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Landkarte der Philosophie

Uma Narayan

Philosophin · geboren 1958 · Poughkeepsie (New York)

Kernidee in Kürze

Narayan wendet sich gegen die Vorstellung, Feminismus sei eine westliche Idee, die Frauen in anderen Ländern aufgezwungen werde. Sie zeigt an Beispielen wie dem Brauch der Witwenverbrennung (sati) und den Morden wegen der Mitgift, dass Kulturen und ihre Traditionen von Streit, Politik und Geschichte geprägt sind.

Kapitel
Gegenwart (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Ist Feminismus in Ländern wie Indien ein Import aus dem Westen, und was heißt es, eine Kultur zu respektieren?

Position
Narayan hält den Vorwurf der Verwestlichung für geschichtsvergessen. Kulturen sind nach ihr nicht einheitlich, sondern von Streit und Politik geprägt, und der Respekt vor einer Kultur darf nicht in ein starres Paketbild kippen.
Einwand
Die Spannung bleibt, dass der Wert anderer Erfahrungen und Kulturen anerkannt werden soll, ohne die Unterdrückung zu verklären, die sie enthalten können. Narayan sagt das selbst und warnt auch den postkolonialen Feminismus vor starren Gegensätzen.
Verbindung
Narayan wird in Überblicken mit Chandra Talpade Mohanty und Gayatri Chakravorty Spivak zusammen genannt, weil alle den eurozentrischen Blick kritisieren. Mit Sandra Harding gab sie einen Band zur multikulturellen und postkolonialen Philosophie heraus.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Narayan war

Philosophin indischer Herkunft, die in den Vereinigten Staaten lehrte und zeigt, dass Feminismus in Indien kein bloßer Import aus dem Westen ist und dass Kulturen keine geschlossenen, einheitlichen Pakete sind.

Narayan zog 1987 für das Graduiertenstudium in die Vereinigten Staaten, promovierte 1990 an der Rutgers University und lehrte von 1990 bis 2022 Philosophie am Vassar College. Ihr bekanntestes Buch „Dislocating Cultures“ erschien 1997.

Kernidee genauer

Ihr „Paketbild der Kulturen“ beschreibt den Fehler, eine Kultur als einheitliches Ganzes zu sehen, in dem alle gleich denken und das sich vom Westen scharf abgrenzt. Mit der gleichen Vorsicht prüft sie die feministische Erkenntnistheorie, die meist von angloamerikanischen Feministinnen entwickelt wurde.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Narayan schreibt in ihrem Aufsatz von 1989, sie prüfe aus ihrer Perspektive als nichtwestliche, indische Feministin das überwiegend angloamerikanische Projekt der feministischen Erkenntnistheorie.[8]

Bekannt für

Man kennt Narayan für das Buch „Dislocating Cultures“ und für ihre Kritik am Paketbild der Kulturen. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du sagst, in einem Land „denken die Leute eben so“, kannst Du Dich mit Narayan fragen, wer dort tatsächlich so denkt, wer widerspricht und wie sich das geändert hat.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Feminismus ist kein bloßer Import

In „Dislocating Cultures“ widerspricht Narayan der Annahme, der indische Feminismus beruhe auf westlichen Vorbildern. Sie zeigt, wie westliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und solche aus der Dritten Welt Kulturen und feministische Anliegen falsch dargestellt haben, und verfolgt die politischen Kräfte hinter diesen Darstellungen bis in die Kolonialzeit zurück. Den Vorwurf der Verwestlichung gegen den indischen Feminismus weist sie zurück und stützt sich dabei auf die geschichtliche Einordnung von Bräuchen wie der Witwenverbrennung und der Morde wegen der Mitgift.

Das Paketbild der Kulturen

Narayan nennt die Vorstellung, Kulturen seien einheitliche, in sich geschlossene Ganze, die ihre inneren Spaltungen und Unterschiede verdecken, das „Paketbild der Kulturen“, so im Titel eines Aufsatzes von 2000. Im Aufsatz „Essence of Culture and a Sense of History“ (1998) zieht sie eine Parallele zwischen Geschlechteressentialismus und Kulturessentialismus. Sie hält den Kulturessentialismus für schädlich für feministische Anliegen und warnt postkoloniale Feministinnen vor essentialistischen Gegensätzen zwischen „westlichen“ und „Dritte-Welt“-Kulturen.

Sati im Licht der Kolonialgeschichte

Einige westliche Feministinnen, etwa Mary Daly, verurteilen den Brauch der Witwenverbrennung als offensichtlich falsch. Narayan hält dagegen, dass man ihn grundlegend falsch darstellt, wenn man ihn als einzelnes, örtliches Phänomen betrachtet. Seine symbolische Kraft als Sinnbild der hinduistischen und indischen Kultur gewann er nach ihr unter der britischen Herrschaft.

Feministische Erkenntnistheorie aus nichtwestlicher Sicht

In ihrem Aufsatz von 1989 prüft Narayan aus der Sicht einer indischen Feministin das überwiegend angloamerikanische Projekt der feministischen Erkenntnistheorie. Sie fragt unter anderem, was die These vom Erkenntnisvorrang unterdrückter Gruppen für nichtwestliche Feministinnen politisch bedeutet, und weist darauf hin, dass das Leben in mehreren Zusammenhängen nicht immer Vorteile bringt, sondern auch schmerzhafte Probleme schaffen kann.

Zusammenarbeit über Unterschiede hinweg

In ihrem Aufsatz „Working Together Across Difference“ von 1988 erklärt Narayan, was der Gedanke vom Erkenntnisvorrang der Unterdrückten bedeutet und was nicht. Sie beschreibt, dass dieser Vorrang Schwierigkeiten im Gespräch und in Bündnissen mit Außenstehenden macht, die ihn nicht anerkennen, zeigt, wie Außenstehende die Gefühle der Betroffenen unbeabsichtigt verletzen können, und schlägt Wege vor, das zu mindern.

Begriffe

Paketbild der Kulturen (Package Picture)
Kulturessentialismus
Westernisierung (Vorwurf
Feminismus sei westlicher Import)
Feminismus der Dritten Welt
epistemischer Vorrang der Unterdrückten

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 1 belegt, 2 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Sandra HardingPrüfstand: belegt

    Harding und Uma Narayan gaben gemeinsam den Band Decentering the Center: Philosophy for a Multicultural, Postcolonial, and Feminist World (2000) heraus.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Chandra Talpade MohantyPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Mohanty und Uma Narayan werden in Überblicken beide als Stimmen genannt, die den eurozentrischen Blick westlicher feministischer Forschung auf Frauen der Dritten Welt kritisieren.

  • Gayatri Chakravorty SpivakPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Narayan wird zusammen mit Gayatri Chakravorty Spivak und Chandra Talpade Mohanty genannt, weil alle drei den Gedanken kritisieren, Westen und Nicht-Westen seien einheitliche, scharf getrennte Größen.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Narayan besuchte in Bombay die Schule, studierte dort Philosophie und erwarb ihren Master in Philosophie an der Universität Pune in Indien. Ihre Doktorarbeit schrieb sie an der Rutgers University über anstößiges Verhalten und die Frage, wann man es rechtlich verbieten darf.[2]

  • Biografie belegt

    Narayan lehrte von 1990 bis 2022 am Vassar College in Poughkeepsie und ist dort Professorin im Ruhestand für Philosophie. Zu ihren Lehrgebieten zählten Rechtsphilosophie, Gesellschafts- und Politikphilosophie, Ethik und feministische Theorie.[3]

  • Rezeption belegt

    „Dislocating Cultures“ erhielt den Victoria Shuck Prize der American Political Science Association für das beste Buch über Frauen und Politik des Jahres 1997. 1992 erhielt Narayan außerdem ein Stipendium für den Sommer von der staatlichen Stiftung für die Geisteswissenschaften in den Vereinigten Staaten zum Thema Menschenrechte.[2]

Kritik

Die Quellen nennen keine ausgearbeitete Kritik Dritter an Narayans Hauptthesen; der Verlag zitiert Rezensionen, die ihre Analyse loben. Außerdem warnt sie vor Formen des postkolonialen Feminismus, die in kulturelle Gegensätze zwischen „Westen“ und „Nicht-Westen“ zurückfallen.

Wirkung heute

Überblicke zu Feminismus und Globalisierung, zum kontinentalen Feminismus und zur feministischen Ethik nennen Narayan für die Kritik am eurozentrischen Blick westlicher Feministinnen. Narayan ist heute Professorin im Ruhestand am Vassar College.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team in einem anderen Land oder Kulturkreis führst, kannst Du mit Narayan prüfen, ob Du „die Kultur“ als geschlossenes Paket siehst oder auch den Streit und Wandel im Inneren wahrnimmst, zum Beispiel unter jungen und älteren Kolleginnen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Narayans über Führung.

Lebensstationen

  1. 1958Geburt
  2. 1989Aufsatz „The Project of Feminist Epistemology“ in Gender/Body/Knowledge
  3. 1990Promotion an der Rutgers University; Beginn der Lehrtätigkeit am Vassar College
  4. 1997Dislocating Cultures erscheint
  5. 1998Aufsatz „Essence of Culture and a Sense of History“ in Hypatia
  6. 2000Decentering the Center erscheint (mit Sandra Harding)
  7. 2022Ende der Lehrtätigkeit am Vassar College, Professorin im Ruhestand

Werke

Dislocating Cultures: Identities, Traditions, and Third-World Feminism (1997); The Project of Feminist Epistemology (1989); Essence of Culture and a Sense of History (1998); Decentering the Center (2000, mit Sandra Harding)

Lesetipps

Einstieg
Uma Narayan, Dislocating Cultures: Identities, Traditions, and Third-World Feminism (Routledge, 1997)
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Feminist Perspectives on Globalization“ (Abschnitt zu postkolonialen und dekolonialen Ansätzen)

Noch nicht sicher belegt

  • Das Vassar College führt sie als Professorin im Ruhestand für 1990 bis 2022, einige ältere Quellen nennen sie noch als Professorin. Ausgearbeitete Einwände anderer gegen ihre Hauptthesen sind noch nicht belegt.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 9: Feministische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Narayan

  1. [1]Uma Narayan · Wikipedia
  2. [2]Brandeis Initiative in Intercommunal Coexistence, Kurzbiografie · Webseite
  3. [3]vassar.edu/faculty/departments/philosophy · Webseite
  4. [4]encyclopedia.pub/entry/39487 · Webseite
  5. [5]routledge.com/Dislocating-Cultures-Identities-Traditions-and-Third-World-Feminism/Narayan/p/book/9780415914192 · Webseite
  6. [6]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  7. [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  8. [8]Uma Narayan, The Project of Feminist Epistemology: Perspectives from a Nonwestern Feminist, Einleitung · Webseite
  9. [9]cambridge.org/core/journals/hypatia/article/abs/essence-of-culture-and-a-sense-of-history-a-feminist-critique-of-cultural-essentialism/0B4E405C7E45C23EDE4E8F905F7539CC · Webseite
  10. [10]philpapers.org/rec/NARWTA-2 · Aufsatz
  11. [11]additional info · Britannica
  12. [12]additional info · Britannica
  13. [13]archive.org/details/dislocatingcultu0000nara · Webseite
  14. [14]philpeople.org/profiles/uma-narayan/publication_attributions · Webseite

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