Landkarte der Philosophie

Adam Smith

1723–1790 · Kirkcaldy, Edinburgh, Glasgow

Strömung
Empirismus und Aufklärung
Kants Fragen
Was soll ich tun? · Was ist der Mensch? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der schottische Moralphilosoph und Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre, der aus der Gefühlsethik seines Lehrers Hutcheson (Moral beruht auf einem angeborenen inneren Sinn für Tugend und Laster) und dem Menschenbild seines Freundes David Hume eine Lehre von Moral und Markt macht.

Smith studiert bei Hutcheson, ist lebenslang mit Hume befreundet und führt beider Denken zur Wirtschaftslehre weiter. Gegen Hutchesons Nutzenformel (eine Handlung ist umso besser, je mehr Menschen sie glücklich macht) betont er die Angemessenheit der Motive, und in Genf und Paris trifft er die französischen Aufklärer und die Physiokraten (eine französische Schule, die den Boden und die Landwirtschaft für die einzige Quelle des Reichtums hielt).

Kernidee

Moral entsteht, weil wir uns in andere hineinversetzen und unser Handeln so beurteilen, wie ein fairer, gut informierter Beobachter es täte. Im Wirtschaftsleben führt der Eigennutz vieler unter Wettbewerb und Rechtsordnung oft zu Wohlstand für alle, auch wenn niemand das beabsichtigt. Der Staat soll die Rechtsordnung sichern und sich sonst zurückhalten.

Bekannt für

Smith kennt man für die Idee der unsichtbaren Hand und für den Wohlstand der Nationen, das erste umfassende System der Volkswirtschaftslehre. Weniger bekannt ist, dass er in erster Linie Moralphilosoph war und mit der Theorie der ethischen Gefühle zuerst ein Buch über Mitgefühl und Gewissen schrieb.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Sympathie und der unparteiische Zuschauer

Sympathie bedeutet bei Smith, dass wir uns vorstellen, wie wir in der Lage eines anderen fühlen würden. Moralische Urteile entstehen, indem wir unser Handeln so beurteilen, wie ein gut informierter, unparteiischer Zuschauer es täte, den wir als inneren Maßstab in uns aufbauen. Wenn du vor einer harten Rückmeldung an einen Mitarbeiter überlegst, wie ein fairer Außenstehender dein Vorgehen sähe, nutzt du genau diesen inneren Zuschauer.

Arbeitsteilung und unsichtbare Hand

Smith zeigt, dass Arbeitsteilung die Produktivität steigert und unter Wettbewerb zu niedrigeren Preisen und höherem Lebensstandard führt. Die unsichtbare Hand erwähnt er nur je einmal im Wohlstand der Nationen und in der Theorie der ethischen Gefühle: Wer seinen eigenen Vorteil verfolgt, fördert dabei oft ungewollt den der Gesellschaft. In einer Firma heißt das: Wenn jede Abteilung ihre Aufgabe klar abgegrenzt gut erledigt, entsteht oft mehr Nutzen als durch zentrale Detailsteuerung.

Natürliche Freiheit und ein zurückhaltender Staat

Smith will, dass Menschen ihre Entscheidungen weitgehend selbst treffen und der Staat Rechtsordnung und Schutz der Schwachen sichert, aber keine einzelnen Branchen bevorzugt. Er traut Regierungsbeamten nicht zu, die Lage vor Ort besser zu kennen als die Beteiligten, und er misstraut Kaufleuten, die Politik für ihre Sonderinteressen nutzen. Das gilt auch im Unternehmen: Wer die Lage vor Ort kennt, sollte entscheiden dürfen, und Eigeninteressen von Einzelnen brauchen klare Regeln.

Begriffe

Sympathie
: bei Smith das Sichhineinversetzen in die Lage eines anderen, aus dem Mitgefühl und moralisches Urteilen wachsen
unparteiischer Zuschauer
: ein gedachter unparteiischer Beobachter, den wir verinnerlichen und an dessen Urteil wir unsere Gefühle und unser Handeln messen
Arbeitsteilung
: die Zerlegung einer Arbeit in Teilschritte, die Spezialisten erledigen, was die Produktivität stark steigert, etwa in der Nadelherstellung
unsichtbare Hand
: Bild dafür, dass eigennütziges Handeln vieler ungewollt dem Wohl aller dient; im Wohlstand der Nationen nutzt Smith es nur an einer Stelle
natürliche Freiheit
: die Freiheit, nach eigenem Urteil zu handeln und zu wirtschaften, wobei der Staat nur Recht, Schutz und öffentliche Einrichtungen sichert
Unparteiischer Beobachter
: ein gedachter fairer Zuschauer, an dem wir unser Handeln messen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Francis Hutcheson: sein Lehrer in Glasgow, dessen Auftreten Smith nach Britannica stark prägte, obwohl er später von seinen Ansichten abwich

Freunde

  • David Hume: lebenslanger Freund, der ihn in Paris in die Salons einführte
  • Joseph Black und James Hutton: Freunde, die nach seinem Tod seine Nachlassverwalter wurden

Gegner

  • Merkantilisten: Politik zugunsten einzelner Branchen
  • Hutcheson und Hume: Smith stellt gegen deren Nutzenformel die Angemessenheit der Motive

Verbindungen im Netz

12 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von Francis HutchesonDeutung

    Smith studierte in Glasgow bei Hutcheson, und die Themenfolge von Hutchesons System kehrt in Smiths Glasgower Vorlesungen und im Wohlstand der Nationen wieder.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Jean-Jacques RousseauDeutung

    Das SEP verweist auf Deutungen, nach denen Smith Rousseaus Sorge um die Verderbnis durch den Handel teils aufgreift und teils kritisiert.

  • Grundlage für Martha Nussbaumungeprüft

    Adam Smith wird in Wikipedia und SEP als Bezugspunkt genannt

  • Grundlage für Mary WollstonecraftDeutung

    Nach der SEP schöpfte sie aus Smiths Theory of Moral Sentiments und Wealth of Nations und entwarf daraus in der Revolutionsgeschichte eine künftige Gesellschaft mit wenig Arbeitsteilung.

  • Grundlage für Thomas PaineDeutung

    Nach der SEP zeigt neue Forschung von Samuel Burry, dass Paine auf eine eigene Lesart von Smiths „Wealth of Nations“ zurückgriff.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jean-Jacques RousseauDeutung

    Das SEP verweist auf Deutungen, nach denen Smith Rousseaus Sorge um die Verderbnis durch den Handel teils aufgreift und teils kritisiert.

  • wird kritisiert von Jeremy BenthamDeutung

    In der Defence of Usury (1787) widersprach Bentham Smiths Verteidigung einer gesetzlichen Zinsobergrenze (SEP, Britannica).

  • kritisiert Thomas Hobbesungeprüft

    akzeptiert dessen machtbetontes Menschenbild nicht

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Adam FergusonDeutung

    Wikipedia nennt Smith einen Freund und Mitglied der Select Society, mit dem Ferguson die Idee der spontanen Ordnung teilt.

  • persönlich verbunden mit David HumeDeutung

    enger Freund, Moralphilosophie des Gefühls

  • persönlich verbunden mit Thomas ReidDeutung

    Reid folgte 1764 Smith auf den Glasgower Lehrstuhl für Moralphilosophie.

  • persönlich verbunden mit Voltaire (François-Marie Arouet)Deutung

    In Genf traf Smith Voltaire, vor dem er laut Britannica tiefe Achtung hatte.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    1764 nahm Smith eine Stelle als Hauslehrer des jungen Herzogs von Buccleuch (den er von 1764 bis 1766 auf einer Bildungsreise nach Toulouse, Genf und Paris begleitete) an, mit 300 Pfund Jahresgehalt und 300 Pfund lebenslanger Pension, deutlich mehr als sein Professorengehalt. Die Muße dieser Zeit nutzte er, um am Wohlstand der Nationen zu arbeiten, ob die Abhängigkeit von einem Adelshaus sein Denken färbte, sagt die Quelle nicht.[3]

  • Zeitgeschehen Deutung

    In Glasgow lernte Smith Kaufleute kennen, die vom Kolonialhandel nach der Vereinigung Schottlands mit England 1707 lebten, und gewann von ihnen laut Britannica seine Kenntnisse über Handel und Geschäft. Seine Kritik an der Ostindien-Kompanie (einem mächtigen britischen Handelsunternehmen, das in Indien auch herrschte) begründet er laut SEP damit, dass Kaufleute Politik für ihren Vorteil nutzen. Dass sein Blick auf Märkte vom Glasgower Handelsmilieu geformt war, ist eine Deutung.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Smith war Professor in Glasgow und wurde 1778 Zollkommissar für Schottland (Mitglied der Behörde, die Zölle erhob und gegen Schmuggel vorging), also Staatsbediensteter, während er zugleich über die Rolle des Staates schrieb. Ob das Amt seine Haltung zu Staat und Handel veränderte, geben die Quellen nicht her.[4]

Kritik

Die Theorie der ethischen Gefühle wurde laut SEP von drei Seiten kritisiert: Sie biete kein klares Verfahren für konkrete Entscheidungen, der unparteiische Zuschauer sei zu sehr von den Vorurteilen seiner Gesellschaft geprägt, und es bleibe offen, warum man auf ihn hören solle. Außerdem wird seit Langem diskutiert, ob die Moralschrift zum Wohlstand der Nationen passt oder ihm widerspricht. Schließlich zeigt die Rezeption, dass seine Wirtschaftslehre oft verkürzt auf Eigennutz und Marktfreiheit gelesen wird, während er dem Staat nach SEP durchaus Aufgaben zur Umverteilung und zum Schutz der Schwachen zuwies.

Wirkung heute

Der Gedanke, dass Märkte nur mit Recht, Vertrauen und Moral funktionieren, wird heute in der Wirtschaftsethik und in der Verhaltensökonomie wieder aufgegriffen. Der unparteiische Zuschauer lebt in modernen Konzepten von Perspektivwechsel und Selbstreflexion weiter.

Brücke zu Führung und Coaching

Smith zeigt dir, dass Eigeninteresse und Anstand zusammengehören, wenn Regeln und Rückmeldung stimmen. Frage dich in einem Konflikt: Wie würde ein fairer Beobachter, der alle Umstände kennt, mein Verhalten gerade beurteilen? Im Team kannst du außerdem prüfen, ob die Anreize so gesetzt sind, dass jeder, der seinen eigenen Vorteil verfolgt, dem Ganzen nützt, oder ob du das nur über Appelle an Wohlwollen erwartest.

Zitate

„Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unser Abendessen, sondern davon, dass sie auf ihren eigenen Vorteil achten.“

An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776), Buch I, Kapitel 2. Original: „It is not from the benevolence of the butcher, the brewer, or the baker, that we expect our dinner, but from their regard to their own interest.“ (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1723Getauft in Kirkcaldy, Schottland
  2. 1737Beginnt mit 14 Jahren das Studium am College in Glasgow, wo ihn Hutcheson prägt
  3. 1752Wird Professor für Moralphilosophie in Glasgow
  4. 1759Veröffentlicht die Theorie der ethischen Gefühle
  5. 1776Erscheint der Wohlstand der Nationen
  6. 1778Wird Zollkommissar für Schottland und zieht nach Edinburgh, wo er 1790 stirbt

Werke

  • Theorie der ethischen Gefühle (1759)
  • Wohlstand der Nationen (1776)

The Theory of Moral Sentiments (1759); An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations (1776); Lectures on Jurisprudence (Vorlesungsmitschriften 1762 bis 1763, erst 1978 in der Glasgow Edition veröffentlicht); Essays on Philosophical Subjects (1795, posthum)

Anekdote überliefert

Smith hinterließ viele Notizen und Entwürfe und wies an, alles zu vernichten, was nicht druckreif sei. Seine Nachlassverwalter Joseph Black und James Hutton führten das aus, nur Ausgewähltes wie die Geschichte der Astronomie erschien 1795.[4]

Lesetipps

Einstieg
Adam Smith, Theorie der ethischen Gefühle, hrsg. von Horst D. Brandt, mit Einleitung von Walther Eckstein (Felix Meiner Verlag, Philosophische Bibliothek 605, 2010): sein philosophisches Hauptwerk, aus dem der Gedanke des unparteiischen Zuschauers stammt.
Vertiefung
Nicholas Phillipson, Adam Smith: An Enlightened Life (Yale University Press, New Haven 2010), nachgewiesen in der Literaturliste des SEP-Eintrags.

Noch nicht sicher belegt

  • Konzepte, Führungs-Transfer und Leseempfehlung sind eigene Verdichtung, nicht einzeln aus den Quellen zitiert. Geburtsjahr: getauft 1723 (Geburtstag nicht gesichert), daher nur Jahr. Die Kritik an Hobbes ist nach der deutschen Wikipedia sinngemäß belegt.
  • Rücktritt von der Professur: Britannica sagt 1763, Wikipedia 1764 (Abreise 1764). Geburtsdatum: nur die Taufe (5. Juni alten Stils 1723) ist belegt. Lectures on Jurisprudence: die SEP-Literaturliste nennt die Ausgabe von Meek, Raphael und Stein, Oxford 1978. Kante zu Rousseau: SEP nennt nur Deutungen in der Literatur (Dwyer, Hanley), kein direktes Verhältnis. Die Angabe zum Gebrauch der unsichtbaren Hand stützt sich auf Wikipedia (je einmal in Moral Sentiments und Wealth of Nations, dazu einmal in der History of Astronomy). Das Zitat ist englisch bei econlib (Buch I, Kap. 2) belegt, die deutsche Fassung ist eine eigene Übersetzung. Anekdote zur Vernichtung der Papiere: Wikipedia nennt sie ohne zeitgenössischen Beleg, SEP spricht von verbrannten Manuskripten der Jurisprudence-Vorlesungen. Die Aussage, Smith habe gegen Hutchesons und Humes Nutzenlehre die Angemessenheit der Motive betont, steht im SEP.

Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Empirismus und Aufklärung. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Adam Smith

  1. [1]Britannica, Adam Smith – https://www.britannica.com/biography/Adam-Smith ; SEP, Adam Smith's Moral and Political Philosophy · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia (de): Adam Smith · Wikipedia
  3. [3]Britannica, Adam Smith · Britannica
  4. [4]Wikipedia, Adam Smith · Wikipedia
  5. [5]econlib.org/book-chapters/chapter-b-i-ch-2-of-the-principle-which-gives-occasion-to-the-division-of-labour · Webseite
  6. [6]meiner.de/fmv_de/theorie-der-ethischen-gefa-hle-15455 · Webseite
  7. [7]Wikipedia (de): Francis Hutcheson · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de): Physiokratie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  9. [9]Wikipedia (de): Britische Ostindien-Kompanie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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