Landkarte der Philosophie

Max Stirner

1806–1856 · Berlin

Strömung
Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Junghegelianer und Schulmann, der mit seinem Buch über den Einzelnen die eigenen Weggefährten angreift: Auch Menschheit, Vernunft und Moral seien Herren, denen sich der Einzelne unterwirft.

Stirner ist der Stachel im Kreis der Junghegelianer: Er greift Feuerbach und Bruno Bauer an, Marx und Engels antworten ihm in der Deutschen Ideologie. Später wird er oft als Vorläufer Nietzsches und des individualistischen Anarchismus gelesen.

Kernidee

Stirner fragt, welchen Autoritäten ein Mensch folgt, ohne es zu merken: Gott, Staat, Gewissen, Ideale. Für ihn ist selbst die Vorstellung vom "Menschen" bei Feuerbach eine neue Obrigkeit. Eigenheit heißt, sich von äußeren und inneren Herren frei zu machen und sich als Eigner der eigenen Sache zu verstehen.

Bekannt für

Stirner ist bekannt für ein einziges, radikales Buch, in dem er Religion, Staat und auch humanistische Ideale als Herrschaft über den Einzelnen entlarvt. Ein Beispiel: Wer sich aus Pflichtgefühl für "die Menschheit" aufopfert, folgt nach Stirner einer Idee, die ihn beherrscht, statt seiner eigenen Sache.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Eigenheit und Egoismus

Stirner nennt Eigenheit eine Selbstherrschaft, die weder äußere noch innere Herren duldet. Egoismus meint bei ihm daher nicht bloß Eigennutz, sondern Selbstbestimmung ohne Berufung auf eine höhere Instanz. Im Führungsalltag: Wer eine Entscheidung nur mit "das gehört sich so" begründet, hat sie noch nicht zu seiner eigenen gemacht.

Kritik an Geist, Moral und neuen Göttern

Nach Stirner ersetzt der Humanismus die Religion nur durch einen neuen Glauben, den an den Menschen. Auch Vernunft, Gewissen und Ideale werden zu Befehlshabern, wenn man ihnen unbefragt folgt. Im Team zeigt sich das, wenn ein Leitbild so heilig wird, dass niemand mehr fragen darf, wem es nützt.

Verein von Egoisten

Als Gegenbild zu Staat und Gesellschaft nennt Stirner einen losen Zusammenschluss von Eigenen, der nur so lange besteht, wie er allen Beteiligten dient. Es gibt keine bindende Pflicht, sondern freiwillige Verabredung. Ein Projektteam, das sich pro Vorhaben neu und aus Interesse zusammensetzt, kommt diesem Bild nahe.

Begriffe

Der Einzige
Eigner
Eigenheit
Egoismus
Verein von Egoisten

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Hegel: Stirner hörte in Berlin drei Vorlesungsreihen bei ihm; die dreiteilige Gliederung seines Buches wird teils als Spur dieser Prägung, teils als bewusste Parodie auf Hegel gelesen

Schüler

  • Benjamin Tucker und Dora Marsden: berufen sich im individualistischen Anarchismus auf ihn
  • John Henry Mackay: schrieb die Biografie und machte ihn um 1900 bekannt

Freunde

  • Die Freien um Bruno Bauer: Gesprächskreis in Berlin, den Stirner ab 1841 besuchte

Gegner

  • Feuerbach: Stirner wirft ihm vor, das Göttliche nur ins "Menschliche" zu verlegen
  • Bruno Bauer: von Stirner als Vertreter des humanen Liberalismus kritisiert
  • Marx und Engels: widmen ihm in der Deutschen Ideologie eine lange Auseinandersetzung

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von Georg Wilhelm Friedrich HegelDeutung

    Stirner hörte in Berlin drei Vorlesungsreihen Hegels; die dreiteilige Gliederung seines Buches gilt teils als Hegel-Prägung, teils als Parodie darauf.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • gegenseitige Kritik mit Bruno BauerDeutung

    Stirner kritisiert Bauers humanen Liberalismus; laut SEP-Eintrag zu Stirner gehörte Bauer zu denen, die auf das Buch antworteten.

  • wird kritisiert von Karl MarxDeutung

    Marx und Engels setzen sich in der Deutschen Ideologie ausführlich mit Stirner auseinander.

  • kritisiert Ludwig FeuerbachDeutung

    Laut SEP ist das Buch eine strukturelle Parodie auf Feuerbachs Wesen des Christentums; Stirner wirft ihm vor, das Heilige nur durch den Menschen mit großem M ersetzt zu haben.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Stirner gab seine Stelle an der Mädchenschule kurz vor Erscheinen des Buches auf, die Gründe sind unbekannt. Das Buch wurde sofort verboten, das Verbot nach etwa einer Woche zumindest im Königreich Sachsen wieder aufgehoben.[2]

  • Geld belegt

    Nach dem Buch geriet Stirner in Geldnot, nachdem er das Vermögen seiner zweiten Frau durch einen gescheiterten Milchhandel verbraucht hatte. Die Lebensjahre danach waren von Schulden und kurzer Schuldhaft geprägt, was seine Außenseiterrolle prägen konnte.[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Das Buch entstand in der Zensurzeit des Vormärz im Berliner Kreis der Freien. Dass Stirner gegen die Weggefährten der Linkshegelianer schrieb, mag auch mit dieser aufgeheizten Gruppenlage zu tun haben.[2]

Kritik

Hess, Ruge, Feuerbach und Bauer antworteten öffentlich auf das Buch. Marx und Engels warfen ihm in der Deutschen Ideologie vor, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu übergehen. Offen bleibt bis heute, ob das Buch ernst gemeint ist oder teilweise Parodie auf Hegel.

Wirkung heute

Stirner gilt als Anreger für Anarchismus, Existenzphilosophie und Poststrukturalismus. Seine Frage, welche Autoritäten wir verinnerlicht haben, ist für Selbstführung und Kulturarbeit in Organisationen weiterhin nützlich.

Brücke zu Führung und Coaching

Du kannst mit Stirner Führungskräfte fragen lassen, welche Pflichten sie als eigene Überzeugung ausgeben, obwohl sie nur übernommen sind. Frage in einem Gespräch: Wem dient dieser Grundsatz, und wer hat ihn dir einmal beigebracht? Die Grenze: Als Leitlinie für Teamarbeit taugt reiner Egoismus nicht, weil Führung auch gegenseitige Verpflichtung braucht.

Lebensstationen

  1. 1806Geburt als Johann Caspar Schmidt in Bayreuth
  2. 1826Studium in Berlin, Vorlesungen bei Hegel und Schleiermacher (bis 1828)
  3. 1839Lehrer an einer Berliner Mädchenschule
  4. 1841Teilnahme an den Berliner Freien um Bruno Bauer
  5. 1844Der Einzige und sein Eigenthum erscheint (datiert 1845)
  6. 1856Tod in Berlin nach einer Infektion durch einen Insektenstich

Werke

Der Einzige und sein Eigenthum (1844, datiert 1845); Stirners Kritiker (1845); Geschichte der Reaction (1852)

Anekdote überliefert

Der Name Stirner war zunächst ein Spitzname und geht auf seine hohe Stirn zurück. Geboren wurde er als Johann Caspar Schmidt.[1]

Lesetipps

Einstieg
Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, hg. von Ahlrich Meyer, Reclam, Stuttgart 1972 (Universal-Bibliothek 3057, ISBN 978-3-15-003057-8): das Original, das den Ton zeigt.
Vertiefung
Jacob Blumenfeld: All Things are Nothing to Me. The Unique Philosophy of Max Stirner, Zero Books, 2018 (englisch).

Noch nicht sicher belegt

  • Zitat weggelassen (Phrase 'Mir geht nichts über Mich' ohne Stellenangabe in der Quelle). Heiratsjahr der zweiten Ehe 1843 nur aus Wikipedia; SEP nennt Trennung Ende 1846. Sterbeort Berlin nur aus Wikipedia. Anekdote Spitzname Stirn: SEP und Wikipedia nennen es als Herkunft des Namens, Wikipedia schreibt den Spitznamen den Mitschülern zu. Schleiermacher als Lehrer nur aus Wikipedia, die SEP nennt nur Hegel. Den Grund für das Ende der Schulstelle nennen beide Quellen nicht (Wikipedia: unbekannt); die Rohfassung 'verlor seine Stelle' wurde daher korrigiert. Das Verbot in Sachsen steht nur in Wikipedia. Prüfer: Mackays Biografie (1898, 2. Aufl. 1914) als Lesetipp entfernt, weil Verlag nicht belegt; Reclam-Ausgabe 1972 per Katalogsuche (Hg. Ahlrich Meyer), Blumenfeld per Verlagslisting Zero Books Dezember 2018 bestätigt.

Herkunft der Daten: Die Abweichler des 19. Jahrhunderts. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Stirner

  1. [1]SEP, Max Stirner · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]SEP, Max Stirner – https://plato.stanford.edu/entries/max-stirner/; Wikipedia de · Wikipedia

Zurück zur Landkarte · Suche