Chandra Talpade Mohanty
Feministische Theoretikerin, Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung · geboren 1955 · Syracuse (New York), Clinton (New York), Oberlin (Ohio)
Kernidee in Kürze
Mohanty zeigt, dass manche westliche feministische Schriften die Frauen der sogenannten Dritten Welt als eine einzige, gleichförmige Gruppe von Opfern beschreiben. Diese Darstellung nennt sie eine diskursive Kolonisierung, also eine Aneignung durch Sprache und Wissen, weil sie die verschiedenen geschichtlichen und gesellschaftlichen Lebenslagen dieser Frauen zudeckt.
- Kapitel
- Gegenwart (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie sprechen Feministinnen über Frauen in anderen Weltregionen, ohne sie zu einem einzigen Opferbild zu verschmelzen?
- Position
- Mohanty hält bestimmte westliche feministische Schriften für diskursive Kolonisierung, weil sie die Frauen der Dritten Welt als einheitliche, hilflose Gruppe zeigen. Sie fordert einen Feminismus, der Unterschiede erkennt und trotzdem Solidarität über Grenzen hinweg sucht.
- Einwand
- Eine Lesart, die Mohanty selbst wiedergibt, wirft ihr vor, die Gegenüberstellung von homogener Dritter und Erster Welt selbst wieder aufzubauen. Mohanty weist das zurück und betont die Möglichkeit von Solidarität.
- Verbindung
- Mohanty greift Foucaults Machtbegriff auf. Ihre Kritik am eurozentrischen Blick wird in Überblicken zusammen mit der von Uma Narayan und Gayatri Chakravorty Spivak genannt.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Mohanty war
Indisch-amerikanische feministische Theoretikerin, die in „Under Western Eyes“ kritisierte, dass westliche feministische Forschung dazu neigt, die Frauen der sogenannten Dritten Welt als einheitliche, hilflose Gruppe darzustellen, und die eine Solidarität über Grenzen hinweg fordert, die niemanden kolonisiert.
Mohanty schrieb ihren bekanntesten Aufsatz Mitte der 1980er Jahre, zur Zeit einer sichtbaren und aktiven Frauenbewegung und im Zusammenhang der Kritik am Eurozentrismus und am weißen, westlichen Feminismus. Sie lehrte an mehreren Colleges und arbeitet heute an der Syracuse University. Ihr Aufsatz fand weltweit Beachtung, wurde aber auch kritisiert, worauf sie 2003 mit einer eigenen Neubetrachtung antwortete.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Mohanty beschreibt in „Under Western Eyes“, dass ihre Kritik aus ihrer eigenen Beteiligung an den feministischen Debatten ihrer Zeit entstand und aus der politischen Notwendigkeit, Bündnisse über Klassen-, Rassen- und Ländergrenzen zu bilden.[11]
Bekannt für
Man kennt Mohanty für den Aufsatz „Under Western Eyes“ und für das Buch „Feminism without Borders“. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ein Projekt in einem anderen Land planst, kannst Du Dich mit Mohanty fragen, ob Du die Menschen dort als vielfältig siehst oder in ein einziges Bild von Hilfsbedürftigen packst.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Diskursive Kolonisierung
Mohanty versteht Kolonisierung in „Under Western Eyes“ vor allem als diskursiv, also als eine Art, Wissen über Frauen der Dritten Welt zu ordnen und zu verfassen. Sie wirft bestimmten westlichen feministischen Schriften vor, die Vielfalt dieser Frauen zu einem einzigen Bild zusammenzuziehen. In ihren oft zitierten Worten erscheint die Frau der Dritten Welt dort als eingeschränkt, ungebildet, arm und an Traditionen gebunden, im Gegensatz zum stillschweigenden Selbstbild westlicher Frauen als gebildet, modern und selbstbestimmt.
Macht und Widerstand
Mohanty greift Michel Foucaults Unterscheidung von Machtmodellen auf. Sie wirft den von ihr untersuchten Schriften vor, Macht als etwas zu sehen, das Männer als Gruppe über Frauen als Gruppe ausüben. Dieses einfache Bild von Macht nennt sie mit Foucault ein juridisch-diskursives Modell. Nach Foucault lasse sich Macht nur im Zusammenhang mit Widerstand verstehen, und deshalb sei das Bild theoretisch und politisch problematisch.
Solidarität über Grenzen hinweg
Mohantys Ziel ist eine Solidarität ohne Kolonisierung über Grenzen hinweg, die Rasse, Nation, Kolonialgeschichte, Sexualität, Klasse und Geschlecht gemeinsam betrachtet. Sie fordert Bündnisse über Grenzen hinweg und betont die Bedeutung ortsgebundener Kämpfe.
Neubetrachtung 2003
Sie richtet den Feminismus stärker auf Kämpfe gegen den Kapitalismus aus, weil die Globalisierung Geschlecht, Rasse, Klasse und Nation auf neue Weise verknüpft.
Begriffe
- Diskursive Kolonisierung
- „Frau der Dritten Welt“ als Stereotyp
- transnationaler Feminismus
- Solidarität über Grenzen hinweg
- antikapitalistische feministische Praxis
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Mohanty übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Michel FoucaultPrüfstand: belegt
Mohanty nutzt Foucaults Unterscheidung von Machtmodellen und seine Aussage, Macht sei nur im Zusammenhang mit Widerstand zu verstehen, um zu zeigen, dass das Bild der Frauen als einheitlich unterdrückter Gruppe Macht falsch begreift.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
Gayatri Chakravorty SpivakPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Ein Überblick zur kontinentalen feministischen Philosophie ordnet Mohanty und Gayatri Chakravorty Spivak gemeinsam den postkolonialen feministischen Ansätzen zu, die die Vorherrschaft westlichen Denkens mit Genealogie und Dekonstruktion befragen.
Uma NarayanPrüfstand: Deutung
Redaktioneller Vergleich: Mohanty und Uma Narayan werden in Überblicken beide als Stimmen genannt, die den eurozentrischen Blick westlicher feministischer Forschung auf Frauen der Dritten Welt kritisieren.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Mohanty wurde 1955 geboren. Sie studierte Englisch an der University of Delhi und erwarb 1987 an der University of Illinois at Urbana-Champaign ihre Promotion. Später lehrte sie am Oberlin College in Ohio und am Hamilton College in New York.[4]
Biografie belegt
Heute ist Mohanty Distinguished Professor für Frauen- und Geschlechterforschung an der Syracuse University, außerdem mit Bezug zu Soziologie und zu den Grundlagen der Erziehung. Sie ist Mitherausgeberin mehrerer Sammelbände, darunter „Third World Women and the Politics of Feminism“ (1991).[2]
Zeitgeschehen belegt
Mohanty schreibt ihre Absicht im Aufsatz selbst: Sie stütze sich auf ihre eigene Verwicklung in die feministischen Debatten und auf die politische Notwendigkeit, zur Zeit der Regierung Reagan und Bush strategische Bündnisse über Klassen-, Rassen- und Ländergrenzen zu bilden.[11]
Kritik
Mohantys Aufsatz fand viel Beachtung und löste Kritik aus. Dem hält sie entgegen, sie habe weder die Unmöglichkeit gleichberechtigter, nicht kolonisierender Forschung über Kulturgrenzen hinweg behauptet noch westlichen und Dritte-Welt-Feminismus so gegensätzlich bestimmt, dass Solidarität unmöglich wäre. Sie wehrt sich außerdem dagegen, als Postmodernistin eingeordnet zu werden.
Wirkung heute
Überblicke zur feministischen Philosophie nennen Mohanty als Beispiel für die Kritik am eurozentrischen Blick, und einer von ihnen nennt Feminism without Borders in dieser Hinsicht ein bahnbrechendes Werk über die Folgen des globalen Kapitalismus für Frauen weltweit. „Under Western Eyes“ gilt als Schlüsseltext, der zu einer Neubestimmung der Machtverhältnisse zwischen Feministinnen der Ersten und der Dritten Welt geführt hat. Feminism without Borders wurde ins Koreanische, Schwedische, Türkische, Japanische und Italienische übersetzt.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du Dein Team international aufstellst, kannst Du mit Mohanty prüfen, ob Dein Bild von Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern aus Einzelfällen besteht oder aus Stereotypen, und ob Du Zusammenarbeit auf Augenhöhe suchst statt Hilfe von oben. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Mohantys über Führung.
Lebensstationen
- 1955Geburt
- 1984„Under Western Eyes“ erscheint in der Zeitschrift boundary 2 (Band mit der Jahresangabe 1984; nach Mohanty erschien er 1986)
- 1987Promotion an der University of Illinois at Urbana-Champaign
- 1988Überarbeitete Fassung von „Under Western Eyes“ in Feminist Review
- 1991Third World Women and the Politics of Feminism erscheint (Mitherausgeberin)
- 2003Feminism without Borders erscheint, dazu der Aufsatz „Under Western Eyes Revisited“ in Signs
Werke
Under Western Eyes (Zeitschriftenband mit der Jahresangabe 1984, nach Mohanty erschienen 1986; überarbeitet 1988); Third World Women and the Politics of Feminism (1991, Mitherausgeberin); Feminism without Borders (2003)
Lesetipps
- Einstieg
- Chandra Talpade Mohanty, Feminism without Borders: Decolonizing Theory, Practicing Solidarity (Duke University Press, 2003)
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Feminist Perspectives on Globalization“
Noch nicht sicher belegt
- Die Zeitschriftennummer, in der „Under Western Eyes“ zuerst erschien, trägt die Jahresangabe 1984; Mohanty selbst schreibt, der Aufsatz sei 1986 erschienen. Die Mitherausgabe von „Feminist Genealogies, Colonial Legacies, Democratic Futures“ (mit M. Jacqui Alexander) wird mit 1996 oder 1997 datiert. Ob sie als Philosophin gelten kann, hängt von der Definition ab; die Quellen ordnen ihre Arbeit der feministischen und transnationalen Theorie zu.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Mohanty
- [1]Chandra Talpade Mohanty · Wikipedia
- [2]artsandsciences.syracuse.edu/people/faculty/mohanty-chandra-talpade · Webseite
- [3]dukeupress.edu/feminism-without-borders · Webseite
- [5]www2.kobe-u.ac.jp/~alexroni/IPD 2015 readings/IPD 2015_5/under-western-eyes.pdf · Webseite
- [6]warwick.ac.uk/fac/arts/english/currentstudents/postgraduate/masters/modules/theoryfromthemargins/mohanty_under_western_eyes_revisted.pdf · Webseite
- [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [8]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [9]additional info · Britannica
- [10]electronicbookreview.com/publications/feminism-geography-and-chandra-mohanty · Webseite
- [11]Mohanty, Under Western Eyes, Feminist Review 30 (1988), Einleitung · Webseite