Hans Reichenbach
1891–1953 · Berlin, Istanbul, Los Angeles
- Strömung
- Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Leiter der Berliner Gruppe des logischen Empirismus (eines Diskussionskreises von Philosophen, Mathematikern und Naturwissenschaftlern) und Philosoph der Physik, Wahrscheinlichkeit und Zeit.
Er gründete 1930 mit Carnap die Zeitschrift Erkenntnis und leitete die Berliner Schwestergruppe des Wiener Kreises. Ausgangspunkt war der Neukantianismus, aus dem er sich durch Einsteins Relativitätstheorie löste.
Kernidee
Reichenbach wollte Philosophie eng mit den Einzelwissenschaften verbinden, besonders mit Physik. Er verstand Wahrscheinlichkeit als Grenzhäufigkeit, also als den Wert, dem sich die relative Häufigkeit auf lange Sicht nähert. Kants Lehre von Wissen, das vor aller Erfahrung feststeht, ersetzte er durch prüfbare Annahmen und Festlegungen.
Bekannt für
Reichenbach ist bekannt als Verteidiger von Einsteins Relativitätstheorie und für seine Häufigkeitstheorie der Wahrscheinlichkeit. Sein Gedankenexperiment der Würfel-Welt soll zeigen, warum regelmäßige Muster in dem, was wir beobachten, eine Außenwelt wahrscheinlich machen.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Wahrscheinlichkeit als Häufigkeit und die Geradeaus-Regel
Reichenbach sah Wahrscheinlichkeit objektiv als Grenzwert relativer Häufigkeiten in langen Folgen. Für Prognosen schlug er die Geradeaus-Regel vor: Nimm die bisher beobachtete Häufigkeit als beste Annahme für die Zukunft. Wenn ein Projekttyp bisher in sieben von zehn Fällen verspätet war, ist das ein besserer Ausgangspunkt für die Planung als das Bauchgefühl.
Koordinative Definitionen und Konventionalismus
Bei Raum und Zeit betonte Reichenbach, dass Messverfahren festlegen, was Länge oder Gleichzeitigkeit heißen soll. Solche Festlegungen nannte er koordinative Definitionen, und empirisch gleichwertige Theorien sagen für ihn inhaltlich dasselbe. In Organisationen ist das vergleichbar mit der Festlegung, wie ein Wort wie „Auslastung“ gemessen wird, bevor man Zahlen vergleicht.
Gemeinsame Ursache und Zeitrichtung
Nach Reichenbachs Prinzip der gemeinsamen Ursache haben auffällige Zufälle meist eine gemeinsame Ursache, die dahinter steckt. Er verband die Richtung der Zeit mit der Zunahme der Entropie (einer physikalischen Größe, die im Alltag oft als Maß der Unordnung beschrieben wird und in abgeschlossenen Systemen nie abnimmt) und mit der Asymmetrie von Ursache und Wirkung. Wenn in zwei Abteilungen gleichzeitig dasselbe Problem auftaucht, lohnt die Frage, welcher gemeinsame Auslöser dahinter liegt.
Begriffe
- Wahrscheinlichkeit
- : ein Grenzwert relativer Häufigkeiten in langen Folgen; Aussagen über Einzelfälle meinen eigentlich, wie oft so ein Fall vorkommt
- Häufigkeitstheorie
- : Wahrscheinlichkeit wird als Häufigkeit gedeutet, der sich das Ergebnis auf lange Sicht nähert, nicht als Gefühl der Sicherheit
- Induktion
- : beobachtete Häufigkeiten werden sich in neuen Fällen voraussichtlich halten; Reichenbach nennt solche Schlüsse Annahmen, die sich bewähren müssen
- koordinative Definition
- : Festlegung, die einen Begriff mit einem Messverfahren verknüpft, etwa die Längeneinheit mit dem Pariser Urmeter
- Konventionalismus
- : Teile einer Theorie werden festgelegt statt entdeckt, und Theorien mit gleichen Vorhersagen sind gleichwertige Beschreibungen
- Zeitrichtung
- : die Richtung der Zeit ist die Richtung, in der die Entropie meistens zunimmt; später leitete er sie aus der Ungleichheit von Ursache und Wirkung ab
- gemeinsame Ursache
- : ein unwahrscheinlicher Zufall, bei dem zwei Dinge zugleich geschehen, hat in der Regel eine gemeinsame Ursache dahinter
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Ernst Cassirer: Lehrer in Berlin
- Max Planck: Lehrer
- David Hilbert: Lehrer
- Arnold Sommerfeld: Lehrer
- Paul Hensel und Max Noether: Betreuer der Promotion 1915 in Erlangen
Schüler
- Carl Hempel: Mitglied der Berliner Gruppe
- Hilary Putnam: Schüler laut Wikipedia
- Wesley Salmon: Schüler laut Wikipedia
Freunde
- Albert Einstein: lebenslanger Freund, förderte Habilitation und Berufung nach Berlin
- Rudolf Carnap: Mitherausgeber der Erkenntnis
Gegner
- Karl Popper: kritisierte die Wahrscheinlichkeitslehre scharf, Reichenbach antwortete gegen den Falsifikationismus
- Bertrand Russell: kritisierte ihn in Human Knowledge
- Moritz Schlick: trat nach Reichenbachs Eröffnungs-Editorial als Mitherausgeber der Erkenntnis zurück
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Ernst CassirerDeutung
Cassirer gehörte laut SEP zu Reichenbachs Lehrern; Reichenbach ging vom Neukantianismus aus.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Immanuel KantDeutung
Reichenbach ging vom Neukantianismus aus und ersetzte Kants apriorische Prinzipien durch prüfbare Konventionen.
gegenseitige Kritik mit Karl PopperDeutung
Popper kritisierte Reichenbachs Wahrscheinlichkeitslehre, Reichenbach antwortete gegen den Falsifikationismus.
wird kritisiert von Moritz SchlickDeutung
Schlick hielt Reichenbachs synthetische Prinzipien a priori von 1920 für bloße Konventionen und grenzte seinen Realismus von dessen abgewandeltem Kantianismus ab.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Rudolf CarnapDeutung
Reichenbach und Carnap gaben ab 1930 gemeinsam die Zeitschrift Erkenntnis heraus.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Zeitgeschehen belegt
1933 wurde Reichenbach als Jude und wegen seiner sozialistischen Schriften von den Nationalsozialisten aus dem Amt entlassen. Er ging nach Istanbul und 1938 in die USA, wodurch seine Arbeit in die amerikanische Wissenschaftsphilosophie überging.[1]
Abhängigkeit Deutung
Seine Berufung nach Berlin 1926 und die Habilitation 1920 wurden durch Einsteins Förderung möglich. Die enge Verbindung zu Einstein kann seine Verteidigung der Relativitätstheorie mitgeprägt haben.[2]
Biografie Deutung
Vor und nach dem Ersten Weltkrieg engagierte er sich in Jugendbewegung und sozialistischer Studentenpolitik. Als Ingenieur und Physiker kam er zur Philosophie, was seinen naturwissenschaftlichen Zugang erklären kann.[2]
Kritik
Popper griff seine Wahrscheinlichkeitslehre scharf an, Nagel bemängelte 1936 die Wahrscheinlichkeitsimplikation, und Russell kritisierte ihn 1948 in Human Knowledge. John von Neumann fand einen mathematischen Fehler in seiner Axiomatik der Relativitätstheorie von 1924, Hermann Weyl bemängelte deren Grundlagen. Die Begründung der Geradeaus-Regel (beobachtete Häufigkeiten als Wahrscheinlichkeit für die Zukunft zu nehmen) gilt als lückenhaft; Wesley Salmon versuchte vergeblich, sie zu retten.
Wirkung heute
Sein Prinzip der gemeinsamen Ursache und die Analyse der Zeitrichtung werden bis heute in der Kausalitätsforschung diskutiert. Das Tempusmodell mit Sprechzeit, Ereigniszeit und Referenzzeit wird in der Sprachwissenschaft genutzt.
Brücke zu Führung und Coaching
Reichenbach hilft bei Prognosen: Was ist die Basisrate, also wie oft ist so etwas bisher eingetreten? Bevor du ein Vorhaben zum Sonderfall erklärst, schau dir an, wie ähnliche Vorhaben tatsächlich liefen. Und wenn Probleme an zwei Stellen zugleich auftauchen, frage nach dem gemeinsamen Auslöser.
Lebensstationen
- 1891Geboren in Hamburg
- 1915Promotion in Erlangen über den Wahrscheinlichkeitsbegriff
- 1926Außerordentliche Professur für Philosophie der Physik in Berlin
- 1930Mitgründung der Zeitschrift Erkenntnis mit Carnap
- 1933Entlassung, Exil in Istanbul
- 1938Professur an der UCLA in Los Angeles, dort bis zum Tod 1953
Werke
Relativitätstheorie und Erkenntnis a priori (1920); Philosophie der Raum-Zeit-Lehre (1928); Wahrscheinlichkeitslehre (1935); Experience and Prediction (1938); Philosophic Foundations of Quantum Mechanics (1944); The Rise of Scientific Philosophy (1951); The Direction of Time (1956, posthum)
Anekdote belegt
Reichenbach erdachte die Würfel-Welt: Menschen leben in einem undurchsichtigen Würfel und sehen nur Schatten von Vögeln. Ein „Kopernikus“ unter ihnen schließt aus der Gleichheit der Schattenpaare auf eine gemeinsame äußere Ursache.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Philosophie der Raum-Zeit-Lehre, Gesammelte Werke Band 2, hrsg. von Andreas Kamlah und Maria Reichenbach, Vieweg 1977 (Original 1928); anspruchsvoll, besser mit Vorwissen.
- Vertiefung
- SEP-Artikel: Hans Reichenbach (online, Einführung)
Noch nicht sicher belegt
- SEP-Seite nur teilweise gelesen. Schüler Putnam und Salmon nur aus Wikipedia de; Hempel auch laut SEP. SEP nennt Cassirer als Lehrer; die Kante schueler stützt sich darauf. Wikipedia de nennt als Lehrer zusätzlich Max Born. Habilitation TH Stuttgart 1920 laut SEP und Wikipedia de. Prüfer P2: Die frühere Kanten-Notiz, Cassirer habe wie Reichenbach Schlick kritisiert, ist nicht belegt (laut SEP kritisierte Schlick beide) und wurde entfernt. Schlick-Rücktritt als Herausgeber nur SEP. Wahrscheinlichkeitslehre 1935 (Leiden, Sijthoff) über BnF-Katalog bestätigt. Kein Zitat aufgenommen.
Herkunft der Daten: Analytische Philosophie. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Reichenbach
- [1]SEP: Hans Reichenbach · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Wikipedia de: Hans Reichenbach (Physiker) · Wikipedia
- [3]ci.nii.ac.jp/ncid/BA0351739X · Webseite
- [4]Wikipedia (de): Entropie · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20