Landkarte der Philosophie · Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
1950 bis 2000 · modernebelegt
Wie formen Sprache, Zeichen und Macht, was wir für wahr und normal halten?
Der Strukturalismus sucht verborgene Regeln in Sprache, Mythen und Verwandtschaft. Der Poststrukturalismus fragt, wie diese Ordnungen entstehen und wem sie nützen. Foucault untersucht Macht und Wissen, Derrida zeigt, dass Bedeutung nie endgültig feststeht.
Zeit und Umfeld
Der Kalte Krieg, die Entkolonialisierung und die Studentenbewegung um 1968 stellten Autoritäten und Normen in Frage.
Warum das heute zählt
Wer sieht, wie Begriffe und Kategorien Menschen einordnen, geht mit Statuslogiken und Normen in Organisationen bewusster um.
Kants Fragen (Deutung): Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch?
Personen (18)
- Ferdinand de Saussure1857–1913Schweizer Sprachwissenschaftler, dessen Zeichenlehre den Strukturalismus begründet und später Ausgangspunkt für die Poststrukturalisten wird.
- Jacques Lacan1901–1981Französischer Psychoanalytiker, der Freud mit Saussures Sprachlehre und Lévi-Strauss' Strukturdenken neu liest und damit die Poststrukturalisten stark beeinflusst.
- Claude Lévi-Strauss1908–2009Französischer Ethnologe, der Saussures Sprachmodell auf Verwandtschaft und Mythen überträgt und so den Strukturalismus zur Leitwissenschaft der Humanwissenschaften macht.
- Roland Barthes1915–1980Französischer Literatur- und Kulturtheoretiker, der Saussures Zeichenlehre (nach ihr besteht jedes Zeichen aus einem Lautbild und der damit verbundenen Bedeutung) auf Alltag, Mode und Texte anwendet und im Lauf seines Werks vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus wechselt, einer Richtung, die untersucht, wie Sprache Wirklichkeit mit hervorbringt.
- Louis Althusser1918–1990Französischer marxistischer Philosoph an der École normale supérieure, der Marx strukturalistisch liest und mit seiner Theorie der Ideologie viele Denker des Moduls prägt.
- Jean-François Lyotard1924–1998Philosoph, der „Postmoderne“ als Misstrauen gegenüber großen Erzählungen beschrieb und den Widerstreit zweier Parteien ohne gemeinsame Regel zum Thema machte.
- Gilles Deleuze1925–1995Französischer Philosoph, der mit Differenz, Begehren und Rhizom ein Denken ohne feste Mitte entwirft und gemeinsam mit Guattari den Anti-Ödipus schreibt.
- Michel Foucault1926–1984Französischer Denker, der sich nach existenzialistischen Anfängen vom Existenzialismus (einer Strömung, nach der der Mensch keine feste Natur hat, sondern sich durch Entscheidungen selbst bestimmt) und von der Philosophie des freien Subjekts abwandte und zeigte, wie Macht und Wissen Menschen formen.
- Jean Baudrillard1929–2007Soziologe und Kulturtheoretiker, der beschreibt, wie Zeichen und Bilder in der Konsum- und Mediengesellschaft die Wirklichkeit ersetzen.
- Jacques Derrida1930–2004Französischer Philosoph aus Algerien, der aus Husserl- und Heidegger-Lektüre die Dekonstruktion entwickelte und damit die Annahme einer in sich ruhenden Gegenwart und eines selbstgewissen Subjekts erschütterte.
- Félix Guattari1930–1992Psychiater, Psychoanalytiker und politischer Aktivist, der mit Gilles Deleuze die Bücher „Kapitalismus und Schizophrenie“ schrieb und Begehren als schöpferische Kraft statt als Mangel dachte.
- Luce Irigaraygeb. 1930Belgisch-französische Philosophin, Psychoanalytikerin und Sprachwissenschaftlerin, die die abendländische Philosophie als Denken vom männlichen Standpunkt aus liest und eine Philosophie der sexuellen Differenz (eine Ordnung, in der zwei Geschlechter gleichwertig vorkommen) entwirft.
- Hélène Cixousgeb. 1937Französische Schriftstellerin und Theoretikerin aus Algerien, die mit dem Begriff écriture féminine (weibliches Schreiben) bekannt wurde und Dichtung, Theater und Philosophie verbindet.
- Jean-Luc Nancy1940–2021Französischer Philosoph in Straßburg, der Derridas Dekonstruktion und Heideggers Denken für eine Philosophie des Gemeinsamen, des Körpers und der Berührung weiterentwickelte.
- Julia Kristevageb. 1941Bulgarisch-französische Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin, die den Begriff Intertextualität (die Idee, dass jeder Text auf andere Texte antwortet und aus ihnen entsteht) prägte und Sprache, Körper und Ausgrenzung zusammen denkt.
- Giorgio Agambengeb. 1942Italienischer Philosoph, der Foucaults Gedanken zur Biopolitik mit Schmitts Ausnahmezustand verbindet und damit die Frage stellt, wann Menschen aus dem Schutz des Rechts herausfallen.
- Gayatri Chakravorty Spivakgeb. 1942Indisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin, die Derrida ins Englische übersetzte und mit der Frage, ob die Subalternen sprechen können, zu den prägenden Stimmen der postkolonialen Theorie wurde.
- Judith Butlergeb. 1956US-amerikanische Philosophin und Gendertheoretikerin, deren Idee der Performativität von Geschlecht die Queer-Theorie (einen Ansatz, der Normen und Machtverhältnisse rund um Geschlecht und Sexualität hinterfragt) stark geprägt hat.
Begriffe
- Struktur
- : das Netz von Beziehungen, das Elementen erst Bedeutung gibt
- Diskurs
- : geregelte Redeweise, die bestimmt, was sagbar und wissbar ist
- Macht und Wissen
- : Foucaults Gedanke, dass beide einander bedingen
- Dekonstruktion
- : das Aufspüren von Widersprüchen und Gegensätzen in Texten
- Différance
- : Derridas Wortspiel für Unterschied und Aufschub von Bedeutung
Verbindungen innerhalb der Strömung
33 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Giorgio Agamben baut auf Michel Foucault aufDeutung
Agamben übernimmt Foucaults Biopolitik und verbindet sie mit der Lehre von der Souveränität.
Louis Althusser baut auf Jacques Lacan aufDeutung
Freud wirkt bei ihm über Lacan (SEP); die Anrufungstheorie wird mit Lacans großem Anderen verbunden (Wikipedia de).
Roland Barthes baut auf Ferdinand de Saussure aufDeutung
de.wikipedia nennt Saussure, Jakobson und Hjelmslev als Einflüsse; laut Encyclopedia of Philosophy folgt seine Semiologie Saussures Unterscheidung von langue und parole.
Jean Baudrillard baut auf Roland Barthes aufDeutung
Barthes' Semiologie gilt als Einfluss auf Baudrillards Zeichentheorie.
Jean Baudrillard baut auf Ferdinand de Saussure aufDeutung
Saussure wird als Einfluss genannt.
Judith Butler baut auf Michel Foucault aufDeutung
Butler knüpft an Foucaults Idee der diskursiven Macht an und führt sie auf die Entstehung von Geschlecht weiter.
Jacques Derrida baut auf Ferdinand de Saussure aufDeutung
Laut englischer Wikipedia entwickelte Derrida seine Dekonstruktion in genauer Lektüre von Saussures Sprachwissenschaft.
Luce Irigaray baut auf Jacques Derrida aufDeutung
Laut de.wikipedia ist sie von Derridas Dekonstruktion und Logozentrismus-Kritik beeinflusst.
Julia Kristeva baut auf Jacques Lacan aufDeutung
Ihre Sicht des Subjekts ähnelt der von Freud und Lacan, sie weicht aber von Lacan ab.
Jacques Lacan baut auf Claude Lévi-Strauss aufDeutung
SEP nennt Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1949) als Einfluss, de.wikipedia die strukturale Anthropologie insgesamt.
Jacques Lacan baut auf Ferdinand de Saussure aufDeutung
SEP und de.wikipedia nennen Saussures Linguistik als Grundlage seiner strukturalen Rückkehr zu Freud.
Claude Lévi-Strauss baut auf Ferdinand de Saussure aufDeutung
Laut englischer Wikipedia wollte er die strukturale Linguistik Saussures auf die Anthropologie anwenden.
Gayatri Chakravorty Spivak baut auf Jacques Derrida aufDeutung
Sie übersetzte De la grammatologie und schrieb das Vorwort, das als Einführung in die Dekonstruktion gilt.
Judith Butler und Gayatri Chakravorty Spivak kannten sich persönlichDeutung
Butler verteidigte Spivaks Werk in einer Antwort auf Eagletons Kritik; beide schrieben gemeinsam Who Sings the Nation-State? (dt. Sprache, Politik, Zugehörigkeit, Diaphanes 2007).
Hélène Cixous und Jacques Derrida kannten sich persönlichDeutung
Lebenslange Freundschaft, gemeinsames Buch Voiles (1998) und Cixous' Portrait de Jacques Derrida (2001).
Gilles Deleuze und Michel Foucault kannten sich persönlichDeutung
Enge Freundschaft und gemeinsame Nietzsche-Ausgabe (Wikipedia de).
Gilles Deleuze und Félix Guattari kannten sich persönlichDeutung
Mitautor von Anti-Ödipus, Tausend Plateaus und Was ist Philosophie?.
Jacques Derrida und Jean-François Lyotard kannten sich persönlichDeutung
Gemeinsame Gründung des Collège international de philosophie.
Jacques Derrida und Jean-Luc Nancy kannten sich persönlichDeutung
Derrida saß 1987 in Nancys Prüfungsjury und schrieb mit On Touching, Jean-Luc Nancy (englischer Titel) eine seiner seltenen Monografien über einen Zeitgenossen; beide teilten das Wort Dekonstruktion und stritten über die Dekonstruktion des Christentums.
Michel Foucault und Félix Guattari kannten sich persönlichDeutung
Foucault schrieb das Vorwort zu Anti-Ödipus.
Louis Althusser war Lehrer von Michel FoucaultDeutung
Foucault zählt zu seinen Studierenden und Kollegen an der ENS (SEP, Wikipedia de).
Roland Barthes war Lehrer von Julia KristevaDeutung
Kristeva wird in Wikipedia (en) unter seinen Studierenden genannt.
Jacques Lacan war Lehrer von Félix GuattariDeutung
Guattari war Lacans Analysand und Lehrling, hielt aber Distanz zu dessen Theorie.
Jean Baudrillard kritisiert Louis AlthusserDeutung
Baudrillard kritisierte Althussers Dogmatismus.
Gilles Deleuze kritisiert Jacques LacanDeutung
Anti-Ödipus kritisiert Freud und Lacan (Wikipedia de).
Jacques Derrida kritisiert Michel Foucaultungeprüft
Derridas Aufsatz von 1963 kritisierte Foucaults Descartes-Lektüre und führte zum Bruch (SEP).
Michel Foucault kritisiert Jacques Derridaungeprüft
Streit seit 1963 um die Lesart von Descartes in Foucaults Wahnsinnsbuch, erst 1981 versöhnt
Luce Irigaray kritisiert Jacques LacanDeutung
Irigaray besuchte Lacans Seminar, kritisierte ihn und wurde 1974 aus seiner École freudienne ausgeschlossen.
Jean-Luc Nancy kritisiert Giorgio AgambenDeutung
Nancy widersprach Ende Februar 2020 in der Online-Zeitschrift Antinomie („Eccezione virale“) Agambens These, Corona sei kaum mehr als eine Grippe.
Judith Butler wird verglichen mit Luce Irigarayungeprüft
Deutung: Laut en.wikipedia gehört Irigaray zu den Autorinnen, mit denen sich Gender Trouble auseinandersetzt; die Art der Beziehung nennen die Quellen nicht.
Judith Butler wird verglichen mit Julia Kristevaungeprüft
Deutung: Laut en.wikipedia gehört Kristeva zu den Autorinnen, mit denen sich Gender Trouble auseinandersetzt; die Art der Beziehung nennen die Quellen nicht.
Hélène Cixous wird verglichen mit Luce IrigarayDeutung
Laut en.wikipedia verbanden Cixous und Irigaray Derridas Logozentrismus-Kritik mit Lacans Phallus-Begriff zum Begriff Phallogozentrismus; beide gelten dort als Mütter der poststrukturalistischen feministischen Theorie.
Hélène Cixous wird verglichen mit Julia KristevaDeutung
Deutung: en.wikipedia zählt Cixous, Irigaray und Kristeva gemeinsam zu den Müttern der poststrukturalistischen feministischen Theorie, de.wikipedia nennt sie regelmäßig zusammen; ein direkter Austausch ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.
Nachbarn unter den Strömungen
- Kritik: Phänomenologie und ExistenzialismusPoststrukturalisten kritisieren das selbstbewusste Subjekt
- Verwandt mit: Analytische Philosophie und WissenschaftstheorieBeide untersuchen Sprache, aber mit völlig anderen Mitteln
- Verwandt mit: Kritische TheorieGemeinsames Interesse an Macht, später Streit mit Habermas
Quellen
- [1]Wikipedia (en): Structuralism · Wikipedia
- [2]Wikipedia (en): Post-structuralism · Wikipedia
- [3]Wikipedia (en): Protests of 1968 · Wikipedia