Landkarte der Philosophie

Francisco Sanches

ungefähr 1551–1623 · Braga oder Tuy, Bordeaux, Toulouse

Strömung
Renaissance und Macht
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Arzt und Professor in Toulouse, dessen Streitschrift „Quod nihil scitur“ (lateinisch: dass nichts gewusst wird) den Anspruch auf sicheres Wissen systematisch zerlegt.

Im Block steht Sanches für die Skepsis neben Montaigne, kommt aber aus der Medizin und der Logik. Er greift die Schulphilosophie an, die auch Telesio und Patrizi kritisieren, setzt aber auf Zweifel statt auf ein neues System.

Kernidee

Sanches zeigt, dass der Aristotelismus (die an Aristoteles anknüpfende Schulphilosophie) mit seinen Beweisen aus ersten Prinzipien kein sicheres Wissen liefert. Vollkommenes Wissen hieße, alle Eigenschaften jedes einzelnen Dinges zu erfassen, und das ist uns verwehrt. Unvollkommenes, wahrscheinliches Wissen aus Beobachtung und Erfahrung hält er trotzdem für möglich, so wie in der Medizin.

Bekannt für

Sanches gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Renaissance-Skepsis. Quod nihil scitur beginnt mit dem Bekenntnis, er wisse nicht einmal dies eine, nämlich dass er nichts weiß.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Kritik an der Beweislogik

Sanches hält den Syllogismus, also den Schluss aus zwei Vordersätzen, für zirkulär, weil er unbewiesene erste Prinzipien braucht. Auch die Suche nach Ursachen führe in eine endlose Rückfrage. Wenn dein Team ein Konzept mit den Worten begründet, so sei es immer gewesen, dann frag nach dem Beleg hinter diesem Satz.

Nur Einzelnes ist wirklich

Er geht davon aus, dass nur einzelne Dinge existieren und wahrnehmbar sind, nicht Allgemeinbegriffe. Die Sinne zeigen uns nur Erscheinungen, aber keine Wesen. In der Praxis heißt das: Schau auf den einzelnen Kunden und Fall, nicht nur auf die Kategorie.

Zweifel als Diagnose

Skepsis ist für ihn kein Selbstzweck, sondern eine Diagnose, die zu besserem, begrenztem Wissen führt. Die Medizin gilt ihm mit ihrer Beobachtung als Vorbild für praktisches Wissen. Das ähnelt einer guten Fehleranalyse: erst ehrlich sagen, was man nicht weiß, dann Daten sammeln.

Begriffe

Skepsis
: Zweifel daran, dass wir vollkommenes Wissen erreichen; sie soll falsche Gewissheit aufdecken, nicht jede Wahrheit leugnen
Kritik am Syllogismus
: Schlüsse aus Vordersätzen beruhen auf unbewiesenen Annahmen und sind zirkulär, sie erzeugen Zustimmung statt echten Wissens
Nominalismus
: nur einzelne Dinge existieren, Allgemeinbegriffe wie „Mensch“ sind bloße Namen und zeigen nicht das Wesen einer Sache
Erfahrung
: Wissen beginnt mit den Sinnen und der Beobachtung einzelner Dinge, doch die Sinne zeigen nur Erscheinungen und nie das Wesen
Medizin als Vorbild
: der Arzt muss einen einzelnen Patienten beobachten und behandeln, deshalb ist nützliches Wissen praktisch und nur wahrscheinlich
Fideismus
: Glaube und Vernunft werden getrennt: Der Glaube beruht auf Autorität, die Vernunft kann nur beweisen, was sie fassen kann

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Gegner

  • Aristotelische Scholastiker: wegen Syllogistik
  • Christoph Clavius: stritt mit ihm in einem Brief darüber, ob die Wahrheiten der Mathematik von vornherein und unbezweifelbar gelten
  • Francesco Giuntini: dessen Kometendeutung er angriff

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Juan Luis VivesDeutung

    Sanches knüpft laut SEP an Vives' Skepsis an.

  • baut auf Karneades von KyreneDeutung

    Karneades ist Sanches' erklärtes Vorbild der Akademischen Skepsis (SEP Sanches).

  • Grundlage für René DescartesDeutung

    Gilson sah ihn als Vorläufer Descartes', andere Forscher betonen die Unterschiede (SEP Sanches).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert AristotelesDeutung

    Er greift die scholastische Nutzung von Aristoteles und den Syllogismus an (SEP Sanches).

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Sanches stammte aus einer Familie getaufter Juden und zog mit ihr nach Bordeaux, wo die Lage für Konvertiten günstiger war. Wikipedia sagt, die Familie floh vor der Überwachung durch die portugiesische Inquisition.[2]

  • Abhängigkeit Deutung

    Er war ab 1575 Professor für Medizin und Philosophie in Toulouse und blieb dort bis zu seinem Tod. Sein Fideismus, also die Trennung von Glauben und beweisbarem Wissen, schützte ihn laut SEP vermutlich vor einem Schicksal wie dem Brunos.[1]

Kritik

Copleston warf ihm vor, seine Skepsis habe positive und konstruktive Vorschläge verhindert. Im Vergleich mit Descartes betont Cottingham, dass Sanches keine neue Methode des Wissenserwerbs vorschlägt, und Carvalho, dass er am vollkommenen Wissen über äußere Dinge zweifelt, nie aber an ihrer Existenz.

Wirkung heute

Sein gemäßigter Skeptizismus, der aus Erfahrung begrenztes Wissen gewinnt, wurde laut en.wikipedia von Mersenne, Gassendi und führenden Köpfen der Royal Society zu einer Auffassung der neuen Wissenschaft ausgebaut. Leibniz erwähnte 1702 bewundernd seine Herausforderung an Clavius (einen Mathematiker, der die Mathematik für unabhängig von der Erfahrung und unbezweifelbar gewiss hielt).

Brücke zu Führung und Coaching

Sanches fragt dich, wie sicher du dir bei Entscheidungen wirklich sein kannst. Frag in der nächsten Teamrunde: Woher wissen wir das, was wir für gesichert halten? Und welche Beobachtung würde uns eines Besseren belehren?

Lebensstationen

  1. 1551Geboren ungefähr in Braga oder Tuy
  2. 1562Familie zieht nach Bordeaux, Studium am Collège de Guyenne
  3. 1574Medizinischer Doktorgrad in Montpellier
  4. 1575Professor für Medizin und Philosophie in Toulouse
  5. 1581Quod nihil scitur erscheint im Druck
  6. 1623Stirbt in Toulouse

Werke

Carmen de cometa (1577/78); Quod nihil scitur (geschrieben 1576, gedruckt 1581); De divinatione per somnum (1585); Opera medica (1636); Tractatus philosophici (1649)

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsort und -jahr unsicher (Braga oder Tuy; SEP 1551, nach Limbrick wahrscheinlich 16. Juli 1551 in Tuy; en.wikipedia ca. 1550). Todesdatum 16. November 1623 nur in en.wikipedia. Kometenschrift: SEP 1578, en.wikipedia 1577. De divinatione per somnum: en.wikipedia 1585, die SEP nennt die Veröffentlichung philosophischer Schriften durch seine Söhne 1636. de.wikipedia-Artikel und IEP nicht abrufbar; deshalb nur zwei Quellen (SEP, en.wikipedia). Prüfer: Montaigne-Kante entfernt, weil die SEP ihn nur als angeblich entfernten Cousin nennt und keinen Austausch belegt; die Nähe beider Skeptiker steht im Feld kontext. Mersenne, Gassendi und die Royal Society aus schueler entfernt, weil sie keine Schüler waren, und als Nachwirkung unter heute eingeordnet. Der Eröffnungssatz ist nach der englischen Übersetzung von Thomson/Limbrick in der SEP sinngemäß wiedergegeben, ohne Stellenangabe, daher kein Zitat. Kein per Suche bestätigter deutscher Lesetipp; die englische Ausgabe That Nothing Is Known (Limbrick/Thomson, Cambridge University Press 1988) ist belegt, aber nicht deutsch.

Herkunft der Daten: Renaissance und Macht. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Sanches

  1. [1]SEP, Francisco Sanches · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]SEP, Francisco Sanches – https://plato.stanford.edu/entries/francisco-sanches/; en.wikipedia · Wikipedia

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