Fjodor Michailowitsch Dostojewski
1821–1881 · Moskau, Sankt Petersburg
- Strömung
- Die großen Abweichler des 19. Jahrhunderts
- Kants Fragen
- Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Russischer Schriftsteller, kein Philosoph im Fach, dessen Romane Fragen nach Freiheit, Schuld, Glauben und Sinn so zugespitzt durchspielen, dass sich spätere Existenzphilosophen immer wieder auf ihn bezogen.
Dostojewski ist eine literarische Wurzel des Moduls: Nietzsche las ihn als großen Psychologen, und Berdjajew deutete seine Weltsicht in einem eigenen Buch.
Kernidee
Dostojewski entwickelt seine Gedanken nicht in Abhandlungen, sondern in Romanfiguren, die gegeneinander argumentieren. In den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch zeigt er einen Menschen, der aus Trotz gegen den eigenen Vorteil handelt, um seine Freiheit zu beweisen. In den Brüdern Karamasow steht die Suche nach Gott im Zentrum, besonders in der Legende vom Großinquisitor.
Bekannt für
Man kennt Dostojewski für die großen Romane Schuld und Sühne und Die Brüder Karamasow und für seine Menschenkenntnis. Berühmt ist auch seine Biografie: 1849 stand er vor einer Scheinhinrichtung und verbrachte danach Jahre in sibirischer Zwangsarbeit.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Freiheit gegen den Eigennutz
Die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864) wenden sich laut Britannica gegen Wissenschaftsgläubigkeit und Rationalismus, wie sie der Roman Was tun? von Tschernyschewski vertritt. Der Untergrundmensch zeigt, dass Menschen im Namen ihrer Freiheit oft gegen ihr eigenes Interesse handeln. Wer in einem Unternehmen schon erlebt hat, dass ein perfekt berechneter Plan aus bloßem Trotz torpediert wurde, versteht den Gedanken.
Schuld und Neuanfang
In Schuld und Sühne wird ein Student aus Hochmut und Geldnot zum Mörder und findet durch die Liebe einer Frau zu einer neuen ethischen Haltung (nach Wikipedia de). Der Roman fragt, was Verantwortung für die eigene Tat bedeutet, wenn niemand sie nachweisen kann. Eine Führungskraft, die einen Fehler verschweigt, weil keiner ihn entdeckt, kennt die innere Spannung, die der Roman beschreibt.
Glaube, Zweifel und die Frage nach Gott
In den Brüdern Karamasow zieht sich die Suche nach Glauben und Gott durch das ganze Buch. Britannica nennt die Legende vom Großinquisitor als Höhepunkt von Ivans Ablehnung der Welt Gottes, der Mönch Sossima antwortet, die Harmonie komme nicht durch den Kopf, sondern durch das Herz. Wenn du im Team eine Entscheidung nur mit Argumenten durchsetzen willst, aber spürst, dass das Vertrauen fehlt, begegnest du derselben Spannung.
Begriffe
- Untergrundmensch
- Freiheit gegen den Eigennutz
- Schuld und Sühne
- Glaube und Zweifel
- Nihilismus
- Großinquisitor
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Schüler
- Friedrich Nietzsche: las 1887 die französische Fassung der Kellerloch-Aufzeichnungen und lobte Dostojewski als Psychologen (nach The Nietzsche Channel)
Gegner
- Nikolai Tschernyschewski: gegen dessen Roman Was tun? von 1863 richtet sich Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (nach Britannica)
Verbindungen im Netz
2 Verbindungen, davon 2 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Friedrich Nietzscheungeprüft
Nietzsche las 1887 die französische Fassung der Kellerloch-Aufzeichnungen und lobte Dostojewski als Psychologen (The Nietzsche Channel, Briefe 1887).
Grundlage für Nikolai Berdjajewungeprüft
Berdjajew schrieb ein eigenes Buch zu Dostojewskis geistiger Weltsicht (Buchbeschreibungen bei Goodreads und Verlagsseiten).
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld Deutung
Spielschulden und der Ruin seiner Zeitschrift Epocha hielten ihn fast sein Leben lang in Geldnot. Viele Romane erschienen als Fortsetzungen in Zeitschriften, was Tempo und Spannung seiner Schreibweise geprägt haben dürfte.[1]
Zeitgeschehen belegt
Als Mitglied des Petraschewski-Zirkels wurde er 1849 verhaftet und zum Tode verurteilt, die Hinrichtung am 22. Dezember 1849 erwies sich als Scheinhinrichtung. Danach folgte Zwangsarbeit in Omsk, wo er unter gewöhnlichen Kriminellen in Ketten lebte, bis zur Entlassung 1854.[1]
Biografie belegt
Dostojewski litt an Epilepsie, ein schwerer Anfall 1857 führte zur Diagnose. Freud vermutete 1928 einen Zusammenhang mit dem Tod des Vaters, die Dostojewski-Forschung hat das laut Wikipedia de nicht bestätigt.[1]
Kritik
Britannica und Wikipedia de führen Dostojewski als Schriftsteller, nicht als Systemdenker: Er lässt Figuren gegeneinander argumentieren, deshalb lässt sich eine Aussage einer Figur nicht ohne Weiteres ihm selbst zuschreiben (Deutung). Walter Kaufmann nannte die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch die beste Ouvertüre zum Existenzialismus.
Wirkung heute
Die Frage, wie weit Menschen gegen ihr eigenes Interesse handeln, um ihre Freiheit zu spüren, beschäftigt heute auch Verhaltensforschung und Führungsliteratur. Seine Figuren dienen bis heute als Anschauung für Schuld, Zweifel und Selbsttäuschung.
Brücke zu Führung und Coaching
Dostojewskis Untergrundmensch hilft zu verstehen, warum Mitarbeitende rational sinnvolle Vorgaben sabotieren, wenn sie sich bevormundet fühlen. Frage dich in einem Veränderungsprojekt: Wo nehmen wir Menschen die Wahl und erzeugen damit Trotz? Welche Entscheidung kann ich bewusst bei den Betroffenen lassen, auch wenn sie nicht optimal ausfällt?
Lebensstationen
- 1821Geboren am 11. November (30. Oktober alter Stil) in Moskau
- 1844Beginn der Schriftstellerkarriere mit dem Briefroman Arme Leute
- 1849Verhaftung im April, Scheinhinrichtung am 22. Dezember
- 1854Entlassung aus der Zwangsarbeit in Omsk, danach Militärdienst in Semipalatinsk
- 1864Aufzeichnungen aus dem Kellerloch erscheinen in der Zeitschrift Epocha
- 1881Tod am 9. Februar (28. Januar alter Stil) in Sankt Petersburg
Werke
Arme Leute (1844)
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864)
Schuld und Sühne (1866)
Der Idiot (1868–1869)
Die Dämonen (1871–1872)
Die Brüder Karamasow (1879–1880)
Anekdote belegt
Am 22. Dezember 1849 wurden Dostojewski und die anderen Verurteilten auf den Paradeplatz geführt, wo sich die Exekution als Scheinhinrichtung erwies. Die Todesstrafe wurde in Zwangsarbeit umgewandelt.[1]
Lesetipps
- Einstieg
- Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (1864): kurz, hart und für den Einstieg in seine Fragen gut geeignet.
- Vertiefung
- Nikolai Berdjajew, Dostoevsky: An Interpretation (englische Ausgabe, Erscheinungsjahr nicht geprüft). Die Existenz des Buches ist per Suche bestätigt.
Noch nicht sicher belegt
- Die SEP-Seite zu Dostojewski ließ sich nicht abrufen, die Einordnung als Schriftsteller stützt sich auf Britannica (Novelist) und Wikipedia de (Schriftsteller). Kein Zitat aufgenommen. Der Brief von 1887 nennt den Empfänger in den abgerufenen Ausschnitten nicht. Walter Kaufmanns Aussage nur nach Wikipedia de. Berdjajew-Kante nur durch Buchbeschreibungen belegt, Erscheinungsjahr des Buches ungeprüft. Der Satz, Figurenaussagen seien nicht dem Autor zuzuschreiben, ist Deutung.
Wege durchs Netz
Dostojewski: In seinen Romanen streiten Figuren darüber, ob ohne Gott noch etwas gilt.
Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Dostojewski
- [1]Wikipedia de: Fjodor Michailowitsch Dostojewski · Wikipedia
- [2]Britannica: Notes from the Underground · Britannica
- [3]Britannica: The Brothers Karamazov · Britannica
- [4]Britannica: The Dream of a Ridiculous Man · Britannica
- [5]thenietzschechannel.com/correspondence/eng/nlett-1887.htm · Webseite
- [6]goodreads.com/book/show/3117754-dostoevsky · Webseite