Anton Wilhelm Amo
ca. 1703–ca. 1759 · Halle, Wittenberg, Jena
- Strömung
- Rationalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Aus der Gegend von Axim an der Goldküste stammender Philosoph, der im Deutschland des frühen 18. Jahrhunderts in Halle, Wittenberg und Jena lehrte und Descartes' Lehre vom Verhältnis von Geist und Körper (dem Leib-Seele-Problem) kritisch weiterdachte.
Amo steht in der Linie Descartes, kritisiert ihn aber an einer Stelle und wird mit der Schule von Christian Wolff (einem einflussreichen deutschen Aufklärungsphilosophen und Universitätslehrer) und mit Leibniz in Verbindung gebracht. Er zeigt, dass der Rationalismus bis ins 18. Jahrhundert weiterwirkt und dass Cartesianer ihren Meister auch korrigieren.
Kernidee
Amo hält wie Descartes Geist und Körper für zwei getrennte Dinge. Er geht aber weiter: Nicht der Geist empfindet, sondern allein der lebendige Körper. Der Geist ist rein tätig, er denkt und erkennt, aber er erleidet nichts.
Bekannt für
Amo gilt als erster bekannter Philosoph afrikanischer Herkunft, der an deutschen Universitäten lehrte. Seine Dissertation von 1734 über die Apatheia, also die Leidenslosigkeit, des menschlichen Geistes wird heute als eigenständiger Beitrag zur Philosophie des Geistes gelesen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Geist empfindet nicht, der Körper schon
Amo unterscheidet scharf zwischen Verstehen und Empfinden. Verstehen ist eine Tätigkeit des Geistes, Empfinden gehört dem lebendigen, organischen Körper. Descartes werfe beides durcheinander, schreibt er laut SEP. Das ist, als würdest du in einer Firma die Person, die entscheidet, mit dem Sensor verwechseln, der die Daten liefert.
Der Geist ist rein tätig
Nach Amo ist der menschliche Geist eine Art Geistwesen und solche Wesen sind nur tätig, nie leidend. Weil unser Geist mit einem Körper verbunden ist, bleibt sein Wissen allerdings begrenzt im Vergleich zu anderen Geistwesen wie Engeln oder Gott. Im Alltag heißt das: Wer in einem Konflikt heftig leidet, leidet im Körper, das Urteilen darüber bleibt eine Sache des klaren Denkens.
Sorgfältig und nüchtern philosophieren
Im Tractatus (lateinisch für Abhandlung) von 1738 entwirft Amo ein Lehrbuch des richtigen Denkens und stellt ein Prinzip an den Anfang: Alles außer Gott ist Wirkung einer Absicht, die bis zu ihrem Ziel getragen wird. Daraus leitet er eine Einteilung der Wissenschaften und eine Wahrheitslehre ab. Eine Führungskraft kann das als Erinnerung nehmen, jede Maßnahme nach der Absicht zu fragen, die sie ausgelöst hat.
Begriffe
- Leib-Seele-Problem
- : die Frage, wie Körper und Geist zusammenhängen, die Amo mit der Trennung von Denken und Empfinden beantwortet
- Substanzdualismus
- : die Lehre, dass Geist und Körper zwei voneinander getrennte Dinge sind; Amo teilt sie mit Descartes, zieht sie aber schärfer
- Apatheia des Geistes
- : die Empfindungslosigkeit des Geistes: Er denkt und erkennt, leidet aber nicht, weil Empfinden dem Körper zukommt
- Empfindung
- : das Wahrnehmen und Spüren, das bei Amo dem lebendigen Körper gehört und nicht dem Geist
- Intentionales Prinzip
- : der Grundsatz am Anfang seines Tractatus von 1738: Alles außer Gott ist Wirkung einer Absicht, die bis zu ihrem Ziel getragen wird
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Samuel Christian Hollmann: begleitete Amos Promotion in Wittenberg
- Johann Peter von Ludewig: Hallescher Kanzler, Förderer und Vorsitzender seiner Disputation von 1729
Schüler
- Johann Theodor Meiner: disputierte 1734 in Wittenberg unter Amos Vorsitz zum Leib-Seele-Problem
Freunde
- Moses Abraham Wolff: jüdischer Medizinstudent, dem Amo 1737 in Halle ein Gedicht zur Promotion widmete
Gegner
- Daniel Sennert und Georg Daniel Coschwitz: Amo setzt sich in der Seelenlehre kritisch von ihnen ab
- Descartes: Amo wirft ihm vor, Verstehen und Empfinden zu vermengen
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Christian WolffDeutung
Amo stand der Wolffschen Tradition näher als den Pietisten, ob er Wolffianer war, ist umstritten (de.wikipedia).
baut auf Gottfried Wilhelm LeibnizDeutung
Deutung: Leibniz war schon tot, als Amo schrieb, einen Austausch gab es nicht. Einige Forscher (Emma-Adamah 2015, Smith 2015) lesen Amos Leib-Seele-Lehre als Form von Leibniz' vorherbestimmter Harmonie, andere widersprechen (SEP Early Modern Rationalism).
baut auf John LockeDeutung
Amo griff laut de.wikipedia auf Philosophen wie Locke und Descartes zurück.
baut auf René DescartesDeutung
Amo entwickelt einen von Descartes inspirierten Substanzdualismus und korrigiert ihn, weil dieser Verstehen und Empfinden verwechsle (SEP Early Modern Rationalism).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Abhängigkeit belegt
Amo wuchs am Hof der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel (eines norddeutschen Fürstenhauses) auf und wurde von ihnen getauft und gefördert. Nach dem Tod seines Gönners Herzog Ludwig Rudolf geriet er in finanzielle Schwierigkeiten.[2]
Biografie belegt
Amo kam als Kind nach Europa. Ob er versklavt wurde oder anders nach Amsterdam kam, ist unbekannt. Seine Disputation über die Rechtsstellung der Mohren (ein veralteter, heute als rassistisch verstandener Ausdruck für Afrikaner) in Europa ist verloren, ihr Inhalt ist nur aus zeitgenössischen Zusammenfassungen bekannt, einer Notiz in den Annalen der Universität Halle (1730) und einem Zeitungsbericht.[2]
Zeitgeschehen Deutung
Nach der englischen Wikipedia verschlechterten sich in Jena seine Bedingungen, weil er seinen Beschützer verloren hatte und Gegner der Aufklärung in Deutschland an Einfluss gewannen; in Halle wurde er in einer öffentlichen Theaterposse verspottet. Nach seiner Abreise erschien sein Name in satirischen Gedichten des hallischen Rhetorikprofessors Johann Ernst Philippi. Ob diese Verse rassistisch gemeint waren oder Rassismus parodieren, ist nach der deutschen Wikipedia offen.[2]
Kritik
Die Forschung streitet, wie Amos Dualismus gemeint ist. Manche lesen ihn als Verteidigung von Descartes, andere sehen ihn nah an Leibniz' vorherbestimmter Harmonie (der Idee, dass Geist und Körper nicht aufeinander wirken, sondern von Gott von Anfang an aufeinander abgestimmt sind), wieder andere sehen eine Form des Okkasionalismus (Meyns 2019, Menn und Smith 2020). Auch ob er Wolffianer, also Anhänger der Schule Christian Wolffs, war, ist offen.
Wirkung heute
Amo wird als Beispiel genannt, dass die europäische Aufklärung vielfältiger war, als der Kanon zeigt. Seine Trennung von Denken und Empfinden bleibt ein Anschlusspunkt für die heutige Philosophie des Geistes.
Brücke zu Führung und Coaching
Amo hilft dir, Beobachtung und Urteil zu trennen. Frag dich im nächsten schwierigen Mitarbeitergespräch: Was habe ich wahrgenommen, und was ist schon meine Deutung davon? Wer diese beiden Schritte auseinanderhält, urteilt ruhiger und fairer.
Lebensstationen
- 1707Kommt über Amsterdam an den Hof der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel
- 1708Taufe in der Schlosskapelle Salzdahlum
- 1727Immatrikulation an der Universität Halle
- 1734Verteidigt in Wittenberg die Dissertation über die Apatheia des menschlichen Geistes
- 1738Erscheint der Tractatus de arte sobrie et accurate philosophandi in Halle
- 1747Rückkehr an die Goldküste
Werke
De iure Maurorum in Europa (Disputation, 1729, Text verloren); Dissertatio inauguralis philosophica de humanae mentis apatheia (1734); Tractatus de arte sobrie et accurate philosophandi (1738)
Anekdote belegt
Der Schweizer Schiffsarzt David Henri Gallandat besuchte Amo 1753 in Axim an der Goldküste. Sein Reisetagebuch, ausgewertet in einem Nachruf von Isaac Winckelman, ist die ausführlichste Quelle zu Amos Leben nach der Rückkehr.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Stephen Menn und Justin E. H. Smith (Hrsg.): Anton Wilhelm Amo's Philosophical Dissertations on Mind and Body, Oxford University Press 2020 (englische Übersetzung der lateinischen Dissertationen, mit Einleitung)
- Vertiefung
- Stefan Knauß u. a. (Hrsg.): Auf den Spuren von Anton Wilhelm Amo. Philosophie und der Ruf nach Interkulturalität, transcript, Bielefeld 2021
Noch nicht sicher belegt
- Lebensdaten: SEP und en.wikipedia ca. 1703 bis ca. 1759, de.wikipedia Geburt wohl vor 1701 und Tod nach 1753 (vielleicht 1756, Grabstein 1784), der Eintrag von Dwight K. Lewis in der Encyclopedia of Early Modern Philosophy and the Sciences (Springer 2022, nur Vorschau lesbar) nennt Geburt um 1700 und Ankunft in Wolfenbüttel um 1705. Die Jahre 1703/1759 sind Näherungen. Ob Amo versklavt wurde, ist unbekannt. Die Zuordnung zur Wolff-Schule und zu Leibniz bzw. Okkasionalismus ist in der Forschung umstritten; die Kante zu Leibniz ist darum als Deutung markiert. Zitat bewusst weggelassen (nur englische Übersetzung abgerufen). Der Tractatus-Prinzipientext steht in en.wikipedia und in der SEP (Tractatus 1.1). Prüfer: Deutsche Biographie führt Amo nur als Indexeintrag ohne Text (um 1730 bis nach 1753), Britannica hat keinen Artikel; als zusätzliche Fachquelle wurde der Springer-Lexikoneintrag ergänzt. Lesetipp Firla 2020 ersetzt, weil nur ohne ISBN belegt; Knauß 2021 steht mit Verlag, Jahr und ISBN in der de.wikipedia-Literaturliste. Die Spottverse von Philippi erschienen laut de.wikipedia erst nach Amos Abreise.
Herkunft der Daten: Rationalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Amo
- [1]Wikipedia (en): Anton Wilhelm Amo · Wikipedia
- [2]Anton Wilhelm Amo – Wikipedia (de) · Wikipedia
- [3]Stanford Encyclopedia of Philosophy: rationalism-early-modern · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [4]link.springer.com/rwe/10.1007/978-3-319-31069-5_549 · Aufsatz
- [5]Wikipedia (de): Prästabilierte Harmonie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [6]Wikipedia (de): Traktat · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [7]Wikipedia (de): Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
- [8]Wikipedia (de): Mohr · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20