Julia Kristeva
geb. 1941 · Paris
- Strömung
- Strukturalismus und Poststrukturalismus
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Bulgarisch-französische Literaturtheoretikerin und Psychoanalytikerin, die den Begriff Intertextualität (die Idee, dass jeder Text auf andere Texte antwortet und aus ihnen entsteht) prägte und Sprache, Körper und Ausgrenzung zusammen denkt.
Kristeva bringt die Psychoanalyse in die poststrukturalistische Debatte (eine Strömung, die feste Strukturen und eindeutige Bedeutungen in Frage stellt) und verbindet Barthes' Textlehre mit Jacques Lacan (einem französischen Psychoanalytiker). In der feministischen Linie des Moduls steht sie neben Irigaray und Cixous, geht aber eigene Wege.
Kernidee
Kristeva zeigt, dass Sprache nicht nur aus festen Zeichen besteht. Unter der geordneten Sprache liegt eine körperliche, rhythmische Schicht, die sie das Semiotische nennt, und beide wirken zusammen. Dazu gehört auch die Frage, wie wir uns von dem abgrenzen, was uns bedrohlich erscheint, das sie Abjektion nennt (das Ausstoßen und Abwehren dessen, was die eigene Identität bedroht).
Bekannt für
Man kennt Kristeva für den Begriff der Intertextualität, den sie laut de.wikipedia um 1965 prägte, und dafür, dass sie den russischen Theoretiker Michail Bachtin in Frankreich bekannt machte. Auf die feministische Literaturwissenschaft in den USA und Großbritannien hatte sie großen Einfluss.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Intertextualität
Kristeva sieht jeden Text als Geflecht aus anderen Texten, auf die er antwortet, die er zitiert oder umformt. Der Begriff erweitert die strukturalistische Textlehre, die Texte eher als in sich geschlossen betrachtete. Im Arbeitsleben siehst du das an einem Strategiepapier, das nie aus dem Nichts entsteht, sondern aus früheren Papieren, Gesprächen und Wettbewerberberichten zusammengesetzt ist.
Das Semiotische und das Symbolische
Das Symbolische ist bei Kristeva der Bereich von Sprache, Gesetz und gesellschaftlicher Ordnung. Das Semiotische ist die rhythmische, körpernahe Schicht darunter, die sie mit dem Mütterlichen verbindet und in Dichtung hörbar wird. Das Subjekt bleibt für sie nach dem Eintritt in die Sprache ‚im Prozess‘ und ist nicht ein für alle Mal fertig. Wenn jemand im Team sagt, ihm sei etwas nicht geheuer, ohne es schon in Worte fassen zu können, ist dieser Bereich gemeint.
Abjektion
Abjektion bezeichnet die Abgrenzung des Kindes von der Mutter, mit der es in Sprache und Kultur eintritt, und im weiteren Sinn das, was ausgegrenzt werden muss, damit eine Ordnung entsteht. In Organisationen sieht man das, wenn eine Abteilung eine andere ständig als ‚die da oben‘ oder ‚die im Außendienst‘ abwertet, um das eigene Selbstbild zu festigen.
Begriffe
- Intertextualität
- : jeder Text steht in einem Geflecht anderer Texte, auf die er antwortet, die er zitiert oder umformt, und ist nie in sich geschlossen
- Semiotisches und Symbolisches
- : das Semiotische ist die rhythmische, körpernahe Schicht der Sprache, das Symbolische der Bereich von Bedeutung, Gesetz und Ordnung
- Abjekt
- : das, was ausgestoßen werden muss, damit sich Identität und Ordnung bilden, zuerst in der Abgrenzung des Kindes von der Mutter
- Chora
- : ein von Platon übernommenes Wort für den nährenden Mutterraum vor dem Eintritt in die Sprache, aus dem das Semiotische stammt
- Subjekt im Prozess
- : das Subjekt ist nie fertig, sondern pendelt ständig zwischen dem Semiotischen und dem Symbolischen
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Roland Barthes: Kristeva studierte bei ihm an der EPHE und war mit ihm befreundet
- Lucien Goldmann: Lehrer an der EPHE
Freunde
- Philippe Sollers: Ehemann von 1967 bis zu seinem Tod 2023, Gründer der Gruppe Tel Quel
- Roland Barthes: Freundschaft laut de.wikipedia
Gegner
- Simone de Beauvoir: Kristeva lehnt in „Women's Time“ deren Feminismus ab
- Alan Sokal und Jean Bricmont: werfen ihr den Missbrauch mathematischer Begriffe vor
Verbindungen im Netz
5 Verbindungen, davon 1 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Lehrer und Schüler
Persönliches Lehrverhältnis.
Schüler von Roland BarthesDeutung
Kristeva wird in Wikipedia (en) unter seinen Studierenden genannt.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
baut auf Jacques LacanDeutung
Ihre Sicht des Subjekts ähnelt der von Freud und Lacan, sie weicht aber von Lacan ab.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
kritisiert Simone de BeauvoirDeutung
In „Women's Time“ lehnt sie Beauvoirs Form des Feminismus ab.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Hélène CixousDeutung
Deutung: en.wikipedia zählt Cixous, Irigaray und Kristeva gemeinsam zu den Müttern der poststrukturalistischen feministischen Theorie, de.wikipedia nennt sie regelmäßig zusammen; ein direkter Austausch ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.
im Vergleich mit Judith Butlerungeprüft
Deutung: Laut en.wikipedia gehört Kristeva zu den Autorinnen, mit denen sich Gender Trouble auseinandersetzt; die Art der Beziehung nennen die Quellen nicht.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Biografie Deutung
Kristeva wuchs in Bulgarien auf, besuchte dort eine französischsprachige Schule von Dominikanerinnen und kam 1965 mit einem Stipendium nach Frankreich. Ihre Position als Zugezogene aus dem Ostblock kann ihren Blick auf Ausgrenzung geprägt haben.[1]
Abhängigkeit belegt
2018 behauptete eine bulgarische Aktenkommission, Kristeva sei ab 1971 unter dem Decknamen „Sabina“ Informantin des damaligen bulgarischen Staatssicherheitsdienstes (eines Geheimdienstes) gewesen. Kristeva nennt das „grotesk und falsch“, und die Echtheit der Vorwürfe gilt als fragwürdig.[1]
Kritik
Alan Sokal und Jean Bricmont werfen ihr in „Eleganter Unsinn“ (Impostures intellectuelles, 1997) vor, in ihrem Frühwerk mathematische Begriffe ohne Bezug zur Sprachwissenschaft benutzt zu haben. Ian Almond kritisiert Ethnozentrismus, besonders in „Über chinesische Frauen“ (1974). Manche feministische Literaturwissenschaftlerinnen haben ihre Nähe zur Psychoanalyse kritisiert.
Wirkung heute
Ihre Arbeiten wirken in der feministischen Literaturwissenschaft und in den Gender Studies (der Forschung zu Geschlecht und Geschlechterrollen) weiter. Für ihr Werk erhielt sie unter anderem 2004 den Holberg-Preis und 2006 den Hannah-Arendt-Preis.
Brücke zu Führung und Coaching
Kristeva lädt dich ein, Aussagen in deinem Team als Antworten auf frühere Aussagen zu lesen, statt als isolierte Meinungen. Frag dich bei einem hitzigen Konflikt: Welche frühere Verletzung oder welcher frühere Text spricht hier mit? Und: Wen grenzen wir als „die anderen“ aus, um uns selbst als Gruppe zu stabilisieren?
Lebensstationen
- 1941Geboren am 24. Juni in Sliven, Bulgarien
- 1965Kommt mit einem Stipendium nach Paris
- 1967Heiratet Philippe Sollers von Tel Quel (einer literaturkritischen Zeitschrift)
- 1973Beginnt Lehrstuhl an der Université Paris VII
- 1979Schließt Ausbildung in Psychoanalyse ab
- 2004Holberg-Preis
Werke
Séméiôtiké (1969)
La révolution du langage poétique (1974; dt. Die Revolution der poetischen Sprache, Suhrkamp 1978, teilübersetzt)
Pouvoirs de l'horreur (engl. Powers of Horror 1982)
Histoires d'amour (1983)
Soleil noir (1987)
Le temps sensible (1994)
Das weibliche Genie (Trilogie, 1999 bis 2002)
Anekdote belegt
Kristeva heiratete Philippe Sollers am 2. August 1967. 2018 erhob eine bulgarische Kommission Vorwürfe, sie habe für den Geheimdienst gearbeitet, was sie bestreitet.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Julia Kristeva: Die Revolution der poetischen Sprache (Suhrkamp, Frankfurt 1978, edition suhrkamp 949), teilübersetzte deutsche Ausgabe des Hauptwerks zum Zusammenspiel von Semiotischem und Symbolischem.
Noch nicht sicher belegt
- Rest der en.wikipedia-Seite (ab Zeichen 100000) nicht gelesen. Ankunft in Frankreich: en.wikipedia Dezember 1965, de.wikipedia 'seit 1965'. Barthes-Freundschaft nur in de.wikipedia, Studium bei Barthes und Goldmann an EPHE in en.wikipedia. Französisches Erscheinungsjahr von 'Pouvoirs de l'horreur' nicht belegt, nur englische Ausgabe 1982. Zitat, Sekundärliteratur nicht belegt. Bezug zu Derrida laut en.wikipedia nicht belegt, keine Kante. Teilübersetzung der Revolution: laut Suche nur zwei der drei Teile nicht übersetzt (Metzler-Lexikon über relbib/Spektrum, nur über Suchsnippet). Prüfer: „meistgelesene Theoretikerin“ nicht belegt, ersetzt durch en.wikipedia („remarkable influence“ auf feministische Literaturwissenschaft in USA und UK). Kante zu irigaray entfernt: Quellen nennen beide nur gemeinsam als Figuren des französischen Feminismus, eine Beziehung ist nicht belegt. heute neu gefasst, da „Grundvokabular“ und Identitätsdebatten unbelegt. Echtheitszweifel an den Geheimdienstakten nur de.wikipedia; en.wikipedia zitiert Ascherson, die Akten zeigten Belangloses. Lesetipp per Katalog bestätigt (Suhrkamp 1978, es 949, ISBN 3518109499); de.wikipedia nennt zusätzlich eine Suhrkamp-Ausgabe 1999 (Übers. Reinold Werner). Intertextualität „um 1965“ nur de.wikipedia.
Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Kristeva
- [1]Wikipedia (en): Julia Kristeva · Wikipedia
- [2]Wikipedia (de): Julia Kristeva · Wikipedia
- [3]relbib.de/Record/023286075 · Webseite
- [4]Wikipedia (de), Jacques Lacan · Wikipedia