Landkarte der Philosophie

Luce Irigaray

geb. 1930 · Paris

Strömung
Strukturalismus und Poststrukturalismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Belgisch-französische Philosophin, Psychoanalytikerin und Sprachwissenschaftlerin, die die abendländische Philosophie als Denken vom männlichen Standpunkt aus liest und eine Philosophie der sexuellen Differenz (eine Ordnung, in der zwei Geschlechter gleichwertig vorkommen) entwirft.

Irigaray gehört zur feministischen Linie des Moduls und streitet mit Jacques Lacan (einem französischen Psychoanalytiker), bei dem sie lernte. Sie liest Freud und die Philosophiegeschichte mit den Mitteln der Dekonstruktion gegen den Strich.

Kernidee

Irigaray meint, dass die abendländische Philosophie bis hin zu Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, so gebaut ist, als sei das Männliche das allgemeine Maß und das Weibliche nur sein Gegenstück oder sein Mangel. Sie fordert eine Ordnung, in der zwei Geschlechter gleichwertig vorkommen, statt eine Einheitlichkeit, die die Frau unsichtbar macht. Dazu gehört auch eine eigene weibliche Sprache.

Bekannt für

Man kennt Irigaray für „Speculum“, eine Lektüre der Philosophiegeschichte aus dem Blickwinkel der Frau, und für den Begriff der sexuellen Differenz. Sie fordert, dass Frauen als eigenständige Subjekte in der Sprache und im Recht vorkommen.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Logik des Selben

Irigaray nennt die Annahme, dass trotz zweier Geschlechter nur das männliche als allgemeines Maß gilt, Phallogozentrismus oder die „Logik des Selben“. Frauen erscheinen darin nicht als eigenständige Subjekte, sondern als Abweichung. In einem Unternehmen zeigt sich das, wenn die Vorstellung eines idealen Mitarbeiters stillschweigend am Berufsleben eines Mannes ohne Betreuungspflichten ausgerichtet ist.

Frauen als Ware

Mit Marx liest Irigaray die Gesellschaft so, dass Frauen zwischen Männern wie Waren getauscht und nach Gebrauchswert (ihrem Nutzen) und Tauschwert (ihrer Eignung, gegen anderes getauscht zu werden) bewertet werden. Sie nennt als Rollen Mutter, Jungfrau und Prostituierte. In der Arbeitswelt erinnert das daran, dass Frauen häufig über ihr Aussehen oder ihre Rolle bewertet werden, nicht über ihre Leistung.

Sexuelle Differenz

Irigaray verlangt eine symbolische Ordnung, die zwei gleichwertige Geschlechter anerkennt, statt Geschlechtsneutralität vorzutäuschen. Dazu gehört auch eine weibliche „Gegensprache“, die Frauen eine positive Identität ermöglicht. Für Führung heißt das, die Unterschiede in Kommunikationsstilen nicht zu glätten, sondern gleichwertig in Besprechungen vorkommen zu lassen.

Begriffe

Sexuelle Differenz
: Irigarays Forderung, den Unterschied der Geschlechter anzuerkennen und beiden gleichwertig Platz zu geben, statt Neutralität vorzutäuschen
Phallogozentrismus
: die Denkweise, die trotz zweier Geschlechter nur das Männliche als allgemeinen Bezugspunkt gelten lässt und das Weibliche als Abweichung behandelt
Logik des Selben
: Irigarays Name für dasselbe Muster: Alles wird am männlichen Maßstab gemessen, sodass Frauen nur als Abweichung vorkommen
Frauen als Ware
: Irigarays These, dass Frauen in der Gesellschaft zwischen Männern wie Waren getauscht und nach Gebrauchs- und Tauschwert bewertet werden
weibliche Gegensprache
: eine eigene weibliche Ausdrucksweise, die Frauen eine positive Identität ermöglicht und nicht nur männliche Muster wiederholt

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Jacques Lacan: Irigaray besuchte sein Seminar und gehörte zu seiner École freudienne

Gegner

  • Jacques Lacan: Bruch nach Speculum 1974
  • Alan Sokal und Jean Bricmont: Kritik an ihrem Umgang mit Naturwissenschaft

Verbindungen im Netz

6 Verbindungen, davon 1 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Jacques DerridaDeutung

    Laut de.wikipedia ist sie von Derridas Dekonstruktion und Logozentrismus-Kritik beeinflusst.

  • baut auf Maurice Merleau-PontyDeutung

    Elemental Passions antwortet auf Merleau-Pontys Aufsatz zur Verflechtung (Chiasmus).

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Jacques LacanDeutung

    Irigaray besuchte Lacans Seminar, kritisierte ihn und wurde 1974 aus seiner École freudienne ausgeschlossen.

  • kritisiert Sigmund FreudDeutung

    Speculum untersucht Freud und andere Philosophen als phallozentrisch.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Hélène CixousDeutung

    Laut en.wikipedia verbanden Cixous und Irigaray Derridas Logozentrismus-Kritik mit Lacans Phallus-Begriff zum Begriff Phallogozentrismus; beide gelten dort als Mütter der poststrukturalistischen feministischen Theorie.

  • im Vergleich mit Judith Butlerungeprüft

    Deutung: Laut en.wikipedia gehört Irigaray zu den Autorinnen, mit denen sich Gender Trouble auseinandersetzt; die Art der Beziehung nennen die Quellen nicht.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Abhängigkeit belegt

    Irigaray gehörte zu Lacans École freudienne de Paris (der von ihm 1964 gegründeten psychoanalytischen Schule). Nach der Veröffentlichung von „Speculum“ 1974 wurde sie ausgeschlossen und war in der lacanianischen Gemeinschaft geächtet. Ihre Kritik an der Psychoanalyse hat sie also etwas gekostet.[1]

  • Abhängigkeit Deutung

    Ihre Lehrtätigkeit in Vincennes (an der Pariser Universität Paris VIII) endete kurz nach der Veröffentlichung von „Speculum“. Die Quellen nennen hier einmal eine Entlassung, einmal nur das Ende der Lehre.[2]

Kritik

Judith Butler meint, Irigarays Anspruch, alle Kulturen unter den Phallogozentrismus zu fassen, unterlaufe ihre eigene Analyse. In den späten 1970ern und den 1980ern wurde ihr Essentialismus vorgeworfen, in den 1990ern lasen Naomi Schor, Jane Gallop und Diana Fuss sie dagegen als politischen Essentialismus. Sokal und Bricmont kritisieren ihren Umgang mit Physik, etwa ihre Aussagen zu E = mc² und zur Strömungsmechanik.

Wirkung heute

Der Gedanke der sexuellen Differenz wird bis heute in Auseinandersetzung mit der Gender-Theorie diskutiert, etwa seit Butlers Kritik in „Das Unbehagen der Geschlechter“. Die Frage, wessen Perspektive als neutral gilt, lässt sich mit ihr auch in Debatten über Vielfalt in Organisationen stellen.

Brücke zu Führung und Coaching

Irigaray schärft dein Auge dafür, wessen Maßstab in deinem Team als selbstverständlich gilt. Frag dich bei Beförderungen und Stellenprofilen: Wer ist das stille Vorbild dieses Profils, und wer kommt darin nur als Abweichung vor? Prüfe in deiner nächsten Besprechung, ob unterschiedliche Sprech- und Entscheidungsstile gleichberechtigt Platz haben.

Lebensstationen

  1. 1930Geboren am 3. Mai in Blaton, Belgien (Geburtsjahr laut de.wikipedia nicht gesichert)
  2. 1960Zieht nach Paris
  3. 1968Promotion in Linguistik
  4. 1974„Speculum“ erscheint; Ausschluss aus Lacans École freudienne; zweite Promotion in Philosophie
  5. 1977„Das Geschlecht, das nicht eins ist“ erscheint
  6. 1984„Ethik der sexuellen Differenz“ erscheint

Werke

Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts (1974; dt. 1980)

Das Geschlecht, das nicht eins ist (1977; dt. 1979)

Marine Lover (1980)

Ethik der sexuellen Differenz (1984; dt. 1991)

I Love to You (1990)

Anekdote belegt

Mit 91 Jahren veröffentlichte Irigaray ein Buch über eine „Kultur der Energie“, in dem sie Erfahrungen aus Jahrzehnten Yoga- und Atempraxis verarbeitet.[1]

Lesetipps

Einstieg
Luce Irigaray: Das Geschlecht, das nicht eins ist (Merve, Berlin 1979; franz. 1977), enthält u. a. das Kapitel zu Frauen als Ware.

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsjahr laut de.wikipedia nicht gesichert (1930). Studienabschluss Löwen: en.wikipedia 1954 BA und 1956 MA, de.wikipedia Magister 1955. Promotion 1968 an Paris VIII oder Paris X widersprüchlich. Vincennes: en.wikipedia 'entfernt', de.wikipedia nur 'Lehre endete', mit 1970 bis 1974. Zeitpunkt des Ausschlusses aus der École freudienne nur in en.wikipedia (1974). Ort ('Paris') als Wirkungsort, Wohnort nicht geprüft. Rest der en.wikipedia-Seite (ab Zeichen 100000) nicht gelesen. Anekdote: Buch mit 91 Jahren 2021 laut en.wikipedia; Geburtsjahr unsicher. Mimesis, parler-femme, Beauvoir, Kristeva, Cixous in den Quellen nicht belegt, keine Kanten. Zitat, Sekundärliteratur nicht belegt; Verlag der deutschen Ausgaben nicht geprüft. Prüfer: Butlers Lob (Horizont erweitert) in keiner abgerufenen Quelle gefunden, entfernt. Geburtsjahr: en.wikipedia führt in einer Quellenangabe „1932?“. Promotion 1968: en.wikipedia nennt Paris X und Paris VIII, de.wikipedia Paris VIII. „Von Platon bis Freud“ im kern nicht eigens belegt, auf „bis hin zu Freud“ verallgemeinert. heute ohne Beleg für „Grundposition im Feminismus“, neu gefasst. Verlag deutscher Ausgaben nach de.wikipedia: Speculum Suhrkamp 1980, Geschlecht Merve 1979, Ethik Suhrkamp 1991.

Herkunft der Daten: Strukturalismus und Poststrukturalismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Irigaray

  1. [1]Wikipedia (en): Luce Irigaray · Wikipedia
  2. [2]Wikipedia (de): Luce Irigaray · Wikipedia
  3. [3]Sigmund Freud (Wikipedia) · Wikipedia
  4. [4]Wikipedia (de), Jacques Lacan · Wikipedia
  5. [5]Wikipedia (de): Gebrauchswert · Wikipedia, abgerufen 2026-10-20

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