Jacques Derrida
1930–2004 · Paris, El Biar bei Algier, später Paris
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Französischer Philosoph aus Algerien, der aus Husserl- und Heidegger-Lektüre die Dekonstruktion entwickelte und damit die Annahme einer in sich ruhenden Gegenwart und eines selbstgewissen Subjekts erschütterte.
Derrida steht für die kritische Fortsetzung der Phänomenologie nach dem Existenzialismus: Er las Husserl und Heidegger genau, kritisierte Foucault und Levinas und sagte, er habe Sartre nie genau studiert. Seine Dekonstruktion knüpft an Heideggers Destruktion an.
Kernidee
Derrida zeigt, dass jede Erfahrung nie reine Gegenwart ist, sondern von Abwesendem und Nachträglichem durchzogen. Mit „Différance“ bezeichnet er das Aufschieben und Nichtidentischsein, das jede Bedeutung prägt. Dekonstruktion ist dabei eine Analyse der Bedingungen, unter denen Texte und Institutionen etwas bedeuten und gelten.
Bekannt für
Man kennt Derrida für den Begriff der Dekonstruktion und für die Werke von 1967, mit denen ihm der Durchbruch gelang. Er war als Philosoph viel diskutiert und stark umstritten, etwa beim Streit um eine Ehrendoktorwürde in Cambridge.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Différance und Spur
Derrida schreibt „différance“ mit einem Buchstaben anders als „différence“, um das Aufschieben und Nichtidentischsein jeder Bedeutung zu markieren. Jede Erfahrung trägt eine Spur von dem, was nicht gegenwärtig ist, und ist deshalb nie einfach gegenwärtig. Ein Plan im Meeting bedeutet erst im Rückblick, was er bedeutet hat, und das Team versteht ihn anders, als er gemeint war.
Dekonstruktion
Dekonstruktion stellt nicht die Legitimität von Texten infrage, sondern fragt nach ihren Verstehens- und Geltungsbedingungen. Sie knüpft an Heideggers Destruktion an und will die Tradition nicht abschütteln. In einer Organisation heißt das, Leitbilder und Prozessregeln danach zu befragen, welche Gegensätze sie voraussetzen, etwa Führen und Folgen.
Der Andere und die Gerechtigkeit
Derrida übernimmt von Levinas die Idee einer Verpflichtung durch den Anderen, dehnt den Anderen aber über den Menschen hinaus aus. Dekonstruktion hat laut Stanford-Enzyklopädie auch das Ziel, Gerechtigkeit zu üben, die sich als unmöglich erweist. Im Führungsalltag ist das die Frage, wessen Perspektive in einer Regel nicht vorkommt.
Begriffe
- Dekonstruktion
- Différance
- Spur
- Präsenz
- Logozentrismus
- der Andere
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Louis Althusser: Vorlesungen an der ENS, Einladung zum Lehren
- Edmund Husserl: wichtiger Einfluss, Gegenstand der ersten Arbeiten
- Martin Heidegger: Anknüpfung an die Destruktion
- Emmanuel Levinas: Einfluss und Freund
Schüler
- David Wood, Cary Wolfe, Leonard Lawlor: laut Wikipedia (de) Schüler bzw. Nachfolger
Freunde
- Emmanuel Levinas: Freundschaft nach Derridas Aufsatz von 1964
- Paul de Man, Jean-Luc Nancy, Hélène Cixous: laut Wikipedia (de) Freunde
Gegner
- John Searle: kritisierte 1977 in „Reiterating the Differences“, Derrida antwortete in „Limited Inc“
- W. V. Quine und die Cambridge-Petition 1992
- Michel Foucault: Streit um die Descartes-Lektüre 1963
Verbindungen im Netz
12 Verbindungen, davon 6 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Edmund Husserlungeprüft
Derrida schrieb seine Masterarbeit über Husserl und verschärft laut deutscher Wikipedia dessen Sinnkritik.
baut auf Ferdinand de SaussureDeutung
Laut englischer Wikipedia entwickelte Derrida seine Dekonstruktion in genauer Lektüre von Saussures Sprachwissenschaft.
Grundlage für Gayatri Chakravorty SpivakDeutung
Sie übersetzte De la grammatologie und schrieb das Vorwort, das als Einführung in die Dekonstruktion gilt.
Grundlage für Luce IrigarayDeutung
Laut de.wikipedia ist sie von Derridas Dekonstruktion und Logozentrismus-Kritik beeinflusst.
baut auf Martin Heideggerungeprüft
Die Dekonstruktion knüpft laut deutscher Wikipedia an Heideggers „Destruktion“ an.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Edmund Husserlungeprüft
Magisterarbeit zu Husserl, später Kritik am Selbsthören in der Stimme und das Phänomen
kritisiert Michel Foucaultungeprüft
Derridas Aufsatz von 1963 kritisierte Foucaults Descartes-Lektüre und führte zum Bruch (SEP).
wird kritisiert von Michel Foucaultungeprüft
Streit seit 1963 um die Lesart von Descartes in Foucaults Wahnsinnsbuch, erst 1981 versöhnt
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Emmanuel Levinasungeprüft
Derridas Aufsatz „Gewalt und Metaphysik“ (1964) eröffnete eine lebenslange Freundschaft mit Levinas (SEP).
persönlich verbunden mit Hélène CixousDeutung
Lebenslange Freundschaft, gemeinsames Buch Voiles (1998) und Cixous' Portrait de Jacques Derrida (2001).
persönlich verbunden mit Jean-François LyotardDeutung
Gemeinsame Gründung des Collège international de philosophie.
persönlich verbunden mit Jean-Luc NancyDeutung
Derrida saß 1987 in Nancys Prüfungsjury und schrieb mit On Touching, Jean-Luc Nancy (englischer Titel) eine seiner seltenen Monografien über einen Zeitgenossen; beide teilten das Wort Dekonstruktion und stritten über die Dekonstruktion des Christentums.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Derrida wuchs als sephardischer Jude in Französisch-Algerien auf und durfte 1942 wegen eines Vichy-Erlasses nicht mehr zur Schule gehen. Die deutsche Wikipedia sieht darin Spuren in seinem Denken des Anderen und Fremden.[2]
Zeitgeschehen Deutung
Derrida leistete 1957 bis 1959 Militärdienst in Algerien während des Algerienkriegs und unterrichtete Soldatenkinder. Ob dies seine späteren Texte über Grenze und Gastfreundschaft beeinflusste, ist eine Deutung.[2]
Abhängigkeit belegt
Derrida verteidigte seinen Freund Paul de Man, dessen antisemitische Publizistik im Zweiten Weltkrieg bekannt wurde. Die New York Times thematisierte das, und Mark Lilla sah darin eine problematische Haltung.[2]
Kritik
John Searle kritisierte Derrida 1977 scharf, worauf dieser mit „Limited Inc“ antwortete. 1992 schrieben Quine und andere analytische Philosophen einen Protestbrief gegen die Ehrendoktorwürde in Cambridge, die trotzdem verliehen wurde. Weitere Einwände richten sich gegen sprachliche Unklarheit und fehlende argumentative Strenge, Richard Wolin warf ihm Nihilismus vor.
Wirkung heute
Die Frage, wie Bedeutung durch Abwesendes und Nachträgliches geprägt ist, wirkt in Literaturwissenschaft, Rechtstheorie und Ethik weiter. Zugleich gilt Derrida laut Gumbrecht in der Philosophie des frühen 21. Jahrhunderts als weitgehend vergessen, was die deutsche Wikipedia nur als eine Stimme nennt.
Brücke zu Führung und Coaching
Derrida schärft den Blick dafür, dass jede klare Anweisung Spielräume offen lässt. In einer Führungsrunde hilft die Frage, was die Beteiligten unter demselben Wort tatsächlich verstehen. Frage dich nach dem nächsten Meeting: Welches Wort haben alle benutzt, aber vermutlich nicht gleich gemeint?
Lebensstationen
- 1930Geburt in El Biar bei Algier
- 1942Schulverbot durch einen Vichy-Erlass
- 1952Aufnahme an der École Normale Supérieure
- 1967Durchbruch mit drei Veröffentlichungen
- 1983Direktor an der EHESS und Gründungsdirektor des Collège international de philosophie
- 2004Tod in Paris an Bauchspeicheldrüsenkrebs
Werke
- Grammatologie (1967)
- Die Stimme und das Phänomen (1967)
Die Stimme und das Phänomen (1967); Grammatologie (1967); Die Schrift und die Differenz (1967); Randgänge der Philosophie (1972); Glas (1974); Gewalt und Metaphysik (1964)
Anekdote überliefert
Derrida wurde 1981 in Prag festgenommen und nach Intervention der französischen Regierung freigelassen und ausgewiesen. Davor hatte er laut Wikipedia im Jahr 1956 ein Harvard-Stipendium erhalten.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Jacques Derrida, Die Schrift und die Differenz (1967, deutsche Ausgabe): Sammlung früher Aufsätze, darunter zu Levinas und Foucault
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, Eintrag „Jacques Derrida“ von Leonard Lawlor (online); eine verifizierte gedruckte Einführung wurde nicht gefunden
Noch nicht sicher belegt
- Die SEP erwähnt weder die Sorbonne noch eine Hopkins-Konferenz 1966, die deutsche Wikipedia nennt die Anstellung an der Sorbonne 1960 bis 1964. Ort des Todes: SEP ohne Angabe, Wikipedia (de) nennt ein Pariser Krankenhaus. Logozentrismus wird in der SEP nicht benannt, die deutsche Wikipedia schon. Sartre und Existenzialismus erwähnt die deutsche Wikipedia nicht; die SEP sagt nur, Derrida habe nie ausführlich Sartre studiert. Die Schüler stammen aus der deutschen Wikipedia, deren Quellenlage nicht geprüft wurde. Der Zusammenhang zwischen Militärdienst in Algerien und späteren Texten ist Deutung. Die Behauptung, Derrida sei laut Gumbrecht vergessen, ist eine einzelne Stimme. Die Einordnung als Gegenspieler des Existenzialismus ist hier nur über die Abgrenzung zu Foucault und die Haltung zu Sartre begründet. Die Anekdote wird nur durch Wikipedia überliefert.
- Gerüst: Verhältnis zu Lévi-Strauss und Saussure in den abgerufenen Quellen nicht belegt, daher keine Edge. Todesdatum: SEP 8. Oktober 2004, Wikipedia 9. Oktober 2004, Jahr in beiden 2004. Deutsche Werktitel und Culler-Empfehlung nicht geprüft. Zitat bewusst leer.
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Derrida
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: derrida · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Jacques Derrida, Wikipedia (de) · Wikipedia
- [3]Wikipedia (en): Jacques Derrida · Wikipedia