Landkarte der Philosophie

Arnold Geulincx

1624–1669 · Leiden

Strömung
Rationalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Flämischer Philosoph, der auf der Grundlage Descartes' den Okkasionalismus aus der inneren Erfahrung heraus entwickelt und eine Ethik der Demut schreibt.

Geulincx steht zwischen Descartes und Spinoza und teilt mit Malebranche den Okkasionalismus, begründet ihn aber aus der inneren Erfahrung statt aus der Allmacht Gottes. Später galt er als Vorläufer Kants und wegen der Nähe zu Spinoza zeitweise als verkappter Spinozist.

Kernidee

Geulincx stützt seine Lehre auf eine Alltagserfahrung: Nur was ich bewusst und mit Wissen tue, ist wirklich meine Handlung. Weil ich nicht weiß, wie mein Wille den Körper bewegt, bewegt ihn Gott, und ich bin in der Welt eher Zuschauer als Spieler. Daraus folgt eine Ethik, in der Demut und Gehorsam gegenüber der Vernunft zählen, nicht der Erfolg.

Bekannt für

Man kennt ihn als Okkasionalisten und als Philosophen, den Samuel Beckett in den 1930er Jahren las. Sein Satz „Wo du nichts vermagst, da sollst du auch nichts wollen“ gilt als ethisches Gegenstück zu seiner Metaphysik.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Was du nicht zu tun weißt, tust du nicht

Geulincx macht die Erfahrung des Handelns zum Maßstab für Ursachen: Nur wer weiß, wie etwas geschieht, hat es getan. Weil wir nicht wissen, wie unsere Gedanken oder Armbewegungen zustande kommen, schreibt er sie Gott zu, der als wissendes und wollendes Wesen außer uns steht. Wenn du eine Besprechung leitest und nicht weißt, wie die Stimmung im Raum genau kippt, dann hast du sie in diesem Sinn auch nicht gemacht.

Zuschauer der Welt und die zwei Uhren

Körper und Geist wirken nach Geulincx nicht aufeinander, sondern laufen wie zwei Uhren, die Gott gleich gestellt hat. Der Mensch ist deshalb nach seinen Worten nur Zuschauer einer Maschine, deren Gang er weder ändern noch nachstellen kann. Als Führungskraft in einem großen Konzern kennst du das Gefühl, dass Abläufe laufen, auf die du kaum Zugriff hast.

Ethik der Demut

Aus der begrenzten Macht folgt für Geulincx eine Ethik mit den vier Haupttugenden Fleiß, Gehorsam, Gerechtigkeit und Demut, die sich alle auf die Vernunft richten. Wir sollen das tun, was wir als richtig erkennen, und uns nicht um den Ausgang kümmern, der bei Gott liegt. Ein Beispiel aus der Arbeit: Du bereitest ein Gehaltsgespräch sorgfältig und fair vor, ohne dein Gelingen davon abhängig zu machen, wie die andere Seite reagiert.

Begriffe

Okkasionalismus
„Was du nicht zu tun weißt
tust du nicht“
Demut
Pflichten
Zuschauer in der Welt
Uhrengleichnis

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • William Philippi: sein Lehrer am Lilien-Kolleg in Löwen; de.wikipedia nennt ihn einen erklärten Anhänger Descartes', die IEP sagt vorsichtiger, er habe zeitweise cartesianische Ansichten vertreten

Schüler

  • Cornelis Bontekoe: Leidener Schüler, der die Ethik nach dem Tod vermutlich herausgab
  • Johannes Swartenhengst: Leidener Schüler

Freunde

  • Abraham Heidanus: Leidener Theologe, Förderer und Freund, der ihm eine Stelle verschaffte

Gegner

  • Aristotelische Schulphilosophie in Löwen: gegen sie richtete sich seine Metaphysica ad mentem peripateticam

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf René DescartesDeutung

    Geulincx entwickelte auf Descartes' Grundlage seine Metaphysik, Ethik und den Okkasionalismus.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Baruch de SpinozaDeutung

    Seine Ideen ähneln Spinozas, aber es gibt keinen überzeugenden Beleg, dass die beiden sich oder ihre Werke kannten.

  • im Vergleich mit Immanuel KantDeutung

    Historiker des 19. Jahrhunderts deuteten Geulincx als Vorläufer Kants, vor allem wegen der Metaphysica ad mentem peripateticam.

  • im Vergleich mit Nicolas MalebrancheDeutung

    Beide gelten als Hauptvertreter des Okkasionalismus, doch Geulincx begründet ihn aus der inneren Handlungserfahrung, Malebranche aus Gottes Allmacht.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    In Leiden hing Geulincx von der Förderung durch den cartesianischen Theologen Abraham Heidanus ab, der ihm 1662 eine Stelle als Lektor verschaffte. Eine feste Professur bekam er nie.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    1658 wurde Geulincx in Löwen entlassen, möglicherweise wegen seiner Heiratspläne und möglicherweise wegen seines Glaubenswechsels weg von der katholischen Kirche, nach seiner Aufnahme der Gnadenlehre Augustins. Die Quellen führen verschiedene Gründe an, gesichert ist die Entlassung, die Ursache bleibt offen.[1]

  • Geld Deutung

    Geulincx starb 1669 verarmt an der Pest in Leiden und hatte seine Miete nicht mehr bezahlt. Die IEP vermutet, dass die unsicheren Lebensumstände in Leiden seine Beschäftigung mit Lebensgefahr und Selbstmord in der Ethik geprägt haben.[1]

Kritik

Nach 1720 geriet sein Name fast in Vergessenheit, weil man ihm vorwarf, ein verkappter Spinozist zu sein. Manche Forscher hielten ihn für einen unstimmigen Okkasionalisten, die IEP verteidigt ihn dagegen: Er gründet seine Lehre auf die Erfahrung des Handelns, Malebranche dagegen auf Gottes Voraus-Ordnung der Geister. Offen bleibt auch, ob Gott bei ihm eine feste Weltordnung hält oder ständig eingreift.

Wirkung heute

Sein Gedanke, dass wir nur das als eigene Handlung verantworten können, was wir durchschauen, ist als Frage nach Verantwortung unter Unwissen weiter lebendig. Über Samuel Beckett hat er auch auf die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts gewirkt.

Brücke zu Führung und Coaching

Geulincx macht eine nüchterne Trennung zwischen dem, was du beeinflussen kannst, und dem, was bei anderen liegt. Frag dich vor einem schwierigen Gespräch: Was liegt in meiner Macht, nämlich Vorbereitung, Haltung und Fairness, und was gehört nicht dazu, etwa die Reaktion des anderen? Handle auf der ersten Ebene gründlich und lass die zweite los, ohne gleichgültig zu werden.

Zitate

„Ubi nihil vales, ibi nihil velis.“

Geulincx, Ethica, zitiert nach der Ausgabe Land (Opera philosophica, 1893), S. 164, so in der Internet Encyclopedia of Philosophy; lateinisch, deutsch: „Wo du nichts vermagst, da sollst du auch nichts wollen“ (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1624Geburt in Antwerpen
  2. 1640Beginn des Studiums in Löwen
  3. 1652Wird in Löwen ordentlicher Professor (nach de.wikipedia Dekan der Philosophischen Fakultät) und hält die Saturnalia-Rede mit baconischen Reformvorschlägen
  4. 1658Entlassung in Löwen, Flucht nach Leiden, Doktor der Medizin am 17. September
  5. 1662Lektor in Leiden, zuerst für Logik
  6. 1665Vorübergehend außerordentlicher Professor
  7. 1669Tod in Leiden

Werke

Logica suis fundamentis restituta (1662)

Methodus inveniendi argumenta (1663)

Saturnalia (1652 gehalten, 1664 gedruckt)

Ethica (erster Traktat 1665, vollständig als Gnothi seauton 1675)

Metaphysica vera und Metaphysica ad mentem peripateticam (beide postum 1691)

Anekdote belegt

Samuel Beckett las im Frühjahr 1936 am Trinity College Dublin Geulincx' Metaphysica vera und Ethica und ließ ihn im Roman Murphy (1938) auftreten. Murphys Schaukelstuhl geht laut IEP auf Geulincx' Bild der Wiege zurück, mit dem er das Verhältnis unseres Willens zu Gottes Willen erklärt.[1]

Lesetipps

Einstieg
Arnold Geulincx: Ethik oder Über die Kardinaltugenden (De virtute et primis eius proprietatibus), übers. von Georg Schmitz, Meiner, Hamburg 1948, weil hier seine Pflichtenlehre und Demut direkt zu lesen sind.
Vertiefung
David Tucker: Samuel Beckett and Arnold Geulincx. Tracing 'a literary fantasia' (Continuum, 2012)

Noch nicht sicher belegt

  • Die Quellen widersprechen sich bei den Leidener Daten: IEP nennt Lektor Ende 1662, außerordentlicher Professor 1665 und Ethik-Lehre erst ab 1667; de.wikipedia nennt Konversion zum Calvinismus 1663 und Tod vermutlich an der Pest (IEP: Pest 1669 sicher). Doktor der Medizin nach IEP am 17., nach de.wikipedia am 16. September 1658. Gründe der Entlassung 1658 nicht gesichert (Heiratspläne, Glaubenswechsel, de.wikipedia: jansenistische Überzeugungen). Zitat lateinisch nach der IEP mit Stelle, deutsche Wiedergabe eigene Übersetzung; keine deutsche Ausgabe abgerufen. Die Behauptung, Geulincx habe Malebranche beeinflusst (de.wikipedia), wird von der IEP eher relativiert. Die in de.wikipedia zitierte Ethik-Passage vom 'Zuschauer' trägt dort keine Stellenangabe und wurde deshalb nicht als Zitat übernommen. Prüfer: Werktitel der Logik nach IEP korrigiert (de.wikipedia führt 'Logica fundamentalis' und 'Logica restituta' getrennt). Kanten zu Spinoza und Kant sind Deutungen ohne belegten Kontakt oder Einfluss, so in den Noten vermerkt. Lesetipps bestätigt: Schmitz-Übersetzung Meiner 1948 (Literaturliste de.wikipedia), Tucker Continuum 2012 (Rezensionen in Journal of Beckett Studies und Project MUSE).

Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Geulincx

  1. [1]IEP Geulincx · Internet Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]IEP Geulincx – https://iep.utm.edu/geulincx/ und de.wikipedia Arnold Geulincx · Wikipedia

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