Karneades von Kyrene
214–129 v. Chr. · Kyrene, lehrte in Athen
- Strömung
- Hellenismus: Stoa und Epikur
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Leiter der skeptischen Akademie, der Stoiker und Epikureer kritisierte und Wahrscheinlichkeit als Maßstab fürs Leben vorschlug.
Er ist der große Kritiker der Stoa und der Epikureer in der Mitte des Netzes. Cicero baut auf seiner Wahrscheinlichkeitslehre auf, Panaitios reagiert möglicherweise auf seine Kritik.
Kernidee
Karneades hielt sichere Erkenntnis für unmöglich, wollte aber nicht handlungsunfähig werden. Er schlug vor, nach dem zu handeln, was überzeugend erscheint (pithanon). Er verteidigte seine Haltung, indem er jede Behauptung zuerst stützte und dann mit denselben Mitteln zerlegte.
Bekannt für
Bekannt ist er für die Gesandtschaft nach Rom 155 v. Chr., bei der er an einem Tag die Gerechtigkeit pries und am nächsten Tag mit denselben Mitteln widerlegte.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Wahrscheinlichkeit statt Gewissheit
Karneades meinte, dass wir nichts sicher wissen können, aber Vorstellungen mehr oder weniger überzeugend finden. Nach dieser Überzeugungskraft (pithanon) können wir handeln. Im Beruf ist das der Alltag: Du entscheidest oft ohne vollständige Daten, und die Frage ist, wie gut deine Gründe sind.
Für und wider argumentieren
In Rom hielt er Reden für und gegen die Gerechtigkeit. Damit zeigte er, dass auch gute Begriffe in Frage gestellt werden können. In einer Besprechung lohnt es sich, bewusst die Gegenposition stark zu machen, bevor man sich festlegt.
Kritik an Stoa und Epikur
Er griff die Stoiker an, unter anderem ihre Lehre von der Ursache und ihr Ziel des Lebens. Auch Epikureer gehörten zu seinen Zielscheiben. Als Führungskraft kannst du daraus lernen, die eigenen Lieblingsmodelle einem Gegner zu überlassen, der sie ernsthaft prüft.
Begriffe
- Skepsis
- Wahrscheinlichkeit (pithanon)
- Argumentieren für und gegen eine Sache
- Gerechtigkeit
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Schüler
- Klitomachos: Schüler und Nachfolger, dessen Bücher unsere Hauptquelle waren
Gegner
- Chrysipp und die Stoiker: kritisierte ihre Lehre von der Ursache und ihr Lebensziel
- Epikureer: kritisierte ihre Lehre
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Francisco SanchesDeutung
Karneades ist Sanches' erklärtes Vorbild der Akademischen Skepsis (SEP Sanches).
Grundlage für Marcus Tullius Ciceroungeprüft
Cicero übernimmt seine Wahrscheinlichkeitslehre und lässt sich als Akademiker beschreiben.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Chrysipp von Soloiungeprüft
Karneades kritisierte die Stoa und wandelte das Sprichwort über Chrysipp ab.
kritisiert Epikur von Samosungeprüft
Er richtete seine Kritik auch gegen die Epikureer.
wird kritisiert von Panaitios von Rhodosungeprüft
Karneades kritisierte die Stoa, Panaitios hat darauf möglicherweise reagiert.
wird kritisiert von Sextus Empiricusungeprüft
Sextus kennt die akademische Skepsis über Klitomachos und grenzt sich von ihr ab.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Er reiste 155 v. Chr. mit dem Stoiker Diogenes von Babylon und dem Peripatetiker Kritolaos als Gesandter Athens nach Rom, um eine Geldstrafe von 500 Talenten wegen der Zerstörung von Oropos zu mildern.[2]
Abhängigkeit belegt
Karneades hinterließ keine Schriften. Was wir wissen, stammt von Schülern, vor allem Klitomachos, und von Cicero und Sextus. Sein Denken ist daher gefiltert.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Die Reden über Gerechtigkeit vor dem römischen Senat fielen in eine Zeit, in der Rom Macht über Griechenland gewann. Sie wirken als Kritik an einer Politik, die Gerechtigkeit im Namen der Macht beansprucht.[2]
Kritik
Schon in der Antike fragte man, ob Karneades mit der Wahrscheinlichkeit nicht doch eine Art Meinung vertritt, die er sonst ablehnt. Die IEP nennt das als Widerspruch: Ein gemäßigtes Zustimmen scheint mit seiner Ablehnung von Meinung zu kollidieren. Stoiker warfen ihm vor, dass Leben ohne feste Überzeugungen nicht möglich sei.
Wirkung heute
Seine Idee, unter Unsicherheit nach Plausibilität zu handeln, entspricht modernen Entscheidungsmodellen. Auch das bewusste Gegenargumentieren findet sich in Debattenformaten und Pre-Mortem-Methoden.
Brücke zu Führung und Coaching
Karneades fragt: Wie gut sind deine Gründe, wenn du alle Gegenargumente gehört hast? Bitte vor deiner nächsten großen Entscheidung jemanden im Team, die Gegenposition so stark wie möglich zu vertreten. Und frage dich selbst, welche Überzeugung du ungeprüft für wahr hältst.
Lebensstationen
- 214 v. Chr.Geburt in Kyrene
- 155 v. Chr.Spätestens jetzt Leiter der Akademie
- 155 v. Chr.Gesandtschaft nach Rom mit zwei Reden über die Gerechtigkeit
- 129 v. Chr.Tod in Athen
Werke
Er schrieb selbst nichts, außer einigen Briefen, die verloren sind. Seine Lehre kennen wir aus Berichten seines Schülers Klitomachos, der bei Cicero und Sextus weiterlebt.
Anekdote überliefert
In Rom sprach Karneades im Beisein von Cato dem Älteren erst zugunsten der Gerechtigkeit und am nächsten Tag dagegen. Cato sah darin eine Gefahr und drängte, die Gesandtschaft abreisen zu lassen.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- A. A. Long und D. N. Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare (Metzler, 2000): Karneades-Quellen in deutscher Übersetzung mit Kommentar.
- Vertiefung
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Carneades (kein Buch, aber ausführlich und frei zugänglich).
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten sind ungefähr (214/3–129/8). Der Lehrer Hegesinus wird nur nach allgemeinem Wissen genannt und wurde nicht aus einer abgerufenen Quelle bestätigt. Was Cato nach den Reden tat, wurde nicht vollständig abgerufen. Die Einordnung, dass Panaitios auf Karneades antwortete, ist eine Vermutung bei Wikipedia.
Wege durchs Netz
Können wir überhaupt etwas wissen?
Karneades: Sicheres Wissen gibt es nicht, also handle nach dem, was überzeugend erscheint.
Herkunft der Daten: Stoa und Epikur. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Karneades
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Carneades · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia: Carneades · Wikipedia
- [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: ancient-greek-skepticism · Internet Encyclopedia of Philosophy