Landkarte der Philosophie · Strömung
Kant und Deutscher Idealismus
1781 bis 1850 · neuzeitbelegt
Wie prägt unser Geist, was wir erkennen, und was bedeutet Freiheit?
Kant zeigte, dass unser Verstand die Erfahrung mitformt, und fasste seine Philosophie in vier Fragen. Fichte, Schelling und Hegel führten dies zu Systemen von Freiheit, Geist und Geschichte weiter. Die Frage nach Autonomie ist seitdem zentral.
Zeit und Umfeld
Französische Revolution 1789, napoleonische Kriege und das Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806 erschütterten die europäische Ordnung.
Warum das heute zählt
Autonomie als Selbstgesetzgebung und die Frage, wann Regeln wirklich verbinden, begegnen uns in jeder Debatte um Werte und Verantwortung.
Kants Fragen (Deutung): Was kann ich wissen? · Was soll ich tun?
Personen (16)
- Immanuel Kant1724–1804Kant fragt, was Vernunft leisten kann, und stellt damit Erkenntnis, Moral und Religion auf eine neue Grundlage, von der aus Reinhold, Fichte, Hegel und später Marx ihren Weg nehmen.
- Johann Georg Hamann1730–1788Kants Freund und schärfster Kritiker in der eigenen Stadt, der bestritt, dass Vernunft ohne Sprache, Geschichte und Glauben denkbar ist.
- Friedrich Heinrich Jacobi1743–1819Der Kritiker, der mit dem Spinozastreit die große Debatte auslöste und dem Idealismus Nihilismus vorwarf.
- Johann Gottfried Herder1744–1803Der Schüler Kants und spätere Kritiker, der Sprache, Geschichte und Kulturen als gewachsene Ganzheiten verstand.
- Salomon Maimon1753–1800Der aus Litauen stammende Autodidakt, den Kant für seinen scharfsinnigsten Kritiker hielt und dessen Zweifel Fichte und Hegel weiterdachten.
- Karl Leonhard Reinhold1757–1823Reinhold machte Kant mit seinen Briefen in Deutschland bekannt, bekam den ersten Kant-Lehrstuhl in Jena und suchte für Kants Philosophie einen sicheren ersten Grundsatz, an den Fichte anknüpfte.
- Johann Gottlieb Fichte1762–1814Der Philosoph, der Kants Gedanken der Freiheit zum Fundament eines ganzen Systems machte und damit den Deutschen Idealismus (die Philosophie von Fichte, Schelling und Hegel) in Gang setzte.
- Germaine de Staël1766–1817Die Schriftstellerin, die mit Über Deutschland Kant und die deutsche Romantik in Frankreich und Europa bekannt macht.
- Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher1768–1834Der Theologe und Philosoph der Romantik, der Religion als Gefühl für das Unendliche neu begründete und die moderne Hermeneutik anstieß.
- Georg Wilhelm Friedrich Hegel1770–1831Der Denker, der Kants Bruch zwischen Ich und Welt in eine große Geschichte der Vernunft verwandelte und damit Marx und der Kritischen Theorie den Boden bereitete.
- Friedrich Hölderlin1770–1843Der Dichter im Tübinger Freundeskreis, der Hegel und Schelling früh zeigte, dass hinter Ich und Welt eine ursprüngliche Einheit liegt.
- Friedrich Schlegel1772–1829Der Kopf der Jenaer Frühromantik, der das Fragment (einen kurzen, bewusst unvollendeten Text), die Ironie und die „progressive Universalpoesie“ (eine Dichtung, die Gattungen und Wissensgebiete verbindet und über sich selbst nachdenkt) zu Denkformen machte.
- Novalis (Friedrich von Hardenberg)1772–1801Der Dichter und Bergbau-Fachmann, der Fichtes Philosophie ins Poetische wendete und die Frühromantik prägte.
- Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling1775–1854Der Jüngste der großen Drei, der gegen Fichte die Natur als eigene Wirklichkeit ernst nahm, Hegel den Weg bahnte und dann zu dessen schärfstem Kritiker wurde.
- Hermann Cohen1842–1918Der Gründer des Marburger Neukantianismus, der Kant wieder zur Grundlage der Wissenschaftstheorie macht und die Ethik mit Judentum und Sozialismus verbindet.
- Ernst Cassirer1874–1945Der Marburger Schüler, der Kants Denkformen zu einer Philosophie der Kultur ausweitet: Sprache, Mythos, Kunst und Wissenschaft sind für ihn symbolische Formen.
Begriffe
- Kritik der reinen Vernunft
- : Kants Prüfung, was Vernunft leisten kann und was nicht
- Kategorischer Imperativ
- : handle nur nach Regeln, die du als allgemeines Gesetz wollen könntest
- Autonomie
- : sich selbst das Gesetz geben statt fremden Befehlen zu folgen
- Ding an sich
- : die Wirklichkeit unabhängig von unserer Wahrnehmung, die wir nicht erkennen
- Dialektik
- : das Gespräch in Frage und Antwort, das Behauptungen prüft
- Weltgeist
- : Hegels Idee eines Geistes, der sich in der Geschichte entfaltet
Verbindungen innerhalb der Strömung
38 Verbindungen, jede als Satz mit Begründung. „Im Vergleich“ heißt: ähnliche Gedanken, ohne dass sich die beiden beeinflusst haben müssen.
Ernst Cassirer baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Er weitet Kants Frage nach den Formen der Erkenntnis auf Sprache, Mythos und Kunst aus.
Hermann Cohen baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Er erneuert Kants Methode, von der Tatsache der Wissenschaft nach ihren Bedingungen zu fragen.
Johann Gottlieb Fichte baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Fichte knüpft an Kant an, Kant distanziert sich 1799 öffentlich von ihm.
Johann Gottlieb Fichte baut auf Salomon Maimon aufungeprüft
Fichte setzt sich eng mit Maimons Kritik auseinander und baut eine konsequentere Lehre darauf.
Johann Gottlieb Fichte baut auf Karl Leonhard Reinhold aufungeprüft
Fichte folgt ihm 1794 in Jena und knüpft an die Suche nach einem ersten Grundsatz an, kritisiert aber dessen Fassung.
Friedrich Schlegel baut auf Johann Gottlieb Fichte aufungeprüft
Schlegel studierte die Wissenschaftslehre und setzte ihr den Wechselerweis statt eines obersten Grundsatzes entgegen.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel baut auf Johann Gottlieb Fichte aufungeprüft
übernimmt den Gedanken des tätigen Selbstbewusstseins
Georg Wilhelm Friedrich Hegel baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Hegel nimmt Kants Frage nach der Vernunft und macht daraus eine Geschichte der Vernunft in Bewegung.
Friedrich Heinrich Jacobi baut auf Johann Georg Hamann aufungeprüft
Hamann beeinflusste Jacobi, die Metakritik wirkte über Herder und Jacobi weiter.
Germaine de Staël baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Sie stellt Kants Lehre in Über Deutschland vor und macht sie in Frankreich bekannt.
Novalis (Friedrich von Hardenberg) baut auf Johann Gottlieb Fichte aufungeprüft
Novalis studierte die Wissenschaftslehre 1795/96 und stellte Fichtes Ich zugleich in Frage.
Karl Leonhard Reinhold baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Reinhold macht Kant bekannt und will ihm einen sicheren ersten Grundsatz geben.
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling baut auf Johann Gottlieb Fichte aufungeprüft
Schelling war zunächst Fichtes Anhänger und löste sich 1801/02 von ihm.
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher baut auf Friedrich Heinrich Jacobi aufungeprüft
Von Jacobi übernahm er die Idee eines unmittelbaren Gefühls von Gott.
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher baut auf Immanuel Kant aufungeprüft
Schleiermacher setzt sich kritisch mit Kant auseinander und lehnt etwa dessen Postulate von Gott und Unsterblichkeit ab.
Friedrich Schlegel und Novalis (Friedrich von Hardenberg) kannten sich persönlichungeprüft
Lebenslange enge Freundschaft, Schlegel druckte Blüthenstaub im Athenaeum und gab später mit Tieck die Werke heraus.
Friedrich Schlegel und Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher kannten sich persönlichungeprüft
Befreundet, wohnten ab 1797 zusammen in Berlin und planten die Platon-Übersetzung.
Johann Georg Hamann und Immanuel Kant kannten sich persönlichungeprüft
Freunde in Königsberg, später Gegner wegen der Metakritik.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Hölderlin kannten sich persönlichungeprüft
Der Stiftsfreund war von 1797 bis 1800 Hegels philosophischer Gesprächspartner und Mentor.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling kannten sich persönlichungeprüft
Stiftsfreunde und 1802/03 Mitherausgeber einer Zeitschrift, nach 1807 Bruch und später Schellings Kritik an Hegel.
Johann Gottfried Herder und Friedrich Heinrich Jacobi kannten sich persönlichungeprüft
Enge Freundschaft seit 1783.
Friedrich Hölderlin und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling kannten sich persönlichungeprüft
Freund aus dem Stift, beide setzten sich mit Kant und Fichte auseinander.
Immanuel Kant und Karl Leonhard Reinhold kannten sich persönlichbelegt
Reinhold schrieb Kant viele persönliche Briefe, und Kant zeigte sich über Reinholds Erfolg erfreut. Ein Lehrverhältnis gab es nicht: Reinhold machte Kants Philosophie bekannt und baute sie weiter.
Hermann Cohen war Lehrer von Ernst Cassirerungeprüft
Cassirer promovierte bei ihm in Marburg und blieb lebenslang befreundet, löste sich später von seiner Deutung.
Johann Georg Hamann war Lehrer von Johann Gottfried Herderungeprüft
Hamann unterrichtete Herder ab 1762 und prägte seine Sprachphilosophie.
Immanuel Kant war Lehrer von Johann Gottfried Herderungeprüft
Früher Hörer Kants, später Kritiker seiner Vernunftlehre in der Metakritik von 1799.
Karl Leonhard Reinhold war Lehrer von Novalis (Friedrich von Hardenberg)ungeprüft
Novalis hörte Reinhold in Jena.
Johann Georg Hamann kritisiert Immanuel Kantungeprüft
Freunde in Königsberg, später Gegner wegen der Metakritik.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel kritisiert Immanuel Kantungeprüft
führt Kants Kritik weiter und wirft ihm Formalismus vor
Georg Wilhelm Friedrich Hegel kritisiert Friedrich Daniel Ernst Schleiermacherungeprüft
Hegel griff Schleiermachers Gefühlsbegriff der Religion 1822 scharf an.
Johann Gottfried Herder kritisiert Immanuel Kantungeprüft
Früher Hörer Kants, später Kritiker seiner Vernunftlehre in der Metakritik von 1799.
Friedrich Hölderlin kritisiert Johann Gottlieb Fichteungeprüft
Hölderlin hörte Fichte in Jena und widersprach dessen Ausgang vom Ich.
Friedrich Heinrich Jacobi kritisiert Johann Gottlieb Fichteungeprüft
Jacobi warf Fichte 1799 in einem offenen Brief Nihilismus vor.
Friedrich Heinrich Jacobi kritisiert Immanuel Kantungeprüft
Jacobi hielt das Ding an sich für unverzichtbar und zugleich unhaltbar.
Salomon Maimon kritisiert Immanuel Kantungeprüft
Maimon kritisiert Kant scharf, Kant lobt ihn als seinen scharfsinnigsten Kritiker.
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling kritisiert Georg Wilhelm Friedrich Hegelungeprüft
Stiftsfreunde und 1802/03 Mitherausgeber einer Zeitschrift, nach 1807 Bruch und später Schellings Kritik an Hegel.
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling kritisiert Friedrich Heinrich Jacobiungeprüft
Im Streit um die göttlichen Dinge (1811/12) prallten Schellings Naturalismus und Jacobis Glaube aufeinander.
Friedrich Hölderlin wird verglichen mit Novalis (Friedrich von Hardenberg)ungeprüft
Gedanklich verwandt in der Frage nach Fichtes Ich; eine persönliche Begegnung in Jena 1795 gilt als möglich, ist aber dürftig belegt.
Nachbarn unter den Strömungen
- Baut auf: Empirismus und AufklärungKant verbindet Humes Erfahrungsdenken mit rationalistischer Ordnung
- Baut auf: RationalismusLeibniz und Wolff prägen Kants Ausgangspunkt
- Verwandt mit: Die großen Abweichler des 19. JahrhundertsSchopenhauer, Kierkegaard und Marx arbeiten sich an Hegel ab
Wege durchs Netz
Kurze Erzählungen über mehrere Personen.
Die Wende im Kopf
Wie Kant das Denken umdrehte und seine Leser sofort weiterbohrten.
- 1.HumeHume: Eine notwendige Verbindung von Ursache und Wirkung sehen wir nie, wir erwarten sie aus Gewohnheit.
- 2.KantKant: Nicht unser Erkennen richtet sich nach den Dingen, sondern die Dinge nach den Formen unseres Erkennens.
- 3.ReinholdReinhold: Kants Kritik ist richtig, aber ihr fehlt ein fester Anfang, und den sucht er im Bewusstsein.
- 4.MaimonMaimon: Kant setzt einfach voraus, dass Begriffe und sinnliche Anschauung zusammenpassen.
- 5.FichteFichte: Am Anfang steht die freie Tat des Ichs, die Welt begegnet ihm als Widerstand.
Vom Ich zum Geist
Wie aus Kants Kritik in einer Generation die großen Systeme wurden.
- 1.KantKant: Die Vernunft prüft sich selbst und gibt sich ihr Gesetz.
- 2.FichteFichte: Das Ich ist kein Ding, es setzt sich selbst tätig.
- 3.SchellingSchelling: Natur und Geist sind dieselbe Wirklichkeit auf zwei Weisen.
- 4.HölderlinHölderlin: Vor dem Ich-Denken liegt ein Sein, in dem noch nichts getrennt ist.
- 5.HegelHegel: Wahrheit ist eine Bewegung, in der sich Gegensätze gegenseitig vorantreiben.
Darf die Vernunft alles erklären?
Der Streit um Glauben, Sprache und Gefühl, der Kants Zeit spaltete.
- 1.MendelssohnMendelssohn: Die Vernunft kann Gott und die Unsterblichkeit der Seele begründen.
- 2.JacobiJacobi: Wer alles beweisen will, landet beim Fatalismus und am Ende beim Nihilismus.
- 3.HamannHamann: Es gibt keine reine Vernunft, die ohne Sprache, Erfahrung und Überlieferung auskommt.
- 4.HerderHerder: Denken geschieht in Sprache, und jede Kultur hat ihren eigenen Maßstab.
- 5.SchleiermacherSchleiermacher: Religion ist weder Wissen noch Moral, sondern Gefühl für das Unendliche im Endlichen.
Vom Himmel auf die Erde
Wie Hegels Erben die Philosophie zum Menschen und zur Gesellschaft zurückholten, bis zur Kritischen Theorie.
- 1.HegelHegel: Der Geist, also das Denken und Handeln der Menschen, entfaltet sich in der Geschichte.
- 2.KierkegaardKierkegaard: Kein System nimmt dem Einzelnen die Entscheidung über sein Leben ab.
- 3.FeuerbachFeuerbach: Gott ist ein Spiegelbild des Menschen und seiner besten Eigenschaften.
- 4.MarxMarx: Menschen stellen ihre Welt durch Arbeit selbst her, und ihre Ideen hängen an den wirtschaftlichen Verhältnissen.
- 5.HabermasHabermas: Vernunft liegt im Gespräch, in dem Menschen ihre Ansprüche gegenseitig prüfen.
Sich selbst das Gesetz geben
Warum die Idee der Autonomie bis in heutige Debatten über faire Regeln reicht.
- 1.RousseauRousseau: Eine gerechte Ordnung ist eine, in der jeder am Ende nur sich selbst gehorcht.
- 2.KantKant: Autonomie heißt, sich selbst das Gesetz zu geben, statt fremden Befehlen zu folgen.
- 3.RawlsRawls: Gerechte Regeln sind die, die wir wählen würden, ohne zu wissen, wer wir in der Gesellschaft sind.
- 4.KorsgaardKorsgaard: Wer handelt, gibt sich selbst Gesetze, und daraus wächst die Autorität der Moral.
- 5.HabermasHabermas: Gültig ist, was im Gespräch aller Betroffenen standhält.
Quellen
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Kant · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Georg Wilhelm Friedrich Hegel (Stanford Encyclopedia of Philosophy) · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [3]Wikipedia (en): German idealism · Wikipedia
- [4]Wikipedia (en): French Revolution · Wikipedia