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Landkarte der Philosophie

Stafford Beer

Managementtheoretiker und Kybernetiker · 1926–2002 · London, Toronto, Santiago de Chile

Kernidee in Kürze

Beer fragt, wie eine Organisation überleben und sich an eine wechselnde Umwelt anpassen kann. Sein Modell lebensfähiger Systeme beschreibt jede Organisation, die für sich bestehen kann, mit fünf zusammenwirkenden Teilen, ähnlich einem Nervensystem.

Kapitel
System und Organisation (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wie kann eine Organisation oder ein ganzer Staat gesteuert werden, ohne dass alles von oben angeordnet wird?

Position
Beer meint, dass jede lebensfähige Organisation dieselbe Struktur aus fünf zusammenwirkenden Teilen hat und dass möglichst viel Handlungsfreiheit auf allen Ebenen bleiben soll. Rückkopplung und genug Vielfalt auf Seiten der Leitung machen Steuerung möglich.
Einwand
Kritiker nannten Cybersyn überzentralisiert und überwachend, und Beer selbst räumte ein, sein Modell habe die Veränderungen in Chile nicht angemessen abbilden können. Ob sich jede Organisation mit demselben Fünf-Teile-Modell beschreiben lässt, bleibt umstritten.
Verbindung
Beer baut auf Wiener und Ashby auf und schrieb das Vorwort zum Teil „Autopoiesis“ in der englischen Ausgabe von Maturanas und Varelas „Autopoiesis and Cognition“.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Beer war

Britischer Managementtheoretiker und Kybernetiker, der Steuerung und Rückkopplung auf Unternehmen und Staaten übertrug und das Modell lebensfähiger Systeme entwarf.

Beer baute auf den Grundlagen der Kybernetik auf, die unter anderem Norbert Wiener und Ross Ashby gelegt hatten, und übertrug sie auf das Management. Wiener selbst nannte ihn später den Vater der Managementkybernetik.

Kernidee genauer

Jeder Teil kann selbst wieder als solches System beschrieben werden.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Ein Freund gab Beer 1950 Wieners Buch „Cybernetics“. Beer schrieb daraufhin an Wiener über seine Anwendung kybernetischer Prinzipien in der Stahlindustrie, und Wiener lud ihn ans Massachusetts Institute of Technology ein.[5]

Fundstelle: Abschnitt zu Beer

Bekannt für

Man kennt Beer für das Modell lebensfähiger Systeme und für das chilenische Projekt Cybersyn, einen Versuch, die Wirtschaft eines Landes mit Computern, einem Fernschreibernetz und einem Lagezentrum zu steuern. Ein Alltagsbeispiel: Du kannst für Dein Team fragen, welche Aufgaben vor Ort entschieden werden und welche nach oben gehen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Das Modell lebensfähiger Systeme

In „Brain of the Firm“ (1972) beschreibt Beer ein lebensfähiges System, also eine Organisation, die in einer sich ändernden Umwelt selbstständig überleben kann, mit fünf zusammenwirkenden Teilen. Das erste System enthält die eigentlichen Tätigkeiten, das fünfte legt Grundsätze und Identität des Ganzen fest, und jedes System 1 ist selbst wieder ein lebensfähiges System. Du kannst Dein Team daraufhin ansehen, wer die Arbeit macht, wer sie abstimmt, wer sie überwacht, wer nach vorn schaut und wer entscheidet, wofür das Ganze da ist.

Vielfalt und Steuerung

Beer verwendet den Begriff der Vielfalt aus Ashbys Gesetz der notwendigen Vielfalt und fragt, wie eine Leitung mit der Vielfalt der Vorgänge in einer Organisation umgehen kann. In seinen Rundfunkvorträgen „Designing Freedom“ vom Herbst 1973 schlägt er vor, die Vielfalt eines Systems zu verringern, die Vielfalt des Reglers zu erhöhen oder beides zu verbinden, damit System und Regler zusammenpassen, und er nennt Computer als eines der Hilfsmittel dafür. Wenn Du jede Woche hunderte Einzelmeldungen bekommst, kannst Du mit Beer fragen, was Du zusammenfassen darfst, ohne das Wichtige zu verlieren.

Der Zweck eines Systems ist, was es tut

Beer prägte und nutzte oft die Formel, der Zweck eines Systems sei das, was es tatsächlich tut. Damit meinte er, dass der wirkliche Zweck eines Systems oft vom erklärten Zweck abweicht. Wenn eine Abteilung offiziell Kundennähe verspricht, aber vor allem Berichte erzeugt, zeigt ihr Verhalten ihren tatsächlichen Zweck.

Begriffe

Managementkybernetik
Modell lebensfähiger Systeme
Vielfalt
Cybersyn
Rückkopplung

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt, 1 Deutung). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Heinz von FoersterPrüfstand: belegt

    Heinz von Foerster gehörte zu Beers Freunden.

  • Humberto MaturanaPrüfstand: belegt

    Beer kannte Maturanas Arbeit schon, bevor Allende an die Macht kam. Während Beers Zeit in Chile vertieften beide ihre Verbindung, und Maturana beriet ihn gelegentlich in theoretischen Fragen von Cybersyn. 1980 schrieb Beer das Vorwort zum Teil „Autopoiesis“ in Maturanas und Varelas Buch „Autopoiesis and Cognition“.

Übernimmt Gedanken von

Beer übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Norbert WienerPrüfstand: belegt

    Beer las Wieners „Cybernetics“, schrieb an Wiener und baute die Managementkybernetik auf den von Wiener mitbegründeten Grundlagen der Kybernetik auf.

  • W. Ross AshbyPrüfstand: belegt

    Stafford Beer übertrug Ashbys Gesetz der notwendigen Vielfalt auf die Führung von Organisationen und entwickelte daraus sein Modell lebensfähiger Systeme.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Jay W. ForresterPrüfstand: Deutung

    Vergleich aus der Forschung: Die Geschichte des Rückkopplungsdenkens unterscheidet einen kybernetischen Faden, für den Beers Arbeit steht, und einen Faden der Regelungstechnik, in dem Forresters Systemdynamik einen Entwicklungssprung brachte. Ein Einfluss zwischen beiden wird damit nicht behauptet.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Beer begann in London ein Studium der Philosophie und Psychologie, brach es 1944 ab, ging zur Armee und diente in Indien. Nach seiner Rückkehr kam er zum Operations Research, also der mathematischen Planung von Abläufen, und leitete beim britischen Stahlkonzern United Steel eine eigene Abteilung. Einen ersten Studienabschluss erwarb er nie; im Jahr 2000 erhielt er für sein veröffentlichtes Werk einen höheren Doktortitel.[2]

  • Zeitgeschehen belegt

    Beer arbeitete von 1971 bis 1973 mit einem Team in Chile an dem Projekt Cybersyn, das die staatlichen Betriebe der Regierung Allende steuern helfen sollte. Der Militärputsch von 1973 beendete das Projekt, bevor es fertig war.[3]

  • Abhängigkeit belegt

    Beer arbeitete als Unternehmensberater und gründete 1961 die erste größere Beratungsfirma für Operations Research in Großbritannien. Später arbeitete er für Regierungen, unter anderem in Chile, Mexiko, Uruguay und Venezuela. Dass seine Ideen auch an Auftraggeber gingen, die über Geld und Macht verfügten, gehört zum Hintergrund seiner Praxis.[1]

Kritik

Die chilenische Zeitschrift Ercilla spielte im Januar 1973 mit der Überschrift „Mr. Beers großer Bruder“ auf den Überwachungsstaat in George Orwells „1984“ an, und die britischen Zeitschriften New Scientist und Science for People warfen Cybersyn vor, überzentralisiert zu sein. Eine historische Studie beschreibt außerdem, dass die Projektingenieure eine sich ständig ändernde Wirtschaft mit nur einem Teil der nötigen Größen abbilden wollten und die Arbeiter oft herablassend behandelten oder ganz übergingen, obwohl sie mit ihnen zusammenarbeiten sollten. Beer selbst schrieb rückblickend, sein Modell habe die Änderungen unter Allende nicht angemessen abbilden können.

Wirkung heute

Das Modell lebensfähiger Systeme wird bis heute in der Organisationsberatung und in der Managementforschung angewendet, zum Beispiel zur Diagnose von Organisationsstrukturen. Im deutschen Sprachraum nutzten Vertreter der Universität St. Gallen seine Arbeit als Grundlage für das St. Galler Management-Modell.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team führst, kannst Du mit Beer fragen, wo Entscheidungen bei denen liegen, die am nächsten am Geschehen sind, und welche Informationen nach oben müssen, damit Du nicht in Einzelheiten untergehst. Eine Frage fürs nächste Teamgespräch lautet: Was tun wir tatsächlich, und passt das zu dem, wofür wir da sein wollen? Das ist eine Übertragung von Beers Modell auf Führung und keine Aussage, die er so über Teams getroffen hat.

Lebensstationen

  1. 1926Geboren in London
  2. 1959Erstes Buch „Cybernetics and Management“
  3. 1961Gründung der Beratungsfirma SIGMA
  4. 1972Erscheinen von „Brain of the Firm“ mit dem Modell lebensfähiger Systeme
  5. 1973Ende des Projekts Cybersyn in Chile durch den Militärputsch
  6. 2002Tod in Toronto

Werke

Cybernetics and Management (1959); Decision and Control (1966); Brain of the Firm (1972); The Heart of Enterprise (1979)

Anekdote überliefert

Beer erzählte oft, Präsident Allende habe ihm gesagt, das fünfte System seines Modells, das Beer sich als Allende selbst vorgestellt hatte, seien in Wahrheit die Menschen.[6]

Noch nicht sicher belegt

  • Wann Beer zum Stahlkonzern United Steel kam, geben die Quellen unterschiedlich an: Eine Darstellung nennt 1956, ein Nachruf beschreibt den Eintritt nach seiner Armeezeit, die 1949 endete. Die Geschichte, Allende habe ihm gesagt, das fünfte System seien die Menschen, stammt aus Beers eigenen Erzählungen und ist deshalb nur überliefert; eine Darstellung datiert das Gespräch auf 1972, eine andere verlegt es an das erste Treffen zu Beginn des Projekts. Wie gut das Fünf-Teile-Modell außerhalb von Beers eigener Praxis empirisch bestätigt ist, ließ sich nicht belegen.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 3: Organisation, System, Lernen. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Beer

  1. [1]Nachruf in The Guardian · Webseite
  2. [2]Nachruf in The Guardian; Nachruf im Journal of the Operational Research Society · Aufsatz
  3. [3]Nachruf in The Guardian; Wikipedia (en), Abschnitt Cybersyn
  4. [4]Stafford Beer · Wikipedia
  5. [5]Eden Medina, Designing Freedom, Regulating a Nation: Socialist Cybernetics in Allende's Chile · Webseite
  6. [6]mdpi.com/2076-0760/7/4/65 · Webseite
  7. [7]www-users.york.ac.uk/~ss44/////books/pages/b/StaffordBeer.htm · Webseite
  8. [8]Viable System Model · Wikipedia
  9. [9]cbc.ca/radio/ideas/the-1973-cbc-massey-lectures-designing-freedom-1.2946819 · Webseite
  10. [10]monoskop.org/images/e/e3/Beer_Stafford_Designing_Freedom.pdf · Webseite

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