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Landkarte der Philosophie

Oskar Morgenstern

Ökonom · 1902–1977 · Wien, Princeton

Kernidee in Kürze

Morgenstern fragte, was es für Entscheidungen heißt, dass sich alle Beteiligten gegenseitig vorhersehen wollen. Schon vor seiner Zusammenarbeit mit von Neumann hielt er fest, dass vollkommene Voraussicht auf eine endlose Kette von Vermutungen und Gegenvermutungen führt, die sich nicht durch Wissen, sondern nur durch einen Entschluss beenden lässt.

Kapitel
System und Organisation (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Was wird aus Entscheidungen, wenn jeder Beteiligte vorhersehen will, was die anderen tun, und die anderen dasselbe tun?

Position
Mit von Neumann entwickelte er die Spieltheorie, die solche wechselseitigen Abhängigkeiten mathematisch behandelt.
Einwand
Ob die Spieltheorie für die Wirtschaft nützlich ist, war schon unter Zeitgenossen umstritten. Außerdem ist unklar, wie groß sein Anteil im Vergleich zu dem von Neumanns war.
Verbindung
Sein Mitautor ist von Neumann. Gödel half er 1947 gemeinsam mit Einstein bei der amerikanischen Einbürgerung. In Wien hielt er einen Vortrag im Wiener Kreis.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Morgenstern war

Deutsch-österreichisch-amerikanischer Ökonom, der mit John von Neumann die Spieltheorie begründete und zuvor untersucht hatte, wie Wirtschaftsprognosen das Handeln verändern, das sie vorhersagen.

Morgenstern lehrte in Wien Ökonomie, leitete dort ein Institut für Konjunkturforschung und musste 1938 wegen der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich in den Vereinigten Staaten bleiben. In Princeton traf er von Neumann, mit dem er das Buch „Theory of Games and Economic Behavior“ schrieb. Er gehört nicht zur Philosophie im engen Sinn, trägt aber zur Frage bei, wie rationales Entscheiden unter gegenseitiger Abhängigkeit zu verstehen ist.

Kernidee genauer

Später warnte er davor, wirtschaftlichen Daten eine Genauigkeit zuzuschreiben, die sie nicht haben.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Nachdem Morgenstern 1935 in Wien über vollkommene Voraussicht gesprochen hatte, wies ihn der Mathematiker Eduard Čech auf von Neumanns Aufsatz von 1928 hin. Morgenstern wollte ihn lesen, kam aber als Institutsleiter zunächst nicht dazu. Die Zusammenarbeit mit von Neumann begann erst in Princeton.[3]

Fundstelle: Abschnitt zu Wien und Princeton

Bekannt für

Man kennt Morgenstern als Mitbegründer der Spieltheorie. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ein Preisangebot machst, das auch davon abhängt, was Dein Gegenüber von Dir erwartet, bist Du in genau der Lage, die Morgenstern und von Neumann mathematisch beschrieben haben.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Prognosen verändern, was sie vorhersagen

In seinem ersten Buch „Wirtschaftsprognose“ von 1928 untersuchte Morgenstern, unter welchen Bedingungen sich wirtschaftliche Entwicklungen überhaupt vorhersagen lassen. Er befasste sich dort erstmals mit dem Rückkopplungseffekt von Prognosen, also damit, dass eine bekannte Prognose das Handeln der Beteiligten verändert. Er selbst beschreibt, dass er die Frage der Prognose erkenntnistheoretisch prüfte und dabei auf Schwierigkeiten und beinahe Unmöglichkeiten der Vorhersage stieß.

Vollkommene Voraussicht und Gleichgewicht

In dem Aufsatz von 1935 vertrat Morgenstern, dass auch vollkommene Voraussicht das Risiko nicht beseitigen würde. Unbegrenzte Voraussicht und wirtschaftliches Gleichgewicht ließen sich deshalb nicht vereinen. Das ist seine Position, über die in der Wirtschaftstheorie später weiter diskutiert wurde.

Die Spieltheorie mit von Neumann

Der Mathematiker Eduard Čech machte Morgenstern in Wien auf von Neumanns Aufsatz über Gesellschaftsspiele von 1928 aufmerksam. Im Oktober 1939 begannen in Princeton intensive Gespräche zwischen beiden. Das Buch „Theory of Games and Economic Behavior“ (1944) übertrug die Spieltheorie auf die Wirtschaft, in der Beteiligte ihr Handeln davon abhängig machen, was andere tun werden. Es gilt als erste allgemeine mathematische Fassung der Spieltheorie.

Falsche Genauigkeit

In „On the Accuracy of Economic Observations“ (1950) analysierte Morgenstern, wie genau wirtschaftliche Daten überhaupt erhoben werden können. Das Buch richtet sich gegen eine Genauigkeit, die die Wirtschaftswissenschaft ihren Zahlen zuschreibt, obwohl die Daten sie nicht hergeben.

Begriffe

Spieltheorie
Voraussicht und Gleichgewicht
Rückkopplung von Prognosen
Nutzen unter Risiko
Genauigkeit wirtschaftlicher Daten

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

2 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • John von NeumannPrüfstand: belegt

    Morgenstern und von Neumann schrieben gemeinsam „Theory of Games and Economic Behavior“, das von Neumanns Spieltheorie von 1928 auf die Wirtschaft übertrug.

  • Kurt GödelPrüfstand: belegt

    Morgenstern und Einstein halfen Gödel bei der amerikanischen Einbürgerung 1947; Morgenstern hielt das in einem Bericht fest.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Morgenstern wurde 1902 in Görlitz geboren und wuchs in Wien auf. Dort promovierte er 1925 an der Universität. Danach war er drei Jahre als Stipendiat der Rockefeller-Stiftung im Ausland, in London, an der Harvard und der Columbia University in den Vereinigten Staaten sowie in Paris und Rom. In Harvard schrieb er sein erstes Buch.[9]

  • Zeitgeschehen belegt

    Als im März 1938 deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, war Morgenstern auf einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten. Er entschied sich, dort zu bleiben. Seine Lehrerlaubnis in Wien wurde im April 1938 zunächst ausgesetzt und einige Monate später endgültig widerrufen. In den Vereinigten Staaten erhielt er noch im selben Jahr einen Lehrauftrag in Princeton.[2]

  • Biografie belegt

    In Wien leitete Morgenstern als Nachfolger von Friedrich August von Hayek das Österreichische Institut für Konjunkturforschung bis 1938. Zu seiner Zeit in Wien gehörte auch ein Vortrag im Wiener Kreis, der philosophischen Diskussionsgruppe um Moritz Schlick, über den Aufsatz zur vollkommenen Voraussicht.[3]

  • Biografie belegt

    In Princeton lehrte Morgenstern bis 1970, danach an der New York University. Er starb 1977 in Princeton an Krebs.[4]

Kritik

Der Ökonom Jacob Viner, ein Kollege in Princeton, bezweifelte, dass die Spieltheorie in der Wirtschaft von Nutzen sein könne, wenn sie nicht einmal das viel einfachere Schach lösen könne. Morgensterns eigener Anteil am gemeinsamen Buch wird seit langem unterschiedlich eingeschätzt. Seine mathematischen Fähigkeiten gelten als begrenzt; zugleich wird ihm zugeschrieben, von Neumann die Richtung und den Anstoß gegeben zu haben, die Spieltheorie auf die Wirtschaft anzuwenden. Außerdem gilt die Spieltheorie von 1944 nur für bestimmte Spiele; spätere Arbeiten wie die von John Nash erweiterten sie.

Wirkung heute

Die Universität Wien benannte 2012 einen Platz nach ihm und vergibt seit 2013 eine Oskar-Morgenstern-Medaille.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du in Deinem Team ankündigst, was Du für das nächste Quartal erwartest, verändert die Ankündigung selbst das Verhalten der anderen, und Deine Prognose kann dadurch eintreten oder scheitern. Frag Dich bei Zielen und Prognosen deshalb auch, wer sie liest und wie er darauf reagiert. Das ist eine Übertragung von Morgensterns Gedanken zur Rückkopplung und keine Aussage von ihm über Führung.

Lebensstationen

  1. 1902Geburt in Görlitz (24. Januar)
  2. 1925Promotion an der Universität Wien
  3. 1928„Wirtschaftsprognose“ erscheint
  4. 1935Aufsatz über vollkommene Voraussicht und Gleichgewicht
  5. 1938Bleibt nach dem Anschluss Österreichs in den Vereinigten Staaten, Lehrauftrag in Princeton
  6. 1944„Theory of Games and Economic Behavior“ mit John von Neumann
  7. 1977Tod in Princeton (26. Juli)

Werke

Wirtschaftsprognose (1928); Vollkommene Voraussicht und wirtschaftliches Gleichgewicht (1935); Theory of Games and Economic Behavior (1944, mit John von Neumann); On the Accuracy of Economic Observations (1950)

Lesetipps

Einstieg
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Game Theory“, Abschnitt zur Geschichte
Vertiefung
MacTutor, Biografie Oskar Morgenstern

Noch nicht sicher belegt

  • Ein Eintrag der Universität Wien nennt Wien als Geburtsort und New York als Sterbeort; die übrigen Quellen nennen Görlitz und Princeton. Ob er die Leitung des Wiener Instituts für Konjunkturforschung 1929, 1930 oder 1931 übernahm, geben die Quellen unterschiedlich an. Auch wann er 1938 in den Vereinigten Staaten ankam, wird nicht einheitlich überliefert. Wer seine Doktorarbeit 1925 betreute, ist unklar: genannt werden Ludwig von Mises und Hans Mayer, an dessen Lehrstuhl er Assistent war. Wie groß sein Anteil am Buch mit von Neumann war, wird unterschiedlich beurteilt.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 3: Organisation, System, Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Morgenstern

  1. [1]Oskar Morgenstern · Britannica
  2. [2]Geschichte der Universität Wien, Oskar Morgenstern · Webseite
  3. [3]Geschichte der Universität Wien, Oskar Morgenstern; MacTutor, Oskar Morgenstern · Webseite
  4. [4]Britannica, Oskar Morgenstern; Encyclopedia.com, Dictionary of Scientific Biography · Webseite
  5. [5]Oskar Morgenstern · Wikipedia
  6. [6]Oskar Morgenstern · Wikipedia
  7. [7]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  8. [8]nytimes.com/1977/07/27/archives/oskar-morgenstern-is-dead-at-75-economic-game-theory-pioneer.html · Webseite
  9. [9]Wikipedia (en), Oskar Morgenstern, Abschnitt Biography; MacTutor, Oskar Morgenstern; Neue Deutsche Biographie, Morgenstern, Oskar · Webseite
  10. [10]geschichte.univie.ac.at/en/persons/oskar-morgenstern · Webseite
  11. [11]informs.org/Explore/History-of-O.R.-Excellence/Biographical-Profiles/Shubik-Martin · Webseite
  12. [12]geschichte.univie.ac.at/en/persons/ludwig-von-mises · Webseite

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