Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim
1486–1535 · Köln
- Strömung
- Renaissance und Macht
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Wanderlehrer, Jurist und Arzt, der in einem Werk Magie als höchstes Wissen entwirft und im anderen alle Wissenschaften für nichtig erklärt.
Agrippa steht zwischen Humanismus und Okkultismus. Er greift Ficino, Pico, Reuchlin und Trithemius (einem Abt, bei dem Agrippa längere Zeit arbeitete und auf dessen Anregung er sein Magiewerk schrieb) auf und nimmt Erasmus' Satire „Lob der Torheit“ (eine ironische Rede, in der die Torheit sich selbst lobt und die Fehler aller Stände vorführt) als Vorbild für eine radikalere Wissenschaftskritik.
Kernidee
Agrippa unterscheidet drei Welten der Magie: natürliche, astrologische und religiöse. Die „reformierte“ Magie soll ein umfassendes Wissen sein, das den Aufstieg zum Ersten Prinzip ermöglicht. In „De vanitate“ (vollständig „Über die Ungewissheit und Eitelkeit der Wissenschaften“) greift er dagegen alle Wissenschaften an, hält Sinneserkenntnis für unzuverlässig und setzt den Glauben als Fundament der Vernunft. Wie beides zusammenpasst, ist in der Forschung umstritten.
Bekannt für
Agrippa gilt als Verfasser des wichtigsten Handbuchs der Renaissance-Magie und zugleich als Autor eines Buchs gegen alle Wissenschaften. Laut de.wikipedia regte er Goethes Faust teilweise an; ein Treffen mit dem historischen Johann Faust 1532 wird erzählt, ist aber unbestätigt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Magie als umfassendes Wissen
In De occulta philosophia („Über die geheime Philosophie“, einem Werk in drei Büchern, das Astrologie, Kabbala, Engellehre und Zauberpraktiken nebeneinander darstellt) ordnet Agrippa die Welt in drei Ebenen: Elemente, Gestirne und das Göttliche. Die Magie soll das Wissen über alle drei verbinden und die Seele nach oben führen. Bei ihm hängt vom Wissenden ab, ob ein Wissen gut oder schlecht wird.
Skepsis als Vorstufe
In De vanitate zählt er Wissenschaften und Künste auf und zeigt, wie unsicher sie sind. Die Skepsis ist für ihn Vorstufe zur Wahrheit, die im Geist und im Glauben liegt. Für Führungskräfte ist das eine Mahnung: Wer Zahlen und Methoden zur letzten Instanz macht, sieht die eigene Gesinnung nicht.
Lob des weiblichen Geschlechts
In der Schrift über den Vorrang der Frauen, gedruckt 1529, verteidigt er die Frau gegen die Männer. Es ist eine rhetorische Streitschrift, kein Gleichstellungsprogramm im heutigen Sinne. In Teams zeigt sich der Gedanke, wenn eine Gruppe ihre Vorurteile über Fähigkeiten prüfen sollte.
Begriffe
- Magie
- : der Versuch, mit Ritualen und geheimem Wissen übernatürliche Wirkungen hervorzurufen; bei Agrippa ein umfassendes Wissen von Natur, Gestirnen und Göttlichem
- Kabbala
- : jüdische mystische Überlieferung über Gott und die Welt; Agrippa nimmt sie in christlicher Deutung in sein Magiewerk auf, etwa die zehn Gottesnamen
- Mikrokosmos
- : der Mensch als kleine Welt, die dem großen Weltall entspricht; Agrippa entwickelt dieses Bild mit einer Lehre von den drei Teilen der Seele
- Skepsis
- : das Bezweifeln von Sinneserkenntnis und Wissen; bei Agrippa eine Vorstufe, die falsche Meinungen ausräumt, bevor man die Wahrheit im Glauben sucht
- Glaube
- : das Vertrauen auf Gottes Offenbarung; bei Agrippa das Fundament der Vernunft und der Maßstab, an dem sich menschliches Wissen messen muss
- Lob der Frauen
- : Agrippas Lobrede auf den Vorrang des weiblichen Geschlechts, in der er Leistungen von Frauen aufzählt und die Erziehung der Frauen kritisiert
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Johannes Trithemius: Treffen in Würzburg im Winter 1509/10, Widmungsempfänger der ersten Fassung; die SEP nennt Agrippa einmal seinen Schüler
Schüler
- Johann Weyer: verteidigte Hexereibeschuldigte
Gegner
- Jean Catilinet (Franziskaner): bezeichnete ihn als judaisierenden Häretiker
- Conrad Köllin (Dominikaner): erreichte Druckstopp
- Löwener Theologen und Sorbonne: Verurteilung von De vanitate
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Erasmus von RotterdamDeutung
Das Lob der Torheit gilt laut SEP als Vorbild für De vanitate, Agrippa geht radikaler vor.
baut auf Giovanni Pico della MirandolaDeutung
Picos Oratio ist laut SEP Ausgangspunkt für Agrippas Magieverständnis.
Grundlage für Lucrezia MarinellaDeutung
Agrippas Declamation über Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts gehört zu den Quellen ihrer Schrift (SEP).
baut auf Marsilio FicinoDeutung
Ficino ist laut SEP Vorbild für Astrologie und Platonismus.
baut auf PlatonDeutung
Der „göttliche Plato“ ist für ihn Gewährsmann für die Seele als göttliche Substanz.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit Deutung
Agrippa lebte von wechselnden Gönnern wie Maximilian, Louise von Savoyen, Margarete von Österreich und Hermann von Wied, deren Schutz jeweils brüchig war. Das kann seine widersprüchlichen Schriften beeinflusst haben.[1]
Zeitgeschehen belegt
Die Löwener Theologen und die Sorbonne verurteilten De vanitate, und in Brüssel wurden Exemplare öffentlich verbrannt. Ende 1530 kam er dort in den Schuldturm.[2]
Biografie Deutung
In Metz verteidigte er als Stadtadvokat eine der Hexerei angeklagte Frau und rettete sie vor dem Scheiterhaufen. Das kann sein Misstrauen gegenüber Institutionen geschärft haben.[1]
Kritik
Popkin liest De vanitate als Anti-Intellektualismus, Bowen und Korkowski als rhetorisches Paradox. Die Forschung diskutiert zudem Agrippas Inkonsistenz zwischen Magie und Skepsis.
Wirkung heute
Agrippas Mischung aus Wissenschaftskritik und Wissensdrang bleibt Thema in der Geschichte von Magie, Hermetik (einer antiken Geheimlehre, die sich auf den sagenhaften Weisen Hermes Trismegistos beruft) und Skepsis. Goethe ließ sich laut Wikipedia für den Faust teilweise von ihm anregen.
Brücke zu Führung und Coaching
Agrippa fragt, welche Gesinnung hinter einem Wissen steht. Frage dein Team vor einer Entscheidung: Auf welche Methode oder Kennzahl verlassen wir uns hier, und was könnte sie uns nicht zeigen? Prüfe auch, ob widersprüchliche Signale bei dir wirklich ein Widerspruch sind oder zwei Seiten derselben Sache.
Lebensstationen
- 1486Geburt in Köln am 14. September
- 1509Vorlesungen über Reuchlin in Dôle, Denunziation als Ketzer
- 1510Erste Fassung De occulta philosophia, Treffen mit Trithemius
- 1518Stadtadvokat in Metz
- 1530De vanitate gedruckt, Haft in Brüssel
- 1535Tod in Grenoble
Werke
De occulta philosophia (erste Fassung 1510, Endfassung Köln 1533)
De nobilitate et praecellentia foeminei sexus (begonnen um 1509, gedruckt 1529)
De incertitudine et vanitate scientiarum (1530)
Anekdote überliefert
Eine Grabinschrift verbindet seinen schwarzen Hund „Monsieur“ mit Kerberos (dem Wachhund der griechischen Sage, der den Eingang zur Unterwelt bewacht); der Verfasser der Inschrift ist unbekannt und das Grab verschollen.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Über die Fragwürdigkeit, ja Nichtigkeit der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, übersetzt von Gerhard Güpner, hg. von Siegfried Wollgast, Akademie Verlag, Berlin 1993: seine Generalabrechnung mit dem Wissen seiner Zeit.
Noch nicht sicher belegt
- Sterbedatum: de.wikipedia 18. Februar 1535 in Grenoble, SEP 1535, spätestens 1536. Druckjahr De vanitate: SEP und de.wikipedia-Text 1530 Antwerpen (Graphaeus), die Werkliste von de.wikipedia nennt Köln 1527. Catilinet sprach laut SEP in Gent gegen ihn, nachdem er 1509 in Dôle über Reuchlin gelesen hatte. Weyer (Wier) ist in SEP und de.wikipedia als Schüler genannt. Brüsseler Schuldturm und Bücherverbrennung nur aus de.wikipedia, SEP erwähnt sie nicht. Kontext zu Gönnern und Metz ist Deutung. Faust-Begegnung unbestätigt. Kein Zitat. Lesetipp: Verlag laut de.wikipedia Akademie Verlag (nicht De Gruyter, Prüfer R2); Sekundärlektüre ohne belegtes Buch, daher leer.
Herkunft der Daten: Renaissance und Macht. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Agrippa
- [1]SEP, Agrippa · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de, Agrippa · Wikipedia
- [3]Wikipedia (de): Lob der Torheit · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [4]Wikipedia (de): Hermetik · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [5]Wikipedia (de): Magie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Wikipedia (de): Kabbala · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Mikrokosmos · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20