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Landkarte der Philosophie

Amartya Sen

Ökonom und Philosoph · geb. 1933 · Harvard University, USA

Kapitel
Gegenwart: Gerechtigkeit und Ethik (redaktionell, keine Schulzugehörigkeit)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Zum Einstieg

Wie gut ein Leben ist, hängt das an dem, was jemand hat, oder an dem, was er oder sie tatsächlich tun kann?

Position
Sen antwortet, dass es auf reale Möglichkeiten ankommt: Mittel und Rechte genügen nicht, wenn jemand sie nicht nutzen kann. Zwei Menschen mit gleichem Einkommen können deshalb sehr unterschiedlich gestellt sein. Gerechtigkeit heißt, solche Unterschiede zu sehen und echte Freiheiten zu erweitern.
Einwand
Kritiker bemängeln, dass Sen offenlässt, welche Fähigkeiten zählen: Er verlangt dafür demokratische Verfahren und öffentliche Diskussion, hat aber nie im Einzelnen erklärt, wie die Auswahl geschehen soll (SEP, Capability Approach 3.3). Rawlsianer halten dagegen, dass Rawls besondere Bedürfnisse bei den Grundgütern berücksichtigt und Sens Kritik an ihm deshalb überschätzt wird (SEP 4).
Verbindung
Sens Ansatz führt zu Nussbaum, die ihn ausgebaut hat, und steht in Spannung zu Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit.

Redaktionell zusammengefasst, keine Zitate. Die Quellen stehen am Ende der Seite.

Kommt in diesen Denkwegen vor

Indischer Ökonom und Philosoph, Nobelpreisträger 1998, der mit dem Fähigkeitenansatz (Capability Approach) bestimmt, woran sich Wohlergehen und Gerechtigkeit messen lassen.

Sen hat den Fähigkeitenansatz begründet, den Nussbaum zu einer Teiltheorie der Gerechtigkeit ausgebaut hat. Er kritisiert, dass Rawls Gerechtigkeit an Grundgütern misst, und will Gerechtigkeit vor allem über Vergleiche realer Lagen bestimmen statt über das Bild einer vollkommen gerechten Ordnung.

Kernidee

Sen fragt nicht, wie viel Einkommen oder Glück jemand hat, sondern was er oder sie tatsächlich tun und sein kann. Zwei Menschen mit gleichen Mitteln können sehr unterschiedliche Möglichkeiten haben, etwa wegen einer Behinderung. Gerechtigkeit und Entwicklung messen sich deshalb an realen Freiheiten, nicht an Mitteln allein.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die Quellen belegen, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat.

Als Kind erlebte Sen die Gewalt vor der Teilung Indiens 1947. Ein verletzter muslimischer Tagelöhner namens Kader Mia kam auf der Suche nach Arbeit in sein überwiegend hinduistisches Viertel und starb später an den Folgen. Nach Wikipedia brachte ihn das früh darauf, wirtschaftliche Unfreiheit zu bedenken; ob die Stelle Sens eigene Darstellung genau wiedergibt, ist mit den abgerufenen Quellen nicht geprüft.[2]

Fundstelle: Abschnitt Development as Freedom

Bekannt für

Sen bekam 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie. Er ist bekannt für die Aussage, dass Hungersnöte nicht nur an fehlendem Essen liegen, sondern an ungleichen Zugängen zu Nahrung, und für die These, in funktionierenden Demokratien gebe es keine Hungersnöte.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Fähigkeitenansatz

Fähigkeiten sind nach Sen die realen Freiheiten, bestimmte Tätigkeiten auszuführen und bestimmte Zustände zu erreichen. Sein Beispiel: Zwei Personen haben gleiche Mittel, aber eine hat eine Behinderung und ist etwa auf einen Rollstuhl angewiesen; sie kann mit denselben Mitteln weniger tun und hat wegen der Behinderung zusätzliche Ausgaben. Übertragen auf heute: Zwei Mitarbeitende mit gleichem Gehalt und gleichem Budget haben nicht gleich gute Chancen, wenn die eine pendeln muss oder Angehörige pflegt.

Entwicklung als Freiheit

In Development as Freedom (1999) versteht Sen Entwicklung als Ausweitung realer Freiheiten statt als Wachstum des Einkommens. Er nennt fünf Arten von Freiheit, die sich gegenseitig stützen: politische Freiheiten, wirtschaftliche Möglichkeiten, soziale Chancen, Transparenzgarantien und soziale Sicherung. Übertragen auf einen Betrieb kannst du fragen, ob Menschen außer einem Gehalt auch Mitsprache, Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten haben.

Vergleichende Gerechtigkeit

In The Idea of Justice (2009) und anderen Schriften hält Sen eine Theorie der vollkommen gerechten Ordnung für entbehrlich. Wichtiger sind ihm Vergleiche, welche reale Lage weniger ungerecht ist, und Wege dorthin. Dazu greift er Adam Smiths Gedanken des unparteiischen Beobachters auf und betont, dass auch die Urteile von Menschen aus anderen Gesellschaften zählen sollen. Übertragen auf heute: Du fragst bei einer Entscheidung nicht nur, welche Lösung ideal wäre, sondern welche von zwei realen Optionen Ungerechtigkeit stärker verringert.

Begriffe

Fähigkeiten (capabilities)
Verwirklichungschancen
reale Freiheit
Umwandlungsfaktoren
Entwicklung als Freiheit
vergleichende Gerechtigkeit
unparteiischer Beobachter

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet
belegt
Mit Quelle belegt.
Deutung
Redaktionelle Deutung auf Grundlage der Quellen.
überliefert
Überliefert, aber historisch nicht gesichert.
ungeprüft
Noch nicht einzeln gegen Quellen geprüft. Lies sie als Hinweis, nicht als Tatsache.

Kritisiert

Sen kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • John RawlsPrüfstand: Deutung

    Sen kritisiert, dass Rawls Gerechtigkeit an Grundgütern misst, weil das die Verschiedenheit der Menschen kaum beachtet (Equality of What?, 1979), und setzt einer idealen Theorie der Gerechtigkeit den Vergleich realer Lagen entgegen (SEP, Capability Approach 4). Gegenseitige Kritik ist nicht belegt, daher gerichtet.

Gegenseitige Kritik

Beide Seiten kritisieren Thesen der anderen.

  • Robert NozickPrüfstand: Deutung

    Sen wirft Nozick vor, die sozialen Folgen strikter Eigentumsrechte, auch Hungersnöte, zu übergehen (Wikipedia de, Kritik).

Baut auf

Sen übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Adam SmithPrüfstand: Deutung

    Sen greift Adam Smiths Gedanken des unparteiischen Beobachters auf und erweitert ihn: Auch die Urteile unbeteiligter Menschen aus anderen Gesellschaften sollen zählen (SEP, Adam Smith's Moral and Political Philosophy 4, mit Verweis auf Sen 2009: 125). SEP Capability Approach führt außerdem Aspekte des Ansatzes unter anderem auf Smith zurück.

Grundlage für

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Sen weiter, meist über Texte.

  • Martha NussbaumPrüfstand: Deutung

    Nussbaum baut auf Sens Fähigkeitenansatz auf: Laut SEP hat Sen den Ansatz begründet und Nussbaum ihn wesentlich weiterentwickelt, unter anderem mit einer Liste zentraler Fähigkeiten als Teiltheorie der Gerechtigkeit; die Liste selbst lehnt Sen ab.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen belegt

    Sen erlebte als Kind in Bengalen die Gewalt vor der Teilung Indiens 1947. Ein verletzter muslimischer Tagelöhner, der aus Armut ins Viertel kam, in dem Sens Familie wohnte, brachte ihn nach Wikipedia früh auf den Gedanken der wirtschaftlichen Unfreiheit.[2]

  • Biografie belegt

    Er besuchte in Santiniketan eine fortschrittliche Schule, die kulturelle Vielfalt betonte und Prüfungen skeptisch sah. Als Student überlebte er eine Krebserkrankung.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Sen lehrte in Indien, Großbritannien und den USA und war Master des Trinity College in Cambridge. 2012 wurde er erster Kanzler der geplanten Nalanda-Universität. Er wurde kritisiert, weil das Projekt unter Verzögerungen und schlechter Leitung litt, und verzichtete 2015 auf eine zweite Amtszeit; als Grund nannte er, die indische Regierung wolle ihn nicht im Amt halten.[2]

Kritik

Der Ansatz gilt als bewusst offen gehalten. Kritiker bemängeln, dass Sen nie genau erklärt hat, wie die Auswahl der wichtigen Fähigkeiten geschehen soll, außer dass demokratische Verfahren und öffentliche Diskussion beteiligt sein sollen. Nussbaum hat eine Liste zentraler Fähigkeiten vorgelegt, die Sen nicht übernimmt. Rawlsianer wenden ein, Anhänger des Ansatzes überschätzten Sens Kritik an Rawls, weil Rawls besondere Bedürfnisse bei der Verteilung der Grundgüter durchaus berücksichtige. Sens Zahl der „fehlenden Frauen“ in Asien hielt unter anderem Emily Oster für zu hoch; Oster hat ihre Schlussfolgerungen später zurückgenommen.

Wirkung heute

Der Ansatz prägt den Human Development Report der Vereinten Nationen und viele Debatten über Armut, Bildung und Gesundheit. Er wird dort benutzt, wo Menschen nicht nach Mitteln, sondern nach realen Möglichkeiten beurteilt werden sollen.

Brücke zu Führung und Coaching

Frage dich bei Entwicklungsplänen, was deine Leute tatsächlich tun können, und schau dabei über Budgets und Programme hinaus. Übertragen auf heute: Du prüfst, ob eine Weiterbildung für alle erreichbar ist, auch für Teilzeitkräfte, Eltern oder Menschen mit Einschränkungen. Das ist eine Übertragung von Sens Gedanken der realen Freiheit; Sen selbst schreibt über Entwicklung und Gerechtigkeit in Gesellschaften.

Lebensstationen

  1. 1933Geburt in Santiniketan, Bengalen
  2. 1953Wechsel an das Trinity College, Cambridge
  3. 1971Professor an der London School of Economics
  4. 1987Professor an der Harvard University
  5. 1998Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften; Master of Trinity College
  6. 2009The Idea of Justice erscheint

Werke

Collective Choice and Social Welfare (1970); Poverty and Famines (1981); Development as Freedom (1999); The Idea of Justice (2009); Aufsatz „Equality of What?“ (1979)

Anekdote überliefert

Der Dichter Rabindranath Tagore, der als erster Asiate einen Nobelpreis erhielt, gab Amartya Sen seinen Vornamen, der „unsterblich“ bedeutet. Sens Großvater mütterlicherseits, der Sanskritgelehrte Kshiti Mohan Sen, war ein enger Mitarbeiter Tagores.[2]

Lesetipps

Einstieg
Amartya Sen, Development as Freedom (Oxford University Press, 1999); der Einstieg in den Ansatz.
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „The Capability Approach“

Noch nicht sicher belegt

  • Britannica und die Internet Encyclopedia of Philosophy wurden nicht abgerufen. Der Wikipedia-Abschnitt zu The Idea of Justice trägt nach dem Erscheinungsjahr keinen Beleg und endet mit „citation needed“. Aussagen, die nur dort stehen, wurden nicht verwendet: der Gegensatz zu Rawls' Schleier des Nichtwissens, die Inspiration durch Wollstonecraft und die Demokratie im Sinne Mills. Der unparteiische Beobachter ist über die Stanford Encyclopedia of Philosophy belegt (Artikel Adam Smith, Abschnitt 4), die vergleichende Gerechtigkeit über deren Artikel Capability Approach (4). Eine Verbindung zu Aristoteles wurde gestrichen: Die Stanford Encyclopedia führt nur allgemein Aspekte des Ansatzes auf Aristoteles, Smith und Marx zurück, ohne zu sagen, welche Aspekte Sen übernimmt. Die Linie zu Aristoteles läuft in den Quellen vor allem über Nussbaum (1988). Nussbaum wurde aus den Freunden entfernt, denn eine Freundschaft ist in den Quellen nicht belegt, die Verbindung zu ihr besteht als Verbindung im Netz. Der Name Kader Mia stammt aus der Wikipedia (Beleg: Development as Freedom, S. 8), die Tagore-Anekdote steht nur dort. Die These, dass in einer funktionierenden Demokratie keine Hungersnot auftritt, ist laut Wikipedia ein Zitat von 1999 und wird deshalb nicht als Zitat geführt. Beim Ort Harvard nennt die Quelle keine Stadt. Das Ende der Amtszeit in Nalanda 2015 ist erschlossen, weil er im Februar 2015 auf eine zweite Amtszeit verzichtete.

Herkunft der Daten: Runde 2: fehlende Protagonisten und neue Perspektiven (Gegenwart). Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Sen

  1. [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Amartya Sen – Wikipedia (en), Abschnitt Development as Freedom
  3. [3]Britannica, Adam Smith; SEP, Adam Smith's Moral and Political Philosophy

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