Landkarte der Philosophie

Hélène Cixous

geb. 1937 · Paris

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Französische Schriftstellerin und Theoretikerin aus Algerien, die mit dem Begriff écriture féminine (weibliches Schreiben) bekannt wurde und Dichtung, Theater und Philosophie verbindet.

In der feministischen Linie des Moduls steht sie neben Irigaray und Kristeva. Mit Derrida verbindet sie eine lebenslange Freundschaft und die gemeinsame Herkunft als Jüdin aus Algerien, mit Lacan und Freud setzt sie sich kritisch auseinander.

Kernidee

Cixous behauptet, dass unsere Sprache und unser Denken in Gegensatzpaaren wie Mann und Frau aufgebaut sind und dass dabei das Weibliche nur über das bestimmt wird, was ihm fehlt. Mit ihrem Schreiben will sie diese Ordnung aufbrechen und eine freiere, körpernähere Ausdrucksweise erschließen. Sie nennt das écriture féminine und sagt, dass auch Männer so schreiben können.

Bekannt für

Man kennt Cixous für den Aufsatz „Le Rire de la Méduse“ von 1975, in dem sie Frauen auffordert, sich schreibend ihren eigenen Ausdruck zu nehmen. Sie gründete 1974 an der Universität Paris VIII (der als Neuanfang nach den Studentenprotesten von 1968 gegründeten Hochschule in Vincennes) ein Zentrum für Frauenstudien, nach Angabe der deutschen Wikipedia das erste seiner Art in Europa.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Écriture féminine

Cixous versteht darunter ein Schreiben, das nicht den strengen, linearen Regeln der überlieferten Literatur folgt und eng mit dem Körper und der Lust verknüpft ist. Sie bindet es nicht an das Geschlecht der Autorin, und laut Wikipedia hielt sie auch Männer wie James Joyce und Jean Genet für fähig dazu. Wenn du eine Präsentation einmal nicht als geordnete Gliederung, sondern als Fluss aus Erfahrung und Bildern aufbaust, nutzt du etwas von diesem Gedanken.

Phallogozentrismus und binäre Gegensätze

Der Begriff verbindet Derridas Kritik am Logozentrismus (dem Vorrang des Wortes und der Vernunft) mit Lacans Rede vom Phallus als Leitzeichen des Begehrens. Nach dieser Lesart ist die Frau in der abendländischen Ordnung das, was dem Mann fehlt. Im Arbeitsleben zeigt sich ein ähnliches Muster, wenn Eigenschaften wie „hart“ und „entschlossen“ automatisch als Stärke gelten und „fürsorglich“ oder „zögernd“ als Schwäche.

Schreiben aus der Erfahrung des Anderen

Cixous schreibt Romane, Theaterstücke und Essays, in denen Herkunft, Exil und Familiengeschichte eine große Rolle spielen, etwa in „Osnabrück“. Sie macht damit sichtbar, dass Denken nie neutral ist, sondern aus einer Lebenslage heraus spricht. In einem Team heißt das: Dieselbe Sachaussage klingt anders, je nachdem, wer sie aus welcher Erfahrung heraus sagt.

Begriffe

écriture féminine
: ein Schreiben, das den strengen Regeln überlieferter Literatur nicht folgt, eng mit Körper und Lust verknüpft ist und auch Männern offensteht
Phallogozentrismus
: ein männlich geprägtes, vernunftorientiertes Denken und Sprechen, in dem das Weibliche nur als das anders auftretende Männliche erscheint
binäre Gegensätze
: Denken in Paaren wie Mann und Frau oder hell und dunkel, in denen eine Seite höher steht und die andere nur über das bestimmt wird, was ihr fehlt
Körper und Schreiben
: Cixous' Überzeugung, dass Schreiben vom Körper ausgeht und ihn einbezieht, statt ihn aus dem Denken auszuschließen

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Jean-Jacques Mayoux: betreute ihre Doktorarbeit über James Joyce

Freunde

  • Jacques Derrida: lebenslange Freundschaft, gemeinsame Herkunft als Juden aus Algerien, gemeinsames Buch Voiles (1998)

Gegner

  • Monique Wittig und andere materialistische Feministinnen: lehnten jede Feier der Weiblichkeit ab, wie sie die écriture féminine betreibt
  • Diana Holmes: sieht im Differenzansatz der écriture féminine eine Verteufelung des Männlichen

Verbindungen im Netz

4 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Sigmund FreudDeutung

    en.wikipedia nennt ihre Kritik am Ödipus- und Elektrakomplex (dort ohne Einzelbeleg); die EGS-Biografie nennt Freud als Thema von Prénoms de personne (1974).

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Jacques DerridaDeutung

    Lebenslange Freundschaft, gemeinsames Buch Voiles (1998) und Cixous' Portrait de Jacques Derrida (2001).

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Julia KristevaDeutung

    Deutung: en.wikipedia zählt Cixous, Irigaray und Kristeva gemeinsam zu den Müttern der poststrukturalistischen feministischen Theorie, de.wikipedia nennt sie regelmäßig zusammen; ein direkter Austausch ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.

  • im Vergleich mit Luce IrigarayDeutung

    Laut en.wikipedia verbanden Cixous und Irigaray Derridas Logozentrismus-Kritik mit Lacans Phallus-Begriff zum Begriff Phallogozentrismus; beide gelten dort als Mütter der poststrukturalistischen feministischen Theorie.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie Deutung

    Cixous wuchs als Tochter jüdischer Eltern im französischen Algerien auf, der Vater starb 1948. Ihr Bruder wurde 1961 von der OAS (einer französischen Untergrundorganisation, die Algerien mit Gewalt bei Frankreich halten wollte) zum Tode verurteilt, was ihre Erfahrung von Zugehörigkeit und Ausgrenzung geprägt haben dürfte.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Nach den Studentenunruhen im Mai 1968 wurde sie mit dem Aufbau der Universität Paris VIII in Vincennes beauftragt. Der Neuanfang an diesem Experimentierort gehört zum Umfeld, in dem sie ihre Schreibtheorie entwickelte.[1]

Kritik

Gegen die écriture féminine insgesamt wendet Peter Barry ein, sie behandle den Körper, als sei er von gesellschaftlichen Einflüssen unberührt, was schwer mit feministischem Denken zu vereinbaren sei. Diana Holmes meint, dieser Differenzansatz verteufle das Männliche und schließe viel Schreiben von Frauen aus dem feministischen Kanon aus. Materialistische Feministinnen um Monique Wittig lehnten es grundsätzlich ab, Weiblichkeit zu feiern.

Wirkung heute

Der Gedanke, dass Sprache und Denkordnung nicht neutral sind und Randperspektiven neue Ausdrucksformen brauchen, wird in der Literatur- und Geschlechterforschung weiter diskutiert. Ihre Texte und ihr Austausch mit Derrida sind auf Deutsch vor allem im Passagen Verlag greifbar.

Brücke zu Führung und Coaching

Cixous lädt dich ein, auf die Gegensatzpaare zu achten, mit denen dein Team über Leistung spricht, etwa „stark gegen weich“. Frag dich in der nächsten Besprechung: Welche Ausdrucksweisen gelten bei uns als professionell, und wessen Art zu sprechen bleibt dadurch außen vor? Lass probeweise eine Person ihre Einschätzung in eigenen Worten und ohne Gliederungszwang vortragen und achte darauf, was dabei zum Vorschein kommt.

Lebensstationen

  1. 1937Geboren in Oran im französischen Algerien
  2. 1959Agrégation in Englisch (die landesweite Auswahlprüfung für das höhere Lehramt in Frankreich)
  3. 1968Promotion über James Joyce, danach Aufbau der Universität Paris VIII in Vincennes
  4. 1969Prix Médicis für den Roman Dedans
  5. 1974Gründung des Zentrums für Frauenstudien an Paris VIII
  6. 1975Le Rire de la Méduse

Werke

Dedans (1969, dt. Innen, Suhrkamp 1971)

Le Rire de la Méduse (1975, dt. Das Lachen der Medusa, Passagen)

La Jeune Née (1975, mit Catherine Clément)

Portrait de Dora (1976)

Voiles (1998, mit Jacques Derrida, dt. Voiles. Schleier und Segel, Passagen 2007)

Portrait de Jacques Derrida en jeune saint juif (2001)

Osnabrück (1999, dt. Passagen 2017)

Lesetipps

Einstieg
Das Lachen der Medusa, übersetzt von Claudia Simma, Passagen Verlag, 2. Auflage 2017: der Kernaufsatz zur écriture féminine.

Noch nicht sicher belegt

  • SEP und IEP lieferten keine Seite zu Cixous (IEP 404, Britannica 403); stattdessen Wikipedia en/de, Wikipedia Écriture féminine und die Biografie der European Graduate School (Prüfer ergänzt). Kein belegtes Zitat mit Stelle, keine Anekdote. Beziehung zu Lacan nur indirekt belegt (Phallogozentrismus), daher keine Kante. Doktorvater Mayoux steht nur in der Infobox der en.wikipedia. Die Kritik an Freuds Ödipus- und Elektrakomplex ist in en.wikipedia ohne Einzelbeleg. Die Kritiken von Barry, Holmes und Wittig richten sich laut Wikipedia gegen die écriture féminine allgemein, nicht namentlich gegen Cixous. Kristeva-Kante beruht nur auf gemeinsamer Einordnung (Deutung). Als Ort ist Paris gesetzt (Paris VIII); einen Wohnort nennen die Quellen nicht. Beispiele wie aktiv/passiv für die Gegensatzpaare stehen nicht in den abgerufenen Quellen und wurden gestrichen. Sekundärliteratur nicht per Suche bestätigt, daher kein sekundaer-Lesetipp.

Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Cixous

  1. [1]Wikipedia en: Hélène Cixous · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (de): Hélène Cixous · Wikipedia
  3. [3]Wikipedia (en): Écriture féminine · Wikipedia
  4. [4]pact.egs.edu/biography/helene-cixous · Webseite
  5. [5]Wikipedia (de): Organisation de l’armée secrète · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  6. [6]Wikipedia (de): Agrégation · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  7. [7]Wikipedia (de): Écriture féminine · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20
  8. [8]Wikipedia (de): Phallogozentrismus · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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