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Landkarte der Philosophie

Enrique Dussel

Philosoph, Historiker und Theologe · 1934–2023 · Mendoza (Argentinien), Mexiko-Stadt (Mexiko)

Kernidee in Kürze

Dussel denkt von denen her, die vom Zentrum der Weltordnung, also von Europa und später den Vereinigten Staaten, an den Rand gedrängt werden. Von Emmanuel Levinas übernimmt er die Kritik an der Totalität, also an einem System, das alles in sich einschließt, und macht den Anderen, der außerhalb des Systems steht, zum Ausgangspunkt der Ethik.

Kapitel
Lateinamerika (Überblick) (redaktionell)
Lebensdaten
belegt gilt für Name, Lebenszeit und Orte

Vertiefung

Zum Einstieg

Wie lässt sich Philosophie so denken, dass sie die Menschen am Rand der Weltordnung mitdenkt und nicht verdeckt?

Position
Dussel geht vom Anderen aus, der außerhalb des Systems steht, und macht das Denken von den Opfern der Geschichte zum Ausgangspunkt der Ethik und Politik. Er verbindet Levinas, Marx sowie Apel und Habermas zu einer Ethik der Befreiung.
Einwand
Kritikerinnen und Kritiker bemängelten zum Beispiel seine Metaphysik der Weiblichkeit als „machistisch“; Dussel verwarf diese frühen Ansichten später selbst. Analytische Philosophie hat die Philosophie der Befreiung meist übergangen oder für unstreng gehalten.
Verbindung
Dussel baut auf Levinas und Marx auf, streitet mit Habermas, dankt Zea für die Einsicht, Lateinamerika stehe außerhalb der Geschichte, und greift die Frage von Salazar Bondy auf.

Redaktionell zusammengefasst. Wie Personenseiten entstehen

Wer Dussel war

Argentinisch-mexikanischer Philosoph, Historiker und Theologe, einer der Begründer der Philosophie der Befreiung, die Philosophie vom Standpunkt der an den Rand gedrängten Menschen und Völker aus denkt.

Dussel wurde 1934 in Argentinien geboren und studierte in Europa Philosophie, Geschichte und Theologie. Nach seiner Rückkehr 1969 erlebte er die Zeit der Abhängigkeitstheorien, der Studentenbewegungen und der politischen Gewalt, die ihn 1975 ins Exil nach Mexiko zwang. Dort lehrte er mehr als vierzig Jahre.

Kernidee genauer

Er liest Karl Marx neu als Denker der lebendigen Arbeit, führt später eine lange Debatte mit Karl-Otto Apel und setzt sich kritisch mit der Diskursethik von Jürgen Habermas auseinander. In seinem Buch über das Jahr 1492 beschreibt er, wie die europäische Moderne mit der Eroberung Amerikas entstand und dabei den Anderen verdeckte, und das Selbstbild dieser Moderne nennt er den „Mythos der Moderne“.

Biografischer Moment

Belegter Einfluss Die angegebenen Quellen dokumentieren, dass dieses Erlebnis das Denken beeinflusst hat. Belegt heißt dokumentiert, nicht bewiesen.

Während Dussel an seiner Ethik der lateinamerikanischen Befreiung arbeitete, entdeckte er Totalité et Infini von Levinas. Das Buch löste in ihm eine „subversive Desorientierung“ aus, die seine bisherigen Annahmen, besonders seine Prägung durch Heidegger, infrage stellte. Dussel selbst schreibt, die Philosophie der Befreiung habe Levinas seit Ende der 1960er Jahre wegen seiner Kritik an der Herrschaft studiert.[5]

Bekannt für

Man kennt Dussel als Hauptvertreter der Philosophie der Befreiung und für den Gedanken, Philosophie müsse von den Ausgegrenzten her gedacht werden. Ein Alltagsbeispiel: Wenn Du in einer Besprechung zuerst die Person hörst, die sonst nie zu Wort kommt, und erst danach die Lage beurteilst, gehst Du so vor, wie Dussel es mit dem Blick vom Rand aus meint.

Theorien mit Alltagsbeispiel

Philosophie der Befreiung

Die Philosophie der Befreiung versteht sich als Gegen-Diskurs: Sie kritisiert Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus und Sexismus aus der Erfahrung der Ausbeutung, damit Philosophie auf die gesellschaftliche Lage reagiert, in der sie entsteht. Dussel gehört zusammen mit Juan Carlos Scannone zu der Strömung, die als analektische bezeichnet wird. Sie versteht sich als metaphysische Kritik an einem Denken der Totalität, das alles am Sein misst.

Levinas und das Denken vom Anderen her

Während der Arbeit an seiner Ethik der lateinamerikanischen Befreiung entdeckte Dussel das Hauptwerk von Emmanuel Levinas, Totalité et Infini (Totalität und Unendlichkeit, 1961). Das Buch stellte alle seine bisherigen Annahmen infrage, besonders seine Prägung durch Heidegger. Dussel schreibt selbst, die Philosophie der Befreiung habe Levinas seit Ende der 1960er Jahre studiert, weil er die Herrschaft so radikal kritisiert.

Marx neu gelesen

Dussel schrieb eine Reihe von Büchern über Karl Marx, darunter 1985 eine Einführung in die Grundrisse und 1988 einen Kommentar zu den Manuskripten von 1861 bis 1863. Er wollte darin einen humanistischen Marx freilegen, der nicht von Europa her gedacht ist, und verband den Begriff der lebendigen Arbeit mit der Philosophie der Befreiung.

Debatte mit Apel und Habermas

Dussels kritische Auseinandersetzung mit Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas führte zu einer dialektischeren Philosophie der Befreiung, die auch die Wende zur Sprache und zum Handeln im Gespräch mitvollzieht. 1989 begann eine etwa zehnjährige Debatte mit Apel, dem Begründer der Diskursethik. Die Beiträge beider erschienen gesammelt in dem Buch Ética del discurso y ética de la liberación (Diskursethik und Ethik der Befreiung).

Der Mythos der Moderne

Seit den 1990er Jahren gilt Dussel wegen seiner Kritik am „Mythos der Moderne“ als einer der wichtigsten Bezugspunkte der dekolonialen Theorie. Die Begegnung mit den indigenen Völkern Amerikas ist für ihn philosophisch wichtig, weil an ihr Europa als Begriff und die Moderne entstanden.

Begriffe

Philosophie der Befreiung
Totalität und Exteriorität (das
was außerhalb des Systems steht)
Analektik (analéctica
Denken von dem Anderen jenseits des Systems her)
Ethik der Befreiung
Mythos der Moderne
Transmoderne

Lehrer, Schüler und weitere Verbindungen

6 Verbindungen im Netz (Prüfstand: 6 belegt). Jede hat ihre eigene Begründung und ihren eigenen Prüfstand.

Was der Prüfstand bedeutet

Kritisiert

Dussel kritisiert eine bestimmte These. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Jürgen HabermasPrüfstand: belegt

    Dussel setzte sich kritisch mit der Diskursethik von Habermas auseinander und hielt dessen Begriffe für den Spätkapitalismus gedacht, nicht für einen ausgebeuteten Kapitalismus am Rand, wie er in Lateinamerika besteht; zugleich verbindet er Teile der Diskursethik mit seiner Ethik.

Wird kritisiert von

Kritik an einer bestimmten These von Dussel. Gemeint ist die Sache. Ob daraus auch ein persönlicher Bruch wurde, steht jeweils in der Erklärung.

  • Ofelia SchuttePrüfstand: belegt

    Schutte kritisiert Dussels Philosophie der Befreiung: Seine Sicht von Mann und Frau halte an einem christlichen Verständnis von Geschlecht fest, und seine Lehre vom Anderen führe in einen Widerspruch und wirke wie die Ideologie, die er kritisieren wolle.

Übernimmt Gedanken von

Dussel übernimmt oder entwickelt einen Gedanken weiter, meist über Texte.

  • Augusto Salazar BondyPrüfstand: belegt

    Dussel greift Salazar Bondys Frage auf, ob in einem abhängigen Kontinent eine echte Philosophie möglich ist. Er teilt dessen Urteil, die akademische Philosophie Lateinamerikas sei weitgehend nachahmend gewesen, stellt dem glatten Nein aber eine bejahende Arbeitshypothese entgegen.

  • Emmanuel LevinasPrüfstand: belegt

    Dussel übernahm von Levinas die Kritik an der Totalität und das Denken vom Anderen her und baute darauf seine Methode der Befreiungsphilosophie auf.

  • Karl MarxPrüfstand: belegt

    Dussel las Marx von den Grundrissen bis zu den späten Schriften neu und verband dessen Begriff der lebendigen Arbeit mit der Philosophie der Befreiung.

  • Leopoldo ZeaPrüfstand: belegt

    Dussel dankt Zea dafür, ihn gelehrt zu haben, dass Lateinamerika außerhalb der Geschichte stand, und hält das Eintreten Lateinamerikas in die Weltgeschichte seither für sein Ziel.

Kontext

Was das Denken geprägt oder verzerrt haben könnte: Geld, Abhängigkeit, Biografie.

  • Biografie belegt

    Enrique Dussel wurde am 24. Dezember 1934 in La Paz in der Provinz Mendoza geboren. Er studierte 1953 bis 1957 an der Nationaluniversität von Cuyo in Mendoza Philosophie und reiste dann nach Europa, wo er in Madrid promoviert wurde, an der Sorbonne in Geschichte promovierte und in Paris und Münster Theologie studierte.[3]

  • Biografie belegt

    Ungefähr von 1959 bis 1961 lebte Dussel rund zwei Jahre in Israel, lernte Hebräisch und Arabisch und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Handarbeit, unter anderem als Zimmermann in Nazareth und in einer von Paul Gauthier geleiteten Gemeinschaft.[6]

  • Zeitgeschehen belegt

    1969 kehrte Dussel nach Argentinien zurück. Dort prägten ihn die Abhängigkeitstheorie und die Schriften von Levinas. Die späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren eine Zeit politischer und kultureller Unruhe. 1971 wurde die Philosophie der Befreiung auf dem Zweiten Argentinischen Nationalkongress für Philosophie in Córdoba ausdrücklich so benannt.[1]

  • Zeitgeschehen belegt

    1975 musste Dussel ins Exil nach Mexiko gehen. Zuvor war er zunehmend Gewalt ausgesetzt, darunter Morddrohungen, ein Bombenanschlag auf sein Haus und die Entlassung aus der Universität. Im Vorwort zur Philosophie der Befreiung schreibt er selbst, er habe das Buch im Schmerz des Exils in Mexiko verfasst, ohne Zugang zu seiner Bibliothek in Argentinien.[7]

  • Biografie belegt

    Von März 2013 an war Dussel für ein Jahr kommissarischer Rektor der Autonomen Universität der Stadt Mexiko. Er starb am 5. November 2023 im Alter von 88 Jahren.[4]

Kritik

Dussels Metaphysik der Weiblichkeit von 1980 wurde, unter anderem von Ofelia Schutte, als anachronistische und „machistische“ Festschreibung katholischer und christlicher Vorstellungen von Geschlecht kritisiert, die geschichtlich gewachsene Geschlechterrollen für unveränderlich nehme. 1994 wies Dussel diese frühen Ansichten selbst zurück. Die Bezeichnung seiner frühen Richtung als analektisch könnte inzwischen überholt sein, weil Dussel viele Gedanken der frühen 1970er Jahre hinter sich gelassen hat. Leopoldo Zea kritisierte Dussels Position nach Dussels eigener Aussage mehrfach.

Wirkung heute

Dussel gilt als der Hauptverantwortliche dafür, dass die Philosophie der Befreiung außerhalb Lateinamerikas bekannt wurde, und stand im Gespräch mit europäischen Philosophen wie Apel, Ricoeur und Habermas. Dussel selbst sieht die Philosophie der Befreiung als Beitrag zur dekolonialen Wende in der lateinamerikanischen Philosophie und als Teil davon.

Brücke zu Führung und Coaching

Übertragen auf heute: Wenn Du ein Team führst, kannst Du mit Dussel zuerst fragen, wer in den Entscheidungen bisher gar nicht vorkommt, und diese Stimme einladen, bevor Du das Vorgehen festlegst. Das ist eine Übertragung und keine Aussage von Dussel über Führung.

Lebensstationen

  1. 1934Geburt in La Paz (Provinz Mendoza, Argentinien) am 24. Dezember
  2. 1959Beginn des Aufenthalts in Israel (bis 1961)
  3. 1969Rückkehr nach Argentinien
  4. 1971Die Philosophie der Befreiung wird in Córdoba ausdrücklich so benannt
  5. 1973Para una ética de la liberación latinoamericana erscheint
  6. 1975Exil in Mexiko
  7. 1989Beginn der Debatte mit Karl-Otto Apel
  8. 2013Kommissarischer Rektor der Autonomen Universität der Stadt Mexiko für ein Jahr
  9. 2023Tod am 5. November

Werke

Para una ética de la liberación latinoamericana (Zu einer Ethik der lateinamerikanischen Befreiung, 1973); Filosofía de la liberación (Philosophie der Befreiung, 1977); 1492: El encubrimiento del Otro (1492: Die Verdeckung des Anderen, 1992); Ética de la liberación en la edad de la globalización y de la exclusión (Ethik der Befreiung im Zeitalter der Globalisierung und der Ausgrenzung, 1998)

Lesetipps

Einstieg
Stanford Encyclopedia of Philosophy, „Philosophy of Liberation“
Vertiefung
Enrique Dussel, Philosophy of Liberation (Orbis Books, 1985); Linda Alcoff und Eduardo Mendieta (Herausgeber), Thinking from the Underside of History: Enrique Dussel’s Philosophy of Liberation (Rowman & Littlefield, 2000)

Noch nicht sicher belegt

  • Wann genau Dussel ins Exil ging, wird mit 1975 angegeben; in seinem eigenen Text steht 1976 als Jahr, in dem sein Exil in Mexiko begann. Auch sein Aufenthalt in Israel wird unterschiedlich datiert, mit 1959 bis 1961 oder 1960 bis 1961; Dussel selbst nennt für seine Zeit mit Paul Gauthier in Nazareth 1959 bis 1962. Das Erscheinungsjahr der Filosofía de la liberación wird mit 1977 oder 1973 angegeben, das von 1492: El encubrimiento del Otro mit 1992 oder 1993 und das des gemeinsamen Buches mit Apel mit 2004 oder 2005. Ein Überblick nennt Dussel einen Schüler von Zubiri, Ricoeur und Levinas; belegt sind Studien bei Zubiri in Madrid und der Besuch von Vorlesungen Ricoeurs in Paris, während Levinas ihn vor allem durch seine Bücher prägte. Eine deutsche Übersetzung seiner Hauptwerke ist in den Quellen nicht genannt.
  • Wann genau Dussel ins Exil ging, wird mit 1975 angegeben; in seinem eigenen Text steht 1976 als Jahr, in dem sein Exil in Mexiko begann. Auch sein Aufenthalt in Israel wird unterschiedlich datiert, mit 1959 bis 1961 oder 1960 bis 1961; Dussel selbst nennt für seine Zeit mit Paul Gauthier in Nazareth 1959 bis 1962. Das Erscheinungsjahr der Filosofía de la liberación wird mit 1977 oder 1973 angegeben, das von 1492: El encubrimiento del Otro mit 1992 oder 1993 und das des gemeinsamen Buches mit Apel mit 2004 oder 2005. Ein Überblick nennt Dussel einen Schüler von Zubiri, Ricoeur und Levinas; belegt sind Studien bei Zubiri in Madrid und der Besuch von Vorlesungen Ricoeurs in Paris, während Levinas ihn vor allem durch seine Bücher prägte. Eine deutsche Übersetzung seiner Hauptwerke ist in den Quellen nicht genannt.

Herkunft der Daten: Pflichtliste Welle 8: Lateinamerika und islamisch-jüdische Klassik. Prüfstand der Lebensdaten: belegt. Wie wir prüfen

Quellen zu Dussel

  1. [1]Englische Wikipedia, Enrique Dussel; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy of Liberation, Abschnitt zur Entstehung der Bewegung
  2. [2]Stanford Encyclopedia of Philosophy, Philosophy in Mexico, Abschnitt 8.5; Stanford Encyclopedia of Philosophy, Latin American Philosophy, Abschnitt über spanische Emigranten
  3. [4]Englische Wikipedia, Enrique Dussel
  4. [5]Dussel, Beyond Philosophy, Einleitung von Eduardo Mendieta sowie Dussels Text · Webseite
  5. [6]Englische Wikipedia, Enrique Dussel; Dussel, Beyond Philosophy, Einleitung von Eduardo Mendieta; Alcoff und Mendieta, Thinking from the Underside of History, Einleitung · Webseite
  6. [7]Springer, Encyclopedia of Phenomenology, Dussel, Enrique; Englische Wikipedia, Enrique Dussel; Dussel, Philosophy of Liberation, Vorwort · Webseite
  7. [8]docs.enriquedussel.com/txt/Textos_Articulos/227.1992_ingl.pdf · Webseite
  8. [9]docs.enriquedussel.com/txt/Textos_Articulos/347.2004_ingl.pdf · Webseite
  9. [10]docs.enriquedussel.com/txt/Textos_Libros/52.E.Discurso_E.Liberacion.pdf · Webseite

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