Ernst Cassirer
1874–1945 · Hamburg
- Strömung
- Kant und Deutscher Idealismus
- Kants Fragen
- Was ist der Mensch? · Was kann ich wissen? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Der Marburger Schüler, der Kants Denkformen zu einer Philosophie der Kultur ausweitet: Sprache, Mythos, Kunst und Wissenschaft sind für ihn symbolische Formen.
Er führt Cohens Marburger Neukantianismus über Cohen hinaus in eine breite Kulturphilosophie und verteidigt in Davos 1929 gegen Heidegger Kants Erbe. Seine Linie bildet einen Gegenentwurf zur Kritischen Theorie mit gleichem Ausgangspunkt bei Kant.
Kernidee
Cassirer nimmt von Kant die Idee, dass wir die Welt nur durch Formen des Denkens erfassen. Er ergänzt, dass diese Formen nicht nur in der Wissenschaft wirken, sondern auch in Sprache, Mythos und Kunst. Der Mensch lebt damit in einem Universum von Symbolen, das er selbst geschaffen hat.
Bekannt für
Man kennt Cassirer für die Philosophie der symbolischen Formen und für die Davoser Disputation mit Heidegger 1929. Er war der erste Jude, der in Deutschland Rektor einer Universität wurde.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Symbolische Formen
Cassirer meint, dass wir die Wirklichkeit nie unmittelbar erleben, sondern durch Formen wie Sprache, Mythos, Kunst und Wissenschaft. Jede dieser Formen gibt der Welt auf ihre Art Sinn. Eine Organisation hat ebenso ihre Symbole, Rituale und Sprache, durch die Mitarbeitende überhaupt erst verstehen, was gerade gilt.
Der Mensch als Wesen der Symbole
Im Versuch über den Menschen zeigt Cassirer, dass der Mensch im Unterschied zu Tieren nicht nur seinen Instinkten folgt, sondern sich ein Universum der Bedeutung baut. Dazu gehören Mythos, Sprache, Geschichte, Kunst und Technik. Wer als Führungskraft Kultur gestalten will, arbeitet im Kern an diesen Bedeutungswelten.
Die Davoser Disputation
Im Frühjahr 1929 stritt Cassirer in Davos mit Martin Heidegger. Heidegger betonte die Endlichkeit des Menschen, Cassirer hielt dagegen, dass es objektiv gültige, notwendige Wahrheiten in Moral und Mathematik gibt. Der Streit lässt sich auf die Frage übertragen, ob ein Team alles aus der Lage heraus entscheiden darf oder ob es Prinzipien gibt, die unabhängig von der Lage gelten.
Begriffe
- Symbolische Formen
- Neukantianismus
- Kulturphilosophie
- Funktion statt Substanz
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Hermann Cohen: Doktorvater in Marburg
- Paul Natorp: ebenfalls Doktorvater
- Georg Simmel: brachte ihn in einem Kant-Seminar zu Cohen
Schüler
- Susanne Langer: trug seine Philosophie in ästhetische und literarische Kreise (nach New World Encyclopedia)
Freunde
- Hermann Cohen: lebenslange Freundschaft trotz eigener Wege
- Bruno Cassirer: Cousin und Verleger seiner Schriften
Gegner
- Martin Heidegger: wegen der Frage nach menschlicher Endlichkeit und ewigen Wahrheiten
Verbindungen im Netz
3 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Lehrer von Hans ReichenbachDeutung
Cassirer gehörte laut SEP zu Reichenbachs Lehrern; Reichenbach ging vom Neukantianismus aus.
Schüler von Hermann Cohenungeprüft
Cassirer promovierte bei ihm in Marburg und blieb lebenslang befreundet, löste sich später von seiner Deutung.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Immanuel Kantungeprüft
Er weitet Kants Frage nach den Formen der Erkenntnis auf Sprache, Mythos und Kunst aus.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließ er 1933 Deutschland und lehrte in Oxford, Göteborg, Yale und zuletzt Columbia. Seine späte Kulturphilosophie entstand also im Exil.[2]
Geld Deutung
Er stammte aus einer wohlhabenden und weltoffenen jüdischen Familie, die Teile des Verlagswesens prägte. Das erlaubte ihm eine lange Zeit als Privatdozent ohne feste Professur.[1]
Abhängigkeit belegt
Als junger Gelehrter stieß er auf den verbreiteten Antisemitismus der deutschen Philosophie. Bis 1919 blieb er Privatdozent in Berlin und wurde erst dann Professor an der neu gegründeten Universität Hamburg.[7]
Kritik
Heidegger hielt Cassirers Neukantianismus in Davos für zu wenig bereit, die Endlichkeit des Menschen ernst zu nehmen. Kritiker werfen der Philosophie der symbolischen Formen vor, sie sei zu optimistisch und sehe in Kultur vor allem Ordnung (Deutung). Eine einzelne verlässliche Zuordnung dieser Kritik zu Personen liegt aus den geprüften Quellen nicht vor.
Wirkung heute
Die Idee, dass Menschen in selbst geschaffenen Symbolwelten leben, prägt Kulturwissenschaften, Semiotik und Medientheorie. Sein Beharren auf unbedingt gültigen Prinzipien gewinnt Gewicht, wenn Politik und Wahrheit unter Druck geraten.
Brücke zu Führung und Coaching
Cassirers Gedanke hilft, die unsichtbare Sprache einer Organisation zu lesen. Frag das Team: Welche Wörter, Rituale und Bilder entscheiden hier darüber, was als normal gilt? Und welche davon würdet ihr neu setzen, wenn ihr sie bewusst wählen müsstet?
Lebensstationen
- 1874Geboren in Breslau in einer wohlhabenden jüdischen Familie
- 1896Studium bei Cohen in Marburg
- 1919Professor an der neuen Universität Hamburg
- 1929Rektor in Hamburg und Disputation mit Heidegger in Davos
- 1933Verlässt Deutschland, lehrt in Oxford, später Göteborg
- 1945Stirbt in New York an einem Herzinfarkt
Werke
Leibniz' System in seinen wissenschaftlichen Grundlagen (1902)
Philosophie der symbolischen Formen (3 Bände, 1923 bis 1929)
Versuch über den Menschen (An Essay on Man, 1944)
Anekdote belegt
Bei der Davoser Disputation 1929 stand Cassirer mit seiner Kant-Deutung gegen Heideggers neue Philosophie des Daseins. Die Begegnung gilt als Wendepunkt, an dem die Schulphilosophie des Neukantianismus der neuen Existenzphilosophie begegnete.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur (Meiner, übersetzt von Reinhard Kaiser; Original An Essay on Man, 1944): seine kompakteste Einführung
- Vertiefung
- Thomas Meyer, Ernst Cassirer (Ellert & Richter, 2006)
Noch nicht sicher belegt
- Die Angabe, er sei der erste jüdische Rektor einer deutschen Universität, folgt SEP (Rektor in Hamburg 1929 bis 1930). Der Absatz zum Wandel von der Neukantianer-Schule zur Existenzphilosophie in der Anekdote ist Deutung der Sekundärquellen. Susanne Langer als Schülerin nur über New World Encyclopedia belegt. Die Kritik-Einwände sind nicht einzelnen Autoren zugeordnet. Jahr der Hamburger Berufung nach Routledge (1919). Yale-Zeit laut Quellen teils 1941 bis 1944, Columbia 1944 bis 1945.
Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Cassirer
- [1]Ernst Cassirer (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Cassirer, Ernst (Routledge Encyclopedia of Philosophy) · Webseite
- [3]Wikipedia (en): Ernst Cassirer · Wikipedia
- [4]Britannica: Ernst Cassirer · Britannica
- [5]newworldencyclopedia.org/entry/Ernst_Cassirer · Webseite
- [6]meiner.de/fmv_de/versuch-a-ber-den-menschen-15391 · Webseite
- [7]Notre Dame Philosophical Reviews zu Skidelsky und Routledge Encyclopedia · Webseite