Landkarte der Philosophie

Willard Van Orman Quine

1908–2000 · Cambridge, Massachusetts (Harvard)

Strömung
Utilitarismus und Pragmatismus
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
Eigener Eintrag
Stanford Encyclopedia of Philosophy

Logiker und Philosoph in Harvard, der den festen Unterschied zwischen Begriffswahrheiten und Tatsachenwahrheiten verwirft und damit einem 'gründlicheren Pragmatismus' den Weg bereitet.

Quine ist die Brücke von der Wissenschaftsphilosophie zum Pragmatismus: Er nennt seine Position selbst einen 'gründlicheren Pragmatismus' (SEP). Putnam war sein Harvard-Kollege, die Verbindung zu Rorty ist in den abgerufenen Quellen nicht belegt.

Kernidee

Quine sagt: Unser Wissen prüft sich nicht Satz für Satz an der Erfahrung, sondern als ganzes Gefüge. Welche Teile wir bei Widerspruch ändern, entscheiden wir auch nach Nutzen wie Einfachheit und Wirksamkeit der ganzen Theorie. Darum gibt es für ihn keine Philosophie vor der Wissenschaft: Erkenntnistheorie ist ein Teil der Naturwissenschaft.

Bekannt für

Man kennt Quine für seinen Aufsatz Two Dogmas of Empiricism (1951), der den Unterschied zwischen 'analytisch' (wahr kraft der Wortbedeutung) und 'synthetisch' (wahr kraft der Tatsachen) angreift. Er wurde damit zum Gegenspieler des Logischen Empirismus, der damals führenden wissenschaftlich orientierten Philosophie.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Holismus und Netz des Glaubens

Nach Quine hat fast nie ein einzelner Satz eigene Folgen für die Erfahrung, sondern ein größerer Theorieblock. Passt eine Beobachtung nicht, entscheiden auch pragmatische Gesichtspunkte wie Einfachheit und Wirksamkeit, was wir ändern; kein Satz ist gegen Revision gefeit. Wenn die Quartalszahlen nicht zum Modell passen, kannst du die Zahlen, die Annahmen oder das ganze Modell ändern, und die Wahl hängt davon ab, was das Gesamtbild am besten trägt.

Naturalisierte Erkenntnistheorie

Quine hält es für zirkulär, Wissenschaft durch eine vorgängige Philosophie rechtfertigen zu wollen. Erkenntnistheorie ist für ihn 'ein Kapitel der Psychologie', und Wissenschaft ist 'eine Verlängerung des gesunden Menschenverstands'. Gute Entscheidungen im Betrieb entstehen ähnlich: durch sorgfältigeres Prüfen dessen, was ohnehin schon funktioniert, und nicht durch ein Grundsatzprogramm vorweg.

Kritik am Analytisch-Synthetisch-Unterschied

Quine bezweifelt, dass 'Bedeutung' klar genug ist, um sie zur Trennung von Begriffswahrheit und Tatsachenwahrheit zu benutzen. Auch scheinbar unumstößliche Sätze wie Logik oder Mathematik könnten im Prinzip geändert werden, wenn das ganze Wissen dadurch besser würde. Eine Regel wie 'Der Kunde hat immer recht' wirkt fest, bleibt aber Teil eines Systems, das du anpassen darfst, wenn es dem Ganzen schadet.

Begriffe

Naturalismus
Holismus
Netz des Glaubens
analytisch und synthetisch
Unbestimmtheit der Übersetzung

Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner

Lehrer

  • Alfred North Whitehead: Doktorvater (laut Wikipedia)
  • Rudolf Carnap: in Prag Quines 'wahrer und einziger maître à penser' (laut Wikipedia); später sein Kritiker
  • C. I. Lewis: erst Lehrer, dann Kollege (SEP)

Schüler

  • David Lewis: Doktorand (Wikipedia)
  • Donald Davidson: Schüler (Wikipedia)
  • Saul Kripke: Schüler (SEP)

Freunde

  • Alfred Tarski: Quine ermöglichte ihm 1939 die Reise zum Kongress in Cambridge (Wikipedia)

Gegner

  • Rudolf Carnap: Streit über das Prinzip der Toleranz und die analytisch-synthetisch-Unterscheidung (SEP)

Verbindungen im Netz

10 Verbindungen. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Lehrer und Schüler

Persönliches Lehrverhältnis.

  • Lehrer von David Kellogg LewisDeutung

    Lewis promovierte in Harvard bei Quine, widersprach ihm später in vielem.

Baut auf

Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • baut auf Alfred North WhiteheadDeutung

    Die SEP zählt Quine zu den von Whitehead Beeinflussten, de.wikipedia nennt ihn unter seinen Schülern.

  • baut auf Bertrand RussellDeutung

    Quines Dissertation behandelte Whitehead und Russells Principia Mathematica (SEP), und On What There Is (1948) klärt Russells Theorie der Kennzeichnungen (Wikipedia).

  • Grundlage für Hilary PutnamDeutung

    Putnam wurde laut Wikipedia in den späten 1970ern auch von Quines Ideen angeregt, den Realismus zu verlassen, und beide entwickelten das Unentbehrlichkeitsargument.

  • Grundlage für Richard RortyDeutung

    SEP: Rorty verwendet Quines Angriff in „Two Dogmas of Empiricism“ für seine Kritik an der Erkenntnistheorie.

Kritik

Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.

  • kritisiert Rudolf CarnapDeutung

    Quine stellte in Two Dogmas of Empiricism die Trennung von analytisch und empirisch infrage; er half auch bei Carnaps Emigration.

  • wird kritisiert von Thomas S. KuhnDeutung

    Kuhn war Mitglied der Society of Fellows in Harvard, zu der Quine gehörte, und grenzte seine Inkommensurabilität von Quines Unbestimmtheit der Übersetzung ab.

Persönlicher Kontakt

Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.

  • persönlich verbunden mit Rudolf CarnapDeutung

    Quine stellte in Two Dogmas of Empiricism die Trennung von analytisch und empirisch infrage; er half auch bei Carnaps Emigration.

  • persönlich verbunden mit Thomas S. KuhnDeutung

    Kuhn war Mitglied der Society of Fellows in Harvard, zu der Quine gehörte, und grenzte seine Inkommensurabilität von Quines Unbestimmtheit der Übersetzung ab.

Im Vergleich

Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.

  • im Vergleich mit Saul Aaron KripkeDeutung

    Quine lehnte Essentialismus und Modallogik ab, Kripke gilt laut Wikipedia als Gegenpol.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Zeitgeschehen Deutung

    Im Zweiten Weltkrieg diente Quine in der US-Marine im Nachrichtendienst und entzifferte Nachrichten deutscher U-Boote. Dass seine Philosophie der Sprache und Übersetzung später so stark von Fragen der Entschlüsselung geprägt ist, bleibt eine Deutung.[2]

  • Abhängigkeit belegt

    Quine lehrte von 1936 bis 1978 in Harvard, zuerst als Instructor, ab 1941 als Associate Professor und ab 1948 als Professor. Seine Forschung entstand also fast durchgehend im Rahmen einer einzigen Universität.[1]

  • Biografie belegt

    Quine war politisch konservativ, schrieb aber laut Wikipedia überwiegend technische Philosophie ohne direkten Politikbezug. Die SEP vermerkt, seine Beiträge zu Ethik und politischer Philosophie seien gering.[2]

Kritik

Die SEP vermerkt, dass Quines früher Entwurf zum 'gründlicheren Pragmatismus' sehr skizzenhaft sei, und verweist auf Kritik von Elliott Sober (2000). Zudem haben viele, die sich auf Quines Naturalismus berufen, seine strengen Maßstäbe nicht übernommen (SEP).

Wirkung heute

Die Idee, dass Philosophie und Wissenschaft in einem Boot sitzen und Wissen als Netz zu verstehen ist, prägt die Wissenschaftstheorie und die analytische Philosophie bis heute. Schüler wie Kripke und David Lewis wurden selbst führend in der Metaphysik (SEP).

Brücke zu Führung und Coaching

Wenn eine Annahme in deinem Team als gesetzt gilt, frage: Welche Beobachtung würde uns dazu bringen, sie zu ändern, und was hinge dann alles mit daran? Prüfe wichtige Entscheidungen immer im Zusammenhang und nicht Einzelzahl für Einzelzahl. Und halte auch 'unumstößliche' Regeln der Organisation für überprüfbar, wenn das Gesamtsystem besser würde.

Zitate

„Wissenschaft ist kein Ersatz für den gesunden Menschenverstand, sondern seine Verlängerung.“

The Scope and Language of Science (1957), S. 229; englischer Wortlaut nach dem SEP-Eintrag (eigene Übersetzung)

Lebensstationen

  1. 1908Geboren in Akron, Ohio
  2. 1932Promotion in Harvard mit einer Arbeit zu den Principia Mathematica
  3. 1933Reisejahr in Europa mit Station in Prag bei Carnap
  4. 1942Dienst in der US-Marine im Nachrichtendienst (1942 bis 1945)
  5. 1951Two Dogmas of Empiricism erscheint
  6. 2000Stirbt in Boston

Werke

Two Dogmas of Empiricism (1951)

From a Logical Point of View (1953)

Word and Object (1960)

Ontological Relativity and Other Essays (1969)

Pursuit of Truth (1990)

Anekdote überliefert

In Prag, wo Carnap lehrte, entdeckte der junge Quine seine Leidenschaft für Philosophie. Carnap nannte er später sein 'wahres und einziges maître à penser'.[2]

Lesetipps

Einstieg
W. V. O. Quine: From a Logical Point of View (Harvard University Press, 1953; überarbeitete Ausgabe 1980), darin Two Dogmas of Empiricism; Verlag und Jahr nach der SEP-Bibliografie. Die deutsche Ausgabe Von einem logischen Standpunkt (Ullstein) konnte nicht mit gesichertem Jahr belegt werden.
Vertiefung
Alex Orenstein: W. V. Quine (Princeton University Press, 2002), in der SEP-Bibliografie geführt

Noch nicht sicher belegt

  • Deutsche Ausgabe von From a Logical Point of View: Verlag und Jahr (Ullstein 1978 oder 1979) beim Prüfen nicht abgerufen, daher im Lesetipp nur die englische Ausgabe nach SEP. Der Ausdruck 'gründlicherer Pragmatismus' ist SEP-Zitat (Quine 1951, 46). Kante zu William James entfernt, weil sie nur auf einem Literaturtitel in der SEP-Bibliografie beruhte. Zitat als eigene Übersetzung. Anekdote zu Carnap in Prag nur Wikipedia, nicht zeitgenössisch geprüft. Dass der Marinedienst sein Denken prägte, ist Deutung. Davidson steht bei Wikipedia unter 'notable students', nicht als Doktorand. Verbindung Quine-Rorty nicht belegt, daher keine Kante.

Herkunft der Daten: Utilitarismus und Pragmatismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.

Quellen zu Quine

  1. [1]SEP: Willard Van Orman Quine · Stanford Encyclopedia of Philosophy
  2. [2]Wikipedia: Willard Van Orman Quine · Wikipedia

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