Zum Inhalt springen

Landkarte der Philosophie

Helmuth Plessner

Philosoph und Soziologe · 1892–1985 · Wiesbaden, Köln, Groningen (Niederlande), Göttingen

Kernidee in Kürze

Plessner fragt nach der Stellung des Menschen in Natur, Geschichte und Gesellschaft. Lebewesen unterscheiden sich von Dingen durch ihr Verhältnis zur Umwelt, das über eine Grenze geregelt wird.

Kapitel
Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
Richtung
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Was unterscheidet den Menschen von Pflanze und Tier, wenn er zugleich Körper ist und sich selbst zum Körper verhält?

Position
Plessner sagt, der Mensch sei exzentrisch positioniert: Er lebt in seinem Körper und steht zugleich außerhalb seiner Mitte, weil er sich zu sich verhalten kann. Daraus folgen Kultur, Werkzeug und die Offenheit des Menschen.
Einwand
Sein Hauptwerk blieb lange im Schatten von Heidegger und Scheler, und nach dem Krieg galt die Philosophische Anthropologie als überholt. Er unterscheidet sich von Scheler und Gehlen in der Frage, was den Menschen ausmacht.
Verbindung
Plessner baut auf Husserls Phänomenologie auf und gilt neben Max Scheler als Begründer der Philosophischen Anthropologie.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Plessner war

Plessner entwickelte seine Anthropologie in den 1920er Jahren in Köln, in der Auseinandersetzung mit Phänomenologie, Neukantianismus und Biologie. 1933 verlor er wegen seiner jüdischen Herkunft sein Amt und lebte bis nach dem Krieg in den Niederlanden. Er kehrte 1951 nach Göttingen zurück.

Kernidee genauer

Pflanzen sind offen, Tiere leben aus einem Mittelpunkt, der Mensch lebt zugleich außerhalb seiner Mitte, weil er sich jederzeit zu seinem Leben verhalten kann. Das nennt er exzentrische Positionalität. Daraus folgen anthropologische Gesetze wie die natürliche Künstlichkeit, die vermittelte Unmittelbarkeit und der utopische Standort.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Plessner musste 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft die Universität Köln verlassen. Er arbeitete in den Niederlanden weiter, und dort entstanden unter anderem „Das Schicksal des deutschen Geistes“ (1935) und „Lachen und Weinen“ (1941).[1][3]

Bekannt für

Man kennt Plessner für den Begriff der exzentrischen Positionalität und für das Buch „Die Stufen des Organischen und der Mensch“. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du Dich in einer Besprechung selbst reden hörst und Dich dabei beobachtest, erlebst Du, was Plessner meint: Du bist in Deinem Körper und stehst doch zugleich neben Dir.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Grenze und Positionalität

Plessner fragt, was Lebendiges vom Unbelebten unterscheidet. Seine Antwort ist die Grenze: Organismen regeln ihr Verhältnis zur Umwelt über ihre Grenze. Wie sie sich organisieren, beschreibt er als Positionalität.

Die drei Stufen: Pflanze, Tier, Mensch

Pflanzen sind offen organisiert und haben keine zentralen Organe. Tiere sind zentrisch organisiert, sie leben aus einem Mittelpunkt heraus. Der Mensch ist exzentrisch organisiert, weil er jederzeit in ein reflexives Verhältnis zu seinem Leben treten kann.

Körper haben und Leib sein

Selbstbewusstsein behandelt Plessner nicht als rein geistiges Phänomen, sondern entwickelt es aus seiner biologischen Wurzel. Als Menschen haben wir einen Körper und sind zugleich ein Leib. Diese Organisationsweise beschreibt er als Doppelaspekt.

Anthropologische Gesetze

Der Mensch braucht zum Beispiel Werkzeuge und Kultur, um in der Welt zu bestehen. Dadurch nimmt er die Umwelt auch als sozial und geschichtlich vorgeprägte Kulturwelt wahr.

Zur Gesellschaft und zur Politik

Plessner schrieb auch über Gemeinschaft („Grenzen der Gemeinschaft“, 1924) und über die politischen Wurzeln des Nationalsozialismus („Die verspätete Nation“, zuerst 1935). Sein Buch „Lachen und Weinen“ (1941) untersucht die Grenzen des menschlichen Verhaltens.

Begriffe

exzentrische Positionalität
Stufen des Organischen
Grenze
natürliche Künstlichkeit
vermittelte Unmittelbarkeit
utopischer Standort
Körper und Leib

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

3 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 2 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Übernimmt Gedanken von

Plessner übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Edmund HusserlPrüfstand: belegt

    Plessner entwickelte seine Sicht vom Menschen aufbauend auf Husserls Philosophie. Er hatte in Göttingen bei Husserl studiert.

  • Wilhelm DiltheyPrüfstand: belegt

    Plessner beruft sich in „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ ausdrücklich auf Wilhelm Dilthey und nennt ihn eine wichtige Anregung.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Max SchelerPrüfstand: Deutung

    Plessner und Max Scheler werden gemeinsam zu den Begründern der Philosophischen Anthropologie gezählt. Anders als Scheler fragt Plessner nicht nach einem überzeitlichen Wesen des Menschen.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Plessner wurde am 4. September 1892 in Wiesbaden geboren. Er studierte Medizin, Zoologie und Philosophie in Freiburg, Berlin, Heidelberg, Göttingen und Erlangen, unter anderem bei Hans Driesch, Wilhelm Windelband und Edmund Husserl. 1916 promovierte er in Erlangen bei Paul Hensel, und 1920 habilitierte er sich in Köln.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    1933 wurde Plessner wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen und emigrierte zuerst in die Türkei und dann in die Niederlande. Er lehrte ab 1936 in Groningen. 1943 wurde er vom deutschen Reichskommissar aus dem Dienst entfernt und tauchte bis Kriegsende unter.[3]

  • Biografie belegt

    1951 kehrte Plessner nach Deutschland zurück und übernahm in Göttingen den neu errichteten Lehrstuhl für Soziologie und Philosophie, 1960 bis 1961 war er Rektor. Er starb am 12. Juni 1985 in Göttingen.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Sein Hauptwerk von 1928 trat in der Aufnahme hinter Heideggers „Sein und Zeit“ (1927) und Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ (1928) zurück. Nach dem Krieg galt die Philosophische Anthropologie lange als überholt. Erst mit den zehn Bänden der „Gesammelten Schriften“ (1980 bis 1985) wurde Plessner als bedeutender Philosoph wiederentdeckt.[3]

Kritik

Plessners Hauptwerk wurde in der Aufnahme von Heideggers „Sein und Zeit“ und Schelers Schrift in den Hintergrund gedrängt. Nach dem Krieg galt die Philosophische Anthropologie als überholt und „bürgerlich“ und wurde nach einer Darstellung von Jürgen Habermas und der Frankfurter Schule bekämpft.

Wirkung heute

Seit den 1990er Jahren findet Plessners Werk, auch seine kultur- und sozialwissenschaftlichen Studien, wieder verstärkt Beachtung. Seine Philosophie gehört nach einer Darstellung zu den meistdiskutierten Ansätzen der Philosophischen Anthropologie, und 2014 erschien ein englischsprachiger Sammelband zu ihm.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du merkst, dass Du in einem schwierigen Gespräch zugleich spielst und Dich selbst beobachtest, kannst Du mit Plessner darin eine menschliche Grundlage sehen und nutzen: Du kannst Abstand zu Dir nehmen, ohne aus Deiner Rolle zu fallen. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Plessner über Führung.

Lebensstationen

  1. 1892Geburt in Wiesbaden (4. September)
  2. 1916Promotion in Erlangen
  3. 1920Habilitation in Köln
  4. 1928„Die Stufen des Organischen und der Mensch“ erscheint
  5. 1933Entlassung aus dem Amt, Emigration in die Türkei und die Niederlande
  6. 1951Rückkehr nach Deutschland, Lehrstuhl in Göttingen
  7. 1985Tod in Göttingen (12. Juni)

Werke

Die Einheit der Sinne (1923); Grenzen der Gemeinschaft (1924); Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928); Lachen und Weinen (1941); Die verspätete Nation (1935, 1959)

Lesetipps

Einstieg
Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch (1928)
Vertiefung
Neue Deutsche Biographie, „Plessner, Helmuth“; Jos de Mul (Hrsg.), Plessner’s Philosophical Anthropology: Perspectives and Prospects (Amsterdam University Press, 2014)

Noch nicht sicher belegt

  • Wie Scheler und Plessner einander beeinflusst haben, ist offen; eine Darstellung berichtet von einem Plagiatsvorwurf Schelers im Zusammenhang mit ihren Schriften von 1927 und 1928.

Herkunft der Daten: referenz-2026-10. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Plessner

  1. [1]Neue Deutsche Biographie, Plessner, Helmuth · Webseite
  2. [2]Neue Deutsche Biographie, Plessner; Britannica, Helmuth Plessner
  3. [3]Neue Deutsche Biographie, Plessner; Wikipedia (de), Leben
  4. [4]reviews.ophen.org/2020/12/27/helmuth-plessner-levels-of-organic-life-and-the-human-an-introduction-to-philosophical-anthropology · Webseite

Zurück zur Landkarte · Suche