John von Neumann
Mathematiker · 1903–1957 · Budapest, Princeton
Kernidee in Kürze
Von Neumann zeigte 1928, dass es in jedem Spiel mit zwei Spielern, bei dem der Gewinn des einen genau der Verlust des anderen ist, eine Vorgehensweise gibt, die beide vernünftigerweise wählen können. Zusammen mit Oskar Morgenstern übertrug er dieses Denken 1944 auf die Wirtschaft und baute dafür auch ein Verfahren, Vorlieben mit Hilfe von Lotterien als Zahlen zu messen.
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie entscheidet man vernünftig, wenn das Ergebnis vom Zufall und vom Handeln anderer abhängt?
- Position
- Von Neumann hält es für möglich, solche Entscheidungen mathematisch streng zu beschreiben. Für den engen Fall zweier Gegner mit entgegengesetzten Interessen zeigt er, dass es eine vernünftige Strategie für beide gibt. Mit Morgenstern misst er Vorlieben über Lotterien, sodass sich Entscheiden als Maximieren des erwarteten Nutzens darstellen lässt.
- Einwand
- Menschen halten sich oft nicht an die Bedingungen des Nutzenmodells, und Fachleute streiten, ob das gegen die Menschen oder gegen die Bedingungen spricht. Der Minimax-Satz selbst gilt nur für Spiele, in denen einer gewinnt, was der andere verliert.
- Verbindung
- Morgenstern ist sein Mitautor. Savage ergänzte 1954 die Wahrscheinlichkeiten, Turing und von Neumann gelten als gedankliche Erfinder des Computers mit gespeichertem Programm.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer von Neumann war
Ungarisch-amerikanischer Mathematiker, der mit dem Ökonomen Oskar Morgenstern die Spieltheorie begründete und damit eine mathematische Antwort darauf gab, was vernünftiges Entscheiden unter Risiko und im Gegenspiel mit anderen heißt.
Von Neumann war Mathematiker und arbeitete in vielen Feldern, vom Fundament der Mathematik über Quantenmechanik bis zur Entwicklung der ersten Computer. Für dieses Kapitel zählt vor allem sein Beitrag zur Frage, was rationales Entscheiden ist. Er arbeitete im Zweiten Weltkrieg am Manhattan-Projekt mit, dem amerikanischen Programm zum Bau der Atombombe.
Kernidee genauer
Dieses Verfahren ist bis heute eine Grundlage der Entscheidungstheorie, wird aber auch kritisiert.
Biografischer Moment
Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.
Im September 1930 hörte von Neumann auf einer Tagung, wie Kurt Gödel seinen ersten Unvollständigkeitssatz vorstellte. Kurz danach fand er selbst eine Folgerung daraus und schrieb sie Gödel, der sie schon kannte. Diese Entdeckung veränderte seine Ansichten über mathematische Strenge so stark, dass er die Grundlagenforschung der Mathematik aufgab und sich Anwendungsproblemen zuwandte.[5]
Fundstelle: Abschnitt Foundations of mathematics
Bekannt für
Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ein Angebot machst und Dein Ergebnis davon abhängt, was Dein Gegenüber tut, beschreibt die Spieltheorie, wie sich so ein wechselseitiges Entscheiden ordnen lässt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Minimax-Satz
1928 veröffentlichte von Neumann den Aufsatz „Zur Theorie der Gesellschaftsspiele“. Beim Pokern gehört dazu, dass man gelegentlich und nicht vorhersehbar blufft. Der Satz gilt für diese engen Spiele mit zwei Spielern und entgegengesetzten Interessen. Die meisten Alltagssituationen sind anders gebaut.
Wirtschaft als Spiel
In „Theory of Games and Economic Behavior“ (1944) behaupten von Neumann und Morgenstern, dass die Mathematik, die für die Naturwissenschaften entwickelt wurde, ein schlechtes Modell für die Wirtschaft sei. Dort entscheiden Beteiligte im Blick darauf, was die anderen tun werden, ähnlich wie bei einem Spiel. Von Neumann dehnte den Minimax-Satz dafür auf Spiele mit unvollständiger Information und mit mehr als zwei Spielern aus.
Nutzen messen mit Lotterien
Wie stark jemand etwas vorzieht, lässt sich nicht einfach als Zahl ablesen. Von Neumann und Morgenstern schlugen vor, es über Lotterien zu messen: Du fragst, bei welcher Gewinnchance jemand ein sicheres Ergebnis und ein Los mit besserem und schlechterem Ausgang für gleich gut hält. Wenn die Vorlieben einer Person bestimmte Bedingungen erfüllen, etwa dass sie sich vergleichen lassen, nicht im Kreis laufen und von unbeteiligten Alternativen unabhängig sind, dann lässt sich ihr Verhalten so beschreiben, als maximiere sie ihren erwarteten Nutzen. Das ist ihr Satz zur Darstellung von Vorlieben; seine Herleitung steht in einem Anhang der zweiten Auflage von 1947.
Der Computer mit gespeichertem Programm
Von Neumann gilt neben Alan Turing und Claude Shannon als einer der gedanklichen Erfinder des Computers, bei dem Programm und Daten im selben Speicher liegen. Seinen unvollständigen „First Draft of a Report on the EDVAC“ schrieb er als Berater des Computerprojekts an der University of Pennsylvania. Die Bauweise wird oft nach ihm benannt, beruht aber auch auf der Arbeit von J. Presper Eckert und John Mauchly, den Erfindern des ENIAC.
Begriffe
- Spieltheorie
- Minimax-Satz
- Nullsummenspiel
- Nutzen unter Risiko (Erwartungsnutzen)
- gespeichertes Programm
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Norbert WienerPrüfstand: belegt
Von Neumann und Wiener besprachen die Modellierung von Nervenzellen; von Neumann schrieb im November 1946 vor einem Treffen mit Wiener seine Gedanken dazu auf.
Oskar MorgensternPrüfstand: belegt
Morgenstern und von Neumann schrieben gemeinsam „Theory of Games and Economic Behavior“, das von Neumanns Spieltheorie von 1928 auf die Wirtschaft übertrug.
Übernimmt Gedanken von
von Neumann übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Alan TuringPrüfstand: belegt
Nach dem Zeugnis seines Kollegen Stanley Frankel betonte von Neumann, dass die Grundidee des Computers mit gespeichertem Programm auf Turings Aufsatz von 1936 zurückgeht, soweit sie nicht schon Charles Babbage vorweggenommen hatte. Wie stark dieser Aufsatz von Neumanns eigenen Computerentwurf tatsächlich prägte, beurteilen Historiker unterschiedlich.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von von Neumann weiter, meist über Texte.
Leonard J. SavagePrüfstand: belegt
Savage ergänzte die Theorie von von Neumann und Morgenstern, die mit gegebenen Wahrscheinlichkeiten rechnete, um subjektive Wahrscheinlichkeiten und stützte sich für seinen Satz auf ihren Darstellungssatz; sein Buch zeigt von Neumanns Einfluss.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Von Neumann wurde 1903 in Budapest in eine wohlhabende jüdische Familie geboren. Er studierte Chemieingenieurwesen und machte 1925 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich seinen Abschluss. Parallel dazu promovierte er 1926 an der Universität Budapest in Mathematik.[5]
Zeitgeschehen belegt
1933 nahm von Neumann eine feste Professur am Institute for Advanced Study in Princeton in New Jersey an. 1937 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Seine Mutter, seine Brüder und seine angeheirateten Verwandten folgten ihm 1939 in die Vereinigten Staaten.[5]
Zeitgeschehen belegt
Im Zweiten Weltkrieg arbeitete von Neumann am Manhattan-Projekt mit. Er entwickelte die mathematischen Modelle für die Sprenglinsen der Atombombe, die durch Implosion gezündet wird. Später gehörte er zu den einflussreichen Beratern der amerikanischen Regierung in der Atomenergie- und Rüstungspolitik, unter anderem in der Atomenergiekommission.[5]
Biografie belegt
Von Neumann starb 1957 im Alter von 53 Jahren in einem Militärkrankenhaus in Washington. 1955 hatte man bei ihm eine Geschwulst gefunden, die sich als Krebs herausstellte. Wo der Krebs ursprünglich entstand, geben die Quellen unterschiedlich an. Möglicherweise stand die Erkrankung mit der Strahlung in Los Alamos in Zusammenhang, das wird aber nur als Vermutung genannt.[5]
Kritik
Die Bedingungen, aus denen der Satz über den erwarteten Nutzen folgt, sind nicht unumstritten. Das Allais-Paradox, ein Entscheidungsbeispiel, dessen übliche Antwort der Unabhängigkeitsbedingung widerspricht, zeigt eine Schwachstelle. Fachleute reagieren darauf unterschiedlich; die Bedingung gilt als überzeugend, aber nicht als unangefochten. Außerdem setzt der Satz voraus, dass die Wahrscheinlichkeiten gegeben sind. Wie sich auch Wahrscheinlichkeiten aus dem Verhalten ablesen lassen, arbeitete Leonard Savage 1954 aus, nachdem Frank Ramsey einen ähnlichen Weg schon 1926 skizziert hatte.
Wirkung heute
Die Spieltheorie, deren erste allgemeine mathematische Fassung von Neumann und Morgenstern 1944 vorlegten, ist heute ein Werkzeug in Wirtschaft, Sozialwissenschaften und Biologie. Ihr Verfahren, Nutzen mit Lotterien zu messen, gehört bis heute zu den Standardbausteinen der Entscheidungstheorie.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du vor einer Verhandlung überlegst, was Dein Gegenüber wohl tun wird, und Deine Entscheidung davon abhängig machst, denkst Du in einer Weise, die die Spieltheorie ordnet. Frage Dich auch, wie viel Dir verschiedene Ergebnisse wert sind, und welches Risiko Du dafür eingehen würdest. Das ist eine Übertragung. Von Neumanns Satz selbst gilt für Spiele mit zwei Gegnern, in denen einer verliert, was der andere gewinnt, und das ist in Teams und Kundenbeziehungen selten der Fall.
Lebensstationen
- 1903Geburt in Budapest (28. Dezember)
- 1926Promotion in Mathematik in Budapest, Abschluss in Chemieingenieurwesen in Zürich
- 1928Aufsatz „Zur Theorie der Gesellschaftsspiele“ mit dem Minimax-Satz
- 1933Professur am Institute for Advanced Study in Princeton
- 1944„Theory of Games and Economic Behavior“ mit Oskar Morgenstern erscheint
- 1957Tod in Washington (8. Februar)
Werke
Zur Theorie der Gesellschaftsspiele (1928); Mathematische Grundlagen der Quantenmechanik (1932); Theory of Games and Economic Behavior (1944, mit Oskar Morgenstern)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Game Theory“ (Abschnitte zur Geschichte und zur Nutzenfunktion)
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Decision Theory“, Abschnitt zum Satz von von Neumann und Morgenstern
Noch nicht sicher belegt
- Wo der Krebs, an dem von Neumann starb, ursprünglich entstand, geben die Quellen unterschiedlich an. Ob die Strahlung in Los Alamos die Krankheit auslöste, ist nur eine Vermutung. Wie groß sein Anteil am Buch „Theory of Games and Economic Behavior“ im Vergleich zu Morgensterns Anteil war, wird unterschiedlich dargestellt; eine Quelle geht davon aus, dass er für den Großteil der mathematischen Darstellung verantwortlich war. Dass von Neumann die Grundidee des Computers Turing zuschrieb, ist durch die Erinnerung eines Kollegen überliefert. Wie weit Turings Aufsatz von 1936 seinen eigenen Entwurf von 1945 tatsächlich prägte, beurteilen Historiker unterschiedlich.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 3: Organisation, System, Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu von Neumann
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]John von Neumann · Britannica
- [4]game theory · Britannica
- [5]Britannica, John von Neumann, Abschnitt Early life and education; Wikipedia (en), Abschnitt Early life
- [6]John von Neumann · Wikipedia
- [7]Theory of Games and Economic Behavior · Wikipedia
- [8]Alan Turing · Wikipedia
- [9]Norbert Wiener – Wikipedia (en), Abschnitt During and after World War II
- [10]Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [11]cacm.acm.org/opinion/von-neumann-thought-turings-universal-machine-was-simple-and-neat · Webseite
- [12]nybooks.com/articles/2005/09/22/knowing-norbert-wiener · Webseite
- [13]Geschichte der Universität Wien, Oskar Morgenstern · Webseite