Philon von Alexandria
Philosoph und Bibelausleger · ungefähr 15–10 v. Chr. bis ungefähr 45–50 n. Chr. · Alexandria (Ägypten)
Kernidee in Kürze
Philon liest die Bibel als Text, der neben dem Wortsinn einen verborgenen Sinn hat, und deutet sie mit griechischen Begriffen, vor allem aus dem Platonismus und der Stoa. Gott ist für ihn einer und dem Menschen im Wesen unzugänglich.
- Kapitel
- Hellenismus und Spätantike (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie lässt sich der Glaube an den einen Gott der Bibel mit der Vernunft der griechischen Philosophie verbinden?
- Position
- Gott ist einer und dem Menschen im Wesen entzogen, der Logos ist sein Werkzeug und Abbild, und der Mensch soll Gott immer ähnlicher werden.
- Einwand
- Kritische Stimmen fragen, ob Philon eine einheitliche Lehre hat oder sich frei bei mehreren Schulen bedient, und ob die starke Betonung der Unerkennbarkeit Gottes zum biblischen Denken passt.
- Verbindung
- Philon baut auf Platons Timaios auf und nutzt viele Begriffe der Stoa. Über die Kirchenväter wirkt er auf das christliche Denken.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Philon war
Griechisch schreibender jüdischer Denker in Alexandria, der die Bibel mit Mitteln der griechischen Philosophie auslegte und den Logos (göttliches Wort, vermittelnde Vernunft) zum Kernbegriff seines Denkens machte.
Philon lebte in Alexandria in einer Zeit schwerer Spannungen zwischen der jüdischen und der griechischen Bevölkerung. Er gehörte einer angesehenen Familie an und leitete nach den Quellen eine Gesandtschaft der Alexandriner Juden zum römischen Kaiser Caligula. Seine Schriften wurden eher von Christen als von Juden überliefert. Für die Landkarte verbindet er die griechische Philosophie mit dem biblischen Glauben.
Kernidee genauer
Was wir von ihm sehen und verstehen können, zeigt sich im Logos, den Philon als Werkzeug, Schatten und Abbild Gottes bei der Schöpfung beschreibt. Das Ziel des Menschen ist, Gott immer ähnlicher zu werden.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Philon erinnert sich an eine Zeit, in der er Muße für die Philosophie und die Betrachtung der Welt hatte, bevor ihn der Neid anderer in den Ozean der öffentlichen Sorgen stürzte. Die Forschung liest das wahrscheinlich als Anspielung auf die Feindseligkeit von Griechen und Ägyptern in Alexandria.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1.1
Bekannt für
Bekannt ist Philon für die allegorische Auslegung der Bibel und für seine Lehre vom Logos als Mittler zwischen Gott und Welt. Außerdem berichtet er in zwei eigenen Schriften über die Ausschreitungen gegen die Juden in Alexandria im Jahr 38 n. Chr. und über die Gesandtschaft zu Kaiser Caligula.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Allegorie: der verborgene Sinn der Bibel
Philon nimmt an, dass biblische Erzählungen einen verborgenen Sinn haben, den man durch Auslegung (Allegorie) oder durch göttliche Erleuchtung erreicht. Den Wortsinn will er dabei nicht fallen lassen: Wer nur nach dem verborgenen Sinn fragt und den Buchstaben des Gesetzes vernachlässigt, den tadelt er. Die Allegorie wird für ihn vor allem dann wichtig, wenn der Wortsinn zu Aussagen führt, die der Vollkommenheit Gottes widersprechen. Übertragen auf heute: Wer einen Satz aus einem alten Leitbild liest, kann sowohl den Wortlaut ernst nehmen als auch fragen, welche Absicht dahinter steht.
Der Logos als Werkzeug und Abbild Gottes
Gott ist für Philon Einheit und dem menschlichen Verstehen weit entrückt. Der Logos (griechisch für Wort und Vernunft) ist nach seiner Darstellung nicht die höchste Wirklichkeit, sondern Gottes Schatten und Abbild, das Werkzeug, durch das Gott die Welt schuf. Philon nennt den Logos auch Gottes erstgeborenen Sohn oder seinen Stellvertreter. Den Logos selbst für den letzten Ausdruck des Höchsten zu halten, ist für ihn eine schwere Gottlosigkeit.
Schöpfung nach dem Muster der Ideen
In der Schrift über die Weltschöpfung beschreibt Philon Gott als alleinigen Schöpfer des Musters der Welt und der Welt selbst. Das Muster ist die erkennbare, geistige Welt, die im Logos festgelegt ist, und die sichtbare Welt wird nach ihr geformt. Die Forschung nennt die Schrift oft eine jüdische Fassung des platonischen Timaios. Ob Philon eine Schöpfung aus dem Nichts lehrt, ist nicht eindeutig: An einigen Stellen scheint er sie zu behaupten, eine andere Deutung liest eine dieser Stellen eher als Schöpfung der geistigen Formen vor der sichtbaren Welt.
Ähnlichwerden mit Gott
Das Ziel der Ethik ist bei Philon, Gott immer ähnlicher zu werden. Er nimmt dazu Begriffe der Stoa auf, ändert aber ihren Sinn: Das Ähnlichwerden ist nicht der natürliche Anfangsimpuls wie bei den Stoikern, sondern Ergebnis einer frommen Askese, die Begierden und Leidenschaften ablegt. Zugleich räumt er ein, dass viele Menschen anderer Völker auch ohne philosophische Bildung ein natürliches Gespür dafür haben, wie man im Einklang mit der Tugend lebt. Übertragen auf heute: Wer Verantwortung trägt, kann fragen, woran er sein Handeln misst, und diese Messlatte bewusst höher legen als den eigenen Vorteil.
Begriffe
- Logos (Wort
- vermittelnde Vernunft Gottes)
- Allegorie (Auslegung nach dem verborgenen Sinn)
- Kräfte Gottes (dynameis)
- Transzendenz Gottes
- Ähnlichwerden mit Gott (homoiosis)
- Weltschöpfung nach dem Muster der Ideen
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
Eine Verbindung im Netz (Prüfstand: 1 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Übernimmt Gedanken von
Philon übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
PlatonPrüfstand: belegt
Philon übernimmt für seine Deutung der Schöpfung das Muster aus Platons Timaios, nach dem eine geistige Welt der Muster der sichtbaren Welt vorausgeht, und verändert es: Der Schöpfer ist für ihn der eine Gott, und die Muster sind im Logos festgelegt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Philon lebte in einer Zeit großer Unruhe in Alexandria. Die griechische Bevölkerung verweigerte den Juden bis auf wenige Ausnahmen das Bürgerrecht, und im Jahr 38 n. Chr. kam es zu schweren Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinde. Philon erinnert sich an eine Zeit der Muße für die Philosophie, bevor ihn der Neid anderer in die Sorgen des öffentlichen Lebens stürzte; die Forschung bezieht das wahrscheinlich auf die Feindseligkeit von Griechen und Ägyptern.[1]
Biografie belegt
Das einzige sicher datierbare Ereignis im Leben Philons ist die Gesandtschaft zu Kaiser Caligula nach den Unruhen in Alexandria. Sie wird auf das Jahr 39 oder 40 n. Chr. datiert, und Philon leitete sie. Er bat den Kaiser, die Rechte der Juden zu bestätigen.[4]
Abhängigkeit belegt
Die Schriften Philons wurden vor allem von Christen bewahrt, während die jüdische Tradition sie kaum beachtete. Im Jahr 233 n. Chr. kam das gesamte Schriftgut nach Caesarea, das zum Hauptort der Überlieferung wurde. Eine feste zeitliche Ordnung der Werke wurde erst in einem Buch aus dem Jahr 2018 aufgestellt.[1]
Kritik
Philon gehörte keiner philosophischen Schule an und veränderte und kritisierte alle Lehren seiner Umgebung frei, sodass Einordnungen als Platoniker, Stoiker oder Eklektiker nur begrenzt greifen. Umstritten ist die Echtheit der Schrift Über die Ewigkeit der Welt, in der Philon die Ewigkeit der Welt verteidigt; seit einem Aufsatz aus dem Jahr 1981 scheint die Mehrheit der Forschung sie nicht mehr für unecht zu halten. Kritisch angemerkt wird außerdem, dass seine Annahme einer völlig unerkennbaren Natur Gottes dem biblischen und rabbinischen Denken eher fremd ist.
Wirkung heute
Die Forschung ordnet Philon heute in die Kategorien Mittelplatonismus und Mittleres Judentum ein, weil er zwischen gegensätzlichen Kulturen und Lehren lebte. Seine Schriften wirkten über die Kirchenväter auf das christliche Denken. Manche sehen in seinem Logos-Begriff eine Grundlage späterer christlicher Lehren; das ist eine Deutung der Forschung.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wer mit Menschen aus verschiedenen Kulturen oder Fachgebieten zusammenarbeitet, kann von Philon die Haltung lernen, fremde Begriffe nicht einfach abzulehnen, sondern sie in die eigene Sprache zu übersetzen und dabei zu prüfen, was sich ändert. Ein Beispiel ist ein Team, in dem Technik und Vertrieb dasselbe Wort verschieden verstehen und erst eine gemeinsame Übersetzung Streit vermeidet. Das ist eine Übertragung und keine Aussage Philons über Führung.
Lebensstationen
- 12 v. Chr.Geburt in Alexandria, zwischen 15 und 10 v. Chr. (genaues Jahr nicht bekannt)
- 38Ausschreitungen gegen die Juden in Alexandria
- 40Gesandtschaft zu Kaiser Caligula unter Philons Leitung (datiert auf 39 oder 40 n. Chr.)
- 47Tod, zwischen 45 und 50 n. Chr. (genaues Jahr nicht bekannt)
Werke
Allegorische Kommentare zu Genesis; Auslegung der Gesetze (zum Beispiel Über die Weltschöpfung, De opificio mundi); Fragen und Antworten zu Genesis und Exodus; Gegen Flaccus (In Flaccum); Über die Gesandtschaft zu Gaius (Legatio ad Gaium); fünf philosophische Schriften, darunter Jeder Gute ist frei (Quod omnis probus)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Philo of Alexandria“
- Vertiefung
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Philo of Alexandria“
Noch nicht sicher belegt
- Die Lebensdaten sind nicht sicher. Ein Nachschlagewerk nennt eine Geburt zwischen 15 und 10 v. Chr. und einen Tod zwischen 45 und 50 n. Chr., ein anderes ungefähr 20 v. Chr. bis 40 n. Chr. Als Lebensdaten stehen die äußeren Enden der ersten Spanne, die Zeitleiste nimmt ungefähre Mittelwerte. Die Gesandtschaft zu Caligula wird auf 39 oder 40 n. Chr. datiert; eine Quelle spricht an anderer Stelle von 38 n. Chr. Eine feste zeitliche Ordnung der Werke wurde erst 2018 aufgestellt. Ob Philon eine Schöpfung aus dem Nichts lehrt, ist in der Forschung nicht eindeutig. Eine belegte Verbindung zu Plotin oder zu einzelnen Stoikern fanden wir nicht.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Philon
- [1]Philo of Alexandria, Abschnitt 1.1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy
- [3]Philo Judaeus · Britannica
- [4]Britannica, Philo Judaeus, Abschnitt Life and background; Internet Encyclopedia of Philosophy, Philo of Alexandria, Abschnitt 1; Wikipedia en, Philo