Ludwig Feuerbach
1804–1872 · Bruckberg bei Ansbach
- Strömung
- Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
- Kants Fragen
- Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der Hegel-Schüler, der Hegel verlässt, die Religion als menschliche Projektion erklärt und damit die Brücke zu Marx baut.
Er ist das Scharnier zwischen Hegel und Marx: Sein Buch von 1841 löste junge Hegelianer vom System, und Marx übernahm den Gedanken der Entfremdung, wollte aber mehr als bloße Bewusstseinskritik.
Kernidee
Feuerbach sagt, Gott sei ein Spiegelbild des Menschen. Die besten Eigenschaften des Menschen werden ins Jenseits gesetzt und dort als göttlich verehrt. Wer das durchschaut, soll diese Eigenschaften wieder bei sich und in der Gemeinschaft suchen.
Bekannt für
Man kennt Feuerbach für den Satz, dass der Mensch Gott nach seinem Bild schafft und nicht umgekehrt. Sein Buch Das Wesen des Christentums wurde zum Auslöser für Marx und Engels, sich vom Hegelschen System zu lösen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Religion als Projektion
Feuerbach beobachtet, dass Menschen ihre eigenen besten Eigenschaften wie Liebe, Wissen und Güte in ein göttliches Wesen verlegen. Dadurch erscheinen diese Eigenschaften als etwas Fremdes, das über ihnen steht. Wenn ein Team seinem Gründer Allwissenheit zuschreibt, verlegt es Fähigkeiten nach oben, die eigentlich im Team selbst liegen.
Philosophie der Zukunft
In den Grundsätzen von 1843 verlässt Feuerbach das spekulative Denken Hegels und setzt auf den wirklichen, sinnlichen Menschen als Ausgangspunkt. Denken geht für ihn vom Menschen aus und nicht von einem absoluten Geist. Eine Strategie, die nur auf dem Papier schlüssig ist und die tatsächlichen Menschen im Unternehmen nicht kennt, würde Feuerbach spekulativ nennen.
Begriffe
- Projektion
- Religionskritik
- Entfremdung
- Anthropologie
- Sinnlichkeit
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel: hörte zwei Jahre bei ihm in Berlin, widersprach ihm aber früh in der Religionsfrage
Schüler
- Karl Marx und Friedrich Engels: Engels schrieb 1888, das Wesen des Christentums habe sie vom Hegelschen System befreit
- Carl Vogt, Jacob Moleschott, Ludwig Büchner: Verbreiter des wissenschaftlichen Materialismus, für die er Anreger war (nach SEP)
Freunde
- Arnold Ruge: Zusammenarbeit an den Hallischen Jahrbüchern von 1836 bis 1843, später Bruch
Gegner
- Julius Friedrich Stahl: konservativer Kollege in Erlangen, gegen dessen Haltung er schrieb
- Hegel: in der Frage, ob Philosophie und christlicher Glaube übereinstimmen
- Karl Marx: kritisierte ihn in den Thesen über Feuerbach (1845)
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft
Er studierte zwei Jahre bei Hegel in Berlin und löste sich dann vom System.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Friedrich EngelsDeutung
Feuerbach inspirierte Engels und Marx, Hegels Methode gegen dessen Ergebnisse zu wenden; Engels behandelte ihn 1886 ausführlich.
Grundlage für Karl Marxungeprüft
Sein Buch von 1841 prägte Marx' Begriff der Entfremdung, Marx kritisierte ihn aber in den Thesen von 1845.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Friedrich Wilhelm Joseph von Schellingungeprüft
Er schrieb 1839 gegen die positive Philosophie des späten Schelling, die er mit seinem Erlanger Kollegen Stahl verband.
wird kritisiert von Max StirnerDeutung
Laut SEP ist das Buch eine strukturelle Parodie auf Feuerbachs Wesen des Christentums; Stirner wirft ihm vor, das Heilige nur durch den Menschen mit großem M ersetzt zu haben.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Bruno BauerDeutung
Beide verfolgten als führende Junghegelianer ähnliche Projekte der Religionskritik; Bauer schrieb 1845 eine Charakteristik Feuerbachs.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Sein anonym erschienenes Erstlingswerk von 1830 enthielt spöttische Verse gegen die Kirche. Danach blieben alle Versuche, eine Professur zu bekommen, ohne Erfolg.[1]
Geld Deutung
Er lebte jahrzehntelang als freier Gelehrter in Bruckberg von der Beteiligung seiner Frau an einer Porzellanfabrik, einer Pension seines Vaters und von Honoraren. Dass er die Religion so scharf angreifen konnte, hing vermutlich auch mit dieser Unabhängigkeit von der Universität zusammen.[1]
Zeitgeschehen belegt
Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 bekam er keinen Lehrstuhl, hielt aber auf Einladung von Studenten in Heidelberg öffentliche Vorlesungen über das Wesen der Religion. Ab 1860 geriet er nach dem Konkurs der Fabrik in Not und zog mit Hilfe von Freunden nach Rechenberg.[5]
Kritik
Marx wirft ihm in den Thesen über Feuerbach vor, den Menschen als bloßen Betrachter der Welt zu sehen und nicht als jemanden, der die Welt tätig verändert. Konservative Hegelianer wie Stahl lehnten seine Religionskritik ohnehin grundsätzlich ab. Ob Religion nur Projektion ist oder mehr, bleibt bis heute umstritten (Deutung).
Wirkung heute
Die Idee, dass Menschen eigene Ideale nach außen setzen und dann vor ihnen stehen, trägt in der Religionskritik und in Marx' Begriff der Entfremdung weiter. Als Denkfigur gilt sie auch für Marken, Gründerfiguren und Organisationskulturen.
Brücke zu Führung und Coaching
Feuerbachs Projektionsgedanke ist für Teams nützlich, die auf eine einzelne Person alles Gute und Schlechte laden. Frag in einem Gespräch: Welche Eigenschaften schreibt das Team gerade dem Chef zu, die eigentlich im Team selbst liegen? Und was würde sich ändern, wenn ihr sie euch zurückholt?
Zitate
„Ich aber lasse die Religion sich selbst aussprechen; ich mache nur ihren Zuhörer und Dolmetscher, nicht ihren Souffleur.“
Lebensstationen
- 1804Geboren in Landshut als Sohn des Juristen Paul von Feuerbach
- 1828Dissertation in Erlangen, danach Lehre dort
- 1830Anonym erschienene Gedanken über Tod und Unsterblichkeit
- 1837Heirat mit Bertha Löw, Leben in Bruckberg
- 1841Das Wesen des Christentums erscheint
- 1872Stirbt in Rechenberg bei Nürnberg
Werke
Gedanken über Tod und Unsterblichkeit (1830)
Das Wesen des Christentums (1841)
Grundsätze der Philosophie der Zukunft (1843)
Das Wesen der Religion (1846)
Anekdote belegt
Friedrich Engels erinnerte sich 1888, das Wesen des Christentums habe auf ihn und Marx eine befreiende Wirkung gehabt und den Bann des Hegelschen Systems gebrochen. Ein Buch über Religion wurde so zum Befreiungsschlag gegen ein philosophisches System.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Das Wesen des Christentums (1841), Reclam Universal-Bibliothek, mit Erläuterungen: das Hauptwerk der philosophischen Religionskritik des 19. Jahrhunderts
- Vertiefung
- Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts (1941; Neuausgabe Meiner 2015)
Noch nicht sicher belegt
- Marx' Kritik in den Thesen ist nach SEP Marx wiedergegeben (Kritik an allem bisherigen Materialismus), Feuerbach als Ziel ergibt sich aus dem Titel. Der Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Fabrik (1860) stammt aus einer Sekundärquelle (Boston Collaborative Encyclopedia). Das Erscheinungsjahr der zweiten Auflage des Wesens des Christentums wurde nicht geprüft und daher beim Zitat weggelassen. Die Angabe zum Streit mit Schelling beruht auf dem Titel Zur Kritik der positiven Philosophie (1839) laut SEP und der Verbindung Stahls mit Schellings positiver Philosophie.
Wege durchs Netz
Feuerbach: Gott ist ein Spiegelbild des Menschen und seiner besten Eigenschaften.
Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Feuerbach
- [1]Ludwig Feuerbach (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Ludwig Feuerbach · Wikipedia
- [3]Britannica: Ludwig Feuerbach · Britannica
- [4]Wikipedia (en): Ludwig Feuerbach · Wikipedia
- [5]Ludwig Feuerbach (Boston Collaborative Encyclopedia) · Webseite