Cheng Yi
Philosoph und Lehrer · 1033–1107 · Luoyang (heute Henan)
Kernidee in Kürze
Cheng Yi sieht in li (dem Ordnungsprinzip) den letzten Grund aller Dinge und zugleich den Maßstab für gutes Handeln. Die vielen einzelnen Prinzipien sind für ihn im Grunde ein einziges Prinzip.
- Kapitel
- Asien (Überblick) (redaktionell)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Vertiefung
Zum Einstieg
Wie lässt sich der Grund der Dinge erkennen, und wie wird ein Mensch zu einem guten Menschen?
- Position
- Cheng Yi sagt, ein einziges Prinzip (li) liegt allen Dingen zugrunde und ist mit der menschlichen Natur gleich. Man erkennt es schrittweise, indem man ruhig bleibt und die Dinge erforscht.
- Einwand
- Sein Bruder und später die Schule des Herzens sahen das Prinzip schon im Herzen und hielten Cheng Yis Trennung von Herz und Prinzip für falsch. Auch bleibt unklar, wie ein ruhendes Prinzip etwas bewirken kann.
- Verbindung
- Cheng Yi arbeitete mit Cheng Hao zusammen, lernte kurz bei Zhou Dunyi und bildet über Yang Shi die Brücke zu Zhu Xi.
Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen
Wer Cheng Yi war
Chinesischer Gelehrter und Lehrer der Song-Zeit, der mit seinem Bruder Cheng Hao den Neokonfuzianismus ausformte und li (das Ordnungsprinzip) zum Mittelpunkt einer Lehre machte, auf der später Zhu Xi aufbaute.
Cheng Yi lebte in der Nördlichen Song-Zeit, als Gelehrte die Lehre von Konfuzius und Menzius erneuern wollten. Sein Bruder Cheng Hao stellte das Prinzip stärker als Tätigkeit im Herzen dar, Cheng Yi als ruhenden Grund außerhalb des Herzens. Aus beiden Wegen entstanden später die Schule des Prinzips und die Schule des Herzens.
Kernidee genauer
Die menschliche Natur ist mit li gleich und deshalb gut, während Herz und Gefühle zum qi (Lebensenergie, Stoff) gehören und fehlgehen können. Den Weg zum Weisen beschreibt er als allmähliche Übung: Du sammelst Dich in jing (Gelassenheit) und erforschst Schritt für Schritt die Dinge, um ihr Prinzip zu begreifen.
Biografischer Moment
Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.
Cheng Yi lehnte immer wieder Ämter ab, kritisierte aber weiter die Regierungspolitik, bis sein Land eingezogen und seine Lehre verboten wurde. Seine strenge Auffassung von Moral stieß viele Menschen um ihn ab.[2]
Bekannt für
Cheng Yi ist bekannt für den Satz „Das Prinzip ist eines, seine Erscheinungen sind viele“ und für die Übung, die Dinge zu erforschen, um ihr Prinzip zu erkennen. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du ein Problem im Team Fall für Fall genau untersuchst, bis Du das Muster dahinter siehst, übst Du etwas, das Cheng Yi ge wu nennt.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Ein Prinzip, viele Erscheinungen
Zum Beispiel sei li der Grund, warum Feuer heiß und Wasser kalt ist, und auch der Grund, warum der Vater väterlich und der Sohn kindlich sein soll. Nach seiner Ansicht wirkt li nicht selbst als Kraft, sondern ist ein ruhender Grund. Das ist seine Position und wird von anderen Lehrern, etwa seinem Bruder, anders gesehen.
Natur ist Prinzip, Herz ist qi
Herz und Gefühle gehören dagegen zum qi und können sich von der Natur entfernen, wenn Begierden sie ergreifen. Das Böse erklärt er mit unausgeglichenem oder unreinem qi, das ein Mensch bei der Geburt mitbekommt. Er betont aber, dass dieses qi nicht festlegt: Auch Menschen mit schlechter Anlage können es durch Mühe verändern.
Sammlung und das Erforschen der Dinge
Zwei Übungen gehören zusammen. Die eine ist jing, die innere Sammlung: den Geist nicht zerstreuen und eins sein. Die andere ist ge wu, das Erforschen der Dinge, um ihr Prinzip zu erreichen. Das darf man nach Cheng Yi bei jedem Vorfall tun, dem man begegnet, und man muss nicht alle Dinge der Welt untersuchen. Das so gewonnene Wissen ist für ihn Wissen über Moral und nicht gewöhnliche Beobachtungskenntnis.
ren ist ein Prinzip, Liebe ist Gefühl
Für Cheng Yi gehört ren (Menschlichkeit) zur Natur und Liebe zu den Gefühlen. Ren ist der Maßstab, an dem sich Liebe ausrichten soll. Anders als sein Bruder versteht er ren als ruhendes Prinzip und nicht als Leben schenkende Kraft.
Begriffe
- li (Ordnungsprinzip)
- qi (Lebensenergie
- Stoff)
- ren (Menschlichkeit)
- jing (Sammlung
- Gelassenheit)
- ge wu (die Dinge erforschen)
- zhi zhi (Wissen erweitern)
- Schule des Prinzips (lixue)
Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen
4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 1 überliefert). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer
Persönliches Lehrverhältnis: hat Cheng Yi unterrichtet.
Zhou DunyiPrüfstand: überliefert
Nach der Überlieferung schickte Cheng Yis Vater ihn mit vierzehn Jahren zusammen mit seinem Bruder zu Zhou Dunyi in die Lehre, für etwa ein Jahr. Zhous Einfluss auf Cheng Yi ist umstritten, und die Brüder nennen Zhou nicht mit den üblichen Titeln für einen Lehrer.
Persönlich verbunden
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
Cheng HaoPrüfstand: belegt
Cheng Hao und sein jüngerer Bruder Cheng Yi studierten und lehrten nach 1072 gemeinsam in Luoyang die konfuzianischen Klassiker und gelten zusammen als „die beiden Cheng“. Sie teilten die Grundgedanken, setzten aber unterschiedliche Schwerpunkte.
Übernimmt Gedanken von
Cheng Yi übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
KonfuziusPrüfstand: belegt
Cheng Yi wollte die Überlieferung von Konfuzius und Menzius erneuern und nannte sie „das Studium des Weges“.
Grundlage für
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken von Cheng Yi weiter, meist über Texte.
Zhu XiPrüfstand: belegt
Zhu Xi übernahm und erweiterte Cheng Yis Gedanken über das Prinzip und die Selbstbildung. Aus der Verbindung entstand die Schule, die später „Cheng-Zhu“ hieß.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie belegt
Cheng Yi stammte aus Henan und wuchs in einer Familie angesehener Beamter auf. Mit vierzehn wurde er mit seinem Bruder zu Zhou Dunyi geschickt. Mit achtzehn schrieb er dem Kaiser eine Denkschrift über die politische Lage und die Not der einfachen Leute.[1]
Biografie belegt
1056 gingen die Brüder an die kaiserliche Akademie, wo Cheng Yi durch einen Aufsatz bekannt wurde und viele junge Gelehrte von weither zu ihm kamen. Nachdem sein Bruder 1072 aus dem Amt entlassen worden war, gründete er mit ihm eine Schule und wirkte fortan als Privatlehrer. Angebote für Ämter lehnte er immer wieder ab.[1]
Zeitgeschehen belegt
Cheng Yi kritisierte die Reformen von Wang Anshi. Als die Reformer 1085 abgesetzt wurden, bat ihn der Kaiser, regelmäßig politische Vorträge zu halten. Das tat er zwanzig Monate lang, bis politische Angriffe dem ein Ende setzten. Eine andere Darstellung datiert seine kurze Zeit als kaiserlicher Lehrer dagegen auf 1069 bis 1070.[2]
Zeitgeschehen belegt
1097 wurden sein Land eingezogen und seine Lehre verboten, und er wurde nach Fuzhou verbannt. Drei Jahre später wurde er begnadigt, 1103 erneut gemaßregelt und 1106 ein zweites Mal begnadigt. Eine andere Darstellung nennt für das Lehrverbot das Jahr 1102. Zu seiner Beerdigung kamen nur vier Menschen, weil man sich scheute, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden.[1]
Kritik
Cheng Yi weicht damit von Menzius und von seinem Bruder ab: Er trennt das Prinzip vom Herzen, sodass das Herz dem Prinzip nur folgen, es aber nicht selbst sein kann. Der chinesische Philosoph Mou Zongsan (20. Jahrhundert) hob hervor, dass das Prinzip bei Cheng Yi bloß ein ruhender Grund ist und keine wirkende Kraft, und sah darin eine Abweichung von Menzius. Das ist eine Deutung der Forschung. Außerdem bleibt umstritten, wie verlässlich die Aussprüche der Brüder jeweils einem von beiden zugeordnet sind.
Wirkung heute
Cheng Yi gilt als Ausgangspunkt der Schule des Prinzips, die Zhu Xi weiterführte. Diese Cheng-Zhu-Schule beherrschte das Denken in offiziellen Kreisen bis zur Revolution von 1911.
Brücke zu Führung und Coaching
Übertragen auf heute: Wenn Dich eine Entscheidung im Team lange beschäftigt, kannst Du mit Cheng Yi zuerst für Ruhe sorgen und dann Fall für Fall schauen, welches Muster dahintersteckt, statt alles auf einmal zu klären. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Cheng Yi über Führung.
Lebensstationen
- 1033Geburt in Henan
- 1056Eintritt in die kaiserliche Akademie
- 1072Gründung einer Schule mit Cheng Hao
- 1085Politische Vorträge vor dem Kaiser (zwanzig Monate)
- 1097Lehrverbot und Verbannung nach Fuzhou (eine andere Darstellung nennt für das Lehrverbot 1102)
- 1107Tod
Werke
Yizhuan (Kommentar zum Buch der Wandlungen); Jingshuo (Erklärung der Klassiker); Yichuan wenji (Gesammelte Schriften); Er Cheng quanshu (Gesamtwerk der beiden Cheng)
Lesetipps
- Einstieg
- Internet Encyclopedia of Philosophy, „Cheng Yi“
- Vertiefung
- A. C. Graham, Two Chinese Philosophers: The Metaphysics of the Brothers Ch’êng (Open Court, 1992)
Noch nicht sicher belegt
- Als Lebensdaten nennen die Nachschlagewerke 1033 bis 1107; eine Darstellung gibt im Text abweichend einen Tod im September 1109 an. Das Lehrverbot wird meist auf 1097 datiert, eine Darstellung nennt 1102. Seine kurze Zeit als Lehrer am Kaiserhof liegt nach einer Darstellung 1069 bis 1070, nach einer anderen in den zwanzig Monaten nach 1085. Wie stark Zhou Dunyi Cheng Yi als Lehrer prägte, ist umstritten. Viele Aussprüche der Brüder lassen sich nicht sicher einem von beiden zuordnen.
Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 4: China. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen
Quellen zu Cheng Yi
- [1]Cheng Yi, Abschnitt 1 · Internet Encyclopedia of Philosophy
- [2]Internet Encyclopedia of Philosophy, Cheng Yi, Abschnitt 1; Britannica, Cheng Yi
- [3]rep.routledge.com/articles/biographical/cheng-yi-1033-1107/v-1 · Webseite
- [4]Cheng Yi (philosopher) · Wikipedia