Wilhelm Dilthey
Philosoph · 1833–1911 · Biebrich, Berlin, Basel, Kiel, Breslau
Kernidee in Kürze
Dilthey unterschied zwischen Naturwissenschaften, die vor allem nach ursächlichen Erklärungen suchen, und Geisteswissenschaften, die den Sinn menschlichen Lebens und menschlicher Geschichte verstehen wollen. Er wollte Kants Kritik der reinen Vernunft zu einer Kritik der historischen Vernunft erweitern, also zu einer Untersuchung, wie wir geschichtliche und kulturelle Wirklichkeit erkennen.
- Kapitel
- Phänomenologie und Existenzialismus (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Fachlexikon
- Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy
Vertiefung
Zum Einstieg
Würdest Du einen Menschen und einen Stein mit denselben Mitteln untersuchen?
- Position
- Verstehen läuft nach seiner späten Sicht über das, was Menschen ausdrücken und hervorbringen, nicht über bloße Selbstbeobachtung.
- Einwand
- Husserl grenzte sich 1911 scharf von der entstehenden Dilthey-Schule ab, und die Stanford Encyclopedia of Philosophy weist darauf hin, dass Verstehen oft zu Unrecht als bloßes Einfühlen gelesen wurde. Sie vermerkt auch, dass die Unterscheidung nicht so scharf ist, dass Ursachenerklärungen in einzelnen Geisteswissenschaften wie Psychologie, Politik oder Wirtschaft ausgeschlossen wären.
- Verbindung
- Diltheys Begriff der Wirkung liegt nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy an der Wurzel von Gadamers Wirkungsgeschichte. Zugleich kritisiert Gadamer, dass Dilthey das Verstehen zu sehr als Methode der Geisteswissenschaften fasste. Nach derselben Quelle und nach Wikipedia knüpft auch Ricœur an Diltheys Hermeneutik an.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Dilthey war
Deutscher Philosoph, der die Geisteswissenschaften als eigene Wissenschaften neben den Naturwissenschaften begründen wollte und dafür das Verstehen von Lebensäußerungen ins Zentrum stellte.
Dilthey steht am Anfang der Hermeneutik des 20. Jahrhunderts, also der Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten, Handlungen und Lebensäußerungen. An seine Ausarbeitung knüpften nach Wikipedia Heidegger, Gadamer und Ricœur an. Gadamer setzte sich zugleich kritisch mit ihm auseinander.
Kernidee genauer
In seiner späten Phase hielt er fest, dass wir uns selbst nicht durch Nachdenken nach innen, sondern über das verstehen, was Menschen ausdrücken und hervorbringen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy berichtet, dass Dilthey 1859 mit der Fertigstellung der Briefausgabe Schleiermachers beauftragt wurde und mit einem Aufsatz über dessen Hermeneutik einen Preis gewann. Daraus ergab sich der Auftrag für Schleiermachers Biografie, deren erster Band 1870 erschien.[1]
Fundstelle: Abschnitt 1.2
Bekannt für
Ein Alltagsbeispiel: Ein Thermometer kannst Du erklären, eine Kollegin, die plötzlich schweigt, willst Du verstehen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Naturwissenschaften erklären, Geisteswissenschaften verstehen
Dilthey fasste die Geisteswissenschaften weit. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy reichen sie von der Philologie, also der Wissenschaft von Sprache und Texten, über Literatur- und Kulturwissenschaft, Religion und Psychologie bis zu Politik und Wirtschaft. Die Hauptaufgabe der Naturwissenschaften sah Dilthey nach derselben Darstellung in Erklärungen nach Gesetzen und Ursachen, die der Geisteswissenschaften im Verständnis von Strukturen und Kräften des menschlichen und geschichtlichen Lebens. Er schrieb 1894, wir erklärten durch rein verstandesmäßige Vorgänge, verstünden aber durch das Zusammenwirken aller Kräfte des Gemüts. Im Gespräch mit einem Teammitglied erlebst Du den Unterschied, wenn Du nicht nur Gründe sammelst, sondern fragst, was die Situation für die Person bedeutet.
Kritik der historischen Vernunft
Dilthey wollte Kants Untersuchung der Grundlagen der Naturerkenntnis auf die soziale und kulturelle Welt ausdehnen. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy gehört dazu, dass menschliche Ereignisse nur im richtigen Zusammenhang ihren Sinn zeigen. Auch Lebensläufe gehören dazu: Eine Biografie muss das Umfeld einbeziehen, in dem die Person lebte. Wenn Du Dir eine Entscheidung in Deiner Firma ansiehst, hilft es entsprechend, ihre Geschichte und ihr Umfeld mitzulesen.
Verstehen über Ausdruck und Auslegung
In seiner späten Phase hielt Dilthey nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy fest, dass das Innere eines Menschen nicht schon dadurch voll verständlich ist, dass er in sich hineinschaut. Verlässlich versteht man sich selbst und andere über die Auslegung dessen, was Menschen hervorbringen, also Sprache, Handlungen und Werke. Zum Beispiel lernst Du Dich in einem Jahresgespräch auch über die Rückmeldungen und Ergebnisse kennen, nicht nur durch Selbstbeobachtung.
Begriffe
- Geisteswissenschaften
- Verstehen und Erklären
- Erlebnis
- Ausdruck
- objektiver Geist
- Kritik der historischen Vernunft
- Weltanschauung
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
7 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 7 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Wird kritisiert von
Kritik an einer bestimmten These von Dilthey. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.
Hans-Georg GadamerPrüfstand: belegt
Gadamers Hermeneutik entwickelte sich aus der Kritik an der älteren Hermeneutik von Schleiermacher und Dilthey, die vor allem nach einer Methode für die Geisteswissenschaften suchte. Zugleich gilt Diltheys Begriff der Wirkung nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy als Wurzel von Gadamers Wirkungsgeschichte.
Übernimmt Gedanken von
Dilthey übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Edmund HusserlPrüfstand: belegt
Die Lektüre von Husserls Logischen Untersuchungen regte nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy Verfeinerungen in Diltheys beschreibender Psychologie an; Husserl grenzte sich später von der Dilthey-Schule scharf ab.
Georg Wilhelm Friedrich HegelPrüfstand: belegt
Dilthey schätzte Hegels Blick auf die geschichtliche Seite des Denkens, lehnte aber dessen spekulative und metaphysische Ausführung ab und griff später dessen Lehre vom objektiven Geist auf.
Immanuel KantPrüfstand: belegt
Dilthey wollte Kants Kritik der reinen Vernunft zu einer Kritik der historischen Vernunft erweitern, die auch soziale und kulturelle Erfahrung erfasst.
Grundlage für
Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Dilthey weiter, meist über Texte.
Martin HeideggerPrüfstand: belegt
Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy und nach Wikipedia knüpfte Heidegger an Diltheys Überlegungen zu Geisteswissenschaften und Hermeneutik an. Nach der englischen Wikipedia wurde Heidegger später zunehmend kritisch gegenüber Dilthey.
Paul RicœurPrüfstand: belegt
Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy wirkten Diltheys Überlegungen zur Hermeneutik auch auf Ricœur, und nach Wikipedia knüpfte Ricœur an Diltheys Ausarbeitung der Hermeneutik an.
Untersucht
Dilthey untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.
untersucht Friedrich Daniel Ernst SchleiermacherPrüfstand: belegt
Dilthey schrieb einen preisgekrönten Aufsatz über Schleiermachers Hermeneutik und den ersten Band einer Biografie Schleiermachers.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Dilthey begann seine Universitätslaufbahn auf Wunsch der Familie mit dem Studium der Theologie in Heidelberg und wechselte nach Berlin. Dort beschäftigte er sich zunehmend mit Schleiermacher, schrieb einen preisgekrönten Aufsatz über dessen Hermeneutik und erhielt den Auftrag für eine Biografie.[1]
Zeitgeschehen belegt
Zu Diltheys Zeit war der Naturalismus, also die Auffassung, alles lasse sich nach Naturgesetzen erklären, stark verbreitet. Dilthey stellte dem nach Wikipedia ein Verständnis des menschlichen Geisteslebens gegenüber, das dessen eigene Gesetzmäßigkeit verstehen will.[2]
Biografie belegt
Dilthey setzte sich um 1900 für die Frauenbewegung ein. Er gehörte einer Vereinigung für Gymnasialkurse für Frauen an, förderte Studentinnen und ließ Anna Tumarkin 1895 als Gasthörerin zu.[2]
Kritik
Husserl reagierte nach Wikipedia mit dem Aufsatz „Philosophie als strenge Wissenschaft“ in scharfer Abgrenzung auf die entstehende Dilthey-Schule; ein Briefwechsel klärte die Unterschiede nicht. Nach Wikipedia ließ Dilthey seine Pläne für einen zweiten Band der Einleitung nach scharfer Kritik von Hermann Ebbinghaus an den Ideen von 1894 fallen. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy merkt an, dass sein Begriff des Verstehens oft als bloßes Einfühlen missverstanden wurde, obwohl er Verstehen als Urteilsvorgang vom bloßen Gefühl unterschieden hatte.
Wirkung heute
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy führt Heidegger, Gadamer und Ricœur als Denker an, auf die seine Überlegungen zu den Geisteswissenschaften, zum geschichtlichen Zusammenhang und zur Hermeneutik gewirkt haben.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn eine Mitarbeiterin ein Ziel verfehlt, kannst Du die Ursachen auflisten, also erklären. Du kannst aber auch fragen, was die Lage für sie bedeutet und aus welchem Zusammenhang ihr Verhalten sinnvoll wird, also verstehen. Das ist eine Analogie und keine Aussage Diltheys über Führung.
Lebensstationen
- 1833Geburt in Biebrich am Rhein (19. November)
- 1864Promotion in Berlin mit einer Arbeit über die Ethik Schleiermachers und Habilitation
- 1867Ruf auf ein philosophisches Ordinariat an der Universität Basel; danach Kiel (1868–1871) und Breslau (1871–1883)
- 1883Erster Band der „Einleitung in die Geisteswissenschaften“; Lehre in Berlin von 1883 bis 1908
- 1894„Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie“
- 1911Tod am 1. Oktober in Seis am Schlern, Südtirol
Werke
Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883); Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894); Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910)
Lesetipps
- Einstieg
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Wilhelm Dilthey“ (Rudolf Makkreel); als Einstieg in den Gedanken des Verstehens.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Hermeneutics“
Noch nicht sicher belegt
- Nicht geprüft ist, wo die „Ideen“ von 1894 zuerst erschienen und ob die „Ideen“ (1894) und der „Aufbau“ (1910) zuerst als Abhandlung der Akademie oder als Buch erschienen. Dass Dilthey von 1883 bis 1908 in Berlin lehrte und dort Hermann Lotze nachfolgte, steht nur bei Wikipedia; die Stanford Encyclopedia of Philosophy sagt nur, dass er den früheren Lehrstuhl Hegels innehatte. Die Verbindungen zu Heidegger und Ricœur stützen sich auf allgemeine Aussagen über Diltheys Wirkung; was genau beide von ihm übernahmen, deuten die abgerufenen Quellen nur für Heidegger an. Die Zuordnung zu einer Denkrichtung ist noch offen, weil die Hermeneutik auf der Landkarte bisher keine eigene Richtung ist.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Hermeneutik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Dilthey
- [1]Wilhelm Dilthey, Abschnitt 1.2 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wilhelm Dilthey, Einleitungsabschnitt zur Philosophie · Wikipedia
- [3]Wilhelm Dilthey · Wikipedia