Landkarte der Philosophie · Woher weiß ich, was wahr ist?
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Was du jetzt unterscheiden kannst
- Ob du sagst, was geschehen ist, oder warum es geschehen ist. Dass es deiner Tante nach dem Essen schlecht ging, hat sie erlebt. Ob das Essen der Grund war, ist für Locke eine Frage der Wahrscheinlichkeit, und Hume meint, dass du Ursache und Wirkung nicht siehst, sondern aus Gewohnheit erwartest.
- Ob du den Zweifel als Probe für die Fundamente des Wissens einsetzt oder als Regel für dein Handeln. Descartes treibt ihn zur Probe bis zu dem einen Punkt, der übrig bleibt: Solange er zweifelt, gibt es ihn. Für das Handeln im Leben verlangt er diese Gewissheit ausdrücklich nicht, und Hume hält einen Zweifel an allem schon für undurchführbar.
- Ob du einem Bericht erst glauben darfst, wenn du Gründe für die Verlässlichkeit des Sprechers hast, oder schon, solange nichts dagegen spricht. Hume verlangt solche Gründe aus deiner Erfahrung, Reid hält Vertrauen für eine natürliche Anlage, die du erst bei Gegengründen bremst.
- Ob „wahr“ meint, dass es sich so verhält, oder dass es sich bewährt. Aristoteles hält fest, dass wahr redet, wer von Wirklichem sagt, dass es so ist. James versteht Wahrheit als etwas, das einer Idee im Lauf der Erfahrung geschieht, wenn sie sich bewährt. Davon zu trennen ist die Frage, woran du erkennst, dass etwas wahr ist.
- Ob du Irrtümer findest, indem du Behauptungen so stellst, dass sie scheitern können, oder indem du sie in einem fairen Gespräch mit Gründen verteidigst. Popper setzt auf strenge Prüfung und Widerlegung, Habermas auf ein Gespräch, in dem alle mitreden dürfen und nur das bessere Argument zählt. Beide rechnen damit, dass auch das beste Wissen vorläufig ist, und das heißt nicht, dass alles gleich gut begründet wäre.
- Dass dir Hume auf diesem Weg mehrmals begegnet, jedes Mal mit einer anderen Frage. Bei der Ursache fragt er, was Erfahrung wirklich zeigt, gegen Descartes, ob man mit den Kräften, denen man misstraut, wieder aus dem Zweifel herausfindet, und beim Zeugnis, wie viel Gewicht ein Bericht nach deiner Erfahrung verdient. Auch Poppers Ausgangspunkt knüpft an einen Gedanken von ihm an.
Was offen bleibt
Offen bleibt, wie sich Wahrheit und gute Gründe zueinander verhalten. Wer Wahrheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit versteht, kann diese Übereinstimmung nicht einfach nachmessen. Wer sie in der Bewährung sucht, muss oft lange warten und kann schwer beurteilen, ob sich eine Idee wirklich bewährt hat. Poppers Hoffnung, wir kämen der Wahrheit näher, stützte sich auf ein formales Maß, das bei falschen Theorien nicht funktionierte, und Habermas hat seine Wahrheitstheorie im Lauf der Jahre geändert. Ebenso ungeklärt ist, ob du einem Bericht erst mit Gründen glauben darfst oder schon vorher. Die Positionen auf diesem Weg antworten verschieden, und keine hat die anderen erledigt.
Noch einmal die Situation vom Anfang
Im Familienchat teilt jemand eine Nachricht: Ein bekanntes Lebensmittel soll gefährlich sein. Deine Tante schreibt, sie habe es selbst erlebt, ein Cousin schickt einen Link, der das Gegenteil sagt. Du warst nicht dabei und kannst es nicht nachprüfen. Was glaubst du jetzt, und warum?
Denk noch einmal an den Familienchat. Deine Tante hat erlebt, dass es ihr nach dem Essen schlecht ging, und dein Cousin schickt einen Link, der das Gegenteil sagt. Mit Locke kannst du ihre Erfahrung ernst nehmen und die Frage, ob das Essen der Grund war, als Frage der Wahrscheinlichkeit behandeln. Mit Descartes kannst du dir im Gedankenexperiment ausmalen, dass alles Täuschung ist, und siehst, wie wenig dann sicher bleibt; für deine Entscheidung im Supermarkt verlangt er diese Gewissheit gar nicht. Ob du beiden zunächst glaubst, solange nichts dagegen spricht, wie Reid meint, oder erst, wenn du Gründe für ihre Verlässlichkeit hast, wie Hume verlangt, musst du abwägen. Und wenn du sagst, eine der Nachrichten „stimmt“: Meinst du mit Aristoteles, dass es sich so verhält, oder mit James, dass man sich darauf verlassen kann? Was würdest du heute im Chat schreiben, und woran würdest du merken, dass du dich geirrt hast?
Wie es weitergehen kann
- Wer bin ich eigentlich?
Auf der zweiten Station blieb als sicherer Punkt nur der Satz „Ich bin“, und offen war, was dieses Ich eigentlich ist. Russell fragte sogar, ob schon der Satz „Ich denke“ ein Ich voraussetzt. Auf dem Weg „Wer bin ich eigentlich?“ gehst du dieser Frage weiter nach.
- Wozu brauchen wir andere Menschen?
Dein Wissen im Familienchat hing am Wort der anderen und am Gespräch mit ihnen, bei Reid und Hume ebenso wie bei Habermas. Auf dem Weg „Wozu brauchen wir andere Menschen?“ fragst du, was uns überhaupt auf andere angewiesen macht.
Zum Vertiefen
- John Locke: Profil zum Versuch über den menschlichen Verstand und zu Lockes Erfahrungslehre.
- David Hume: Profil zur Untersuchung über den menschlichen Verstand und zu Humes Skepsis.
- René Descartes: Profil zu den Meditationen über die Erste Philosophie und zum methodischen Zweifel.
- Thomas Reid: Profil zu Reids Philosophie des gesunden Menschenverstands und zu seiner Kritik an Humes Skepsis.
- Aristoteles: Profil zu Leben und Hauptwerken des Aristoteles, darunter der Metaphysik, mit dem Schwerpunkt auf seiner Ethik.
- William James: Profil zu Pragmatismus und zu James' Wahrheitsauffassung.
- Karl Popper: Profil zur Logik der Forschung und zur Falsifikation.
- Jürgen Habermas: Profil zur Theorie des kommunikativen Handelns und zum Diskurs.