Christian Wolff
1679–1754 · Halle
- Strömung
- Rationalismus
- Kants Fragen
- Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Wolff machte aus Leibniz' verstreuten Ideen ein geordnetes Lehrgebäude und prägte damit die deutsche Philosophie, auf der und gegen die Kant seine Kritik aufbaute.
Wolff ordnet den Stoff von Leibniz zur Schulphilosophie, mit der Kant als Student in Königsberg aufwächst und die auch Mendelssohn als Gerüst dient. Kant nennt ihn den größten dogmatischen Philosophen und will seine Gründlichkeit behalten, aber ihre Grundlage prüfen.
Kernidee
Wolff glaubt, dass man die Welt wie eine Rechenaufgabe aus wenigen sicheren Grundsätzen Schritt für Schritt herleiten kann. Seine beiden Leitsätze lauten: Nichts darf sich widersprechen, und alles hat einen zureichenden Grund, also eine Erklärung, warum es so ist, wie es ist. Er schrieb seine Lehrbücher zuerst auf Deutsch statt auf Latein und gab der deutschen Philosophie viele Begriffe, die heute alltäglich klingen.
Bekannt für
Man kennt Wolff vor allem als den Professor, den der preußische König 1723 binnen 48 Stunden aus Halle warf, weil seine Vernunftphilosophie frommen Gegnern zu weit ging. Auslöser war unter anderem eine Rede, in der er die Moral des Konfuzius lobte und damit sagte, dass man auch ohne christliche Offenbarung tugendhaft sein kann.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der zureichende Grund
Wolff übernimmt von Leibniz den Satz vom zureichenden Grund: Für alles, was besteht oder geschieht, gibt es einen Grund, der erklärt, warum es so ist. Zusammen mit dem Satz des Widerspruchs bildet er das Fundament seiner Ontologie, also seiner Lehre vom Seienden überhaupt. Im Betrieb entspricht das der Haltung, bei einem Problem zuerst zu fragen, woran es wirklich liegt, bevor man Maßnahmen beschließt.
Wissenschaft als Beweis aus Grundsätzen
Für Wolff ist Wissenschaft die Fähigkeit, Sätze aus sicheren, unveränderlichen Grundsätzen zu beweisen. Dabei soll Erfahrung die Vernunft begleiten, er spricht von einer Ehe von Vernunft und Erfahrung. Wer Zahlen aus dem Controlling mit einem klaren Modell verbindet, arbeitet im Kleinen genauso: erst beobachten, dann schließen.
Vollkommenheit als Maßstab des Handelns
In der Ethik lautet Wolffs Regel, das zu tun, was einen selbst und andere vollkommener macht. Kant wendet später ein, dass dabei der reine Wille und der eigentlich moralische Gedanke der Verpflichtung zu kurz kommen. Im Führungsalltag fragst Du bei einer Entscheidung vielleicht, ob sie Team und Unternehmen besser macht, und merkst, dass das noch nicht beantwortet, ob sie auch richtig ist.
Begriffe
- Leibniz-Wolffsche Philosophie
- : der Name für sein auf Leibniz aufbauendes System, den wohl ein Schüler prägte und den Wolff selbst ablehnte
- Satz des Widerspruchs
- : was sich widerspricht, ist unmöglich; für Wolff das erste Prinzip der Metaphysik und die Quelle aller Gewissheit
- Satz vom zureichenden Grund
- : alles Wirkliche und Mögliche hat einen Grund dafür, dass es so ist, wie es ist
- Ontologie
- : die Lehre vom Seienden überhaupt; Wolffs Philosophia prima sive Ontologia von 1730 gehört zu seinen Hauptwerken
- Demonstration
- : strenger Beweis aus sicheren Grundsätzen nach dem Vorbild der Mathematik, in dem jeder Gedanke seine feste Stelle hat
- Vollkommenheit
- : Grundbegriff seiner Ethik: Tu, was dich und andere vollkommener macht, und lass, was unvollkommener macht
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Ehrenfried Walther von Tschirnhaus: prägte mit seiner Schrift über die Heilung des Geistes Wolffs Verständnis wissenschaftlicher Methode
- Gottfried Wilhelm Leibniz: Briefwechsel ab etwa 1703, förderte Wolffs Laufbahn
Schüler
- Alexander Gottlieb Baumgarten: Wolffianer und Begründer der Ästhetik
- Georg Friedrich Meier: führender Wolff-Schüler
- Johann Christoph Gottsched: trug Wolffs Philosophie in die Literaturtheorie
- Georg Bernhard Bilfinger: früher Anhänger
Gegner
- Joachim Lange: Hallenser Pietist, Hauptgegner in der Theologenfakultät
- August Hermann Francke: Pietist, Gründer der Franckeschen Stiftungen, griff Wolffs Metaphysik an
- Christian August Crusius: kritisierte 1741 Wolffs Beweis des Satzes vom zureichenden Grund
Verbindungen im Netz
4 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Anton Wilhelm AmoDeutung
Amo stand der Wolffschen Tradition näher als den Pietisten, ob er Wolffianer war, ist umstritten (de.wikipedia).
baut auf Gottfried Wilhelm Leibnizungeprüft
Wolff ordnet Leibniz' Gedanken zu einem Lehrsystem und steht mit ihm von etwa 1703 an im Briefwechsel.
Grundlage für Immanuel Kantungeprüft
Kant verdankt Wolff Form und Inhalt seines frühen Denkens und nennt ihn den größten dogmatischen Philosophen.
Grundlage für Moses Mendelssohnungeprüft
Mendelssohn arbeitet mit einer Metaphysik, die aus Leibniz, Wolff und Baumgarten stammt.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Der Streit mit den Hallenser Pietisten um Willensfreiheit, Offenbarung und die Konfuzius-Rede von 1721 endete mit dem Edikt Friedrich Wilhelms I. vom 8. November 1723. Wolff hatte sich geweigert, den Text der Rede der theologischen Fakultät zur Prüfung vorzulegen, und damit die Unabhängigkeit der philosophischen Fakultät behauptet.[1]
Abhängigkeit belegt
Wolff lehrte nach der Vertreibung bis 1740 in Marburg. König Friedrich Wilhelm I. versuchte 1733 vergeblich, ihn zurückzuholen, und hob 1736 das Verbot Wolffscher Lehrbücher auf; erst unter Friedrich II. kehrte Wolff am 6. Dezember 1740 als Professor und Vizekanzler nach Halle zurück.[1]
Biografie Deutung
Wolff stammte aus bescheidenen Verhältnissen in Breslau und baute seine Stellung ganz über Lehre und Lehrbücher auf. Sein Hang, Philosophie wie einen beweisbaren, ordentlichen Bau darzustellen, könnte auch mit diesem Aufstieg über Leistung und Methode zusammenhängen.[1]
Kritik
Der Philosoph Christian August Crusius, ein Zeitgenosse Wolffs, wandte 1741 ein, Wolffs Beweis des Satzes vom zureichenden Grund verwechsle verschiedene Bedeutungen von „nichts“. Die Pietisten Francke und Lange warfen ihm vor, den Verstand über den Willen zu stellen und die Freiheit zu bloßer Spontaneität zu machen. Kant lobte Wolffs Strenge, hielt aber die ganze dogmatische Denkweise für ungeprüft, weil nie die Vernunft selbst kritisch untersucht wurde.
Wirkung heute
Wolffs Systemanspruch gilt als überholt, doch seine Rolle bei der Entstehung der deutschen Wissenschaftssprache und des Naturrechts wirkt weiter. Auch das Ideal, Begriffe sauber zu definieren, bevor man argumentiert, trägt noch.
Brücke zu Führung und Coaching
Wolffs Frage nach dem zureichenden Grund eignet sich für Teams, die Probleme mit Schuldzuweisungen behandeln. Frage bei der nächsten Eskalation: Was genau erklärt, dass es so gekommen ist, und was davon hätte sich ändern lassen? Stelle danach die zweite Wolff-Frage: Macht die Maßnahme, die wir beschließen, die Lage der Beteiligten wirklich besser?
Zitate
„…der strengen Methode des berühmten Wolff, des größten unter allen dogmatischen Philosophen, folgen…“
Lebensstationen
- 1679Geboren in Breslau
- 1713Erstes großes Lehrbuch, die Deutsche Logik
- 1720Deutsche Metaphysik erscheint (Druckjahr 1720)
- 1723Vertreibung aus Halle durch Friedrich Wilhelm I.
- 1740Rückkehr nach Halle unter Friedrich II.
- 1754Tod in Halle
Werke
Vernünftige Gedanken von den Kräften des menschlichen Verstandes (Deutsche Logik, 1713); Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen (Deutsche Metaphysik, 1719/20); Vernünftige Gedanken von der Menschen Thun und Lassen (Deutsche Ethik, 1720); Vernünftige Gedanken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen (1721)
Anekdote belegt
Das Edikt vom 8. November 1723 befahl Wolff, Halle binnen 48 Stunden zu verlassen, bei Strafe des Strangs. Er reiste sofort ab und erstattete noch hinter der Saale den Studenten die Gebühren für die ausgefallenen Vorlesungen zurück.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Christian Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen (Deutsche Metaphysik, 1720), als Nachdruck in den Gesammelten Werken, Olms, Hildesheim: die Schrift, die den Streit in Halle auslöste
- Vertiefung
- Robert Theis und Alexander Aichele (Hrsg.), Handbuch Christian Wolff (2018)
Noch nicht sicher belegt
- Wolffs Todesjahr: SEP-Eintrag zu Kant nennt 1750, SEP-Eintrag zu Wolff und de.wikipedia nennen 1754 (hier verwendet). Berufungsjahr nach Halle (1706 oder 1707) bewusst nicht verwendet. Bandnummer der Olms-Ausgabe der Deutschen Metaphysik nicht geprüft. Schüler- und Gegnerlisten stützen sich auf die SEP-Aufzählung.
Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Wolff
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Christian Wolff · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia (de): Christian Wolff (Philosoph) · Wikipedia
- [3]zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Kritik+der+reinen+Vernunft/Vorrede+zur+zweiten+Auflage · Webseite
- [4]link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-14737-2 · Aufsatz