Gottfried Wilhelm Leibniz
1646–1716 · Hannover, Leipzig, Hannover
- Strömung
- Rationalismus
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? · Was darf ich hoffen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Leibniz ist der Universalgelehrte, dessen Monaden und beste mögliche Welt Wolff zum Schulsystem machte und von dessen Metaphysik sich Kant später absetzte.
Leibniz liefert den Stoff, den Wolff ordnet, und Mendelssohn arbeitet in seiner Tradition. Kant stand bis in die 1760er Jahre in der Nachfolge von Leibniz und Wolff und löst sich dann mit seiner Kritik von dieser rationalistischen Metaphysik.
Kernidee
Leibniz sieht die Welt aus unzähligen einfachen, unteilbaren Krafteinheiten aufgebaut, den Monaden, von denen jede auf ihre Weise das ganze Universum spiegelt. Sie wirken nicht unmittelbar aufeinander, sondern sind von Gott so abgestimmt, dass alles zusammenpasst: die prästabilierte Harmonie. Und weil Gott unter allen möglichen Welten die beste gewählt hat, ist unsere Welt trotz allen Übels die bestmögliche.
Bekannt für
Leibniz gilt als der letzte Universalgelehrte: Er entwickelte die Infinitesimalrechnung (eine Rechenmethode mit unendlich kleinen Größen, aus der die heutige Differential- und Integralrechnung hervorging; unabhängig von Newton und als Erster veröffentlicht), baute eine Rechenmaschine und wurde erster Präsident der Berliner Sozietät der Wissenschaften. Bekannt ist auch der Satz, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, den Voltaire im Candide (seinem Roman von 1759) verspottete.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Monaden und Perspektive
Für Leibniz besteht die Wirklichkeit aus Monaden, einfachen Einheiten ohne Teile, und jede spiegelt das gesamte Universum aus ihrem Blickwinkel. Sie wirken nicht aufeinander, sondern stimmen von Gott her überein, wie Uhren, die von Anfang an im Gleichklang laufen. Dieselbe Entscheidung sieht im Vertrieb anders aus als in der Entwicklung, und beide Sichten sind echt.
Die beste mögliche Welt
Leibniz fragt, wie ein guter und allmächtiger Gott Übel zulassen kann, und antwortet: Gott hat unter allen denkbaren Welten die beste ausgewählt. Das heißt nicht, dass nichts schlecht wäre, sondern dass jede andere Welt insgesamt schlechter gewesen wäre. Beim Priorisieren kennst Du das: Jedes Ja zu einem Projekt ist ein Nein zu anderen, und wer die Gesamtbilanz sieht, erträgt einzelne Verluste leichter.
Kleine Wahrnehmungen
Nach Leibniz nehmen wir in jedem Augenblick unendlich viel wahr, ohne es zu bemerken, weil die Eindrücke zu winzig, zu zahlreich oder zu gleichförmig sind, um aufzufallen. Aus ihnen speist sich, was wir Stimmung oder Gespür nennen. Wenn ein Meeting „irgendwie kippt“, arbeiten genau solche unbemerkten Eindrücke.
Begriffe
- Monade
- : einfache, unteilbare, seelenartige Einheit mit Wahrnehmung und Streben, die das ganze Universum aus ihrer eigenen Perspektive abbildet; Körper beruhen auf Monaden
- prästabilierte Harmonie
- : Gott hat jede Monade so eingerichtet, dass sie mit allen anderen übereinstimmt, ohne dass sie aufeinander einwirken; Bild dafür sind zwei gleich laufende Pendel
- Satz vom zureichenden Grund
- : nichts geschieht ohne Grund; den letzten Grund für die Tatsachen der Welt sieht er außerhalb der Reihe zufälliger Dinge in Gott
- beste aller möglichen Welten
- : Gott wählt aus unendlich vielen möglichen Welten die beste; das leugnet das Übel nicht, denn Gutes ist nur um den Preis von Übel zu haben
- Theodizee
- : die Verteidigung von Gottes Güte und Gerechtigkeit angesichts des Übels; sein gleichnamiges Werk von 1710 war sein einziges philosophisches Hauptwerk zu Lebzeiten
- kleine Wahrnehmungen
- : unzählige Wahrnehmungen der Seele, die ihr nicht bewusst werden, weil sie zu klein oder zu gleichförmig sind, wie das Rauschen des Meeres aus einzelnen Wellen
- Prinzip des zureichenden Grundes
- : nichts geschieht ohne einen Grund, warum es so und nicht anders ist
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Jakob Thomasius: betreute in Leipzig seine erste philosophische Abhandlung
- Christiaan Huygens: Mentor in Paris, vor allem in der Mathematik
Schüler
- Christian Wolff: Briefwechsel ab etwa 1703, von Leibniz gefördert und zum Systematiker seiner Lehre geworden
Freunde
- Sophie von Hannover: enge Gesprächspartnerin am Hof
- Johann Christian von Boineburg: verschaffte ihm 1667 die Stelle beim Mainzer Kurfürsten
Gegner
- Isaac Newton und sein Kreis: erbitterter Streit um die Urheberschaft der Infinitesimalrechnung
- Samuel Clarke: Briefwechsel 1715/16 zu Fragen von Physik und Theologie
- Voltaire: spottete im Candide über Leibniz' Optimismus
Verbindungen im Netz
24 Verbindungen, davon 5 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Anton Wilhelm AmoDeutung
Deutung: Leibniz war schon tot, als Amo schrieb, einen Austausch gab es nicht. Einige Forscher (Emma-Adamah 2015, Smith 2015) lesen Amos Leib-Seele-Lehre als Form von Leibniz' vorherbestimmter Harmonie, andere widersprechen (SEP Early Modern Rationalism).
Grundlage für Christian Wolffungeprüft
Wolff ordnet Leibniz' Gedanken zu einem Lehrsystem und steht mit ihm von etwa 1703 an im Briefwechsel.
Grundlage für Émilie du ChâteletDeutung
Ihre Institutions de physique geben Newtons Physik eine Metaphysik von Leibniz und Wolff, etwa mit dem Satz vom zureichenden Grund und der lebendigen Kraft.
baut auf Francisco SuárezDeutung
Seine Metaphysik wirkte stark auf Leibniz (Wikipedia de, Wikipedia en).
baut auf Gerolamo CardanoDeutung
Leibniz lobte Cardano und bezog sich in der Monadologie auf ihn (de.wikipedia, ohne Stellenangabe).
baut auf Hugo GrotiusDeutung
Leibniz gehört zu den späteren Bewunderern des Grotius (SEP).
Grundlage für Immanuel Kantungeprüft
Kant steht anfangs in der Leibniz-Wolff-Tradition und löst sich in der Kritik davon.
baut auf Jacopo ZabarellaDeutung
Laut SEP sieht die Forschung Einfluss auf Leibniz; de.wikipedia sagt, Leibniz habe seine logischen Schriften als Grundlage angenommen.
baut auf Johannes ClaubergDeutung
Der junge Leibniz hielt Clauberg laut SEP für klarer als Descartes selbst.
Grundlage für Moses Mendelssohnungeprüft
Mendelssohn fühlt sich in einer Metaphysik zu Hause, die auf Leibniz und Wolff zurückgeht.
baut auf René DescartesDeutung
Die deutsche Wikipedia nennt Leibniz neben Newton als jemanden, der seine großen Theorien nachweislich an cartesischen Studien entwickelte.
Grundlage für Salomon Maimonungeprüft
Maimon folgt Leibniz und Spinoza in den Maßstäben der Vernunft, bleibt aber mit Hume empirisch skeptisch.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Baruch de SpinozaDeutung
traf ihn persönlich, grenzte sich aber von dessen Notwendigkeitslehre ab
wird kritisiert von Damaris MashamDeutung
Im Briefwechsel 1704 bis 1706 (nach SEP; Project Vox: ab Ende 1703) widerspricht Masham Leibniz bei vorherbestimmter Harmonie, Substanz und Willensfreiheit (SEP).
gegenseitige Kritik mit Isaac NewtonDeutung
Prioritätsstreit um die Infinitesimalrechnung und Streit über Fernwirkung und Hypothesen (SEP).
kritisiert John LockeDeutung
antwortet in den Neuen Abhandlungen Abschnitt für Abschnitt auf Lockes Essay
kritisiert Nicolas MalebrancheDeutung
Leibniz warf dem Okkasionalismus im Système nouveau (1695) vor, auf ein ständiges Wunder hinauszulaufen.
kritisiert René Descartesungeprüft
widerspricht dessen Physik und Substanzbegriff
wird kritisiert von Voltaire (François-Marie Arouet)Deutung
Candide führt den Leibniz'schen Optimismus von der besten aller möglichen Welten ad absurdum.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Antoine ArnauldDeutung
Der Briefwechsel ab 1686 über den Discours de métaphysique prägte laut SEP Leibniz' reife Metaphysik.
persönlich verbunden mit Baruch de SpinozaDeutung
traf ihn persönlich, grenzte sich aber von dessen Notwendigkeitslehre ab
persönlich verbunden mit Damaris MashamDeutung
Im Briefwechsel 1704 bis 1706 (nach SEP; Project Vox: ab Ende 1703) widerspricht Masham Leibniz bei vorherbestimmter Harmonie, Substanz und Willensfreiheit (SEP).
persönlich verbunden mit Ehrenfried Walther von TschirnhausDeutung
Er arbeitete 1675/76 in Paris mit Leibniz und blieb mit ihm lebenslang im Briefwechsel.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Anne ConwayDeutung
Leibniz nahm ihre Schrift günstig auf, besaß ein Exemplar und erkannte Verwandtschaft zu seiner Lehre (SEP).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Leibniz stand fast sein ganzes Leben im Dienst von Höfen: erst beim Mainzer Kurfürsten, ab 1676 in Hannover als Bibliothekar, Historiker und Geheimer Rat der Welfen (der Herrscherfamilie in Hannover, der auch der spätere englische König Georg I. angehörte). Die Geschichte des Welfenhauses, für die er in den späten 1680er Jahren nach Italien reiste, schloss er nie ab.[1]
Zeitgeschehen Deutung
Leibniz wurde 1646 geboren, zwei Jahre vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648, der ganze Landstriche Deutschlands verwüstete). Dass bei ihm Ordnung, Harmonie und Versöhnung der Gegensätze so stark im Vordergrund stehen, passt zu dieser Herkunft, bleibt aber eine Deutung.[1]
Biografie belegt
Am Ende seines Lebens war Leibniz am Hof isoliert: Man verspottete seine Perücke und altmodische Kleidung, Newtons Anhänger warfen ihm Diebstahl vor, und als sein Dienstherr Georg als König nach London ging, musste er in Hannover bleiben.[1]
Kritik
Voltaire machte den Optimismus im Candide lächerlich, weil die Welt voller Schrecken ist. Newtons Anhänger beschuldigten Leibniz, Ideen gestohlen zu haben (im Streit darüber, wer die Infinitesimalrechnung zuerst fand; Newton hatte die Grundzüge früher entwickelt, Leibniz sie aber zuerst veröffentlicht); heute gilt als wahrscheinlich, dass beide unabhängig voneinander fanden. Kant bezeichnete seine eigene Zeit in der Nachfolge von Leibniz und Wolff später als dogmatischen Schlummer (Kants Bild dafür, Annahmen der Religion und der Naturphilosophie ungeprüft zu übernehmen).
Wirkung heute
Die Infinitesimalrechnung, die Leibniz veröffentlichte, gehört heute zum Werkzeug aller Naturwissenschaften. In der Philosophie lebt sein Satz vom zureichenden Grund und die Frage nach der Perspektive jedes Beteiligten weiter.
Brücke zu Führung und Coaching
Leibniz' Monaden taugen als Bild für Perspektiven im Team: Jeder sieht dasselbe Unternehmen von einem anderen Platz aus, und keine Sicht ist falsch, nur begrenzt. Bitte in Deinem nächsten Führungskreis jeden, zuerst zu sagen, wie die Lage von seinem Platz aus aussieht, bevor jemand bewertet. Frage danach: Was erklärt, dass wir dieselbe Lage so verschieden sehen?
Lebensstationen
- 1646Geboren in Leipzig
- 1672Diplomatische Mission nach Paris, vier Jahre Aufenthalt
- 1676Wechsel nach Hannover in den Dienst der Welfen
- 1700Gründung der Berliner Sozietät der Wissenschaften (bestätigt 1701), Leibniz wird erster Präsident
- 1710Essais de Théodicée, sein einziges philosophisches Hauptwerk zu Lebzeiten
- 1716Tod in Hannover am 14. November
Werke
- Theodizee (1710)
- Monadologie (1714)
Discours de métaphysique (1686); Nouveaux Essais sur l'entendement humain (verfasst 1703–05, erst nach seinem Tod gedruckt); Essais de Théodicée (1710); Monadologie (verfasst 1714); Principes de la nature et de la grâce (1714)
Anekdote belegt
Auf dem Weg nach Hannover besuchte Leibniz vom 18. bis 21. November 1676 in Amsterdam Spinoza, der drei Monate später starb. Nach Leibniz' eigenen Notizen sprachen sie über Spinozas noch unveröffentlichte Ethik, über die Physik von Descartes und über Leibniz' verbesserten ontologischen Gottesbeweis (ein Argument, nach dem Gott allein aus dem Begriff eines vollkommenen Wesens existieren muss; Leibniz ergänzte, dass zuerst gezeigt werden müsse, dass alle Vollkommenheiten zusammen möglich sind).[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie, Französisch/Deutsch, übersetzt und hrsg. von Hartmut Hecht (Reclam, 1998): 90 kurze Paragraphen, die seine Metaphysik auf wenigen Seiten bündeln
- Vertiefung
- Eike Christian Hirsch, Der berühmte Herr Leibniz. Eine Biographie (2000)
Noch nicht sicher belegt
- Zitat bewusst weggelassen: „Calculemus!“ und „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“ ließen sich nicht mit Fundstelle belegen. Geburtsdatum 21. Juni (jul.) bzw. 1. Juli (greg.) 1646. Die Überlieferung zur Beerdigung ist widersprüchlich (de.wikipedia), deshalb nicht verwendet. Ob die Monadologie 1720 erstmals erschien, ist in den abgerufenen Quellen uneinheitlich; es steht nur das Abfassungsjahr 1714. Dass Wolff Leibniz' Schüler im engen Sinn war, sagen die Quellen nicht; belegt ist Briefwechsel und Förderung. Aussagen zu Huygens und Thomasius stützen sich allein auf SEP.
- Gerüst: Konzepte, Führungs-Transfer und Leseempfehlung sind eigene Verdichtung, nicht einzeln aus den Quellen zitiert. Dass er Spinoza persönlich traf und sich abgrenzte sowie die Kritik an Descartes sind aus Fachliteratur bekannt, in den abgerufenen Auszügen nicht ausdrücklich belegt. Die Auseinandersetzung mit Locke ist belegt (Neue Abhandlungen).
Herkunft der Daten: Gerüst der Landkarte (Version 6), Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Leibniz
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Leibniz · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Gottfried Wilhelm Leibniz · Wikipedia
- [3]chbeck.de/hirsch-beruehmte-herr-leibniz/product/34265620 · Buch
- [4]reclam.de/produktdetail/monadologie-franzoesisch-deutsch-9783150078532 · Webseite
- [5]Wikipedia (de): Infinitesimalrechnung · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Wikipedia (de): Candide · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (en): Immanuel Kant · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [8]Wikipedia (de): Dreißigjähriger Krieg · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20