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Landkarte der Philosophie

Cheng Hao

Philosoph · 1032–1085 · Huangpi (heute Hubei), Luoyang (heute Henan)

Kernidee in Kürze

Cheng Hao macht li (das Ordnungsprinzip) zum Kern einer ganzen Lehre. Er versteht es nicht als festes Ding, sondern als unaufhörliche, Leben schenkende Tätigkeit: Der Himmel (tian) ist nichts anderes als dieses Prinzip.

Kapitel
Asien (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Was ist der letzte Grund der Welt, und was bedeutet er für ein gutes menschliches Leben?

Position
Cheng Hao hält das Ordnungsprinzip (li) für das, was der Himmel ist: eine Leben schenkende Tätigkeit. Weil sie in jedem Menschen wirkt, ist die Natur gut, und ein Mensch mit ren fühlt sich mit allen Dingen eins.
Einwand
Wenn die Natur gut ist, bleibt schwer zu erklären, woher das Böse kommt. Cheng Hao führt es auf trübes qi in der Umgebung zurück, was Fachleute nicht ganz überzeugt. Sein Bruder Cheng Yi sah li stattdessen als ruhenden Grund, mit dem das Herz nicht eins ist und dem es nur folgen kann.
Verbindung
Cheng Hao lernte als Jugendlicher etwa ein Jahr bei Zhou Dunyi, arbeitete eng mit Cheng Yi zusammen und gilt als Anreger der Schule des Herzens, die zu Wang Yangming führt.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Cheng Hao war

Chinesischer Gelehrter und Beamter der Song-Zeit, der mit seinem Bruder Cheng Yi den Neokonfuzianismus zu einer ausgearbeiteten Lehre machte und den Weg zur Schule des Herzens bzw. Geistes (xinxue) bereitete.

Cheng Hao lebte in der Nördlichen Song-Zeit und gehört zu den fünf Gelehrten, die später als Meister der Nördlichen Song-Zeit galten. Mit seinem Bruder Cheng Yi teilte er die Grundgedanken, doch beide setzten unterschiedliche Schwerpunkte. Ihre Schüler bauten diese Unterschiede aus, und so entstanden später zwei Schulen: die Schule des Prinzips und die Schule des Herzens.

Kernidee genauer

Für ihn ist die menschliche Natur gut, weil sie diese Tätigkeit ist, und der Mensch mit ren (Menschlichkeit) fühlt den Schmerz anderer Wesen wie den eigenen, weil alle Dinge ein Körper sind. Böses entsteht für ihn nicht aus dem Prinzip, sondern aus trübem qi (Lebensenergie, Stoff) in der Umgebung. Selbstbildung bedeutet für ihn, beständig das Rechte zu tun und in Ehrfurcht (jing) den eigenen Willen zu festigen.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Cheng Hao wuchs in einer Beamtenfamilie auf, die oft umzog, und lernte als Jugendlicher etwa ein Jahr bei Zhou Dunyi. Nach seinem Tod schrieb Cheng Yi in die Grabinschrift, sein Bruder habe als Erster nach Menzius den Weg des Konfuzianismus fortgeführt. In diesem Lob steckt wohl eine gewisse Übertreibung, aber auch ein wahrer Kern.[1]

Fundstelle: Abschnitte 1 und 6

Bekannt für

Man kennt Cheng Hao für den Satz, er habe das Wort tianli (Himmelsprinzip) selbst „begriffen“, und für das Bild des Arztes: Ein Mensch ohne ren (Menschlichkeit) gleicht einem tauben Körperteil, das keinen Schmerz spürt. Beide Aussprüche stehen in Sammlungen, in denen die Worte der Brüder nicht immer sicher getrennt sind. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du merkst, dass Dich der Frust eines Kollegen wirklich trifft, spürst Du, was Cheng Hao mit ren meint.

Theorien mit Alltagsbeispiel

li als Leben schenkende Tätigkeit

Cheng Hao sagt, Himmel, Weg (dao), Wandel und menschliche Natur seien im Kern dasselbe: li, das Ordnungsprinzip. Er versteht li als unaufhörliche Lebenstätigkeit, die er aus dem Buch der Wandlungen (Yijing) herleitet, und nicht als festes Ding. Das Prinzip ist für ihn weder zeitlich früher noch räumlich außerhalb der Dinge: Außerhalb des Weges gibt es keine Dinge, und außerhalb der Dinge keinen Weg.

Die menschliche Natur ist gut

Weil die menschliche Natur nach Cheng Hao nichts anderes als das Prinzip im Menschen ist, ist sie gut. Ihr Kern ist ren (Menschlichkeit), und ein Mensch mit ren bildet mit den zehntausend Dingen einen Körper und fühlt ihren Schmerz wie den eigenen. Das Bild vom Arzt zeigt es: Wer keinen Schmerz und Juckreiz spürt, gilt als ohne ren.

Woher kommt das Böse?

Cheng Hao unterscheidet li von qi (Lebensenergie, Stoff), hält beide aber für untrennbar. Das Böse kommt für ihn nicht aus der Natur, sondern aus trübem qi aus der Umgebung, das die ursprünglich klare Anlage verschmutzt, so wie Schlamm klares Wasser trübt. Dieses Wasserbild wird in einer anderen Darstellung Cheng Yi zugeschrieben. Fachleute halten die Erklärung für nicht ganz gelungen, weil sie das Böse fast ganz nach außen verlegt.

Selbstbildung ohne Zwang

Moral soll nicht wie ein äußerer Zwang wirken, sondern wie eine innere Neigung, die ohne Anstrengung zum Handeln führt.

Begriffe

li (Ordnungsprinzip)
tianli (Himmelsprinzip)
sheng sheng (unaufhörliche Lebenstätigkeit)
ren (Menschlichkeit)
qi (Lebensenergie
Stoff)
Einheit aller Dinge
jing (Ehrfurcht
Sammlung)

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

5 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 3 belegt, 1 Deutung, 1 überliefert). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Lehrer

Persönliches Lehrverhältnis: hat Cheng Hao unterrichtet.

  • Zhou DunyiPrüfstand: überliefert

    Nach der Überlieferung schickte Cheng Haos Vater ihn 1046 für etwa ein Jahr zu Zhou Dunyi. Ob Zhou ihn nachhaltig prägte, ist umstritten, und die Brüder nennen Zhou nicht mit den für Lehrer üblichen Titeln.

Persönlich verbunden

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • Cheng YiPrüfstand: belegt

    Cheng Hao und sein jüngerer Bruder Cheng Yi studierten und lehrten nach 1072 gemeinsam in Luoyang die konfuzianischen Klassiker und gelten zusammen als „die beiden Cheng“. Sie teilten die Grundgedanken, setzten aber unterschiedliche Schwerpunkte.

Grundlage für

Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Cheng Hao weiter, meist über Texte.

  • Wang Yangming (Wang Shouren)Prüfstand: belegt

    Wang Yangming übernahm und erweiterte Cheng Haos Verständnis von ren (Menschlichkeit) als Einheit mit allen Dingen, die einen Körper bilden; ein Schüler fragte ihn ausdrücklich nach diesem Satz von „Meister Cheng“. Daneben wurde Cheng Haos Lehre über mehrere Schülergenerationen und Lu Jiuyuan an die Schule des Herzens weitergegeben, deren Höhepunkt Wang Yangming ist.

  • Zhu XiPrüfstand: belegt

    Zhu Xi gab 1168 und 1173 die Aussprüche der beiden Cheng heraus und verband die Gedanken von Cheng Hao und Cheng Yi mit denen von Zhou Dunyi, Zhang Zai und Shao Yong zu einem großen Gesamtbild. Die Lehrlinie, die zu Zhu Xi führte, ging allerdings von Cheng Yi aus.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • Martin HeideggerPrüfstand: Deutung

    Redaktioneller Vergleich: Ein Fachautor sieht in Cheng Haos Lehre vom Prinzip als Leben schenkender Tätigkeit, die den Dingen erst ihr Sein gibt, eine Ähnlichkeit mit Heideggers Gedanken vom Sein des Seienden. Eine historische Verbindung besteht nicht.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Cheng Hao wurde 1032 in Huangpi im heutigen Hubei geboren. Sein Vater war ein Beamter, der oft versetzt wurde, deshalb zog die Familie häufig um. Auch sein jüngerer Bruder Cheng Yi wuchs so auf.[1]

  • Biografie belegt

    Mit etwa vierzehn Jahren schickte der Vater die Brüder für ungefähr ein Jahr zu Zhou Dunyi, mit dem er sich angefreundet hatte. 1057 bestand Cheng Hao die Beamtenprüfung und begann eine Laufbahn als örtlicher Beamter.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Cheng Hao geriet in den Streit um die Reformen von Wang Anshi. Nach einer Darstellung nahm er 1069 zunächst an der Reformbewegung teil und zog sich 1070 zurück. Nach einer anderen lehnte er die Reformen ab und wurde deshalb aus dem Staatsdienst entlassen.[2]

  • Biografie belegt

    Nach 1072 kehrte Cheng Hao nach Luoyang zurück, übernahm noch einige kleine Ämter und verbrachte die meiste Zeit mit Studium und Unterricht der konfuzianischen Klassiker, gemeinsam mit seinem Bruder. Er starb 1085.[1]

Kritik

Cheng Yi verband Prinzip und Herz anders und verstand das Prinzip als etwas Ruhendes, nicht als Tätigkeit. Außerdem lassen sich die Aussprüche der Brüder oft nicht eindeutig einem von beiden zuordnen, und Zhu Xi selbst räumte ein, dass die Echtheit der zweiten Sammlung gemischt ist.

Wirkung heute

Cheng Haos Betonung der stillen Selbstbetrachtung wirkte auf die spätere Schule des Herzens von Lu Jiuyuan und Wang Yangming. Wang Yangming übernahm und erweiterte Cheng Haos Gedanken, dass ein Mensch mit ren mit allen Dingen einen Körper bildet. Über ihre vielen Schüler bestimmten die Lehren der beiden Brüder zu einem großen Teil die weitere Entwicklung des Neokonfuzianismus.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du spürst, dass Dir ein Team-Konflikt nichts mehr ausmacht, könntest Du mit Cheng Hao fragen, ob Du innerlich „taub“ geworden bist. Sein Maßstab für ren (Menschlichkeit) war, ob Du den Schmerz anderer wirklich fühlst. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Cheng Hao über Führung.

Lebensstationen

  1. 1032Geburt in Huangpi (heute Hubei)
  2. 1046Etwa ein Jahr Unterricht bei Zhou Dunyi
  3. 1057Besteht die Beamtenprüfung und beginnt die Laufbahn als örtlicher Beamter
  4. 1070Rückzug aus der Reformbewegung von Wang Anshi (nach einer Darstellung; eine andere spricht von Entlassung)
  5. 1085Tod

Werke

Yishu (Hinterlassene Aussprüche, von Zhu Xi 1168 herausgegeben); Waishu (Zusätzliche Aussprüche); Wenji (Gesammelte Schriften); Er Cheng quanshu (Gesamtwerk der beiden Cheng)

Lesetipps

Einstieg
Internet Encyclopedia of Philosophy, „Cheng Hao“
Vertiefung
A. C. Graham, Two Chinese Philosophers: The Metaphysics of the Brothers Ch’êng (Open Court, 1992)

Noch nicht sicher belegt

  • Als Geburtsort nennen die Nachschlagewerke Huangpi im heutigen Hubei oder allgemein die Provinz Henan. Zhous Geburtsjahr steht meist als 1017, vereinzelt als 1016. Über Cheng Haos Rolle im Streit um die Reformen von Wang Anshi berichten die Darstellungen unterschiedlich: Teilnahme und Rückzug oder Entlassung wegen Ablehnung. Auch ob er hohe oder nur kleine Ämter innehatte, wird unterschiedlich angegeben. Viele Aussprüche der Brüder sind nicht eindeutig einem von beiden zuzuordnen; das Bild vom trüben Wasser zum Beispiel wird mal Cheng Hao, mal Cheng Yi zugeschrieben. Wie stark Zhou Dunyi Cheng Hao geprägt hat, ist umstritten.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 4: China. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Cheng Hao

  1. [1]Cheng Hao, Abschnitt 1 · Internet Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Internet Encyclopedia of Philosophy, Cheng Hao, Abschnitt 1; Britannica, Cheng Hao
  3. [3]rep.routledge.com/articles/biographical/cheng-hao-1032-85/v-1 · Webseite
  4. [4]rep.routledge.com/articles/biographical/zhu-xi-1130-1200/v-1 · Webseite
  5. [5]Cheng Yi, Abschnitt 1 · Internet Encyclopedia of Philosophy
  6. [6]fore.yale.edu/World-Religions/Confucianism/Overview-Essay · Webseite

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