Landkarte der Philosophie

Ehrenfried Walther von Tschirnhaus

1651–1708 · Kieslingswalde (Oberlausitz), Leiden, Dresden

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Cartesischer Naturforscher und Briefpartner Spinozas, der aus der Mathematik eine allgemeine Methode des Erfindens machen wollte und früh Einwände gegen die Ethik erhob.

Er studierte in Leiden bei Cartesianern, korrespondierte mit Spinoza und arbeitete in Paris mit Leibniz. Er half 1679 bei der Herausgabe von Spinozas Nachlass und beeinflusste später den Austausch zwischen Leibniz und Wolff.

Kernidee

Tschirnhaus sieht in der Mathematik, besonders der Algebra, die Kunst des Entdeckens und will mit ihr in allen Wissenschaften zu neuen Erkenntnissen kommen. Sein Hauptwerk Medicina mentis versteht Philosophie als Praxis, die der angewandten Wissenschaft dient. Er verbindet damit Descartes' Rationalismus mit der Erfahrung, wie sie Bacon forderte.

Bekannt für

Man kennt Tschirnhaus als Mathematiker, der gleichzeitig Briefe mit Spinoza und Leibniz wechselte, und als Mitentwickler des europäischen Hartporzellans. Er war einer der ersten, die eine Abschrift von Spinozas Ethik erhielten, und stellte dazu kritische Fragen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Medicina mentis: Philosophie als Kunst des Entdeckens

Tschirnhaus ersetzt das Wort Philosophie durch Medicina und will damit eine Philosophie, die als angewandte Wissenschaft dient. Seine dritte Regel verlangt, dass jeder aus eigenem Antrieb und mit eigener Kraft denkt, ohne Gemeinplätze blind zu wiederholen. In einem Team heißt das: Eine Lösung gehört erst dem, der sie selbst nachvollzogen hat, und nicht dem, der nur die Folie des Vorgängers weitergibt.

Algebra als allgemeine Methode

Er sieht in der Algebra ein Mittel, in allen Gebieten der Naturwissenschaft neue Erkenntnis zu gewinnen, und bestand auf Vereinfachung und Anschaulichkeit. Seine Gleichungsumformung, die Tschirnhaus-Transformation (eine Ersetzung von Variablen, mit der sich Gleichungen vereinfachen lassen), blieb als Spezialfall richtig, doch seine Schlüsse zu allgemeineren Fragen wie dem Vulkanismus ließen sich nicht verallgemeinern. Wer ein gutes Werkzeug aus einem Bereich auf alle Probleme anwendet, kennt dieses Risiko aus dem Alltag.

Einwände gegen Spinozas Ethik

In der erhaltenen Korrespondenz mit Spinoza erhebt Tschirnhaus Einwände gegen einzelne Behauptungen der Ethik, etwa dazu, was die unmittelbaren unendlichen Ursachen der Attribute ausmacht. Es zeigt einen jungen Leser, der ein neues System nicht einfach übernimmt, sondern Lücken sucht. Wer neue Strategien im Unternehmen prüft, kann das als Muster nehmen: erst Lücken suchen, dann entscheiden.

Begriffe

Medicina mentis
: Tschirnhaus' Hauptwerk (1686/87), das statt „Philosophie“ von „Medicina“ spricht und Denken als angewandte Wissenschaft versteht
ars inveniendi
: die „Kunst des Erfindens“, eine allgemeine Methode, mit der sich in allen Wissenschaften neue Erkenntnisse gewinnen lassen sollen
Algebra als Methode
: das Rechnen mit Gleichungen als Weg zur Erkenntnis in allen Gebieten; Tschirnhaus überschätzte sie und zog deshalb teils falsche Schlüsse
Cartesianismus
: die Lehre Descartes' vom Vorrang der Vernunft; Tschirnhaus wollte sie im Sinne der Erfahrung weiterführen, wie Bacon sie forderte
Anschaulichkeit
: der Grundsatz, dass Methoden einfach und gut nachvollziehbar sein sollen
Briefwechsel mit Spinoza und Leibniz
: Tschirnhaus knüpfte während seines Studiums in Leiden Kontakt zu Spinoza und tauschte Briefe mit ihm und mit Leibniz aus

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Arnold Geulincx: hörte in Leiden bei ihm
  • Franciscus Sylvius (de la Boe): Mediziner in Leiden, bei dem er hörte
  • Pieter van Schooten: Privatunterricht in Mathematik, führte ihn in Descartes ein

Schüler

  • Christian Wolff: wird in der Infobox der en.wikipedia als Schüler genannt

Freunde

  • Baruch de Spinoza: Briefpartner und Besucher in Den Haag
  • Gottfried Wilhelm Leibniz: lebenslanger Briefwechsel
  • Christiaan Huygens: Bekanntschaft in Paris 1675, auf dessen Empfehlung zeitweise Hauslehrer bei Colbert, später ausführlicher Briefwechsel

Gegner

  • Christian Thomasius: griff die Medicina mentis wegen ihrer Nähe zu Spinoza scharf an

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Schüler von Arnold GeulincxDeutung

    Er hörte in Leiden beim Philosophen Geulincx.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf René DescartesDeutung

    de.wikipedia nennt ihn einen begeisterten Anhänger Descartes', dessen Rationalismus er fortsetzen wollte.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Baruch de SpinozaDeutung

    Tschirnhaus korrespondierte mit Spinoza, erhielt von ihm ein Empfehlungsschreiben und erhob Einwände gegen die Ethik.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Baruch de SpinozaDeutung

    Tschirnhaus korrespondierte mit Spinoza, erhielt von ihm ein Empfehlungsschreiben und erhob Einwände gegen die Ethik.

  • persönlich verbunden mit Gottfried Wilhelm LeibnizDeutung

    Er arbeitete 1675/76 in Paris mit Leibniz und blieb mit ihm lebenslang im Briefwechsel.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Geld belegt

    Tschirnhaus baute Brennspiegel (Spiegel, die Licht bündeln und so sehr hohe Temperaturen erzeugen), um mit dem Verkauf Forschung und eine Akademie in Kieslingswalde zu finanzieren. Das Ziel wirtschaftlicher Unabhängigkeit erfüllte sich laut de.wikipedia nicht.[1]

  • Abhängigkeit belegt

    Ab 1692 stand er im Dienst des sächsischen Kurfürsten als Rat und Leiter der kurfürstlichen Laboratorien, was die Finanzierung weiterer Forschung ermöglichte. 1707/08 ernannte August II. ihn zum Direktor der geplanten Porzellanmanufaktur.[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Seine Medicina mentis wurde von Christian Thomasius wegen der Nähe zu Spinoza scharf angegriffen; laut NDB überarbeitete Tschirnhaus nach der Debatte mit Thomasius 1688/89 über den spinozistischen Gottesbegriff die zweite Auflage von 1695. Dass diese Nähe dem Ruf eines Autors schaden konnte, ist eine Deutung.[3]

Kritik

Laut de.wikipedia liegt seine Schwäche darin, die mathematische Erkenntnismethode zu überschätzen und empirische Kenntnisse der Ursachen zu vernachlässigen, weshalb viele seiner Verallgemeinerungen falsch oder nur eingeschränkt wahr waren. Thomasius lehnte das Werk wegen seiner Nähe zu Spinoza ab, und umstritten ist bis heute, ob er oder Böttger das Hartporzellan erfand.

Wirkung heute

Die Tschirnhaus-Transformation und die Katakaustik (die Kurve, an die sich die von einem gekrümmten Spiegel zurückgeworfenen Lichtstrahlen anlegen) stehen bis heute in der Mathematikgeschichte, und seine Gesamtausgabe erscheint seit 2000 bei der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch wurde er lange vernachlässigt und seit dem frühen 20. Jahrhundert wieder untersucht.

Brücke zu Führung und Coaching

Tschirnhaus lehrt, eine Methode nicht auf alle Probleme zu übertragen, nur weil sie einmal gut funktionierte. Frag im Team: Für welche Aufgabe passt unser bewährtes Verfahren, und wo brauchen wir zuerst Erfahrung und Daten? Und fordere wie er das Selbstdenken: Wer hat die Lösung wirklich selbst durchdacht, und wer wiederholt nur, was schon immer gesagt wurde?

Lebensstationen

  1. 1651Geboren am 10. April in Kieslingswalde in der Oberlausitz
  2. 1669Einschreibung an der Universität Leiden
  3. 1675Bildungsreise: Empfehlung Spinozas nach London, dann Paris mit Leibniz
  4. 1679Mitarbeit in Leiden an Spinozas nachgelassenen Manuskripten
  5. 1687Medicina mentis erscheint in Amsterdam (Teile ab 1686)
  6. 1708Stirbt am 11. Oktober in Dresden

Werke

Tschirnhaus-Transformation (Acta Eruditorum, 1683); Medicina corporis (1686); Medicina mentis, sive Artis inveniendi praecepta generalia (1687, Neuausgabe 1695); Gründliche Anleitung zu nützlichen Wissenschaften (1700)

Anekdote überliefert

In London soll John Pell sich geweigert haben, mit Tschirnhaus über Mathematik zu sprechen, damit niemand ihn verdächtigte, von ihm abgeschrieben zu haben. John Collins nannte Tschirnhaus in einem Brief an James Gregory den kenntnisreichsten Algebraiker Europas.[1]

Lesetipps

Einstieg
Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, Medicina mentis, neue deutsche Übersetzung von Haussleiter, Leipzig: Barth, 1963 (mit Biografie): das Hauptwerk über die Kunst des Entdeckens.
Vertiefung
Hans-Joachim Böttcher, Ehrenfried Walther von Tschirnhaus: Das bewunderte, bekämpfte und totgeschwiegene Genie, Dresden 2014

Noch nicht sicher belegt

  • Für Tschirnhaus gibt es keinen SEP- oder IEP-Eintrag. Kein Zitat aufgenommen. Die Beziehung zu Wolff steht nur in der Infobox der en.wikipedia und bei de.wikipedia als Einfluss auf den Austausch, daher keine Kante zu wolff. Das Zusammentreffen mit Geulincx: de.wikipedia sagt 'hörte beim Philosophen Geulincx' (die Quelle nennt die Einschreibung am 8. Juni 1669; Überschneidung der Lebenszeiten nicht geprüft); NDB und ADB nennen Geulincx nicht, nur Pieter van Schooten als Vermittler der cartesischen Philosophie. Thomasius-Eintrag in kontext als Deutung markiert, nur der Angriff und die Überarbeitung der zweiten Auflage sind belegt. Die Aussage 'beeinflusste den Austausch zwischen Leibniz und Wolff' stützt sich auf de.wikipedia ('von seinen Denkansätzen beeinflusst'). Prüfer: Deutsche Biographie (NDB 26, 2016, und ADB 38, 1894) als dritte Personenquelle ergänzt; sie bestätigt Lebensdaten, Leiden 1669, Reise 1674/75 über London nach Paris, Académie des sciences 1682, Medicina mentis 1687 und 1695, kursächsischer Rat 1692, Gründliche Anleitung 1700, Porzellan 1707/08, Tod am 11. Oktober 1708 in Dresden. Lesetipp Haussleiter (Leipzig: J. A. Barth, 1963) per NDB ('dt. 1963') und Literaturverweis bestätigt; Böttcher (Dresden 2014) mit ISBN in de/en.wikipedia. Die 'dritte Regel' (eigener Antrieb, keine Gemeinplätze) und die Katakaustik stehen in de.wikipedia, die Katakaustik von 1682 auch in en.wikipedia. Die Huygens-Angabe wurde von 'förderte ihn' auf die belegten Punkte (Empfehlung als Hauslehrer bei Colbert, Briefwechsel) präzisiert.

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Tschirnhaus

  1. [1]Wikipedia (de), Ehrenfried Walther von Tschirnhaus · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (en): Ehrenfried Walther von Tschirnhaus · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (de), Ehrenfried Walther von Tschirnhaus – https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenfried_Walther_von_Tschirnhaus; Neue Deutsche Biographie 26 (2016), Susan Splinter · Webseite

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