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Landkarte der Philosophie

Pierre Duhem

Physiker · 1861–1916 · Paris, Lille, Rennes, Bordeaux, Cabrespine

Kernidee in Kürze

Duhem meinte, dass ein Physiker nie eine Hypothese allein einem Experiment aussetzen kann. Getestet wird immer ein ganzes Gefüge aus Annahmen.

Kapitel
Analytische Philosophie und Wissenschaftstheorie (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Fachlexikon
Eigener Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Vertiefung

Zum Einstieg

Wenn ein Test fehlschlägt, woher weißt Du, welche Annahme falsch war?

Position
Duhem meint, dass in der Physik nie eine Hypothese allein geprüft wird, sondern immer ein Geflecht aus Annahmen. Das Experiment sagt nur, dass irgendwo ein Fehler steckt, nicht wo.
Einwand
Duhem hat seine These nicht selbst als allgemeine Regel für alle Wissensgebiete verstanden und lehnte ausdrücklich ab, sie über die Physik hinaus auszudehnen. Quines stärkere Fassung, jede Aussage lasse sich bei genügend Anpassungen halten, geht nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy über ihn hinaus.
Verbindung
Der Gedanke führt zu Quines Ganzheitsthese und steht in der Nähe von Lakatos’ Forschungsprogrammen.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Duhem war

Französischer Physiker und Wissenschaftshistoriker, der zeigte, dass ein Experiment eine einzelne Hypothese nicht für sich allein widerlegen kann.

Duhems Gedanke wurde im 20. Jahrhundert wichtig für den Wiener Kreis und über Quine für die angloamerikanische Philosophie. Unter dem Namen Duhem-Quine-These ist er bis heute ein Standardbegriff. Quine geht dabei weiter, als Duhem selbst ging.

Kernidee genauer

Wenn eine Vorhersage ausbleibt, weiß man daher nur, dass irgendwo ein Fehler steckt, und nicht, wo. Als Wissenschaftshistoriker vertrat er außerdem, dass die neuzeitliche Physik Wurzeln im Mittelalter hat.

Biografischer Moment

Lebensereignis Belegtes Ereignis aus dem Leben. Ob es das Denken geprägt hat, behauptet die Angabe nicht.

Duhems erste Doktorarbeit von 1885 wurde abgelehnt, wohl auch wegen des Streits mit Berthelot, und er blieb zeitlebens von Paris ausgeschlossen. Das ist die Erklärung der Stanford Encyclopedia of Philosophy für den Verlauf seiner Laufbahn, kein Beleg für seine philosophischen Motive.[1]

Fundstelle: Abschnitt 1

Bekannt für

Man kennt Duhem für die Duhem-These und für sein Werk über die Geschichte der mittelalterlichen Wissenschaft. Ein Alltagsbeispiel ist eine fehlgeschlagene Kampagne, bei der Du nicht weißt, ob Botschaft, Zeitpunkt oder Messung schuld war.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Hypothesen lassen sich nicht einzeln prüfen

Duhem schreibt, dass man eine einzelne Hypothese der Physik nicht von den übrigen Annahmen trennen und für sich der Beobachtung aussetzen kann. Bleibt eine vorhergesagte Erscheinung aus, ist deshalb nicht nur die geprüfte Aussage in Zweifel gezogen, sondern das ganze theoretische Gebäude des Physikers. Nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy begründet er dies als Beobachtung dessen, was Physiker tun, und begrenzt es auf die Physik. Wenn ein Testlauf in Deinem Unternehmen scheitert, weißt Du ebenfalls nicht sofort, welche Annahme nicht stimmte.

Kein entscheidendes Experiment

Aus dieser Überlegung folgt, dass es in der Physik kein Experiment gibt, das eine Theorie endgültig widerlegt. Duhem beschreibt zwei Wege: Ein vorsichtiger Forscher rettet seine Grundannahmen und ändert Hilfsannahmen, ein mutiger ändert wesentliche Annahmen. Beide dürfen sich laut Duhem logisch für zufrieden erklären, wenn sie das Experiment wieder erfüllen. Im Team entspricht das dem Unterschied zwischen kleinen Korrekturen und einem Kurswechsel.

Autonomie der Physik

Duhem wollte die physikalische Theorie als eigenes Gebiet von der Metaphysik trennen. Seine Kritik an mechanistischen Theorien lautete, dass sie von metaphysischen Annahmen über die Materie abhängen und deshalb deren Unsicherheiten erben. Er bevorzugte die Energetik, die nur die Stärke physikalischer Eigenschaften auf Zahlenskalen erfasst. In Deiner Arbeit entspricht das dem Wunsch, ein Kennzahlensystem nicht von Weltanschauungen abhängig zu machen.

Wurzeln der Neuzeit im Mittelalter

Duhem stieß 1904 auf den mittelalterlichen Denker Jordanus de Nemore und erschloss daraufhin die mittelalterliche Wissenschaft. Er vertrat, dass die Wissenschaft Galileis ein mittelalterliches Erbe hat und dass die Wissenschaft von Paris im 14. Jahrhundert eine Vorstufe war. Das gilt als Gründung der Geschichte der mittelalterlichen Wissenschaft. Du kannst ihn als Erinnerung nehmen, dass Neues oft auf älterem Wissen ruht.

Begriffe

Duhem-These
Nicht-Isolierbarkeit von Hypothesen
kein entscheidendes Experiment
Energetik
guter Sinn
Kontinuität von Mittelalter und Neuzeit

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

4 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 4 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Übernimmt Gedanken von

Duhem übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Blaise PascalPrüfstand: belegt

    Duhem übernahm von Blaise Pascal die Unterscheidung zwischen dem feinen, anschauenden Geist (esprit de finesse) und dem geometrischen Geist (esprit de géométrie). In seinem letzten Werk berief er sich auf Pascal für den Gedanken, dass zur Wahrheit Vernunft und Schlussfolgern gehören. Wie stark Pascal Duhems Denken insgesamt prägte, ist in der Forschung umstritten.

Grundlage für

Übernehmen oder entwickeln einen Gedanken von Duhem weiter, meist über Texte.

  • Otto NeurathPrüfstand: belegt

    Duhems Werk war laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy wichtig für Mitglieder des Wiener Kreises wie Otto Neurath und Philipp Frank.

  • Willard Van Orman QuinePrüfstand: belegt

    Quine führte in „Two Dogmas of Empiricism“ an, dass Aussagen über die Außenwelt nur als Ganzes vor der Erfahrung stehen, und nannte in einer Fußnote Duhem als jemanden, der diese Lehre gut begründet habe; daraus wurde der Name Duhem-Quine-These. Duhem selbst hätte Quines Fassung nicht ganz übernommen.

Untersucht

Duhem untersucht, kommentiert oder deutet das Werk, ohne die Gedanken als eigene Position weiterzuführen.

  • untersucht Johannes BuridanPrüfstand: belegt

    Duhem rekonstruierte die mittelalterliche Impetustheorie von Johannes Philoponos bis zu Buridan und Oresme und sah in Buridans Impetus die Entsprechung zu Galileis Begriff impeto.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Duhems Doktorarbeit über das thermodynamische Potential wurde 1885 von einem Prüfungsausschuss abgelehnt. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy nennt als übliche Erklärung, dass sie das Prinzip der größten Arbeit von Marcellin Berthelot widerlegte, einem einflussreichen Mann der französischen Wissenschaft. Duhem lehrte danach nur an Provinzuniversitäten, in Lille, Rennes und Bordeaux, und nie in Paris.[1]

  • Politik belegt

    Duhem war offen konservativ und tief religiös, zu einer Zeit, in der die französischen Wissenschaftler überwiegend liberal und kirchenkritisch waren. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt ihn außerdem als eigensinnig und streitbar. Als man ihn spät im Leben auf den neuen Lehrstuhl für Wissenschaftsgeschichte am Collège de France ansprach, lehnte er eine Kandidatur ab, weil er theoretischer Physiker sei.[1]

  • Biografie belegt

    Duhem heiratete im Oktober 1890 Adèle Chayet. Ihre Tochter Hélène kam im September 1891 zur Welt. Im folgenden Sommer starb Adèle bei der Geburt eines weiteren Kindes, das ebenfalls nicht überlebte. Duhem heiratete nie wieder.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    Sein letztes Werk „La science allemande“ nennt die Stanford Encyclopedia of Philosophy überwiegend Kriegspropaganda. Duhem starb am 14. September 1916 in seinem Haus in Cabrespine in Südfrankreich.[1]

Kritik

Die Stanford Encyclopedia of Philosophy betont, dass Quine nur die erste Hälfte von Duhems Gedanken Duhem zuschreibt und Duhem Quines Verallgemeinerung nicht übernommen hätte. Duhem lehnte 1913 ausdrücklich ab, seine Analyse auf Geschichte, Bibelauslegung oder Theologie auszudehnen. Er hat die These außerdem nicht direkt begründet, sondern als offensichtliche Folge der Nicht-Isolierbarkeit behandelt.

Wirkung heute

Die Duhem-Quine-These gehört zu den Grundbegriffen der Wissenschaftsphilosophie. Der Eintrag der Stanford Encyclopedia of Philosophy zu Lakatos nennt sie als verwandten Gedanken zu dessen Forschungsprogrammen, und nach dem Eintrag zu Feyerabend war Feyerabend von der Kritik Poppers und Duhems am Induktivismus überzeugt.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn ein Pilotprojekt scheitert, kannst Du mit Duhem fragen, welches Bündel von Annahmen getestet wurde, bevor Du eine einzelne Person oder Idee verantwortlich machst. Ein Beispiel ist ein Verkaufsstart, der schwächelt, obwohl Produkt, Preis, Kanal und Zeitpunkt zugleich geprüft wurden. Das ist eine Übertragung von Duhems Gedanken auf Management und keine Aussage von ihm über Führung.

Lebensstationen

  1. 1861Geburt in Paris (10. Juni)
  2. 1882Eintritt in die École normale supérieure
  3. 1885Ablehnung der ersten Doktorarbeit
  4. 1888Promotion
  5. 1894Wechsel nach Bordeaux, wo er bis zum Tod lehrte
  6. 1916Tod am 14. September in Cabrespine

Werke

La théorie physique: son objet, sa structure (1906); Les origines de la statique (1905–1906); Le système du monde

Lesetipps

Einstieg
Pierre Duhem, La théorie physique: son objet, sa structure (1906; deutsche Übersetzung von Friedrich Adler 1908); Teil II enthält die Überlegungen zum Experiment.
Vertiefung
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Pierre Duhem“

Noch nicht sicher belegt

  • Geburtsdatum: 10. Juni 1861 nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy, der deutschen und französischen Wikipedia, der Britannica und dem Dictionary of Scientific Biography; die englische Wikipedia nennt in der Einleitung den 9. Juni und im Abschnitt über sein Leben den 10. Juni, einzelne Webseiten ebenfalls den 9. Juni. Der deutsche Titel „Ziel und Struktur der physikalischen Theorien“ ist für die Neuausgabe von 1998 belegt; ob schon Friedrich Adlers Übersetzung von 1908 so hieß, wurde nicht eigens geprüft. „Le système du monde“ erschien nach der deutschen und englischen Wikipedia von 1913 bis 1959 in zehn Bänden; die Stanford Encyclopedia of Philosophy datiert die ersten fünf Bände auf 1914 bis 1919. Die Verbindung zu Buridan beschreibt Duhems Forschung über Buridan; der Eintrag der Stanford Encyclopedia of Philosophy zu Buridan bestätigt, dass Duhem Buridans Rolle in der Naturphilosophie erforschte. Wie stark Pascal Duhem prägte, ist in der Forschung umstritten. Einen Einfluss Duhems auf Popper nennen die Quellen nicht. Dass Duhems Forschung das Fach Geschichte der mittelalterlichen Wissenschaft begründete, ist ein Urteil der Stanford Encyclopedia of Philosophy („widely acknowledged“).

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 1: Wissenschaftstheorie, Logik und Sprache. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Duhem

  1. [1]Pierre Duhem, Abschnitt 1 · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Pierre Duhem · Wikipedia
  3. [3]Pierre Duhem · Wikipedia

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