenen Mängeln und unedlen Motiven kommt. Sie verknüpft das mit dem Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben. Wenn in deinem Unternehmen Kritik an einer Gruppe auffällig laut ist, lohnt sich die Frage, welche Interessen die Kritiker selbst haben.
Autoritäten gegen ihre Verfechter
Marinella lobt Platon und kritisiert Aristoteles, und sie nutzt die Zitate ihrer Gegner gegen sie. Sie spiegelt den Aufbau von Passis Hetzschrift und stellt Beispiel gegen Beispiel. Auch in Diskussionen im Team hilft es, die Belege der Gegenseite ernst zu nehmen und zu prüfen, ob sie die eigene Behauptung wirklich tragen.
Begriffe
- Querelle des femmes
- Adel der Frauen
- Seele
- Temperament
- Misogynie
- Rhetorik
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Giovanni Marinelli: ihr Vater, Arzt und Autor, förderte ihre Studien und gab ihr Zugang zu Büchern
Freunde
- Lucio Scarano: Arzt und Philosoph, Widmungsträger von „La nobiltà et l'eccellenza delle donne“, nannte sie „Zierde unseres Jahrhunderts“
Gegner
- Giuseppe Passi: seine Schrift I donneschi diffetti (1599) war der Anlass für ihre Antwort
Verbindungen im Netz
3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Heinrich Cornelius Agrippa von NettesheimDeutung
Agrippas Declamation über Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts gehört zu den Quellen ihrer Schrift (SEP).
baut auf PlatonDeutung
Sie lobt Platon und nutzt platonische Vorstellungen von der Schönheit als Spiegel der Seele (SEP).
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert AristotelesDeutung
Sie weist die aristotelische Lehre zurück, kalte Körpersäfte machten Frauen minderwertig, und nutzt ihn dennoch für andere Argumente (SEP, Wikipedia en).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Ihr Vater war Arzt und ließ sie biologische und medizinische Werke lesen. Ihr Ruf als gelehrte Frau verdankte sich laut SEP möglicherweise auch ihrem zurückgezogenen Leben und ihrem Ruf sittlicher Zurückhaltung.[1]
Zeitgeschehen belegt
Ihre Schrift antwortete auf Giuseppe Passis Angriff und ist Teil der Querelle des femmes, des frühneuzeitlichen Streits über die Natur der Frau. Die Debatte bestimmte, welche Argumente sie benutzen konnte und welche sie umdrehen musste.[1]
Abhängigkeit Deutung
Pro-Frauen-Schriften konnten der Suche nach Gönnern dienen, und die SEP nennt Gönnersuche und intellektuelle Selbstpositionierung als mögliche Motive auch bei Marinella, ohne damit ihre Überzeugung in Frage zu stellen. Die Widmung ihres Werks Amore innamorato an Caterina de' Medici, Herzogin von Mantua, zeigt Kontakte zu Mäzeninnen.[2]
Kritik
Die Forschung streitet, ob der Begriff feministisch auf sie passt; viele sprechen lieber von einer Verteidigung der Frauen oder von Protofeminismus. Ihr Spätwerk Essortationi alle donne (1645) scheint Frauen von literarischer Arbeit abzuraten, doch ob das aufrichtig, subversiv oder als Stütze ihrer frühen Schrift gemeint ist, ist umstritten. Bei der Vita di Maria Vergine wurde ihr vorgeworfen, Teile übernommen zu haben, Eleonora Carinci weist auf Parallelen zu Pietro Aretino hin.
Wirkung heute
Sie gilt als Beispiel dafür, wie früh eine Frau philosophische Argumente gegen Frauenfeindlichkeit einsetzte. Die Frage, wer Fähigkeiten zuspricht und wer sie verwehrt, ist heute so aktuell wie 1600.
Brücke zu Führung und Coaching
Marinella erinnert dich daran, Zuschreibungen über Gruppen zu hinterfragen, bevor du sie in Entscheidungen einbaust. Frag dich bei der nächsten Besetzung: Welche Annahmen über Eignung trage ich in mir, und woher kommen sie? Und wer hat in der Diskussion bisher keine Stimme bekommen?
Lebensstationen
- 1571Geboren in Venedig (vielleicht 1579)
- 1595Ihr erstes Werk, das geistliche Gedicht La Colomba sacra, erscheint
- 1600La nobiltà et l'eccellenza delle donne erscheint als Antwort auf Passi, 1601 erweitert
- 1635Das Epos L'Enrico erscheint
- 1645Essortationi alle donne erscheint
- 1653Stirbt in Venedig
Werke
La nobiltà et l'eccellenza delle donne (1600, erweitert 1601)
Vita di Maria Vergine (1602)
L'Arcadia felice (1605)
L'Enrico (1635)
Essortationi alle donne (1645)
Anekdote belegt
Der Arzt Lucio Scarano, ein Freund ihres Vaters, nannte sie die Zierde unseres Jahrhunderts und verglich sie mit der griechischen Dichterin Korinna. Sie widmete ihr Werk Amore innamorato Caterina de' Medici, Herzogin von Mantua.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- The Nobility and Excellence of Women and the Defects and Vices of Men, übersetzt von Anne Dunhill (University of Chicago Press, 1999), englisch
Noch nicht sicher belegt
- Geburtsjahr unsicher: SEP nennt 1571, möglicherweise 1579. Kein Zitat aufgenommen. Kein deutschsprachiger Lesetipp bestätigt. Kante zu Christine de Pizan weggelassen, da SEP keinen Beleg für Kenntnis ihres Werks sieht. Essortationi: SEP lässt offen, ob aufrichtig oder subversiv; en.wikipedia sagt, sie scheine frühere Positionen umzukehren. Anekdote (Scarano, Korinna, Widmung an Caterina de' Medici, Herzogin von Mantua) nur nach en.wikipedia, nicht in der SEP. Ob Scarano ein Freund des Vaters war, ist nicht belegt. Die Richtung ihres Arguments zu Wärme und Kälte (SEP: sie bestreitet Aristoteles' Darstellung) ist nicht im Detail geprüft. Prüfung: Orchestrator per WebFetch (SEP, en.wikipedia), 20.10.2026.
- Geburtsjahr unsicher: SEP nennt 1571, möglicherweise 1579; Wikipedia en nennt 1571. Kein Zitat aufgenommen. Kein deutschsprachiger Lesetipp bestätigt; Prüfer R4 hat den Sekundär-Lesetipp entfernt, weil der SEP-Eintrag kein Buch ist. Kante zu Christine de Pizan weggelassen, da SEP keinen Beleg für Kenntnis ihres Werks sieht. Die Aussage in Wikipedia en, die Essortationi kehrten Positionen um, steht im Gegensatz zu SEP, wonach unklar ist, ob sie aufrichtig oder subversiv gemeint sind. Der Plagiatsvorwurf von Eleonora Carinci steht nur in Wikipedia en. Den Katalogeintrag libcat.lafayette.edu konnte der Prüfer nicht öffnen (403); die Ausgabe Dunhill/Panizza (University of Chicago Press 1999) ist durch Wikipedia en und mehrere Katalogtreffer gestützt.
Herkunft der Daten: Renaissance und Macht. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Marinella
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Lucrezia Marinella · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia en: Lucrezia Marinella · Wikipedia
- [3]libcat.lafayette.edu/Record/in00000287730 · Webseite