Landkarte der Philosophie

Henricus Regius

1598–1679 · Utrecht

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Niederländischer Mediziner und Professor in Utrecht, der Descartes' Naturphilosophie (seine Erklärung der Natur aus Materie und Bewegung) an der Universität lehrte, sich dann aber von dessen Metaphysik trennte und Descartes zum Bruch brachte.

Regius lehrt Descartes' Naturphilosophie schon in den ersten Jahren der Universität Utrecht und löst sich dann öffentlich von dessen Metaphysik. Sein Streit mit Voetius (einem Utrechter Theologen, der sich auf die Philosophie des Aristoteles stützte) und der Bruch mit Descartes zeigen, wie nahe sich Rationalismus und Empirismus in der Praxis kommen konnten.

Kernidee

Regius übernimmt von Descartes die mechanische Erklärung der Natur und verzichtet auf die scholastischen „Formen“ (angebliche Wesenskräfte in den Dingen). Die Metaphysik dahinter verwirft er: Er bestreitet angeborene Ideen und einen „reinen Verstand“ (ein Denken, das ganz ohne den Körper auskäme) und lässt alle Gedanken aus der Sinneserfahrung entstehen, sofern sie nicht aus der göttlichen Offenbarung stammen.

Bekannt für

Man kennt ihn als Briefpartner von Descartes (Briefwechsel 1638 bis 1645) und als den Utrechter Professor, an dem sich der Utrechter Streit um die „neue Philosophie“ entzündete. Er hat Descartes' Körpermechanik in der Medizin eingesetzt, etwa in der Erklärung der Muskelbewegung.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Keine angeborenen Ideen

Regius meint, der Geist brauche zum Denken keine angeborenen Ideen, Begriffe oder Grundsätze, sein angeborenes Vermögen zu denken genüge. Auch die Idee Gottes sei nicht angeboren, sondern entstehe durch Beobachtung der Dinge oder durch Weitergabe von anderen. Wer einem neuen Mitarbeiter keine Erfahrung mit einer Aufgabe zutraut, nimmt dasselbe an: Das Können entsteht erst im Tun.

Geist an den Körper gebunden

Regius nennt den Geist „organisch“, also in all seinen Tätigkeiten von funktionierenden Körperteilen abhängig. Einen reinen Verstand, der unabhängig von Körperbildern arbeitet, braucht er nicht, weil sich alle Leistungen des Geistes aus den bekannten Vermögen erklären lassen. Wie ein Team in einem Raum ohne Licht und Papier nur begrenzt planen kann, sieht er das Denken an Gehirn und Sinne gebunden.

Mensch als Einheit aus Geist und Körper

Schon 1641 vertritt ein Schüler von Regius in einer Disputation, Geist und Körper seien zwei Substanzen in einer „zufälligen Einheit“. Später lässt Regius offen, ob die Seele eine Substanz oder eine Eigenschaft einer körperlichen Substanz ist, und hält es für möglich, dass Denken und Ausdehnung demselben Träger zukommen. Das ist, als würdest du in einer Abteilung nicht zwei getrennte Teams sehen, sondern fragen, ob dieselben Leute beide Aufgaben tragen.

Begriffe

Fundamenta physices
: Regius' Lehrbuch der Naturphilosophie von 1646, das gegen Descartes' Rat erschien und von dessen Auffassungen abweicht
Utrechter Streit
: der Konflikt um die neue Philosophie, in dem Voetius Regius 1641 angriff und die Universität ihm 1642 das Lehren von Naturphilosophie verbot
angeborene Ideen
: Regius bestreitet sie, auch die Idee Gottes; das angeborene Vermögen zu denken genügt, die Gedanken kommen aus der Sinneserfahrung
reiner Verstand
: ein vom Körper unabhängiges Denken, das Regius erst vorsichtig umgeht und später ausdrücklich ablehnt, weil sich Geistesleistungen körperlich erklären lassen
Geist als organisch an den Körper gebunden
: der Geist ist vom Körper verschieden, kann aber nur tätig sein, wenn die Körperteile richtig funktionieren

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Descartes: durch Lektüre des Discours (1637) und von Le Monde zum Cartesianer geworden, später „früherer Mentor“ (SEP)

Schüler

  • Henricus van Loon: Schüler, dessen Disputation vom 8. Dezember 1641 den Streit verschärfte

Freunde

  • Henricus Reneri: gemeinsamer Freund, der Regius und Descartes 1638 zusammenbrachte

Gegner

  • Gisbertus Voetius: Utrechter Theologieprofessor, wehrte sich im Namen der aristotelisch geprägten calvinistischen Theologie gegen die neue Philosophie
  • Descartes: wegen Regius' Ablehnung seiner Metaphysik und wegen des Vorwurfs, Regius habe von ihm abgeschrieben

Verbindungen im Netz

3 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf René DescartesDeutung

    Regius kam durch Descartes' Discours und Le Monde zur neuen Philosophie, wurde aber nach dem Bruch 1647/48 von seinem früheren Mentor scharf zurückgewiesen.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • wird kritisiert von René DescartesDeutung

    Regius kam durch Descartes' Discours und Le Monde zur neuen Philosophie, wurde aber nach dem Bruch 1647/48 von seinem früheren Mentor scharf zurückgewiesen.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit John LockeDeutung

    Deutung: Die SEP sagt, Regius' Erkenntnislehre stehe der in Lockes Essay näher als Descartes, und sieht in seiner These, Denken und Ausdehnung könnten demselben Träger zukommen, Lockes spätere Frage vorweggenommen; ein Einfluss ist nicht belegt.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Regius führte seine Anstellung an der Universität Utrecht selbst auf seine Vertrautheit mit der cartesischen Philosophie zurück. Im März 1642 verbot ihm die Universität, öffentlich oder privat Naturphilosophie zu lehren, und der Akademische Senat (das Leitungsgremium der Universität) verurteilte die cartesische Philosophie offiziell.[1]

  • Geld belegt

    Als Regius 1640 eine Gehaltserhöhung erhielt, verband die Universität sie mit zusätzlichen Vorlesungen zur Naturphilosophie, und dieser Vertrag legte den Keim für spätere Streitigkeiten mit den älteren Philosophie- und Theologieprofessoren. Ob das Geld sein Denken lenkte, sagt die Quelle nicht.[1]

  • Biografie Deutung

    Regius war Calvinist, und als Schulleiter in Naarden wurde seine Rechtgläubigkeit infrage gestellt. Das macht verständlich, warum er Fragen über Seele und Substanz vorsichtig behandelte, aber das ist eine Deutung.[1]

Kritik

Descartes warf Regius vor, er habe in der Metaphysik alles getan, um dem „Autor“ zu widersprechen, und seine Auffassung vom Geist als bloße Eigenschaft des Körpers sei ein noch größerer Fehler als die frühere Rede von der zufälligen Einheit (Geist und Körper als zwei Substanzen, die nur zufällig verbunden sind). Voetius und seine Anhänger sahen in Regius und Descartes zusammen eine Gefahr für die calvinistische Theologie (die Lehre der reformierten Kirche, zu der sich die Professoren bekennen mussten). Zudem äußerte Descartes den Verdacht des Abschreibens bei der Muskelbewegung, den Regius später bestritt.

Wirkung heute

Regius zeigt, dass eine mechanische Naturwissenschaft ohne Descartes' Metaphysik denkbar ist. Die SEP vergleicht seine Erkenntnislehre deshalb mit Lockes Essay, der fast vierzig Jahre später erschien.

Brücke zu Führung und Coaching

Regius erinnert daran, dass man ein Konzept übernehmen und doch nicht jede Begründung teilen muss. Frag dich in Teamprozessen: Welche Methode meines Vorbilds nutze ich, und welche Annahme dahinter teile ich gar nicht? Sprich diesen Unterschied offen an, damit aus Nähe nicht später ein Streit wie zwischen Regius und Descartes wird.

Lebensstationen

  1. 1598Geburt in Utrecht
  2. 1623Doktor der Medizin in Padua
  3. 1638Professor in Utrecht und Beginn des Briefwechsels mit Descartes
  4. 1642Verbot, Naturphilosophie zu lehren
  5. 1646Fundamenta physices erscheint gegen Descartes' Rat
  6. 1649Rektor der Universität Utrecht (erneut 1662)
  7. 1679Tod in Utrecht

Werke

Physiologia sive cognitio sanitatis (Disputationen 1641)

Fundamenta physices (1646)

Explicatio mentis humanae (1648)

Philosophia naturalis (1654, 3. Auflage 1661)

Anekdote belegt

Descartes schrieb an einen Bekannten, er habe in Regius' Fundamenta physices fast nichts gefunden, was Regius nicht von ihm hätte übernehmen können, und verwies auf die Erklärung der Muskelbewegung aus seinem ungedruckten Traité de l'homme. Regius bestritt später, je eine Abschrift besessen zu haben.[1]

Lesetipps

Einstieg
Henricus Regius: Fundamenta physices (Amsterdam 1646), im lateinischen Original; eine deutsche Ausgabe haben wir nicht gefunden. Hier steht der Abschnitt über die Natur des Menschen, in dem er von Descartes abweicht.
Vertiefung
Theo Verbeek: Descartes and the Dutch. Early Reactions to Cartesian Philosophy, 1637–1650 (1992)

Noch nicht sicher belegt

  • Kein Zitat, da nur englische Übersetzungen (Bos) abgerufen wurden. Die Kante zu Locke beruht nur auf dem SEP-Vergleich, ein Einfluss ist nicht belegt (als Deutung markiert). en.wikipedia ist ein Stub und bestätigt nur Daten und Lehrstuhl; der Prüfer hat de.wikipedia als zweite echte Personenquelle ergänzt, sie bestätigt Lebensdaten, Padua 1623, Professur 1638/39, Rektorate 1649/50 und 1662/63 und die Rolle Reneris (dort als Nachbar und Vermittler). de.wikipedia datiert den Bruch mit Descartes auf 1646, die SEP beschreibt ihn als Prozess von 1645 bis 1648. Kein deutsches Werk gefunden. Kontext 'Biografie' ist Deutung. Die Formulierung, Regius sei der erste Cartesianer an einer Universität gewesen, wurde gestrichen, weil keine Quelle das sagt. Lesetipp Verbeek 1992 (Southern Illinois University Press) über die SEP-Literaturliste bestätigt.

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Regius

  1. [1]SEP Henricus Regius · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (en): Henricus Regius · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (de): Henricus Regius · Wikipedia

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