W. Ross Ashby
Psychiater und Kybernetiker · 1903–1972 · London, Gloucester, Urbana
Kernidee in Kürze
Ashby fragt, wie ein Gehirn oder ein anderes System sich so anpassen kann, dass es trotz wechselnder Störungen stabil bleibt. Seine Antwort lautet, dass ein Regler nur so viele Störungen ausgleichen kann, wie er selbst unterschiedliche Reaktionen zur Verfügung hat: Nur Vielfalt kann Vielfalt ausgleichen.
- Kapitel
- System und Organisation (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie kann ein System trotz ständiger Störungen stabil bleiben und sich anpassen, ohne dass jemand jede Reaktion vorher festlegt?
- Position
- Ashby sieht Anpassung als eine Eigenschaft von Systemen, die sich mechanisch beschreiben lässt.
- Einwand
- Gegen die oft zitierte starke Fassung des Gesetzes wird eingewandt, dass ein System Störungen auch durch Puffer abfangen kann. Rückblickend wird beschrieben, dass Fachleute schon 1952 bezweifelten, ob bloßes Zufallsprobieren Lernen und Anpassung erklären kann.
- Verbindung
- Wiener prägte den Begriff Kybernetik, Ashby verbreitete ihn mit seiner „Einführung in die Kybernetik“. Beer übertrug das Gesetz der notwendigen Vielfalt auf Unternehmen.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Ashby war
Britischer Psychiater und Kybernetiker, der mit dem Gesetz der notwendigen Vielfalt eine Grundregel dafür formulierte, wann ein Steuerungssystem mit Störungen fertig wird.
Ashby wird in einer Würdigung als der wichtigste Theoretiker der Kybernetik nach Norbert Wiener bezeichnet. Stafford Beer baute auf Ashbys Gedanken seine Managementkybernetik auf.
Kernidee genauer
Dieses Gesetz der notwendigen Vielfalt gilt als eine der bekanntesten Regeln der Kybernetik, also der Lehre von Steuerung und Rückkopplung in Maschinen und Lebewesen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Ashby arbeitete von 1936 bis 1947 als Pathologe an einer Nervenklinik in Northampton. Dort vermerkte der leitende Arzt im Jahresbericht vom Januar 1938, Ashby habe begonnen, die Theorie der Organisation auf das Nervensystem anzuwenden. Schon als Student hatte er 1928 ein Tagebuch begonnen, in dem er seine Gedanken über das Gehirn festhielt.[3]
Fundstelle: Abschnitte University and Medical School und St Andrew's Mental Hospital
Bekannt für
Man kennt Ashby für den Homöostaten, eine 1948 gebaute Maschine, die nach Störungen von selbst in einen stabilen Zustand zurückfand, und für das Gesetz der notwendigen Vielfalt. Ein Alltagsbeispiel: Ein Team, das mit sehr unterschiedlichen Kundenwünschen umgehen muss, braucht selbst genug verschiedene Handlungsmöglichkeiten.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Der Homöostat: Anpassung durch Ausprobieren
Ashby baute 1948 eine Maschine aus vier verbundenen Einheiten, die nach einer Störung so lange zufällig neue Einstellungen ausprobierte, bis sie wieder in einen stabilen Zustand kam. Der Zeitschrift Time galt sie 1949 als das, was einem künstlichen Gehirn bis dahin am nächsten kam. Wenn Du in einer neuen Aufgabe zunächst verschiedene Wege ausprobierst und bei dem bleibst, der das Team wieder stabil macht, handelst Du ähnlich.
Das Gesetz der notwendigen Vielfalt
In „An Introduction to Cybernetics“ misst Ashby Vielfalt (englisch „variety“) als die Zahl der unterscheidbaren Zustände. Daraus folgt für ihn: Wenn ein Regler eine Störung vollständig ausgleichen soll, braucht er mindestens so viele verschiedene Reaktionen, wie es verschiedene Störungen gibt. Eine Führungskraft mit nur einer Standardantwort kann deshalb nur einen Teil der Situationen im Team ausgleichen.
Eine allgemeine Wissenschaft der Organisation
Ashby vertrat die Ansicht, es gebe eine abstrakte Wissenschaft der Organisation mit eigenen Gesetzen, die man untersuchen kann, ohne zu fragen, was genau organisiert wird. Das ist seine Position und kein bewiesener Konsens, aber sie erklärt, warum seine Begriffe später auf Unternehmen übertragen wurden. Ein Beispiel dafür ist die Frage, wie viele Eingriffsmöglichkeiten eine Abteilung braucht, um mit Marktschwankungen umzugehen.
Begriffe
- Kybernetik
- Homöostat
- Gesetz der notwendigen Vielfalt
- Selbstorganisation
- Anpassung
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Alan TuringPrüfstand: belegt
Alan Turing schrieb 1946 an Ashby und riet ihm, seine Versuche auf Turings Rechenmaschine ACE zu simulieren, statt eine eigene Maschine zu bauen.
Heinz von FoersterPrüfstand: belegt
Heinz von Foerster bot Ashby einen Lehrstuhl im Institut für Elektrotechnik der University of Illinois an, wo von Foerster das Biological Computer Laboratory leitete. Ashbys Aufsatz über selbstorganisierende Systeme erschien 1962 in dem von von Foerster mitherausgegebenen Band zum Symposium über Selbstorganisation, das die University of Illinois 1961 veranstaltet hatte.
Norbert WienerPrüfstand: belegt
Ashby traf Wiener 1952 am Massachusetts Institute of Technology, und Wiener nannte Ashbys Homöostaten einen der großen philosophischen Beiträge seiner Zeit.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Ashby weiter, meist über Texte.
Stafford BeerPrüfstand: belegt
Stafford Beer übertrug Ashbys Gesetz der notwendigen Vielfalt auf die Führung von Organisationen und entwickelte daraus sein Modell lebensfähiger Systeme.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Ashby arbeitete als Psychiater und später als Forscher an Nervenkliniken. Seine Gedanken über die Organisation des Gehirns hielt er seit Mai 1928 in einem Tagebuch fest, das er 44 Jahre lang führte, und er sah sie lange als private Beschäftigung. Erst das Buch „Design for a Brain“ machte ihn bekannt.[3]
Zeitgeschehen belegt
Ashby baute den Homöostaten nach dem Zweiten Weltkrieg im Barnwood House Hospital, einer Nervenklinik in Gloucester, unter anderem aus vier ausgemusterten Bombensteuergeräten der britischen Luftwaffe. Er zeigte die Maschine 1952 auf der neunten Macy-Konferenz zur Kybernetik in New York. Rückblickend wird die Aufnahme dort als skeptisch beschrieben.[3]
Abhängigkeit belegt
Heinz von Foerster bot Ashby einen Lehrstuhl an der University of Illinois an, wo von Foerster das Biological Computer Laboratory leitete. Ashby reiste kurz vor Weihnachten 1960 in die Vereinigten Staaten, begann dort Anfang 1961 und blieb bis zu seinem Ruhestand 1970.[3]
Kritik
Ein System kann einen Teil der Störungen nämlich auch ohne eigene Gegenreaktion abfangen, etwa durch Puffer.
Wirkung heute
Das Gesetz der notwendigen Vielfalt wird bis heute in der Managementforschung und in der Systemwissenschaft aufgegriffen. Mit Roger Conant veröffentlichte Ashby 1970 außerdem den Satz, dass jeder gute Regler eines Systems ein Modell dieses Systems sein muss.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team leitest, das ständig neue und unterschiedliche Anforderungen bekommt, kannst Du mit Ashby fragen, ob Euer Repertoire an Handlungsmöglichkeiten so vielfältig ist wie die Störungen, die auf Euch zukommen. Eine Frage fürs nächste Gespräch lautet: In welchen Situationen haben wir nur eine einzige Antwort? Das ist eine Übertragung des Gesetzes auf Führung und keine Aussage Ashbys über Teams.
Lebensstationen
- 1903Geboren in London
- 1928Abschluss der Medizin in Cambridge und Beginn seines Tagebuchs über die Organisation des Gehirns
- 1948Bau des Homöostaten in Gloucester
- 1952Erscheinen von „Design for a Brain“ und Auftritt auf der Macy-Konferenz
- 1956Erscheinen von „An Introduction to Cybernetics“
- 1972Tod nach einer Gehirntumor-Erkrankung
Werke
Design for a Brain (1952); An Introduction to Cybernetics (1956)
Noch nicht sicher belegt
- Ob Ashby den Homöostaten 1947 oder 1948 fertigstellte, geben die Quellen unterschiedlich an; nach den ausführlichsten Darstellungen lief die Maschine im März 1948. Den Ruf nach Illinois erhielt er 1960, die Arbeit dort begann Anfang 1961, deshalb nennen manche Darstellungen 1960 und andere 1961. Wie stark Ashby Herbert Simon und Ludwig von Bertalanffy beeinflusst hat, nennen die Quellen nur in einer Aufzählung, darum steht hier keine eigene Verbindung.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 3: Organisation, System, Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Ashby
- [1]W. Ross Ashby · Wikipedia
- [2]William Ross Ashby · Wikipedia
- [3]Biografie von Jill Ashby · Webseite
- [4]pespmc1.vub.ac.be/REQVAR.html · Webseite
- [5]casbs.stanford.edu/people/william-r-ashby · Webseite
- [6]Nachruf in The Guardian; Nachruf im Journal of the Operational Research Society · Aufsatz
- [7]Homeostat · Wikipedia
- [8]collection.sciencemuseumgroup.org.uk/people/ap28708/ashby-william-ross · Webseite
- [9]web.archive.org/web/2016/ · Webseite
- [10]collection.sl.nsw.gov.au/record/74VvrqjmZE0d · Webseite