Landkarte der Philosophie · Strömung
Renaissance und Macht
1400 bis 1600 · neuzeitbelegt
Wie sieht der Mensch sich selbst und die Politik, wenn Autoritäten wanken?
Humanisten entdeckten antike Texte neu und stellten den Menschen in den Mittelpunkt. Machiavelli beschrieb Politik nüchtern, wie sie ist, Montaigne prüfte sich selbst mit Skepsis. Der Buchdruck und die Reformation brachen das Monopol der Kirche auf Wahrheit.
Zeit und Umfeld
Der Fall Konstantinopels 1453, der Buchdruck, die Entdeckungsreisen und die Reformation 1517 erschütterten das mittelalterliche Weltbild.
Warum das heute zählt
Realistisch beschreiben, wie Macht tatsächlich funktioniert, und die eigene Sicherheit zu hinterfragen: beides gehört zu seriöser Führungsarbeit.
Kants Fragen (Deutung): Was soll ich tun? · Was ist der Mensch?
Personen (26)
- Francesco Petrarca1304–1374Dichter und Gelehrter, der oft als Vater des Humanismus gilt, weil er antike Autoren wie Cicero und Seneca als Vorbilder für ein gutes Leben las.
- Basilius Bessarionungefähr 1403–1472Griechischer Gelehrter und Kardinal, der Handschriften nach Italien rettete und Platon gegen Angriffe verteidigte.
- Lorenzo Vallaungefähr 1406–1457Humanist (Gelehrter der Renaissance, der sich mit antiken Sprachen und Texten befasste), der mit Sprachkritik die Schulphilosophie des Aristoteles und eine gefälschte päpstliche Urkunde angriff.
- Marsilio Ficino1433–1499Übersetzer und Philosoph in Florenz, der Platon und die Neuplatoniker für Westeuropa zugänglich machte und die platonische Liebe prägte.
- Pietro Pomponazzi1462–1525Aristoteliker, der aus der Naturphilosophie folgerte, dass die Seele sterblich ist, und damit einen Streit mit Kirche und Kollegen auslöste.
- Giovanni Pico della Mirandola1463–1494Junger Gelehrter, der 900 Thesen zur Debatte stellte, die Schulen versöhnen wollte und die christliche Kabbala begründete.
- Erasmus von Rotterdam1469–1536Der führende Humanist des Nordens: Er las Bibel und antike Texte in den Originalsprachen neu und verband Gelehrsamkeit mit der Forderung nach Frieden und Mäßigung.
- Niccolò Machiavelli1469–1527Florentiner Staatsbeamter und Denker, der Macht nüchtern nach ihrer Wirkung beschreibt und zugleich die Freiheit der Republik verteidigt.
- Thomas Morus1478–1535Humanist, Jurist und Lordkanzler Heinrichs VIII., der mit seiner Schrift „Utopia“ den idealen Staat zum literarischen Gedankenspiel machte und für sein Gewissen mit dem Leben bezahlte.
- Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim1486–1535Wanderlehrer, Jurist und Arzt, der in einem Werk Magie als höchstes Wissen entwirft und im anderen alle Wissenschaften für nichtig erklärt.
- Juan Luis Vives1493–1540Spanischer Humanist im Exil, der die scholastische Logik angriff, Seelenlehre, Erziehung und städtische Armenfürsorge neu dachte und enger Weggefährte von Erasmus war.
- Gerolamo Cardano1501–1576Arzt, Mathematiker und Naturphilosoph, der Zahlen, Medizin, Astrologie und Seelenlehre in einem riesigen, oft widersprüchlichen Werk verbindet.
- Bernardino Telesio1509–1588Naturphilosoph, der Aristoteles durch ein Spiel von Wärme und Kälte ersetzen will und damit viele spätere Neuerer anregt.
- Petrus Ramus1515–1572Pariser Professor, der die Logik radikal vereinfachen wollte, Lehrbücher mit klaren Gliederungen schrieb und in der Bartholomäusnacht (dem Massenmord an französischen Protestanten, den Hugenotten, im August 1572) ermordet wurde.
- Jean Bodinca. 1529/30–1596Französischer Jurist, der den Begriff der Souveränität, also der obersten Staatsgewalt, in die politische Theorie einführt.
- Francesco Patrizi da Cherso1529–1597Platoniker und Aristoteles-Kritiker, der Raum und Licht zum Ausgangspunkt einer ganz neuen Weltlehre macht und dafür vom Index getroffen wird.
- Michel de Montaigne1533–1592Der Essayist, der antike Philosophie auf sich selbst anwendet und dabei Stoiker, Epikureer und Skeptiker nebeneinander liest.
- Jacopo Zabarella1533–1589Paduaner Professor für Logik und Naturphilosophie, der die aristotelische Wissenschaftsmethode so genau ausarbeitete, dass sie bis ins 17. Jahrhundert Maßstab blieb.
- Justus Lipsius1547–1606Der Humanist, der die Stoa für die Religionskriege seiner Zeit neu verpackt und so den Neostoizismus begründet.
- Giordano Bruno1548–1600Dominikaner, Wanderphilosoph und Denker des unendlichen Universums, der 1600 in Rom als Ketzer verbrannt wird.
- Francisco Suárez1548–1617Spanischer Jesuit und Spätscholastiker, der Metaphysik, Naturrecht und Staatslehre für das 17. Jahrhundert neu ordnet.
- Francisco Sanchesungefähr 1551–1623Arzt und Professor in Toulouse, dessen Streitschrift „Quod nihil scitur“ (lateinisch: dass nichts gewusst wird) den Anspruch auf sicheres Wissen systematisch zerlegt.
- Tommaso Campanella1568–1639Dominikaner (Mitglied eines katholischen Ordens), Telesio-Schüler und Utopist (Entwerfer einer idealen Gesellschaft), der 27 Jahre in Haft sitzt und im Gefängnis den Sonnenstaat entwirft.
- Lucrezia Marinella1571 (oder 1579)–1653Venezianische Dichterin und Philosophin, die 1600 mit philosophischen Argumenten die Überlegenheit der Frauen verteidigt.
- Hugo Grotius1583–1645Niederländischer Jurist und Diplomat, der Naturrecht und Völkerrecht von der Theologie löst und als Vater des Völkerrechts gilt.
- Thomas Hobbes1588–1679Englischer Staatstheoretiker und Philosoph, der Mensch und Geist rein materiell erklärt, die Sinne als Quelle aller Ideen sieht und ein Vorläufer des britischen Empirismus ist.
Begriffe
- Humanismus
- : die Bewegung, die den Menschen und die antiken Quellen ins Zentrum rückt
- Realpolitik
- : Politik nach den tatsächlichen Machtverhältnissen statt nach Idealen
- Virtù und Fortuna
- : bei Machiavelli Tatkraft und Können gegenüber dem Zufall
- Skepsis
- : die Haltung, Gewissheiten zu prüfen und das Urteil zurückzuhalten
- Essay
- : Montaignes Form, im Schreiben den eigenen Gedanken zu erproben
Verbindungen innerhalb der Strömung
25 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim baut auf Erasmus von Rotterdam aufDeutung
Das Lob der Torheit gilt laut SEP als Vorbild für De vanitate, Agrippa geht radikaler vor.
Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim baut auf Marsilio Ficino aufDeutung
Ficino ist laut SEP Vorbild für Astrologie und Platonismus.
Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim baut auf Giovanni Pico della Mirandola aufDeutung
Picos Oratio ist laut SEP Ausgangspunkt für Agrippas Magieverständnis.
Giordano Bruno baut auf Bernardino Telesio aufDeutung
Bruno lobt Telesio in De la causa als besonnenen Denker (SEP Telesio).
Tommaso Campanella baut auf Bernardino Telesio aufDeutung
Campanella verteidigt seit 1588 Telesios Naturphilosophie und baut sie eigenständig aus; persönlich getroffen hat er Telesio nicht (SEP Campanella, de.wikipedia).
Erasmus von Rotterdam baut auf Lorenzo Valla aufDeutung
Erasmus lobte ihn als besten Führer in lateinischer Grammatik und gab 1505 seine Anmerkungen zum Neuen Testament heraus.
Marsilio Ficino baut auf Basilius Bessarion aufDeutung
Seine christliche Platon-Deutung gab Ficino Deutungsschemata, die dieser ausbaute.
Hugo Grotius baut auf Francisco Suárez aufDeutung
Grotius zog Suárez neben Vitoria, Ayala und Covarrubias immer wieder als Autorität heran (de.wikipedia); eine inhaltliche Abhängigkeit im Einzelnen ist damit nicht belegt.
Thomas Hobbes baut auf Jean Bodin aufDeutung
Deutung: Die SEP nennt Hobbes als den späteren Denker, mit dem Historiker Bodin besonders oft vergleichen, und die Forschungsliteratur verfolgt den Souveränitätsbegriff von Bodin zu Hobbes; einen direkten Beleg für Hobbes' Lektüre liefern die abgerufenen Quellen nicht.
Thomas Hobbes baut auf Hugo Grotius aufDeutung
Hobbes baute auf Grotius' Gedanken zu Selbsterhaltung und Souveränität auf (Wikipedia de).
Thomas Hobbes baut auf Niccolò Machiavelli aufDeutung
Nach Reinhardt nahm Hobbes Machiavellis Gedanken zum Krieg als Ausgangspunkt für den Leviathan (Wikipedia de).
Lucrezia Marinella baut auf Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim aufDeutung
Agrippas Declamation über Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts gehört zu den Quellen ihrer Schrift (SEP).
Francisco Sanches baut auf Juan Luis Vives aufDeutung
Sanches knüpft laut SEP an Vives' Skepsis an.
Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus kannten sich persönlichDeutung
Enge Freundschaft seit 1499, gemeinsame Lukian-Übersetzung, das Lob der Torheit ist Morus gewidmet.
Erasmus von Rotterdam und Juan Luis Vives kannten sich persönlichDeutung
Erasmus beauftragte den Augustinus-Kommentar (1522) und lobte Vives als Kämpfer gegen die Dialektiker.
Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola kannten sich persönlichDeutung
Ficino zählte Pico zu seinen Gesprächspartnern (SEP), en.wikipedia nennt Pico seinen Schüler.
Francesco Patrizi da Cherso und Bernardino Telesio kannten sich persönlichDeutung
Die beiden standen seit Padua im Austausch und Briefwechsel; in einem Brief vom 26. Juni 1572 prüft Patrizi Telesios Prinzipien kritisch, seine Einwände wurden 1590 den Varii libelli beigefügt (de.wikipedia, SEP Telesio).
Jean Bodin kritisiert Niccolò MachiavelliDeutung
Laut Wikipedia en wandte sich Bodin gegen Machiavellis gottloses Weltbild; christliche Autoren wie Huet rückten ihn trotzdem in die skeptische Tradition Machiavellis.
Giordano Bruno kritisiert Francesco Patrizi da ChersoDeutung
Bruno verspottete Patrizis Discussiones peripateticae laut de.wikipedia als Pedantenmist; beide nutzten hermetische Texte, Bruno aber zur Rechtfertigung von Magie (SEP Patrizi).
Tommaso Campanella kritisiert Niccolò MachiavelliDeutung
Er verurteilt Machiavellis Trennung von Politik und Ethik und lehnt Staatsräson ab (SEP Campanella).
Justus Lipsius kritisiert Petrus RamusDeutung
Lipsius lehnte Lehrbücher anstelle klassischer Kommentare ab.
Francesco Patrizi da Cherso kritisiert Bernardino TelesioDeutung
Die beiden standen seit Padua im Austausch und Briefwechsel; in einem Brief vom 26. Juni 1572 prüft Patrizi Telesios Prinzipien kritisch, seine Einwände wurden 1590 den Varii libelli beigefügt (de.wikipedia, SEP Telesio).
Gerolamo Cardano wird verglichen mit Pietro PomponazziDeutung
Deutung: Eine persönliche Beziehung ist nicht belegt; die Verbindung besteht darin, dass Zensoren Cardano Pomponazzis Wunderskepsis und Determinismus unterstellten (SEP Cardano).
Thomas Hobbes wird verglichen mit Niccolò Machiavelliungeprüft
ähnlicher nüchterner Blick auf Macht und menschliche Motive
Justus Lipsius wird verglichen mit Michel de Montaigneungeprüft
Zeitgenossen, die beide Seneca lesen und in den Religionskriegen schreiben. Ein direkter Austausch ist in meinen Quellen nicht belegt.
Nachbarn unter den Strömungen
- Kritik: Mittelalter: christlich, islamisch, jüdischHumanisten wenden sich gegen scholastische Strenge
- Baut auf: Hellenismus: Stoa und EpikurSkepsis und Lebenskunst der Stoa und anderer antiker Schulen werden wiederentdeckt
- Verwandt mit: RationalismusDer Zweifel Montaignes und die neue Naturwissenschaft bereiten Descartes vor
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Niccolò Machiavelli · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: montaigne · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia (en): Renaissance humanism · Wikipedia