Blaise Pascal
1623–1662 · Clermont-Ferrand, Rouen, Paris, Port-Royal
- Strömung
- Rationalismus
- Kants Fragen
- Was darf ich hoffen? · Was ist der Mensch? (Deutung)
- Lebensdaten
- belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte
- Eigener Eintrag
- Stanford Encyclopedia of Philosophy
Französischer Mathematiker, Physiker und religiöser Denker, der im 17. Jahrhundert das Elend und die Größe des einzelnen Menschen vor den großen Fragen von Tod und Glauben beschreibt und deshalb als Vorläufer des Existenzialismus gilt.
Pascal ist für dieses Modul ein Vorläufer: Die Internet Encyclopedia of Philosophy zählt ihn in eine Linie christlicher Existenzdenker, die von Augustinus über Kierkegaard zu Unamuno und Berdjajew führt. Nietzsche las ihn als Beispiel eines konsequenten Christen.
Kernidee
Pascal sieht den Menschen zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen, ohne feste Mitte und mit dem Wissen um das eigene Ende. Aus diesem Elend folgt für ihn zugleich die Größe des Menschen, denn er kann seine Lage erkennen. Um dieser Einsicht auszuweichen, lenken wir uns durch Vergnügen und Beschäftigung ab (Zerstreuung).
Bekannt für
Man kennt Pascal für die Pascalsche Wette, die Pensées und die Mathematik, etwa das Zahlendreieck nach ihm und die Briefe mit Fermat zur Wahrscheinlichkeit. Das Memorial, ein Zettel über ein religiöses Erlebnis in der Nacht vom 23. November 1654, trug er in seinen Mantel eingenäht bis zum Tod bei sich.
Theorien mit Alltagsbeispiel
Elend und Größe des Menschen
Pascal beschreibt den Menschen als ein Wesen im Missverhältnis zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen. Die Größe des Menschen besteht nach dem Fragment 105 darin, dass er sein Elend erkennen kann. Wer als Führungskraft die eigene Begrenztheit offen anspricht, nutzt genau diese Größe, statt sie zu überspielen.
Zerstreuung
Nach Wikipedia de lenkt sich der Mensch durch Vergnügen von seiner Lage aus Elend und Tod ab. Beschäftigung dient damit auch der Flucht vor der Frage, worum es im Leben geht. Ein voller Kalender kann so zur Zerstreuung werden, die verhindert, die Frage nach dem eigenen Sinn zu stellen.
Wette und Herz
Im Fragment 397 der Pensées wägt Pascal ab, ob man auf Gott setzen soll. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy hält fest, dass er aus Sicht eines bereits Glaubenden schreibt und die Rechnung den Glauben nicht erzeugt, sondern ihm folgt. Pascal hielt außerdem das Zusammenspiel von Verstand und Herz für die Grundlage der Erkenntnis (Wikipedia de). Bei Personalentscheidungen kennst du das: Die Zahlen sprechen für einen Bewerber, aber das Bauchgefühl meldet sich trotzdem.
Begriffe
- Elend und Größe des Menschen
- Zerstreuung
- Wette
- Herz und Vernunft
- Memorial
- Jansenismus
Lehrer, Schüler, Freunde, Gegner
Lehrer
- Michel de Montaigne: von Pascal als unvergleichlich gelobt, weil er Menschen von ihren Meinungen befreit (nach SEP)
- Jansenisten um Port-Royal: geistliche Anleitung, unter anderem durch Antoine Singlin
Schüler
- Søren Kierkegaard: wird in der IEP in einer Linie mit Pascal gestellt, einen direkten Schülerbezug nennt die IEP nicht
Freunde
- Antoine Arnauld und Pierre Nicole: Kreis der Einsiedler von Port-Royal, dessen Jansenisten er in den Provinzialbriefen verteidigte
Gegner
- Die Jesuiten: Kritik an ihrer Kasuistik und ihrem Probabilismus in den Provinzialbriefen
- Voltaire: griff Pascal als Kritiker des Christentums früh an (nach Wikipedia de)
Verbindungen im Netz
6 Verbindungen, davon 4 noch nicht einzeln geprüft. Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.
Baut auf
Übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.
Grundlage für Søren Kierkegaardungeprüft
Wikipedia de nennt Pascal und seine Pensées als Einfluss, der spätere existenzialistische Themen vorwegnimmt.
Kritik
Kritik an einer bestimmten These. Ein persönlicher Streit ist damit nicht gemeint.
wird kritisiert von Friedrich Nietzscheungeprüft
Nietzsche nannte Pascal nach Wikipedia de den einzigen logischen Christen und sah an ihm, wie das Christentum Menschen zugrunde richtet.
Persönlicher Kontakt
Begegnung, Freundschaft, Briefwechsel oder Zusammenarbeit.
persönlich verbunden mit Antoine ArnauldDeutung
Pascal war ab 1655 mit den solitaires verbunden und verteidigte Arnauld in den Provinzialbriefen.
persönlich verbunden mit Pierre NicoleDeutung
Nicole hatte laut Wikipedia (en) großen Anteil an der Materialsammlung für Pascals Provinzialbriefe und übersetzte sie 1658 ins Lateinische.
Im Vergleich
Redaktioneller Vergleich ähnlicher Gedanken, keine historische Beziehung.
im Vergleich mit Miguel de Unamunoungeprüft
Laut Wikipedia (en) nennt Unamuno Pascal unter denen, die das tragische Lebensgefühl besaßen.
im Vergleich mit Nikolai Berdjajewungeprüft
Die IEP nennt Berdjajew am Ende derselben Linie christlicher Existenzdenker.
Kontext
Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.
Geld belegt
Pascal war nie in einem Amt beschäftigt und lebte bescheiden von der finanziellen Unterstützung seiner Familie. Sein Vater hatte das Richteramt verkauft und sein Vermögen in Staatsanleihen angelegt.[2]
Abhängigkeit Deutung
Pascal stand dem Jansenismus nahe, seine Schwester Jacqueline trat 1651 ins Kloster Port-Royal ein. In den Provinzialbriefen (1656–1657) verteidigte er unter Pseudonym den Jansenisten Antoine Arnauld gegen die Jesuiten. Dass sein Denken von dieser kirchenpolitischen Zugehörigkeit gefärbt ist, liegt nahe, ist aber eine Deutung.[1]
Biografie belegt
Pascal war von Kindheit an kränklich und litt nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy ab dem 18. Lebensjahr ständig unter Schmerzen. Nach Wikipedia de führte er zudem ein sehr asketisches Leben, das seine Gesundheit weiter schwächte, und die Todesursache blieb ungeklärt.[2]
Kritik
Voltaire griff Pascal früh als Kritiker des Christentums an, und Nietzsche sah in ihm ein Beispiel dafür, wie das Christentum Menschen zugrunde richtet. Die IEP betont, dass er streng genommen kein Existenzialist ist, die Bezeichnung aber begründbar bleibt.
Wirkung heute
Pascals Blick auf Zerstreuung trifft heute auf eine Arbeitswelt voller Termine und Benachrichtigungen. Die Wette gilt außerdem als frühes Beispiel für Entscheiden unter Unsicherheit.
Brücke zu Führung und Coaching
Pascals Zerstreuung zeigt sich im Führungsalltag als Dauerbeschäftigung, die wichtige Fragen verdrängt. Frage dich: Welche Aufgabe in meinem Kalender fülle ich vor allem, damit ich eine unbequeme Grundsatzentscheidung nicht treffen muss? Und was würde ich tun, wenn ich einen Tag lang nur dieser Frage widmen müsste?
Lebensstationen
- 1623Geboren am 19. Juni in Clermont (heute Clermont-Ferrand)
- 1646Erste Berührung mit dem Jansenismus durch die Brüder Deschamps
- 1647Umzug überwiegend nach Paris, Treffen mit Descartes im September
- 1654Religiöses Erlebnis in der Nacht des 23. November, Memorial
- 1656Beginn der Provinzialbriefe (bis 1657)
- 1662Tod am 19. August in Paris
Werke
Lettres provinciales (1656–1657)
Pensées, postum 1670 erschienen (unvollendete Notizen zu einer Verteidigung des Christentums)
mathematische Schriften unter anderem zum Dreieck der Binomialkoeffizienten (1654)
Anekdote belegt
Nach einem religiösen Erlebnis in der Nacht vom 23. November 1654 schrieb Pascal ein kurzes Memorial nieder. Er nähte es in sein Mantelfutter und trug es bis zu seinem Tod bei sich, nach seinem Tod fand man es dort.[2]
Lesetipps
- Einstieg
- Pensées (postum 1670), in deutscher Ausgabe meist unter dem Titel Gedanken. Eine konkrete deutsche Ausgabe habe ich nicht per Suche bestätigt.
- Vertiefung
- Die Einträge zu Pascal in der Stanford Encyclopedia of Philosophy und der Internet Encyclopedia of Philosophy sind abrufbare Einführungen. Ein Buchtitel wurde nicht bestätigt.
Noch nicht sicher belegt
- Zitat weggelassen: eine deutsche Fassung mit Stellenangabe wurde nicht bestätigt (Suche nach dem Herz-Vernunft-Spruch ergab nur Praxisseiten). Das Fragment 105 und 397 stammt aus der SEP (englisch, Nummerierung nach der dort genutzten Ausgabe). Die SEP-Aussage zu Zerstreuung und verborgenem Gott fehlt, die Zerstreuung stützt sich auf Wikipedia de. Lesetipp ohne bestätigte deutsche Buchausgabe. Die Nietzsche-Aussage und Voltaire-Kritik nur nach Wikipedia de. Die Wikipedia-Bemerkung zur Schülerschaft Kierkegaards ist keine direkte Quellenaussage. Lehrer Montaigne: SEP sagt Pascal lobte ihn, kein Lehrerverhältnis.
Wege durchs Netz
Pascal: Der Mensch steht ohne feste Mitte zwischen dem unendlich Kleinen und Großen und lenkt sich ab, um das nicht zu spüren.
Herkunft der Daten: Existenzialismus. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Verbindungen, Kontext und Anekdote haben jeweils einen eigenen Prüfstand.
Quellen zu Pascal
- [1]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Pascal · Stanford Encyclopedia of Philosophy
- [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy: Pascal – https://plato.stanford.edu/entries/pascal/ und Wikipedia de: Blaise Pascal · Wikipedia
- [3]Internet Encyclopedia of Philosophy: pascal-b · Internet Encyclopedia of Philosophy