Jean-Luc Nancy
1940–2021 · Straßburg
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Französischer Philosoph in Straßburg, der Derridas Dekonstruktion und Heideggers Denken für eine Philosophie des Gemeinsamen, des Körpers und der Berührung weiterentwickelte.
Nancy gehört zum zweiten Strang der Dekonstruktion neben Derrida und arbeitete eng mit Philippe Lacoue-Labarthe. Er führt Derridas Denken in Richtung Gemeinschaft, Politik und Religion weiter und setzt sich mit Heidegger auseinander.
Kernidee
Nancy sagt, dass Menschen keine abgeschlossenen Einzelwesen sind, sondern von Anfang an mit anderen zusammen sind. Gemeinschaft ist für ihn deshalb nichts, was man herstellt oder besitzt, sondern ein ständiges Miteinander, das sich nie ganz festlegen lässt. Auch den Körper denkt er so: nicht als Einheit, sondern als etwas, das sich verteilt und berührt.
Bekannt für
Man kennt Nancy für sein Buch La Communauté désœuvrée von 1986 über Gemeinschaft und für seine Texte über den Körper nach seiner Herztransplantation. Seine Schrift L'Intrus (2000) über die eigene Transplantation regte Claire Denis zu einem Film an.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Gemeinschaft ohne Werk
Nancy meint, dass Gemeinschaft kein Produkt ist, das man planen und fertigstellen kann, und auch keine feste Substanz wie Volk oder Nation. Sie besteht darin, dass Menschen immer schon miteinander geteilt sind. Wenn ein Team ein starkes Wir-Gefühl verordnet bekommt, kann genau dieser Druck die Unterschiedlichkeit der Einzelnen ersticken.
Singulär plural sein
Nach Nancy gibt es kein Sein ohne Mitsein, und jede Person ist einzigartig und zugleich von anderen nicht zu trennen. Dabei baut er auf Heideggers Mitsein auf, stellt es aber vor den einzelnen Menschen. Eine Führungskraft kann das nutzen, indem sie fragt, wie jede Person im Team auf besondere Weise zum Ganzen beiträgt, ohne sie in eine Schablone zu pressen.
Der Körper als Verteilung
In seinen Texten über den eigenen Körper denkt Nancy den Körper nicht als geschlossene Einheit, sondern als etwas Verteiltes und Vielfältiges. Er sagt, Menschen machen Sinn über ihre Sinne und nicht allein im Kopf. Im Alltag zeigt sich das, wenn ein Gespräch im Raum anders wirkt als dieselbe Sitzung per Video.
Begriffe
- Gemeinschaft ohne Werk
- Mitsein
- singulär plural sein
- Dekonstruktion des Christentums
- Körper
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Paul Ricœur: betreute seine Doktorarbeit über Kant (1973)
Freunde
- Jacques Derrida: Weggefährte, saß 1987 in der Jury seines Staatsdoktorats (Docteur d'État) und schrieb über ihn das Buch, das auf Englisch On Touching, Jean-Luc Nancy heißt; mit Lacoue-Labarthe zählt man beide zu den Straßburger Denkern
- Philippe Lacoue-Labarthe: Kollege in Straßburg, gemeinsame Bücher und rund 20 Jahre gemeinsames Leben in einer Gemeinschaft mit beiden Familien
Gegner
- Giorgio Agamben: Streit über die Corona-Pandemie im Februar 2020, Nancy nannte Agamben dabei seinen Freund
Verbindungen im Netz
3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Martin HeideggerDeutung
Nancy übernimmt Heideggers Rückzug des Seins und stellt das Mitsein vor das einzelne Dasein.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Giorgio AgambenDeutung
Nancy widersprach Ende Februar 2020 in der Online-Zeitschrift Antinomie („Eccezione virale“) Agambens These, Corona sei kaum mehr als eine Grippe.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Jacques DerridaDeutung
Derrida saß 1987 in Nancys Prüfungsjury und schrieb mit On Touching, Jean-Luc Nancy (englischer Titel) eine seiner seltenen Monografien über einen Zeitgenossen; beide teilten das Wort Dekonstruktion und stritten über die Dekonstruktion des Christentums.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen Deutung
Als junger Philosoph im Mai 1968 passte Nancy in mancher Hinsicht zum Klischee des linken Akademikers. Laut Wikipedia gründete er 1980 mit Lacoue-Labarthe ein Forschungszentrum zum Politischen, das beide nach vier Jahren wieder schlossen; sein Nachdenken über Gemeinschaft in den 1980er Jahren gehört in dieses Umfeld.[4]
Biografie belegt
1991 erhielt Nancy ein Spenderherz. Damals rechnete man laut Nachruf mit noch etwa zehn Lebensjahren, es wurden fast dreißig, und die Erfahrung floss in seine Schriften über den Körper ein.[3]
Kritik
Derrida stritt mit Nancy über dessen Projekt einer Dekonstruktion des Christentums und darüber, ob Begriffe wie Gerechtigkeit sich überhaupt dekonstruieren lassen. 2017 löste Nancys eigener Artikel in Libération eine internationale Debatte aus: Er meinte, der Streit um Heideggers Nationalsozialismus solle faschistische Züge der westlichen Zivilisation austreiben.
Wirkung heute
Nancys Gedanken über Gemeinschaft und Mitsein werden in Politik, Religions- und Kunsttheorie weiter diskutiert. Seine Texte über Körper und Berührung sind in der Medizinethik und Medientheorie anschlussfähig.
Brücke zu Führung und Coaching
Nancy erinnert daran, dass ein Team kein Werk ist, das du fertigstellen kannst, sondern ein Miteinander, das sich laufend neu bildet. Frag dich, wo du Gemeinschaft herstellen willst, statt sie wachsen zu lassen. Gönne dem Team Räume für Begegnung ohne Ziel, zum Beispiel eine Runde, in der niemand ein Ergebnis liefern muss.
Lebensstationen
- 1940Geboren in Caudéran bei Bordeaux
- 1968Assistent am Philosophischen Institut in Straßburg
- 1980Gründung des Centre de recherches philosophiques sur le politique mit Lacoue-Labarthe
- 1987Docteur d'État in Toulouse über Freiheit bei Heidegger, mit Derrida und Lyotard in der Jury
- 1991Herztransplantation
- 2021Gestorben in Straßburg
Werke
Le titre de la lettre (1973, mit Philippe Lacoue-Labarthe)
La Communauté désœuvrée (1986, dt. Die undarstellbare Gemeinschaft, Schwarz 1988)
L'Expérience de la liberté (1988)
Le sens du monde (1993)
Être singulier pluriel (1996, dt. Singulär plural sein, Diaphanes 2004)
L'Intrus (2000, dt. Der Eindringling, Merve 2000)
Dekonstruktion des Christentums (dt. Diaphanes 2008)
Banalité de Heidegger (2015)
Lesetipps
- Einstieg
- Singulär plural sein, übersetzt von Ulrich Müller-Schöll, Diaphanes, Zürich 2004: sein Hauptwerk zum Mitsein.
Noch nicht sicher belegt
- SEP und IEP lieferten keine Seite, Britannica 403. Personenquellen: Wikipedia en/de, Nachruf von Joanna Hodge in Radical Philosophy, Kommentar von John Mckeane (University of Reading). Todesdatum: en/de.wikipedia und Radical Philosophy nennen den 23. August 2021, der Reading-Kommentar den 24. August (dort als Montag bezeichnet, der Montag war aber der 23.); deshalb nur das Jahr. Beginn in Straßburg: Wikipedia nennt 1968 (Assistent), Radical Philosophy Lehre ab 1973. Das Erscheinungsjahr von La Communauté désœuvrée schwankt (Aufsatz 1983, Buch 1986). Der französische Originaltitel zur Dekonstruktion des Christentums ist nicht abgerufen. Nancys angebliche Vorbehalte gegen Derridas Messianizität ohne Messias und ein „Trio“ mit Derrida standen in keiner Quelle und wurden gestrichen. Datum des Agamben-Streits laut Prozorov (Law and Critique 2021) und dessen Literaturverweis auf Antinomie vom 27.2.2020. Kein belegtes Zitat, keine Anekdote.
Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Nancy
- [1]Wikipedia (en): Jean-Luc Nancy · Wikipedia
- [2]Wikipedia (de): Jean-Luc Nancy · Wikipedia
- [3]Radical Philosophy, Jean-Luc Nancy 1940-2021 · Webseite
- [4]University of Reading, Expert Comment · Webseite
- [5]pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8625667 · Webseite