Landkarte der Philosophie

Hermann Cohen

1842–1918 · Marburg, später Berlin

Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
Kants Fragen
Was kann ich wissen? · Was soll ich tun? (Deutung)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Der Gründer des Marburger Neukantianismus, der Kant wieder zur Grundlage der Wissenschaftstheorie macht und die Ethik mit Judentum und Sozialismus verbindet.

Er ist die Brücke von Kant ins 20. Jahrhundert: Sein Neukantianismus beherrschte die deutsche Universitätsphilosophie bis zum Ersten Weltkrieg, und sein Schüler Cassirer führt ihn weiter. Sein Kantischer Sozialismus (ein demokratischer Sozialismus, der sich auf Kants Ethik stützt) steht bewusst neben Marx.

Kernidee

Cohen liest Kant so, dass Philosophie nach den Bedingungen fragt, unter denen Wissenschaft möglich ist. Er hält Philosophie damit sowohl von der Psychologie als auch von freier Spekulation fern. Später verbindet er diese strenge Vernunft mit einer ethisch gedachten Religion.

Bekannt für

Man kennt Cohen als Gründer der Marburger Schule des Neukantianismus und als bedeutenden jüdischen Philosophen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Seine Religion der Vernunft gilt als eines der wichtigsten Werke jüdischen Denkens in dieser Zeit.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Die transzendentale Methode

Cohen geht von der Tatsache der Wissenschaft aus und fragt zurück, welche Voraussetzungen sie möglich machen. Damit bindet er Kants Philosophie an die mathematische Naturwissenschaft und schützt sie vor Spekulation. Wer ein Projekt plant, fragt ähnlich: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit das Ergebnis überhaupt eintreten kann?

Ethik und Kantischer Sozialismus

Aus Kants Ethik leitet Cohen einen demokratischen Sozialismus ab, der nicht marxistisch ist. Er trat öffentlich für das allgemeine Wahlrecht und für das Recht der Arbeiter ein, sich demokratisch zu organisieren. Eine Führungskraft, die Mitbestimmung als Frage der Würde der Beteiligten versteht und nicht als Zugeständnis, denkt in seiner Linie.

Religion der Vernunft

Cohen versteht das Judentum als zutiefst ethisches System, in dem Erkenntnis Gottes Erkenntnis des sittlichen Ziels der Menschheit ist. Die Vernunft schlägt hier die Brücke zur Religion. Wer in einer Organisation Werte nicht als Plakat, sondern als Maßstab fürs tägliche Handeln versteht, übt diese Verbindung.

Begriffe

Transzendentale Methode
: von einer anerkannten Wissenschaft ausgehen und fragen, welche Gesetze im Denken ihre Gültigkeit möglich machen
kritischer Idealismus
: Cohens Name für seine Erkenntnislehre: Gesetze im Denken machen es der Wissenschaft möglich, Gegenstände zu erfassen
Neukantianismus
: die Strömung, die Kants Philosophie neu auslegt und von etwa 1870 bis zum Ersten Weltkrieg die deutsche Universitätsphilosophie prägte
Marburger Schule
: von Cohen begründete Richtung des Neukantianismus, die verlangt, dass die Psychologie nichts über die Gültigkeit von Wissen entscheidet
Religion der Vernunft
: Cohens Spätwerk von 1919, das den Monotheismus als Quelle einer ethischen Religion deutet, die mit der Vernunft vereinbar ist

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Friedrich Albert Lange: Betreuer seiner Habilitation in Marburg
  • Friedrich Adolf Trendelenburg: Berliner Lehrer, mit dem er sich später auseinandersetzte

Schüler

  • Ernst Cassirer: promovierte bei ihm in Marburg und blieb lebenslang mit ihm befreundet
  • Paul Natorp: Marburger Kollege und Mitstreiter, kein Schüler im engeren Sinn

Freunde

  • Paul Natorp: Marburger Kollege der Schule

Gegner

  • Heinrich von Treitschke: im Berliner Antisemitismusstreit von 1880
  • Trendelenburg und Kuno Fischer: in der Auseinandersetzung um die Kant-Deutung von 1871
  • Martin Heidegger: nahm Cohens Neukantianismus 1929 in Davos ausdrücklich ins Visier

Verbindungen im Netz

5 Verbindungen, davon 3 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von Ernst Cassirerungeprüft

    Cassirer promovierte bei ihm in Marburg und blieb lebenslang befreundet, löste sich später von seiner Deutung.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Immanuel Kantungeprüft

    Er erneuert Kants Methode, von der Tatsache der Wissenschaft nach ihren Bedingungen zu fragen.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Friedrich Albert LangeDeutung

    Lange sorgte für Cohens Berufung nach Marburg; Cohen kritisierte seine naturalistische Kantdeutung, Lange änderte daraufhin Teile der zweiten Auflage.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Friedrich Albert LangeDeutung

    Lange sorgte für Cohens Berufung nach Marburg; Cohen kritisierte seine naturalistische Kantdeutung, Lange änderte daraufhin Teile der zweiten Auflage.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Karl Marxungeprüft

    Sein demokratischer Sozialismus ist ausdrücklich kantisch und nicht marxistisch.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Cohen war nach SEP der erste Jude mit einer Professur in Deutschland. 1912 gab er den Marburger Lehrstuhl auf und lehrte bis zu seinem Tod an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (einer Hochschule, die das Judentum wissenschaftlich erforscht und lehrt).[1]

  • Zeitgeschehen Deutung

    Im Berliner Antisemitismusstreit von 1880 (einer öffentlichen Debatte über die Stellung der Juden im Kaiserreich, ausgelöst durch einen judenfeindlichen Aufsatz des Historikers Heinrich von Treitschke) setzte er sich mit Treitschke auseinander, der das Judentum als Nationalreligion eines fremden Stammes bezeichnet hatte. Seine spätere Verbindung von Judentum und Vernunft lässt sich als Antwort auf diese Lage lesen.[4]

  • Biografie belegt

    Er wuchs als Sohn eines Kantors (eines Vorbeters in der Synagoge) auf und war zunächst für das Rabbinat vorgesehen, entschied sich dann aber für die Philosophie. Er lehnte den Zionismus ab, also die Bewegung für einen eigenen jüdischen Staat, weil Juden seiner Ansicht nach in ihren Geburtsländern bleiben sollten.[5]

Kritik

Cassirer löste sich von Cohens enger Kant-Deutung und entwickelte seine Philosophie der symbolischen Formen. Heidegger warf dem Neukantianismus in Davos 1929 vor, die menschliche Endlichkeit zu übergehen. Cohens Zionismus-Ablehnung und sein Glaube an die Vernunft gelten manchen heute als zu optimistisch (Deutung).

Wirkung heute

Seine Idee, dass Philosophie bei den Bedingungen der Wissenschaft ansetzt, prägt die Wissenschaftsphilosophie nach. Als jüdischer Denker der Vernunft wird er weiterhin gelesen.

Brücke zu Führung und Coaching

Cohens Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit passt in jede Planung. Frag: Was muss wahr sein, damit unser Plan funktioniert, und haben wir das geprüft? Und welche Werte verlangen von uns heute konkretes Handeln und nicht nur Worte?

Lebensstationen

  1. 1842Geboren in Coswig (Anhalt) als Sohn eines Kantors
  2. 1871Erste Auflage von Kants Theorie der Erfahrung
  3. 1876Ordentlicher Professor in Marburg
  4. 1880Beteiligt am Berliner Antisemitismusstreit
  5. 1912Verlässt Marburg und lehrt in Berlin an einer jüdischen Hochschule
  6. 1918Stirbt in Berlin

Werke

Kants Theorie der Erfahrung (1871, 2. Auflage 1885)

Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte (1883)

Ethik des reinen Willens, Der Begriff der Religion im System der Philosophie (1915)

Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums (1919, nach seinem Tod)

Anekdote belegt

1894 empfahl Georg Simmel dem jungen Ernst Cassirer in einem Kant-Seminar die Schriften Cohens. Cassirer ging daraufhin nach Marburg zu ihm.[2]

Lesetipps

Einstieg
Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums (1919): sein Spätwerk, deutsche Ausgabe nach Wahl (Ausgabe nicht geprüft)
Vertiefung
Frederick C. Beiser, The Genesis of Neo-Kantianism, 1796–1880 (Oxford University Press, 2014)

Noch nicht sicher belegt

  • Marburger Ordinariat 1876 und Habilitation 1873 nach Wikipedia en. Natorp als Freund beruht auf SEP (Kollege), Schülerstatus nicht behauptet. Der Lesetipp Beiser behandelt laut Verlag die Zeit bis 1880, eine deutschsprachige Cohen-Einführung wurde nicht bestätigt. Jahr der Zitat- und Werkangaben Ethik des reinen Willens (1904) nicht geprüft und daher ohne Jahr. Der Kritikpunkt Optimismus ist Deutung. Die Äußerung zum Kantischen Sozialismus stammt aus einem SEP-Zitat auf Jewish Currents.

Herkunft der Daten: Kant und Deutscher Idealismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Cohen

  1. [1]Hermann Cohen (SEP) und Ernst Cassirer (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Ernst Cassirer (SEP) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  3. [3]Wikipedia (en): Hermann Cohen · Wikipedia
  4. [4]Hermann Cohen (Leo Baeck Institut Trepp) · Webseite
  5. [5]Jewish Currents: July 4, Hermann Cohen · Webseite
  6. [6]global.oup.com/academic/product/the-genesis-of-neo-kantianism-1796-1880-9780198722205 · Webseite
  7. [7]Wikipedia (de): Berliner Antisemitismusstreit · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de): Hermann Cohen · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

Zurück zur Landkarte · Suche